liebesleyd

Sonntag, 16. März 2008

Puzzle

Manchmal ermüdete ihn das Puzzle. Er starrte auf die Teile in seiner Hand, wütend. Plötzlich stimmte nichts mehr zusammen, die eben noch gefügt geglaubte, mühsam rekonstruierte Landschaft zerbrach wieder, das Meer bekam Risse, der Himmel zerflog, er konnte von vorne beginnen; dann verlor er die Geduld, die Knie begannen vom langen Hocken zu schmerzen, das Handtuch auf den Schultern war warmgeworden. Er warf die Teile, die er wie im Krampf zuletzt in den Fäusten gehalten hatte, fort, verzog das Gesicht und rieb sich die Augen, bis er Sterne sah. Dann erhob er sich, schwankte ins Bad, tränkte das Tuch mit frischem Wasser und wischte sich damit den fettigen Schweiß von Gesicht und Brust. Solcherart erfrischt und leicht fröstelnd holte er den Karton, den einzigen, der nicht verstaubt war, vom Schrank, und legte sich, das Handtuch auf der Brust, ins Bett, wo er mit klopfendem Herzen den Deckel hob und mit spitzen Fingern in die Schichten aus Photographien hineinzupfte.
Nur von E. hatte er keine Photographie. Vielleicht war sie ihm heilig gewesen, unantastbar für den Finger des Blitzlichtes.





Dienstag, 24. April 2007

Normale Verhältnisse

heute im zug nach Köln der gedanke: es geht ja gar nicht, hat alles keinen zweck, laß es, du erreichst nichts, und selbst wenn–
ich kann kein normales verhältnis haben, um nicht schon von freundschaft und den damit zusammenhängenden leeren und schmerzenden phrasen zu reden, wie sollte denn ein normales verhältnis aussehen, verfädelt in die melancholie wie ich bin. wie sollte – weiß sie das? ist sie klüger als ich, mir darin voraus, tut sie das einzig richtige? hab ich es einfach noch nicht begriffen, daß ihr schweigen ein weises schweigen ist? das einzig richtige, denke ich und dann: wie sollte denn so etwas wie glück mit ihr aussehen, jetzt oder irgendwann, was, außer dem aufrollen der vergangenheit, haben wir denn noch? können wir noch einmal gemeinsam bärenbude hören und gemeinsam pizza backen, so daß es nicht eine wiederholung, nicht ein handelndes erinnern wäre?
wir können den faden nicht wiederaufnehmen wie man ein spielzeug wiederaufnimmt, ohne daß es eine art von nachahmung wäre und ich verloren im gestern, mit bewegungen, die verzweifelt so tun als ob.




Montag, 23. April 2007

Himmelfahrtstag 2002

damals, ein spaziergang, der kottenforst zwischen bahnstation und schnellstraße, durch schatten, zwischen bäumen, und, hätten wir es nur gewagt in so viel licht, auch abseits vom wege, immer den küssen nach. in einer stillen kurve zeit menschenstimmen vergessen. brot und eier essen an einer bank, die ich nicht wiederfinde und nicht zu suchen wage, an wegekreuzen vorbei, unter denen heute abendlicht liegt und aller lärm fern ist.
ein bach, der bach, trug die landschaft und die weidenwipfel (oder waren es erlen, oder pappeln?) davon, oder verhielt sie, je nachdem, wie man den kopf wandte, während hinter den bäumen (erlen, weiden, pappeln), jenseits des schattens, die felder, oder waren es wiesen, in strahlung standen, halm um leuchtenden halm; und du später, nachdem du verborgen in gräsern wasser gelassen hattest, über die wiese schrittest, rechts und links versonnen nach den blütenköpfen zielend, dein haar schwarz unter der sonne, und pollen deine füße netzte. und wir hatten ein insekt beobachtet, weiß ich noch, und ich narr! habe vergessen, ob es ein käfer war oder eine hummel oder etwas ganz anderes, ebenso wie ich nicht mehr weiß, ob es pappeln oder weiden oder erlen waren, und ob dahinter felder leuchteten oder eine wiese. hast du gelacht, als du über die wiese gingst, den kopf leicht zur seite geneigt? hast du gelächelt? wie oft haben wir uns geküßt an diesem tag?
könnte ich diesen tag, den einen nur, noch einmal erleben, wir würden den küssen folgend vom wege abgehen. und wie genau wollte ich mir dann alles merken, und es niemals mehr vergessen, nicht die weiden, nicht den käfer, die gefangenen bilder des bachs nicht und auch nicht dein lächeln, wie es sich mir entgegenhob, abseits des weges, bekränzt von knisterndem laub.




