liebeley

Dienstag, 27. Juni 2006

Atalante (16)

Wenn ich mir vorstelle, daß ich das, was mich bewegt, jemandem sagen will und mir dann Atalante in den sinn kommt, als der mensch, der mir am zwingensten dafür scheint, daß ich es ihm erzähle, und mich dann dieses weihegefühl durchströmt, warm und voll stiller hoheit, so daß ich gar denken möchte, ich liebe sie –
was ist das? was ist das denn für ein gefühl, jemandem gegenüber, der sich noch durch gar nichts hat auszeichnen können, der sich noch gar nicht hat bewähren können, der noch durch keine gemeinsame geschichte geläutert wäre? Es gibt keinen grund für ein solches gefühl. Ist es vielleicht gerade deshalb so – groß?
Oder E. oder C. Was war es? Und was ist davon übrig? Was verspreche ich mir davon, es ihr zu erzählen, was mich heute so gefreut hat, was verspreche ich mir davon, sie zu fragen, ob ich lehrer werden soll? Einen rat? Oder stelle ich mich damit nur vor sie hin und sage, sei mir nah, bitte. Suche ich, weit mehr als eine antwort, ihre zuhörende nähe, indem ich mich als fragender öffne vor ihr? indem ich ihr mein ratsuchen anbiete, auch wenn sie mir diesen rat gar nicht geben kann?
Und warum aber vor ihr? Warum flößt sie mir, schon beim gedanken, ein solches vertrauen ein? Ich habe es doch schon einmal so ähnlich erlebt, als ich so aufgebracht war nach dem referat und dem treffen entgegenfieberte, um es ihr zu erzählen, und da war es, nein, keine enttäuschung, aber: eine ernüchterung.
Wenn ich nun die sehnsucht nach einer solchen frage verspüre, dann hat das doch nichts damit zu tun, daß ich Atalante auch begehre. Oder doch? Und dieses begehren, was hat es damit zu tun, daß ich den wunsch verspüre, ihr eine haarsträhne hinters ohr zu streichen, und was hat die haarsträhne damit zu tun, daß ich gerne mit ihr in einem zimmer sitzen würde, sommers, aus dem das licht langsam davongleitet, bis nur noch der schimmer auf ihren augen mir sagt, wo ihr gesicht ist? Daß ich dann gerne mit dem zeh ihren nackten knöchel anstupsen möchte und sehen, wie der schimmer sich rührt? Und was hat der schimmer damit zu tun, daß ich ihr, während sie noch schläft, einen kaffee ans bett bringen möchte, morgen für morgen, und was hat der Kaffee wiederum damit zu tun, daß ich mir jetzt wünsche, ihr von meiner freude zu erzählen? Und von dem rat, den ich von ihr vielleicht gar nicht hören will, und was hat meine frage und ihre antwort schließlich mit dem lächeln zu tun, von dem ich mir wünsche, es möge auf ihrem gesicht aufleuchten, ehe sie antwortet?


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Montag, 26. Juni 2006

Atalante (15)

da wär ein gewürzladen, von einer feinen hecke versponnen, goldsanfter draht ginge darum in wirbeln, büschelchen blieben zwischen ringfinger und kleinem finger haften, und die sonne ginge unter und glänzte im laub, auf den stiegen, den buchten, den verfaltungendes schattigen geländes. nebenan gäbe es bonbons und buttrigen karamel, ganz in der nähe warme brötchen mit milch, und der strand, er wäre nie weit. ein feuchter finger im wind gibt die richtung. mancherorts ein knistern wie sand und disteln, wie stroh, und manches wäre aus gras und würde kitzeln im ohr und in der nase, ja, und anderes wäre wie pflaumen und paßte genau in die hand, und schmiegte sich zweifach, glatt, kühl und warm zugleich, pflaumen mit zimttellern, umwuchert von keuscher rauke, und unweit ein traumbekannter abhang, einstülpung und gang und ein flüstern von verborgenem, an seinem fuße herabgekollert zu finden, dort wo so oft der abend ein tuch vor die blicke gehängt hätte. aus der ferne würde waffelgeruch herüberwinken, und eine gekrümmt zu tal fließende abkürzung gäb es auch, über hügel aus süßem hafer, mit nacht zwischen den halmen, einem angewinkelten graben aus nacht, die grätsche eines hohlwegs lang, und hinauf und hinab, da käme man außer atem, da ließe man sich zeit, bis die fremde wieder so vertraut wäre, wie nur die fremde vertraut sein kann. keinen der wege würd ich kennen, alle aber hätt ich wiedererkannt. so schmale flügel. schlucken im hals. kantige salbschale, ein griff in weiche sparsamkeit, in knappes schwellen, die hand würde sich füllen mit härten, von wärme umspannt, ja, so wär es, warm wärst du, du würdest atmen, und aus der nähe verschwömmen die sommersprossen, würden aus einer zwei, aus zweien vier, aus vieren acht, die strebten langsam auseinander. dann würden die nasen sich berühren, seitlich, an bebender schwinge, und kurz bevor ich die augen schlösse, zählte ich wieder eins, zwei, vier. einatmen, lange, und nie mehr ausatmen, um es nicht mehr hergeben zu müssen, während die Hände sich auflösten in deinem haar, und in deine schultern wüchsen, und dein geruch, er wäre nach nüssen und tee, sehr herb, mit einem hauch vanille, und ein bißchen buttrig, wie warme waffeln mit schmand.


