In zwei Supermärkten heute morgen erfolglos nach Erdbeeren gefragt und bekomme schon wieder mittelschwere Zornesanwandlungen. Es soll Leute geben, die schon zum Frühstück Erdbeeren verspeisen, was diesen Menschen sicher niemand verübeln wird, die Saison ist schließlich kurz genug, Erdbeeren ein höchst schmackhaftes, weil ausnahmsweise mal reif vorliegendes Obst und gesund obendrein. Die übrigen Bestände an Gemüse und Obst waren ja auch schon da. Ich will aber keinen Rettich oder Broccoli zum Frühstück, ich will Erdbeeren! Der eine Supermarkt fällt mir schon seit längerem unangenehm auf: Eng, übervoll, steht man ewig an der Kasse, drängelt sich durch die Gänge, und außerdem kommt man morgens nicht an die Regale heran, weil alles voller Kartons steht und die Mannschaft mit Einräumen beschäftigt ist. Oft fehlt dann auch dies und das. Erdbeeren beispielsweise. Auch habe ich den Verdacht, daß die günstigsten Artikel immer zuletzt eingeräumt werden, jedenfalls habe ich nie erlebt, daß das teure S**tenbacher-Müesli fehlt, aber mehrmals mußte ich zähneknirschend auf meine anonyme Billigkörnermischung verzichten. Meiner Ansicht nach muß die Ware bei Öffnung des Marktes bereits tipptopp in den Regalen liegen, und zwar alles. Ich kann auch den anderen Fall nicht leiden, wenn abends bereits Stunden vor Geschäftsschluß das eine oder andere nicht mehr zu finden ist. Ich bestehe darauf, daß, wenn ein Markt bis um 22:00 geöffnet ist, dann auch bis um 22:00 jedes einzelne Produkt im Sortiment noch zu haben sei. Wenn sie das nicht hinkriegen, dann müssen müssen sie eben früher schließen und später aufmachen. So.
Aber darum geht es nicht. Es geht darum, daß ich meinen Willen nicht gekriegt habe. Daß ich wieder dastehe wie Rumpelstielzchen und es mir gar nichts nützt, mich entzweizureißen. Daß solche alltäglichen, zahlreich quälenden Instanzen des kleinen Scheiterns einem das große Scheitern wieder allzu deutlich zu Bewußtsein bringen.
von:
Unke - am: 30. Jun, 10:09 - in: schoene neue welt
Die Revolution fand still und leise statt. Niemand sprach darüber. Niemand protestierte. Die Nachrichtensender wußten von nichts. Keine Talksendung nahm sich des Themas an, keine Zeitung berichtete. Die Menschen schwiegen und schauten weg, wenn sie denn überhaupt bemerkten, was los war. In aller Heimlichkeit vollzog sich die Wende.
Wann genau es passierte, weiß man nicht. Aber es muß sehr schnell gegangen sein. Im Sommer 1997 war noch nichts zu bemerken gewesen, doch als ich im Herbst 1998 von einem längeren Auslandsaufenthalt wiederkam, da war schon alles vorbei und überall stillschweigend beschlossene Sache. Niemand hatte widersprochen. Alle fügten sich.
Fügten sich wem?
Es gehört zu den ungeklärten Fragen der Massenpsychologie, wieso plötzlich Millionen Menschen, die einander nicht kennen, sich nicht absprechen, ihre Meinung nicht austauschen, quasi unabhängig voneinander den selben Gedanken haben können. Wie plötzlich Millionen Frauen im Verlauf eines einzigen Jahres gemeinsam aber jede für sich beschließen: Ab sofort rasiere ich mich unter den Armen. Ab sofort sind Achselhaare bäh. Ab sofort waren Achselhaare eigentlich schon immer bäh.
Staunte man vor diesem entscheidenden Jahr über eine rasierte Achsel, während selbst der üppigste Unterarmbusch niemandes Aufmerksamkeit erregt hätte, so war es jetzt umgekehrt. Achselhaar sah man nicht mehr, und wer es dennoch trug, war eine Ausnahme und fiel auf. Nur ich hinkte meiner Zeit hinterher, weil ich nicht in Deutschland gewesen war, als sich die Verhältnisse änderten. So sprang mir umgekehrt, gleich einem Zeitreisenden, nicht das selten gewordene, für mich noch normale Haar, sondern das plötzliche Fehlen desselben sogleich ins Auge. Es war Winter, und der Anblick entblößter Achseln eher selten. Aber nachdem ich im Frühjahr die dritte, die vierte blanke Axilla erblickt hatte, wunderte ich mich; und mit steigenden Außentemperaturen begriff ich allmählich: Entscheidendes mußte sich während meiner Abwesenheit getan haben.
Gab es eine prominente Vorreiterin? Waren die deutschen Frauen sich plötzlich bewußt geworden, daß in anderen Ländern andere Sitten herrschten? War es ein Komplott der Kosmetikindustrie, die rasanten Absatz an Wachs, Klinge und Depilator erwartete? War es ein fixe Idee gelangweilter Frauenzeitschriftredakteurinnen? Hatte das Gesundheitsamt Bedenken angemeldet? Schwappte wieder mal eine Welle aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu uns über den Atlantik? Oder war es das alles zusammen?
Ich war erschrocken. Ich kann nicht sagen, was mir besser gefällt, Glätte oder Busch, beides hat etwas. Ich kann es wirklich nicht sagen. Irgendwie finde ich aber, daß Natürlichkeit die Regel, Künstlichkeit die Ausnahme sein sollte. Da ist es mit dem Rasieren weiblicher Haare, wo auch immer sie wachsen wollen, ebenso wie mit Schminken, Färben, Lackieren, oder dem Auftürmen rätselhaft-komplexer Frisuren. Doch meinetwegen: Das Unveränderte ist zwar immer noch am schönsten, aber der Abwechslung zuliebe kann auch geschmeidige Glätte an der einen oder anderen Körperstelle gefallen. Oder praktikabler sein.