Montag, 5. Februar 2007

...

es gibt geister, von denen kommt man nicht los. wahrscheinlich nie mehr.

da heißt es tragen tragen tragen, und gehen, und weitertragen. an sich selbst. an sich selbst schwer tragen. sich selbst eine last.

mit dem finger den wein auf der tischplatte malen, einen namen, einen schwanenhals, einen kiesel. dem rätsel so nahe sein wie nie, aber nie mehr so wie damals.

in der winterkälte bogen sich immer die photographien. wie sich etwas einbrennen kann: ich weiß noch genau, wie sich das bett anfühlte, der stuhl, der widerstand der tür beim öffnen und schließen, schränke, spüle, die gegenstände, die geräusche.

aufsehen vom tisch und den schwarzen pferdeschwanz wippen sehen, draußen im licht, draußen. ich bin gefaßt auf das zusammenzucken, und dennoch kommt es jedesmal unerwartet.

geister kündigen sich selten an.

Freitag, 14. Juli 2006

Atalante (18)

nie war eine hand so weit entfernt wie deine auf der tischwüste. vorgestern wieder. ich sitze in einem kameragehäuse. klick: deine finger sind lang, und so ebenmäßig schmal, daß es scheint, als würden sie breiter um den kleinen nagel, der vor der fingerkuppe noch ein klitzekleines stück zurückbleibt. kühl und sanft stelle ich mir diese berührung vor, wie der lautlose fall einer tierpfote. klick: manchmal trägst du einen rock, deine knie treten kaum hervor, rund sind sie, die waden glatt vom vielen laufen, das dir deinen namen eintrug, und du rasierst dich, stelle ich fest. klick: eine sommersprossige sprödigkeit auf der wange, neben deiner kleinen, breitflügeligen nase, spröde, und man weiß nicht, war es die sonne, der wind, oder übriggebliebenes rouge, ein hauch nur. klick: die wimpern stets ein bißchen getuscht, die lider beschattet. das ohrläppchen so kurz, daß es in die haut überm kiefergelenk eingewachsen scheint.
und deine zweiflügel, stets bezähmt und gefaltet verstaut unter dunklem stoff, verbotene schwingen. einmal vorgebeugt ein tor zwischen wippend hängender haut, dunkelgärtliche gefahr und ein augenblick hellwacher echtheit. mammalisches erschrecken. klick: du drehst dich nach deiner tasche, und ich seh auf deiner schulter den zitternden knochen des rehs hervorstechen, wild vor hunger. deine zähne zerschneiden dein reden. mit vollem mund kündigst du an, daß du was sagen willst, und ein glottales mh! geht deinem schlucken, deiner stimme voraus. wenn du lachst, verengen sich so herzlich deine augen. dein hallo und dein bis dann sind immer leichthin. ihr klang schmerzt so sehr, daß ich es immer wieder von vorne hören will. das hallo mehr als das bis dann. bis dann. bis wann, frage ich mich jedesmal.
manchmal kneifst du abwesend die augen zusammen. ich weiß nicht, ob du immer ganz aufmerksam bist. du sagst immer „wie bitte?“, hebst die brauen und neigst den kopf zu mir hin. ich weiß, ich spreche leise. wenn du spöttisch schauspielernd die lippen vorwölbst, ein rund bildend, das leicht zu seite abfällt, dazu so ein bißchen mit dem kopf wackelst, durchrieselt es mich. so machtest du es mehrmals, als wir uns an christihimmelfahrt einmal trafen, ich hatte es noch nicht an dir gesehen vorher, damals als der sommer noch fern war, und ich nicht ahnte wie fern.