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Mittwoch, 21. Juni 2006

Atalante (14) Flausen an einem Sonntagnachmittag

Ich langweile mich wie ein Hund, Atalante, und dabei liegt der Tag noch in all seiner Uferlosigkeit vor mir, die vielen vielen freien Stunden, die ich mit Nützlichem füllen könnte und sollte.
Aber ich habe nur Kindereien im Kopf, und statt die Horaz-Ode zu studieren würde ich lieber deinen Strohhalm mitbenutzen, statt die Küche zu putzen lieber deinen Rock lupfen, statt die Hauptseminararbeit zu ergrübeln deine Fußsohlen kitzeln, statt den Kopf in die Bücher lieber die Nase in deine Achselhöhle stecken, und statt Lehrmeinungen würde ich lieber Speichel austauschen. Erproben, nicht ob die Konjektur stimmig ist, sondern wie deine Zunge schmecken mag. Das Buch kann ich auch später schreiben, jetzt würde ich lieber Brause in deinen Bauchnabel streuen. Siehst du, nichts als Flausen habe ich im Kopf, Atalante. Jetzt vergesse ich schon das Paradigma von σώζω, schlage zum siebten Mal das Futur von τυγχάνω nach, schütte Wasser in mich hinein, halte den Kopf unter den Blütenregen und frage mich zwischen zwei Absätzen Livius, wie du es wohl am liebsten hast; und zwischen den Stammformen von accio und accipio ist mehr als genug Platz für den schwindelnden Gedanken, wie du wohl riechen magst von Kopf bis Fuß. Und ungefähr in der Mitte zwischen beidem.
Müde blättere ich die Seite um, schlage zum achten Mal τυγχάνω nach und knabbere noch einen Keks, dabei würde ich lieber dein Ohrläppchen …
Flausen, nichts als Flausen, hab ich im Kopf.


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Montag, 19. Juni 2006

Atalante (13) (Betrachtungen zu einigen hypotaktischen Konjunktionen)

kein als: denn sie ist jetzt
kein weil: denn sie bedarf keiner begründung
kein obwohl: denn es widerspricht ihr nichts
kein indem: denn es gibt keine gebrauchsanweisung für sie
kein solange: denn sie fragt nicht nach der zeit
kein bis: denn sie wünscht immer das ewige
kein wenn: denn sie stellt keine bedingungen
kein aber: aber ist überhaupt keine hypotaktische konjunktion.


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Mittwoch, 14. Juni 2006

Atalante (11)

warum sollte ich
noch essen, wenn ich doch
von deinen blicken
dicke stücke speisen kann

warum sollte ich
noch trinken, wenn ich doch
von deinen lippen
süße schlucke nehmen kann

warum sollte ich
noch ruhen, wenn doch
statt der träume du
mit meiner seele spielst

und wenn ich dich doch –

wie ging noch mal atmen?

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Samstag, 10. Juni 2006

Atalante (9)

dafür bist du nicht da, die papierschnipsel meines lebens wieder einzusammeln. passen will vieles nicht mehr. scharfe ränder, ausgefranste brüche, zerschlissene falzungen, und manches gar angesengt, verkohlt, unkenntlich geworden.

das ist nicht deine aufgabe, Atalante. du kannst mich nicht retten; aber vieles wäre so viel einfacher mit dir zusammen. nein alles. und vieles möglich, wozu ich nun nicht einmal den kopf aus den kissen zu heben vermag. nicht mich retten, Atalante, aber da sein, damit ich mich selbst retten kann.

du findest diese elf jahre nicht schlimm, sagst du; aber vielleicht ahnst du nicht einmal, was für besondere gründe ich habe, sie meinerseits schlimm zu finden?

du trugst den hauch eines bitterherben parfums. hast du mich einen augenblick, so flüchtig wie der schlag eines falters, an mich gedrückt, als wir uns zum abschied umarmten im flur? habe ich es mir eingebildet? ich lächelte noch einmal schräg nach oben, ehe mich das treppenhaus aufnahm: du standest noch auf dem treppenabsatz vor deiner tür und sahst und lauschtest mir nach. ich hörte die tür nicht ins schloß fallen, solange, bis wieder nacht war.

>>supra

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Freitag, 9. Juni 2006

und nun

... bin ich eingeladen.

der himmel ist ja blau! da ist ja ... ein schmetterling! und ein zaunkönig! und lustige autos! und ... in bunt!

und der asphalt fühlt sich hart und warm an, und das wasser ist kühl und löscht den durst, und die brötchen knusprig und, hej, die erdbeermarmelade ist süß, und plötzlich weiß ich auch wieder, wie man singt und pfeift und mit den fingern schnippst.

und wie das alles geht.

das alles.