Doch störte mich weniger die Tatsache der Achselhaartilgung an sich, sondern was mich so erzürnte, das war die stillschweigende Übereinkunft, mit der so plötzlich auf breitester Front gegen dieses Naturreservat vorgegangen wurde. Denn eine Vorliebe wie jene plötzlich Aufgekommene ist ja nicht voraussetzungslos, und da sie mir in engem Zusammenhang einer allgemeineren Künstlichkeitsanbetung zu stehen schien, und auch, weil so etwas kaum umkehrbar ist, machte mich diese Übereinkunft rasend. Von wem ging das jetzt wieder aus? Reichte es nicht aus, daß diese armen Geschöpfe sich förmlich zu Tode hungerten, nur weil ein paar nekrophile Modehengste das hip fanden? Da schien sich doch wieder einmal die eine Hälfte der Menschheit einem absurden, nicht lokalisier- oder auch nur benennbaren Zwang zu beugen – und glaubte auch noch, sich in Freiheit dafür entschieden zu haben! „Mir gefällt das Haar nicht“. „Nö, finde ich häßlich“. „Blank gefällt mir einfach besser“. „Man schwitzt nicht so“. „Ich brauche weniger Deo“. „Ich würde mich auch enthaaren, wenn es sonst keine täte“. „Aber … das haben wir doch schon immer so gemacht!“
Ja, Pustekuchen.
Wie sehr kann einem die Erinnerung einen Streich spielen? Kann man einen Zwang so sehr verinnerlichen, daß es unvorstellbar scheint, daß er nicht schon immer geherrscht hat? Und wenn es so vernünftige Argumente wie vermindertes Schwitzen und größere Deo-Effektivität gibt: Warum hatten die Frauen dann nicht schon von je zur Zuckerlösung gegriffen?
Aber es ist wohl zwecklos zu jammern. Ja, wenn man genau hinschaut, dann ahnt man: es kommen noch härtere Zeiten. Schon hüpfen die ersten Jungmänner blankachselig im Freibad umher. Demnächst zupfen die sich auch noch die Augenbrauen.
Und am Ende kommt es noch so weit, daß ich mir ein Deo anschaffen muß.
von:
Unke (importiert durch
Talakallea Thymon) - am: 27. Jun, 09:53 - in: schoene neue welt
Το πάθος της αναμονής ...
7 Jahre schreiben
7 Monate und 7 Tage Verspätung
777 Seiten
Am Montag erscheint Band zwei der Trilogie "Με το παράξενο όνομα Ραμάμθις Ερέβους: "Το Πάθος Χιλιάδες Φορές" von Zyrana Zateli.
von:
Talakallea Thymon - am: 25. Jun, 22:19 - in: hemerolog
Jeden morgen jetzt ein bis vier schulklassen am bahnsteig: seit ende der osterferien schon in vollem gange, erreicht die ausflugstätigkeit der schulen dieser tage ihren höhepunkt. ich beginne zu begreifen, warum man sich allerorten über das achtjährige gymnasium (großspurig auch schonmal mit G-8 bezeichnet) zu beklagen beliebt. wie sollen die armen schüler das auch alles schaffen, wo sie doch zwischen ostern und den sommerferien so viele ausflüge machen müssen?
von:
Unke - am: 25. Jun, 09:53 - in: schoene neue welt
Eine Geschichte wohnt nicht im großen Ganzen. Sie wohnt in kleinen und kleinsten Szenen, Blicken, Worten, Berührungen. In hunderten solcher.
Habe längst den
Faden verloren.
von:
Talakallea Thymon - am: 24. Jun, 09:49 - in: schreiberey
Vögel entsangen die Zeit ihrer Fesseln, sie stießen den Tag ins
Immer. Die Sonne am Pol brachte den Himmel zu Fall.
von:
Talakallea Thymon - am: 21. Jun, 10:05 - in: hemerolog
Zehntausend mal das Aufgeben auf den nächsten Schritt verschieben. Zehntausendmal einen schaffst du noch. Zehntausendmal den Schmerz in der Wade ignoriert, literweise Luft eingesogen, nie genug bekommen; zehntausend Schritte lang die
Distanz abgewetzt, so langsam wie mit der Feile, mit der trockenen Zunge abgeraspelt, Kiesel für Kiesel den Staubweg aufessen und schlucken müssen, und immer mehr Schritte vor sich angehäuft, steil aufgetürmte Schritte, der Weg hart, eine Mauer, die sich auflehnt, die es persönlich nimmt, die dir gegen die Schienbeine tritt. Sich ein Gedicht vorsprechen, drum, will schon unsrer Sonne Wagen/nicht halten, wollen wir ihn jagen, im Jambus weiteratmen, nicht genug Luft um einen herum, und weiterhetzen. Wollen wir ihn jagen. Zehntausend Schritte hinter einer imaginären Antilope herhetzen, selbst der Gehetzte sein dabei. Und dabei von
flotten Mädels ein ums andere Mal überholt werden. Zehntausend Schritte Schande. In die dritte Runde (von vieren) laufen und über Lautsprecher hören, daß schon der erste Läufer das Ziel erreicht hat. Demnächst Siegerehrung. Ein Name über Lautsprecher, der nicht der eigene ist. Denken, beim Weiterlaufen, verdrossen, du bist eine Null, ein Nichts, ein Würstchen. Auf Wurstbeinen weiterlaufen, auf gegrillten Wurstbeinen, was gut zum Geruch paßt, der über dem Ufer des Aachener Weiers liegt, auf verkohlten Wurstbeinen, schließlich auf Wurstbeinen ohne Gefühl, Leberwurst, zum Streichen. Sich wehren gegen die Wahrheit eines jeden Wettkampfs, gegen den Truismus, wer nicht gewinnt, hat verloren. Zehntausend Schritte denken, es geht vorbei und den Weg ein- und ausatmen. Sonne ins Gesicht bekommen, für Momente zu fliegen glauben, bergab jetzt. Drum, will schon unsrer Sonne Wagen. Dreimal die Sambatruppe an der Steigung. Oder war es doch erst zweimal? Plötzlich Panik in der vierten Runde, war das das vierte Mal Samba, bin ich schon durch oder muß ich doch noch eine? Man müßte jetzt die Beine in die Hand nehmen können und einfach hinübertragen. Man müßte diesen Unsinn einfach vergessen. Hinausgewunken werden, damit man die Zielgerade und das Pfeifen der Matte nicht verpaßt, das fehlte noch. Zehntausendmal versuchen, den Unsinn zu vergessen, zehntausend Schritte, zehntausend Meter, vier Mal um den Weiher, sich selbst zuschanden geritten sich selbst besiegt und dennoch verloren haben, das macht, das waren: 00:44:33.