<<infra

Freitag, 30. Juni 2006

Atalante (17)

… und dann wird sie die Schultern heben, die Handflächen mir zukehren, die Stirn krausziehen und sagen, Sieh mal, Hippomenes (und dafür liebe ich sie noch mehr: Sie wird die Vokativform verwenden), sieh mal, ich hab dich ja furchtbar gern … –, und wird dann, Vokativ oder nicht, das Wort hinzufügen, jenes schlimme Wort, Aber …
Und ich werde sie unterbrechen und sagen, ja, Atalanta, ich habe dich auch furchtbar gern, ich hab dich wahnsinnig gern, und dann werde ich einen Augenblick schweigen und versonnen nicken, immer an ihre braunen Augen geheftet, und kurz bevor ich mich endlich abwende und fort bin, werde ich hinzugefügt haben:
Nur aber ohne Aber, Atalante …


>>supra
<<infra

Sonntag, 18. Juni 2006

Atalante (12)

Aha, unterwegs bist du also. Und ich warte eigens lange, zerquäle meine Nagelhaut, lese jeden Satz dreimal, dusche, trinke Wasser, warte und warte, um nur ja nicht anzurufen, ehe du vom laufen zurückbist; und nun habe ich angerufen, und du bist schon wieder weg? Wie kann das denn sein? Du warst zwei Stunden laufen und bist schon wieder unterwegs? Deine Kraft möchte ich haben, Atalante … wenn ich zwei Stunden laufen war, lege ich mich erstmal schlafen. Hat das mit dem Älterwerden zu tun? Sehe ich jetzt Gespenster? Und warum hast du nicht zurückgerufen? Warum bin ich dir nicht einmal eine Erkundigung wert? Klar, du hattest es eilig, um zu deinen Vergnügungen zu kommen. Vergnügungen, pah! Ich habe keine Vergnügungen mehr, seit ich – und du? Du bist schon wieder fort. Und warst schon den ganzen Tag nicht zu erreichen, bist auch schon letztes Wochenende nicht zu erreichen gewesen, Samstag nicht, Sonntag nicht, zwei lange Tage nie da. Beschäftigt. Unterwegs. Tätig. Und bestimmt nicht allein. Während ich zu Hause hocke, letztes Wochenende, und dieses Wochenende, und, wenn ich nachdenke, überhaupt jedes Wochenende, seit ich weiß nicht wie lange; während ich, oh die Erbärmlichkeit! Allein ins Kino gehe, damit die Zeit schneller verrinnt … Du bist fort und amüsierst dich sicher prächtig, so gut, tatsächlich, daß du vorsorglich das Mobiltelephon stumm geschaltet hast. Macht man das, wenn man sich über einen Anruf gefreut hat und vielleicht hofft, daß der andere es mobil versuchen wird? Nein, macht man nicht. Unterwegs bist du, sagt man mir, unterwegs, wie auch schon die letzten Male, wo ich schier den Verstand verlor über der Unmöglichkeit, dich sprechen zu können. Unterwegs letztes Wochenende und unterwegs dieses Wochenende, während ich zwei Tage lang hier in meiner Wohnung sitze, die Stunden durch die Finger gleiten lasse, allein und überhaupt nicht unterwegs, und überhaupt nicht amüsiert Minuten abzählend an Fingern und Zehen. Allein und allein und allein, so allein, wie ich es nie war, ehe ich dich … so allein, daß darüber die Zeit zu einem zähen Brei wird, ein Löffelchen für den Opa, ein Gäbelchen für die Oma … Dein Leben ist so voll, scheint mir, von Menschen und Ereignissen, so reich und bunt, und meins ist leer, und da habe ich gehofft, du könntest diese Leere füllen. Was für eine Täuschung. Und zu meinen, ich könnte für dich jemand sein, der dir etwas bedeutet. Der dir etwas zu geben vermöchte, daß dir fehlt. Aber dir fehlst ja nichts, Atalante, und schon gar nicht ich. Du brauchst nichts, Atalante. Es gibt, habe ich vor Jahren begriffen, nur zwei Arten von Menschen. Die einen rufen an, die anderen werden angerufen. Du gehörst zu denen, die angerufen werden. Daß ich dir begegnen mußte!

Und selbst, wenn du dich mit mir abgeben würdest: Ich könnte dir ja nicht folgen. Ich würde mir die Abende nicht beschäftigt mit dir vorstellen, sondern zu zweit und zuhause. In diesem vielbeschäftigten, bunten Leben, das du zu führen scheinst, würde ich dich ja doch nur stören, denke ich mit Wehmut im Herzen, die dort gleich neben der Bitternis wächst.

In dein riesengroßes Leben würde ich ja gar nicht hineinpassen.

>>supra

<<infra

.