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Atalante (8)

gestern abend wieder langes ringen. das zimmer halberleuchtet, die amselstimmen halb drinnen halb draußen, das klavier lange verstummt. keine botschaften, nur welt. da lag ich wieder, und um mich erhoben sich abermals die bäume, die verästelungen, die verfaltungen im raum, die maserungen der stille, und ich schlug die hände vors gesicht, als könnte ich nach innen fliehen. mich einstülpend verschwinden und zu negativem raum werden, ein knäuel das weniger ist als nichts.

ich blieb und hatte gewicht. wenn ich mich regte, knarzte das bett. das herz schlug. der atem ging. die amseln jubelten. ich glaubte nicht mehr. verlor den faden, verlor alle fäden, verlor mich selbst an das schweigen Atalantes. an ihre unbekannten gedanken. die kristalle, färbungen, schatten und schärfen ihres bewußtseins. die hieroglyphen ihres wollens.

ich kann nicht mehr, dachte ich, und es war nicht das erste mal, und auch nicht, daß ich dachte, es geht um mehr als um Atalante, es geht um mehr als um liebe, es geht um mein leben. daß dieses sich nun als etwas von Atalante untrennbares, als etwas ohne sie gar nicht denkbares anfühlt, ist nur zufall. Atalante, ob ich sie nun liebe oder nicht, ist ein anstoß, ein lupe, eine landkarte. ich halte mein gefühl für echt, aber nicht alles an schmerz und verzweiflung, die ich empfinde, hat mit ihr zu tun, und ich denke, das fügt sich alles nicht. ich darf Atalante nicht als etwas wollen, daß mir mein leben wieder geradebiegt. nicht als retterin darf ich sie lieben, sondern nur als frau. dann aber muß ich sie gewählt haben. in gelassenheit. dann muß ich sie auch ziehen lassen können, falls sie mein werben nicht erwidert. ich muß: ihr ebenbürtig sein.

und genau das kann und bin ich eben nicht.


>>supra

<<infra

und nun

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Donnerstag, 8. Juni 2006

Atalante (7)

später verzogen sich die wolken und die sonne kam.
eine schar mittelalter esoteriker mit vollbart, grauem kurzhaarschnitt und, manche, bunten tüchern um die schultern, schwärmte gerade aus, um blumen zu pflücken. froh, nicht der einzige spinner zu sein, ließ ich mich am rand des tempels nieder und sah ihnen zu, wie sie sich wieder versammelten und einen langsamen reigen begannen, wozu sie eine anrufung, ein gebet, eine beschwörung sangen, alumne, alumne … alumne, alumneeee, und ihre ineinandergefaßten hände hoben und senkten. ich nutzte den augenblick, da sie selbst zu beschäftigt waren, um auf mich achtzugeben, erhob mich und näherte mich dem verwitterten stein und den drei gestalten. Ich öffnete die flasche und und ließ den wein dunkel über den altar fließen. die poren des steins nahmen die nässe zur gänze auf.
ein endloses wochenende und einen feiertag hatte ich durchkämpft und durchlitten. ich hielt mich selbst nicht mehr aus, meine gedanken nicht, die fragen, die im kreis schreitend zu keinem ende kamen, die wände nicht, die worte nicht, die ich für meine geschichte abwechselnd sammelte und wieder verwarf. die rotschwänze nicht, den amselgesang nicht. meine eigenen erinnerungen nicht. schließlich packte ich den rucksack, brot, käse, wein, filzschreiber, und floh in lodernder verzweiflung aus dem haus. ging in den wald, suchte und fand in einer geröllhalde einen flachen stein, spülte ihn in einer pfütze ab, ließ ihn an der luft trocknen; schrieb dann einen atemlosen hexameter darauf und wanderte eine stunde zum tempel. dort legte ich ihn ab bei den Aufanischen Göttinnen und in ihre hände das weitere,

NVMINA ADESTE IVVATE FAVETE QVOD ARDET AMORI.

später habe ich geweint.
die wolken lösten sich und die sonne kam. geändert hat sich nichts.


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zweifel

Donnerstag, 1. Juni 2006

zweifel

die frage ist: kann man durch eine eindeutige andeutung ein eben aufkeimendes interesse abschrecken?

ich sollte nicht von mir und meinen beschränkungen im gefühlsleben ausgeben, sondern versuchen, die sache differenzierter zu sehen (was mir schwerfällt).

war es schon verfrüht? auf jene zeile bezug zu nehmen, auf jenen berühmten anfang:

had we but world enough, and time
this coyness, Lady, were no crime


und ein anderes buch zitierend ihr in die gedichtsammlung des ersten autors hineinzuschreiben:

"And adds with a wink, 'but we haven't. And it is'."
(Gleg in "Water Music")


??
müßige fragen. sowieso zu spät nun. ich schrieb's.


.

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