von:
Talakallea Thymon - am: 18. Jun, 12:55 - in: orte. wege
wird alles anders!
von:
Talakallea Thymon - am: 5. Jun, 22:38 - in: hemerolog
Oft wird von den Zeitungen der Fehler begangen, Albernes, Triviales, Lächerliches oder schlichtweg Dummes als albern, trivial, lächerlich oder dumm zu bezeichnen. Damit tappen sie in die
Aufmerksamkeitsfalle. Indem nämlich etwas in den
Feuilletons besprochen wird, das dieselben Feuilletons als Unkultur zu brandmarken sich anschicken, sagen wir etwa die neuesten Ausgeburten bei RTL („
Erwachsen auf Probe“), wird es ja erst ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt, und darf sich, solcherart ernstgenommen und besprechungswürdig, in den kulturellen Diskurs aufgenommen wissen, gehört nun zu den Gegenständen-die-im-Feuilleton-stehen. Was in der Zeitung steht, ist immer geadelt. Da ist es zweitrangig, ob diesem Buch, jener Sendung, jener Ausstellung, Lob, Tadel oder sogar rundweg Ablehnung zuteil geworden: Durch die Gnade der Aufmerksamkeit wird, was man als Unkultur anprangern wollte, gerade erst zur Kultur erhoben. Damit stellt sich jede Kritik der Verdammung, und sei sie noch so berechtigt, selbst ein Bein. Aber muß ein Feuilleton alles wahrnehmen? Wer dem Dilemma entgehen will, dem bleibt doch eins: Das Ärgernis gepflegt zu ignorieren und aus dem kulturellen Diskurs auszuschließen. Nicht als Abstrafung, weit gefehlt. Sondern weil es den Feuilletonleser, der sich an dieser Stelle lieber eine Buchbesprechung oder eine Theaterkritik wünscht, einfach nicht
interessiert. Ich würde mir wünschen, die Zeitungen übten manchmal vornehme Zurückhaltung und wählten sorgfältiger, was sie überhaupt einer Erwähnung für wert erachten wollen. Damit träfen sie eine Entscheidung und zeigten Profil. Hätte nicht wenigstens
eine Zeitung zum sogenannten Jahrtausendwechsel schweigen können? Oder zur Fußballweltmeisterschaft? Manche Dinge, will mir scheinen, wären in den illustrierten Wochenzeitschriften besser aufgehoben.
Sollte andererseits, was in diesem Fall nicht abwegig scheint, der Unsinn ein gefährlicher sein, dann muß wohl die Stimme erhoben und kritisch kommentiert werden; das ist in diesem Fall aber eher Aufgabe des Kinderschutzbundes, nicht der Feuilletons.
von:
Unke - am: 5. Jun, 20:01 - in: schoene neue welt
Die älteren Schwulen, die jeden Morgen einander und den
öffentlichen Bücherschrank in der Poppelsdorfer Allee belauern. Der hoffentlich haltlose Verdacht, sie könnten die Funde später in ihren Antiquariaten
verkaufen.
von:
Unke - am: 5. Jun, 09:55 - in: hemerolog
Alle paar Nächte jetzt diese Träume. Machen traurig und wild, machen verlegen und ängstlich, stimmen zärtlich und verwirren, und die Vögel, beim Erwachen, hören sich an, als seien sie wo übriggeblieben. Die Abgliederung von Fenster, Bettpfosten, die Schatten alles so exakt, daß man daran verzweifeln könnte, unausweichlich.
Wo waren wir und wer war sie? Wo ist sie jetzt? Wo, zum Teufel, bist du selbst? Das Zimmer, die Sachen, in denen dein Schweiß noch steckt und nach gestern riecht, die Trauer abgelegter Textilien, und auch nur deine eigenen, jetzt bist du einfach nur hier, hier, am trivialsten aller Orte, und es ist zum Heulen, während doch gerade noch, zu nah und unerreichbar für jede Uhr, unmeßbar, du festverwoben warst in Herzvollstes. Da war eine … Eine, die dir Geheimnisse verriet. Eine, die dir Geständnisse machte. Du, ich muß dir … Ich glaube, ich bin ein bißchen … Glücksbangigkeit. Alina D., Anna E., oder wen sie im Traum sich deuteten. Wirwirwir. Spazierwege handinhand. Kein Kuß, das Versprechen eines Kusses. Und immer die Schuld. Das Schonversprochensein, das allem entgegensteht.
Alles schon erlebt, und der Traum hält dir das noch einmal hin, das ist das Schlimme. Wie du dieses Gefühl kennst, erlebt hast, dachtest, bis zur Neige. Nie genug, siehst du jetzt ein, während du in die sauren Klamotten steigst, unerlöst und zurück auf das riesige Kissen starrst, wüstenleer.
Nach einem solchen Traum ist der ganze Tag überzuckert. Trifft man dann auf ein Diesseitslächeln, die Frau in der Wirklichkeit, nicht auszudenken, da schießt einem heiß das Blut ins Gesicht, man starrt und bringt kein Wort mehr heraus. Obwohl sie auf dieser Seite der Träume nichts mit dir zu tun hat. Sie ist dir fremd wie nur je eine. Oder war es gerade deshalb, weil?
von:
Talakallea Thymon - am: 3. Jun, 12:46 - in: Astartes Lächeln
Auf dem Kalender du warst
voller Farben man mußte umzukringeln
gehabt haben, anzuworten sich und einander
der Abend brach sich an den Gladiolen, einst war
jetzt auf dem Kalender.
Du verschwandest als
die Straßenbahn noch zum alten Bahnhof fuhr,
man das Brötchen nach Pfennigen maß.