Sonntag, 11. Juni 2006

Atalante (10)

Erkenntnis am sonntagabend: ein tagelanges schweigen setzt sich immer aus stunden des schweigens zusammen; die schweigenden stunden aus minuten des schweigens, schließlich die minuten aus sekunden, die schweigend verticken, eine nach der anderen. Und irgendwann sind es zwei tage geworden.

Ich gebs auf.
Fünf stunden lang versucht, dich zu erreichen. Fünf stunden lang, bis an die grenzen des wahnsinns, versucht, dem rufton irgendwelche zeichen abzulauschen, fünf stunden lang gedacht, jetzt rufe ich nicht mehr an, fünf stunden lang dann doch noch einmal angerufen. Irgendwann war es halb elf. Ich konnte nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Ich schreibe tagebuch, was eine qual ist. Dummerweise wärs eine noch größere qual, nicht zu schreiben. Eben nach hause gekommen, zitternd die treppe hoch, keine nachricht; angerufen, verschwitzt und müde wie ich war, die augen noch voll licht bebend im dunklen flur gestanden, tuut, tuut, keiner da. Ich kann nicht umhin, den schrecklichen gedanken zu denken: würdest du auch nur ein zehntel, einen hauch, einen wind dessen empfinden, was ich gerade … die welt sähe völlig anders aus. Jedenfalls säße ich jetzt nicht hier nach dem xten versuch, dich zu erreichen und schriebe tagebuch, weil ich sonst nicht mehr ein noch aus weiß, geschweige denn weil etwas zu tun wäre, außer, auf den nächsten versuch zu warten. So viel steht fest.

Mit größter willensanstrengung mich heute morgen zusammengerissen, losgefahren ins ahrtal, zum steinerberghaus gelaufen, nur um nicht zu hause zu warten, nur um auch etwas besseres zu tun zu haben, um auch nicht zu hause zu sein für den fall, daß du anriefest; was für ein erbärmliches vorhaben, was für ein schöner selbstbetrug, lüge, alles lüge. Ich habe nichts besseres vor. Es gibt für mich nichts besseres, Atalante, liebste, als es, was immer es ist, mit dir zusammen zu tun.

Soviel steht fest. Atalante, Meli, Schnellfüßige, Honig meiner augen. Sei mir nicht bös darum. So ist das. So ist das eben alles.



Currently playing: Górecki, Symphonie of Sorrowful Songs

>>supra

>>infra

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Freitag, 24. März 2006

manchmal

was ersehnt diese sehnsucht eigentlich? … wenn man so sehr und so lange etwas will, bis das, was man will, zurücktritt und unsichtbar wird und schließlich ganz aus dem wollen verschwindet. allein, daß man will, bleibt: eine hohles gefäß wollens, in das man so komplett hineingewachsen ist, daß man es vollkommen ausfüllt.

Mittwoch, 8. März 2006

1981

das ist einfach grotesque, widernatürlich, unanständig. ich möchte nicht von sabbern sprechen, aber letzten endes ist es dieses wort, das in den gewölben widerhallt.
es kommt mir wie ein wahnsinn vor. was habe ich da zu suchen, nichts. elf jahre, ein augenblick, ein schicksal. zwei reisende in sich kreuzenden zügen, die einander für die schreckliche dauer eines wimpernschlags ins antlitz schauen und sich dann verpassen auf immer. doch in meinem fall, denke ich mit bitternis im herzen, hat es nicht einmal einen solchen augenblick gegeben; denn wir haben uns schon vor unserer geburt verpaßt; von anfang an konnten wir einander niemals mehr begegnen. (wenn es denn überhaupt beide gewollt hätten, versteht sich.) elf jahre. ein leben. sterblich sind wir von geburt an.
was für ein morgen ist das wieder, denke ich. jetzt mußte ich auch noch davon träumen. ein kuß. ein gemeinsames bad. ein sonnengebräunter rücken mit den hellen blässen des badeanzugs darauf sich kreuzend. ihre hände, die sie nicht schön findet, aber ich. ein traum: und noch im traum plötzlich die unumstößliche gewißheit, daß es nur ein traum war. ja, aber sie hat mich doch geküßt? wehre ich mich gegen mich selbst, aber ich muß es doch einsehen. und dann erwache ich, und es war wirklich nur ein traum, und der briefkasten ist wirklich wieder leer.

Alsos Threpsoneires

... for we have some flax-golden tales to spin. come in! come in!

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