Vorwärts, rückwärts die Zahl ergab
Sinne zuviel. Woran es fehlte, war Sinnloses,
so ein Gekritzel mit Stiften, Zehen
oder Fühlern, waren Buchstaben auf Stein wie
von der Wimper gemalt, waren
Spuren, in Borke gebrannt, Fleckzeichen aus
Spucke so leicht nachzulesen wenn
man den Blick der Libelle einnahm,
eh es die Sonne wegbrannte. Und Singen im Dunkeln.
Wann sie die Straßenbahn umgeleitet, die neuen
Münzen geprägt, die Fabrik abgerissen, den
Pflaumenbaum gefällt haben, der Kalender weiß es nicht mehr.
Was aber plötzlich fehlte:
Schnecken über Warzen laufenlassen,
Weidenflöten schnitzen, Limoblubbern.
Sandgeriesel, Förmchenformen. Strand der aufbricht, wo
du den Bauch vorwölbst, so was, ein Erdbeben, riefst du,
und deine Zehen kamen herausgewackelt
und hast später dann gesungen im Dunkel, Fuß an Fuß
Krümeliges zwischen zwanzig Zehen, und die Haut
satt vom Himmel, den hatte sie ausgetrunken,
der Abend brach sich in deinem Nabel
und da hat das Dunkel gesungen
mit deinen Lippen, gezwitschert vielleicht
war’s auch die Amsel, hielt mich
der ferne Mond mit deinen erkühlten Händen
und was die Tausendfüßler mir mit deinen Fingern,
kein Kringel sagt’s dem Kalender, kein Käferblick hebt sowas auf.
von:
Talakallea Thymon - am: 2. Jun, 10:34 - in: liebesleyd
Vor einigen Tagen wieder ein Gespräch über das
Achselhaarproblem, und wie schon bei früheren Gesprächen fand O., und hier gebrauchte sie die STANDARDFORMULIERUNG, nein, das hätte sie immer schon so gemacht. Seit der erste Flaum in ihrer Axilla sichtbar und kenntlich geworden sei, habe sie ihn sofort entfernt. Ich entgegnete, daß vielleicht ihre Generation die erste gewesen sei, die mit der Ausmerzung haariger Stellen angefangen hätte; die Älteren (Frauen meiner eigenen Generation und Ältere) hätten sich dann angesichts der jugendlich glänzenden Achsel der viel Jüngeren sich plötzlich barbarisch und unschön empfunden und unter Attraktivitätsdruck, der immer von den Jüngeren ausgeht, zum Nachahmen aufgefordert gefühlt, so daß sich die Unsitte von den gerade pubertierenden Mädchen allmählich über die jungen Erwaschsenen schließlich auf alle Frauen durchgesetzt habe. Die Jüngsten seien, so meine Idee, Vorbild für die Älteren gewesen. Nein, widersprach O. vehement, umgekehrt sei es gewesen, sie selbst habe es ja auch nur den anderen abgeschaut, beispielsweise bei ihrer eigenen Mutter (eine Generation vor mir), die es ihrerseits auch schon immer so gemacht habe.
Jetzt frage ich mich, ob meine Wahrnehmung oder ihre schräg ist. Ich glaube ja, daß es einen allgemeinen Künstlichkeitstrend gegeben hat, irgendwann auf dem Weg von den 90ern zur Jahrtausendwende. Es gehen ja auch heute Frauen nicht mehr ohne Büstenhalter aus dem Haus, derweil es noch nicht so lange her ist, daß manch eine ihn auch mal nicht trug, wenn sie ihn störend oder unbequem fand oder sie zu faul war, ihn anzuziehen. Oder bin ich einfach nur merkwürdigen Frauen begegnet? Das mit der Behaarung indes konnte man ja auch an wildfremden Frauen beobachten, ohne entschuldigen Sie ... darf ich mal … zumindest im Sommer.
Merkwürdig, das alles. Andererseits auch nur eins von vielen Phänomenen derselben Gruppe. Das verweist auf das Modephänomen, auf das Phänomen der Stilgemeinschaft, der Kunstepoche. Warum finden auf einmal Scharen von Menschen Plateauschuhe geil? Oder weiße Slipper? (bäh) Wie konstituiert sich das gemeinsame Empfinden, daß nun Albertibässe schick seien, oder doppelpunktierte Rhythmen? Es kann ja keine Eigenschaft der Dinge selbst sein, weil ein und derselbe Gegenstand, je nachdem, in welcher Zeit man ihn betrachtet, schick oder schnöde sein kann.
Bleibt noch das Phänomen des Vorbilds. Aber das bringt neue Erklärungsschwierigkeiten mit sich.
von:
Unke - am: 29. Mai, 11:45 - in: schoene neue welt
Was mir zunehmend auf die Keimdrüsen geht, das ist dieses ständige Gerede von irgendwelchen neuen Gesellschaften, in der wir jetzt angeblich leben, der Informations-, der Wissens-, der Global-, der Blablagesellschaft … Nerven kann auch, daß aus diesem Umstand immer verschiedene Forderungen und Folgerungen gemacht und gezogen werden, die alle darauf hinauslaufen, daß ja in der modernen globalen Blablagesellschaft die Dinge fürderhin soundso … niemand mehr sich berufen … nicht mehr ausruhen auf … ständige Flexibilität … und was der Dinge mehr sind. Besonders in Rage bringt mich der Begriff Wissensgesellschaft. Reizwort, rotes Tuch. Bringt mich in Rage wie Lebensqualität und Globalisierung. Gott ja, Wissen, sicher. Was aber , bitteschön, soll es damit jetzt wieder auf sich haben oder was ist daran neu? Liebe Vorhutintellektuelle, verschont mich mit diesem Scheiß. Was sich ändert, sind immer nur Oberflächen und Eisbergspitzen. Oder was glaubt ihr? Wissen kann man nicht essen. Das ganze Wissensgedöns kann man gut und gerne in die Tonne kloppen, das ist spaßig, klar, aber macht nicht satt. Das Wissenswirtschaftsgedöns und globale Netzwerkblabla nützt uns gar nichts, wenn der Bildschirm hell, der Magen aber leer ist. Was glaubt ihr eigentlich, wovon wir leben? Von Wissen und vom Webzwonull? Luft und Liebe, wie? Sind das die Spintisierereien einer Generation, die als Kind geglaubt hat, Kühe seien lila und gäben Kakao?
Da können wir noch so wichtige Dinge zu erledigen haben zwischen Dax und Dow-Jones, da können wir noch so fiebrige Aktivität an den Tag legen an Wallstreet und auf der Datenautobahn, und ob wir jetzt mobil vom Strand aus eine furchtbar wichtige Konferenz übers Händie abhalten oder unser Geld mit Mouseklicks verdienen, es gilt weiterhin, was schon den Alten klar war. Drei Dinge. Non esurire, non sitire, non algere. „Nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren.“ (Seneca, Epistel 4) An unseren Grundbedürfen ändert sich vorläufig nichts, dürfen wir annehmen. Und es sind Grundbedürfnisse, eben weil sie das wichtigste sind, die Basis. Der Rest kommt irgendwo dahinter, weit dahinter. Das Wissen aber, das diesen ganzen aufgebrachten Stimmen zufolge schon so wichtig ist, daß sich unsere Gesellschaft danach benennen darf, was ist daran so besonderes? Wie man Wolle spinnt, wie man ein Feld bestellt, wie man Brot backt, wie man ein Haus baut, ist überall und seit Jahrhunderten bekannt, das Wissen darüber verfügbar. Brot wird man auch in hundert Jahren noch essen, Häuser wird man immer brauchen und im Winter ist man froh um einen Pullover. Ich sage nicht, daß das schon alles ist. Nein, das wahre Leben geht los, wenn für all das gesorgt ist. Aber eben erst dann, und insofern man von den Grundlagen spricht, sind wir immer noch eine Bauerngesellschaft und werden es auch immer sein. Falls wir nicht eines Tages es dahin bringen, vom Dudelknopf im Ohr satt zu werden.
von:
Talakallea Thymon - am: 29. Mai, 11:11 - in: schoene neue welt
Raum für schreitende Pferde
über den Himmel hin, genug
Platz für die Wimpern, und die Fingerspitzen
für die Bauchhärlinge, die Picknicklöffel
Karos im Gras, jeden Augenblick ein Ballon kann
hängenbleiben am verwirrten Horizont.
Pflanzstädte, gesegnet mit herzvollen
Bestrebungen, erheben sich unter
klappernden Augendeckeln, nähren
sich von Wasser und blitzendem
Stein, machen kristalline Symbiosen.
Eine Fälschung am Wegesrand, so
üben die Blumen den Zirkus, und da:
Pappkameraden schielen über die Hecken
Spanner und Vogelvoyeure! Jemand muß sich
das ausgedacht haben,
ein Pappenheimer und
erfindungsreicher Garten-Clown.
Eine Singdrossel tut so als ob …
eine Amsel singt wie … die Dotterblume gleichsam …
Dornen, wie wenn …
Ja, so. Vergleiche: sind wieder zulässig, gehascht
wird wieder nach Worten und Bilder für alles Gebild
so viel an uralter Neuheit, vom Himmel
bröckelt der Putz.
Selbst Steine drängen zum Licht
aus der zähen Scholle, Knetblumen
die eine Kinderhand in die Hecke warf
leuchten in multibunt, natürlich die Fliegen,
haben ihre glitzernden Flugbahnen
aus dem Tuschkasten nachgezogen
Brunnen stehn offen,
in ihrem Inneren
schaukeln Stücke entwendeten
Himmels, das Wasser
lacht über einen ganz neues Witz,
zuletzt üben am Dachstuhl
die Tauben Dauerküssen.
So grün, das kann doch nicht,
so gelb die Tulpen, unmöglich,
die Farben sind doch geklaut
Himmel, Horizonte, Häuser von
Kinderhand gekrakelt, Malen
nach Zahlen, überm Bach verläuft
die frische Tinte, Wasserblau in Himmelblau,
das braucht man nicht zu üben.
Die Luft ruft Vögel auf
den Laufsteg, drüben
sägt es und klopft es
noch an den Kulissen, hörst du
von ferne die Schüsse des Salats,
die Wasserlilien sind mit Feuchten Schatten
leichbekleidet am blankgeputzten Weiher,
neigen, ein wetterfestes Origami,
die geschminkten Köpfchen.
Einem angetrunkenen Akrobat
gleich balanciert die Sonne auf
einer schrägen Fichte dahin.
Schüchtern haben sich die Schatten
wieder an die Füße der Wanderer geheftet.
Noch zaghaft, und so wacklig, daß sie Mühe haben, Schritt
zu halten, vorwärts Marsch, auch am Huf der Rehe
kleben sie, schon sicherer, am schwierigsten aber
nachzuhalten über den Boden sind
die Muster der Stare und
die Schwingen der Kraniche, die fliegenden
Pferde zumal am Himmel, der auch nicht
stille steht.
von:
Talakallea Thymon - am: 26. Mai, 12:25 - in: In Nemore
Die Entscheidung gegen etwas Praktisches und für etwas Schönes ist eine Wahl, die ihrer eigenen Vernunft gehorcht, einer ästhetischen Vernunft nämlich.
Es ist nicht praktisch, täglich fünf Stunden Violine zu üben; es ist nicht praktisch und überdies unbequem, zwei Stunden stillzusitzen, um eine Mahler-Sinfonie zu hören; es ist ziemlich unpraktisch, Monate und Jahre am Schreibtisch zuzubringen, um einen komplizierten Roman zu schreiben. Noch viel unpraktischer ist es, im Alter von 4 Jahren zu lernen, auf den Zehenspitzen zu stehen, um Ballettänzer zu werden. Unpraktisch auch, in Platten aus Teig feine Schichten aus Butter einzuwalzen, um einen luftigen Blätterteig herzustellen. Völlig unpraktisch, Jahre mit dem Studium des Altgriechischen zu verbringen, nur um ein Fragment der Sappho goutieren zu können.
Praktisch wäre es, keine Bücher zu schreiben, keine Musik zu komponieren, den eigenen Wortschatz auf 500 Wörter zu beschränken, Chinesisch statt Latein zu lernen, kein Instrument zu beherrschen, nicht zu singen, nicht zu tanzen und immer zu McDoof zu gehen, wenn der Hunger zwickt. Cola ist praktisch, Chardonnay schwierig. Doch wer das Schöne will, kommt um das Unpraktische nicht herum. Das praktische Leben ist öde. Es ist banal. Das schwierige Leben aber ist nicht banal, niemals langweilig, und manchmal ist es sogar schön. Manchmal wiegt nämlich ein einziger Vers der Sappho Jahre des Griechischlernens auf.
von:
Talakallea Thymon - am: 20. Mai, 11:32 - in: hemerolog
Immer wieder das gleiche Argument. Fange ich an, über die Unsitte des mobilen Telephonats zu wettern, bekomme ich mit schöner Regelmäßigkeit vorgehalten, das Händie sei „schon praktisch“. Dann folgt meistens eine lange Liste von Situationen, in denen das Händie Unfälle vermieden, Lebensbünde gefördert, Leben gerettet habe, undsoweiter. Wie aufregend das Leben geworden sein muß! Früher gab es nicht so viele Katastrophen oder auch nur Mißgeschicke, wie heute durch das Händie tagtäglich vermieden werden. Haben wir besser aufgepaßt? Sind die Fälle im voice recorder einfach besser dokumentiert? Irgend etwas ist da doch faul im Staate Nokia.
„Ja, hallo ich komme fünf Minuten später“. Der Tagesablauf mancher Menschen ist offensichtlich derart straff organisiert, daß eine Ungenauigkeit von fünf Minuten schon ein Telephonat erfordert. Mußte man früher dringend von unterwegs telephonieren, weil man sich wirklich verspätet hatte, so ging man in eine Telephonzelle. Würden heute sämtliche Gespräche, an denen ein Mobiltelephon beteiligt ist, in Telephonzellen geführt, reichten die Warteschlangen davor um ganze Häuserblocks. Ist unser Leben so viel komplizierter geworden, daß wir einfach mehr zu sagen haben? Wohl kaum, wenn man mal darauf aufpaßt, was die Gesprächspartner da einander mitzuteilen haben.
Die mobile Telephongemeinde, so der Augenschein, besteht in der Mehrzahl aus verirrten Individuen, die einander ständig mitteilen müssen, wo sie gerade sind. „Ich bin jetzt im Zug, wir fahren jetzt los“. Aha. „Ich liebe dich Schatzi.“ Wie schön für Schatzi. „So ein Scheißkerl, ich komme in seinen Plänen ja überhaupt nicht vor.“ Muß dieses Gespräch ausgerechnet im Bus geführt werden?
Aus der Tatsache, daß die eine Hälfte der mobil geführten Gespräche entweder aufschiebbar oder so intimer Natur ist, daß sie besser zu Hause geführt würden (oder beides); und daraus, daß die andere Hälfte nur dazu dient, einander den Standort mitzuteilen, verschluderte Vereinbarungen nachzuholen oder nur durchzugeben, was man am anderen Ende sowieso bald selbst merken wird, („Ich bin grad beim Henker, ich fürchte wir sehen uns dann doch nicht mehr.“) darf man den Schluß ziehen, daß 99% aller derartigen Gespräche schlichtweg überflüssig sind, und, gäbe es so etwas wie eine Ästhetik des telephonischen Schweigens, unbedingt vermieden werden müßten.
Diese Ästhetik gibt es wohl, aber sie scheint nur rückwirkend gültig zu sein. Alle telephonieren, aber keiner will es später gewesen sein. Jeder quatscht selbst, aber lästig sind immer nur die anderen. Verblüffend jedenfalls, was die Leute so alles mit ihrem Telephon machen. Man könnte meinen, das Telephon sei zum Telephonieren da. Aber nein, spricht man die Betreffenden auf das Thema an, scheint es niemand wirklich benutzen zu wollen: „Ich hab zwar ein Händie, aber ich brauche es fast nie.“ Aha. Wozu hast du es dann? Auch war ich immer der Ansicht, das ach so Praktische beim Mobiltelephon sei, nun ja, die Mobilität. Weit gefehlt: „Ich hab zwar auch ein Händie, aber ich lasse es immer zu Hause.“ Erstaunlich, wo doch zu Hause auch noch ein Festnetztelephon vorhanden sein dürfte. Man fragt sich, wozu diese Leute zwei Telephone haben. Zum Stereohören? „Also, ich habe zwar ein Händie, aber ich verwende es nur als Wecker.“ Donnerwetter! Wäre da nicht ein Wecker billiger?
Verblüffend auch der aberwitzige Zufall, daß mein Bekanntenkreis genau aus der verschwindenden Minderheit derer besteht, die nicht in der Öffentlichkeit telephonieren. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß die Telephonierer immer die anderen sind?
Womöglich hätte ich gar nichts gegen diese strippenlosen Quasselstrippen einzuwenden, wenn sich seit ihrem Aufkommen so etwas wie eine Mobiltelephonkultur etabliert hätte, so etwas wie die Tischsitten gepflegten Telephonierens aufgekommen wären, in der so einleuchtende Regeln Geltung hätten, wie die, sich kurz zu fassen und zum Gespräch nach draußen zu gehen. Und überhaupt nur in solchen Fällen zu telephonieren, wo man früher einen öffentlichen Fernsprecher in Gebrauch genommen hätte – dann nämlich, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht. Ich wäre sehr viel gelassener (ich möchte nicht behaupten, ich hätte vielleicht selbst eines), wenn den Benutzern von Funktelephonen das ganze ein bißchen peinlich wäre. So wie eben mal auf Toilette. Dafür sucht man ja auch ein stilles Örtchen auf. Es gäbe weder eine Tinnitomanie noch könnten 200 g Blech und Kunststoff jemals Statussymbol werden. Niemand würde damit herumfuchteln, bis jeder der Umstehenden es gesehen, niemand würde es solange klingeln lassen, bis jeder den originellen (von geschätzten 50 % der Bevölkerung benutzten) Klingelton bewundert hätte. Man fuchtelt ja auch nicht mit der Klopapierrolle herum, und wenn die noch so bunt bedruckt ist. Indes sind wir, Ach! von einer Ästhetik der sparsamen Nutzung, einer Ästhetik des telephonischen Schweigens, jedenfalls weit entfernt.
„Wo treffen wir uns jetzt? Am Barbarossaplatz oder am Südbahnhof?“ Kann man das nicht vorher abmachen? Aber schon praktisch, das Händie. Wirklich? Um noch in letzter Minute die Frage zu klären, für die offensichtlich bislang keine Zeit war, nämlich, ob man sich nun am Barbarossaplatz oder am Südbahnhof verabredet habe, braucht es ja zunächst überhaupt so ein Dings, so ein Mobilfunkteil, so ein Händie. Ich muß in einen Laden gehen, unter hunderten von Typen eine Entscheidung treffen, mich mit einem blasierten Jüngelchen auseinandersetzen, der mir eine Flut von englischen Fachausdrücken an den Kopf wirft; muß Verträge und Anbieter miteinander vergleichen, Sonderkonditionen und Vergünstigungen ausfindig machen, und schließlich die jeweils neuesten Gadgets und Extras durchschauen. Ich gerate in Entscheidungsstreß, muß viel Kleingedrucktes lesen, eine Menge Werbung über mich ergehen lassen, und ganz so billig, wie es einem die Anbieter alle weismachen wollen, ist der Spaß ja nun auch wieder nicht. Dann brauche ich einen Vertrag oder ein Telephonguthaben, muß mir die Zeit nehmen, herauszufinden, wie das Ding überhaupt funktioniert und mir eine Menge aberwitzig langer Nummern merken oder sie abspeichern. Schließlich darf ich es nicht zu Hause liegenlassen, sondern muß (zusätzlich zu allen anderen Dingen, die das moderne Leben für unerläßlich hält, Schlüssel, Portemonnaie, Fahrausweise, Kundenkarten etc) daran denken, es mitzunehmen, darf meinen Zugangscode nicht vergessen und außerdem muß der Akku betriebsbereit sein. Und dann, endlich, kann ich mich an Barbarossaplatz oder Südbahnhof verabreden. Praktisch, wie? Aber noch bevor es soweit ist und ich das Gerät endlich betriebsbereit in Händen halte, haben zahlreiche schlaue Köpfe jahrelang ihre Geisteskräfte in Erfindung und Entwicklung stecken müssen, sind Millionen und Abermillionen an Investitionen geflossen, mußten Sendemasten aufgebaut, Funknetze eingerichtet, Satelliten ins All geschossen, internationale Vereinbarungen getroffen und eine Menge Gesetze erlassen werden. Und das alles nur, weil man es nicht schafft, vorher zu klären, wo man sich treffen soll. Praktisch, wie? Eine einfache Verabredung wäre wahrscheinlich zu schwierig gewesen.
Das mobile Telephon erhöht unsere Verfügbarkeit, flexibilisiert unsere Terminplanung und beschleunigt den Tagesablauf. Verloren gehen dabei die Pausen, die Sammlung, das Nachwirken. „Wieso können wir uns nicht sehen, Gerlinde hat doch abgesagt?“ Verloren geht so etwas wie Überschaubarkeit. Hier fällt etwas aus, da wird ein neuer Termin rasch eingeschoben. Nur keine Zeit verlieren! Paula sagt ab, weil sie gerade einen Anruf von Gert … Sabine will doch lieber erst morgen … Hanjörg fragt an, ob ich nicht … klar, sind ja zwei Termine freigeworden, muß nur noch schnell Max bescheid geben, daß es etwas später …
Die Hölle. Wohl dem, der unerwartete Pausen als willkommene Ruheinseln wahrnehmen und daraus Kraft schöpfen kann. Wie drückte es Max Goldt einmal aus, als er über rote Ampeln philosophierte? Er nehme „den Zeitsnack gern.“
Verloren gehen Verbindlichkeiten und die Fähigkeit, zu planen. Verloren geht aber auch die Unerreichbarkeit. Wer unerreichbar ist, der hat es heutzutage ja so gewollt, und das kann fluchs in einen Vorwurf münden: „Du hattest dein Händie ja nicht an!“ Empörung, Entrüstung! Du bist deiner Pflicht, erreichbar zu sein, nicht nachgekommen! Mit der Freiheit mobiler Erreichbarkeit geht paradoxerweise ein Stück Freiheit verloren: Wer früher unerreichbar war aus Gründen, die jenseits seiner Einflußnahme lagen, der ist es jetzt freiwillig, und muß sich dafür verantworten. Die Freiheit, sich für oder gegen Kommunikation entscheiden zu können, ist eben keine, da die anderen Kommunikation erwarten und pikiert sind, wenn man etwas tut, das von der anderen Seite als brüsk und abweisend empfunden werden muß: Wenn man sich verweigert. Den nächsten Schritt in dieser unheilvollen Entwicklung kann man sich leicht vorstellen: Die Dauererreichbarkeit. Wir telephonieren dann nicht mehr, sondern sind onwave so wir wir jetzt online sind. Jeder kann jeden jederzeit orten und telephonisch ansprechen, jeder weiß von jedem, wo er ist und wer er ist, und wehe dem, der da sein Telephon ausschaltet und sich entzieht. Das wäre dann so, wie sich heute eine Maske aufzusetzen, bestenfalls unhöflich, wahrscheinlich aber vor allem eines: verdächtig.
Wie den Computer oder das Auto, so nutzen wir auch das Mobiltelephon nicht klug. Wir schreiben Briefe mit dem Computer, deren Layout jeden professionellen Setzer vor Neid erblassen ließe (wofür wir zehnmal so lange brauchen wie früher für einen simplen Brief mit der Schreibmaschine), bekommen aber eine Sehnenscheidenentzündung, wenn man uns zumutet, mal eine kurze Notiz mit der Hand zu verfassen; wir scannen Bilder, um sie später wieder auszudrucken; wir kommen mit dem Auto überallhin und wundern uns, ist es mal kaputt, daß man den Supermarkt zu Fuß ja gar nicht mehr erreicht; wir sparen Zeit und immer noch mehr Zeit, weil wir mit dem Computer oder dem Fahrzeug schneller sind, aber die Zeit nutzen wir, so scheint es, nur, um noch mehr Zeit zu sparen, bis wir gar keine mehr haben: sind wir mit der Rechnung schneller fertig, lehnen wir uns nicht zurück, sondern schreiben noch eine; da unsere Städte infolge des Verkehrs als Lebensräume ruiniert sind, brauchen wir die Ursache dieser Zerstörung, das Auto, um in die Naherholungsgebiete auszuweichen; später fahren wir dann, da man uns zu mehr Bewegung rät, ins Fitneßstudio, statt einfach öfter mal zu Fuß zu gehen. Und nicht zufrieden damit, mit dem Mobiltelephon gerade nur diejenigen Notfälle aufzufangen bei denen wir uns vor seiner Erfindung ein solches gewünscht hätten, weiten wir seinen Einsatz auf Situationen aus, in denen wir früher nicht im Traum das Bedürfnis nach Kommunikation gehabt hätten. An welche Einsatzmöglichkeiten hätte man denn vor 20 Jahren gedacht, wenn man sich so einen Kommunikator vorgestellt hätte? Doch an Raumschiff Enterprise, an die Wirklichkeit gewordene Science Fiction, Hilfe holen nach dem Verkehrsunfall, Knöchel gebrochen beim Wandern, Reifenpanne, Raubüberfall, aus der Wohnung ausgeschlossen, mit Fieberattacke ans Bett gefesselt. Aber die Realität, die uns jetzt eingeholt hat, sieht ja ganz anders aus. Klar ist so ein Ding in Notfällen nützlich. Nur wird es kaum in Notfällen gebraucht, weil Notfälle glücklicherweise selten sind; und trotzdem sieht man mehr Leute auf einer 10-minütigen Busfahrt in ihren Kommunikator sprechen oder schreiben als die Enterprise-Helden in einem ganzen Kinofilm. Und bei denen kann es bekanntlich wirklich mal eng werden. Ach, denken wir, wo es doch schon mal da ist, da könnte ich doch – und schon sitzt man in der Falle, und das Telephon beherrscht uns, statt wir unseren Terminkalender.
So schafft sich, ebenso wie das Auto und der Computer, das Mobiltelephon seine eigene Notwendigkeit selber. Wenn keiner mehr glaubt, Verabredungen einhalten zu müssen, weil man ja jederzeit sein Zuspätkommen ankündigen und den anderen von der Last vergeblichen Wartens befreien kann, bekommt derjenige, der sich der mobilen Kommunikation entziehen möchte, angesichts dieser Unverbindlichkeit fluchs den schwarzen Peter zugeschoben. Ist ein Termin geplatzt, so heißt es: „Selber schuld, du hast ja kein Händie, sonst hätt ich dich angerufen.“ Daß der, der so spricht, nicht zur vereinbarten Zeit erschienen ist, wird großzügig übersehen. Ich war nicht erreichbar, also bin ich selber schuld, egal, ob ich pünktlich gekommen bin und mich an die Vereinbarung gehalten habe. Am Ende muß ich mich noch auslachen lassen dafür, daß ich brav wie ein Wachhund eine halbe Stunde gewartet habe. Andere warten warscheinlich nicht einmal fünf Minuten. Deswegen geben die Leute ja auch ständig durch, daß sie fünf Minuten später kommen. Will ich diese Situation vermeiden, muß ich eben erreichbar sein. Praktisch? Nein. Es ist nicht praktisch, ein Mobiltelephon zu haben. Es ist unpraktisch, keines zu besitzen. In einer Welt ohne Dauererreichbarkeit würde man Termine so planen, daß man sie einhalten kann. Oder besser: So ist es tausende von Jahren tatsächlich gewesen. Kaum zu glauben. Eigentlich schon immer, bis etwa Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Klar ist das Händie unabdingbar, wenn sich niemand mehr an Termine hält. Und es hält sich niemand daran, weil es ja Händies gibt. Also sind Händies notwendig, weil es sie gibt. Eins aber ist das Mobiltelephon bestimmt nicht: Schön. Das Händie ist häßlich, laut, blöde, vorwitzig, arrogant, banal, nervtötend, aufschneiderisch, schrill, dummdreist, stressend, quängelig, anmaßend, unausstehlich, nachtragend, stur, plärrend, egoistisch. Es ist eine Zumutung. Man braucht es, ja. Aber es ist nicht da, weil man es braucht.
Man braucht es, weil es da ist.
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Talakallea Thymon - am: 14. Mai, 13:39 - in: schoene neue welt
Einmal standen sie am Aachener Weiher. Weiden ließen dort vom Ufer aus die Schleppen ihrer Zweige ins Wasser schleifen. Ihre Bögen formten ein Dach, eine Höhle, über derenen fahlgrüne Wände milde Spiegelungen vom Wasser aufsteigend die silbrigen Blattunterseiten entlangglitten. Es hatte aufgehört zu regnen, doch der Himmel war trüb geblieben, und keine Sonne stieg aus dem stumpfen Wasser. Sie standen gestützt aufs Geländer und sahen den Enten zu, die zu ihren Füßen unterhalb des Brückengeländers kreisten. Das Schweigen zwischen ihnen begann sich zu einem Baum auszuwachsen, als heftiges Flügelschlagen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Draußen auf dem Wasser, inmitten davonstrebender Wellenringe, tat ein Erpel etwas sehr Merkwürdiges: Er war halb auf eine der Enten hinaufgerutscht und -gesprungen und -geflattert und versuchte nun, mit dem Schnabel ihren Kopf unterzutauchen, hack hack hack, was ihm auch mehrfach gelang. Gewalttätig und häßlich war das. Vorher hatten die zwei Vögel noch ein lustiges Spiel miteinander gespielt und mehrmals rechts, links, rechts mit Hals und Schnabel seitlich aneinander vorbeigepickt.
Neben ihm aber stand die Frau, die er begehrte, unbeweglich wie das Schweigen, das ein Baum war, und bot seiner Verlegenheit keinerlei Halt.
„He“, rief er endlich verzweifelt dem Erpel zu, nachdem der Kopf der Ente schon gänzlich unter Wasser geraten war, „he, du sollst sie doch nicht ersäufen …“
Worauf die Frau, die er begehrte, sich ungerührt zu ihm umdrehte und mit halblauter Stimme sagte:
„Was soll er sie dann?“
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Talakallea Thymon - am: 13. Mai, 10:32 - in: liebesleyd