so ein feiertag, acht uhr in der früh, noch vor den wimpeln und glocken, das licht, ausgeruht und kühl und wie gehämmerte folien in den straßen, das licht und die weite über den pferderücken, das hallen der schritte, das man sonst nicht hört, amsel und zaunkönig, hummeln; und ein schauer von tagesanbruch in den baumhaseln; die mauern glänzend und scharfschattig, ein murmeln aus den gullis, auch das unhörbar sonst, und die luft, und der raum, und der himmel, und die wolken, so still, so wunderstill, daß man ganz ganz tief luft holen muß.
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Talakallea Thymon - am: 23. Mai, 11:51 - in: Fasti
Am Grab von
Jennifer Heid, wie jedes Jahr. In Gedanken zumindest.
Diese elf Tage des Jahres, Verspätetes und Letztes, zwischen Allerheiligen und Martini, wo der Herbst sich geschlagen gibt und zurücktritt aus den Kronen der Bäume wie ein sanftmütiger Riese. Er schüttelt das greise Haupt: Ein Schritt nur ist es ins Nichts, in den Rest, ins Dunkel, das selbst die Raben verschmähen, die plötzlich, seid wann? verstummt sind auf ihren lautlosen Bahnen. Heute noch waren wir hier zu Hause, hier, inmitten der Astern, hier haben wir ins Laub geatmet, uns mit Eicheln beworfen, über den Nebel gestaunt und gelacht über unseren Atemdunst, wie Kinder, hier waren wir Freunde, Paare, Geschwister, und nun? Stehen wir allein, mit diesem Wundsein an den Fingerspitzen, das eine andere Hand uns ließ, und haben eine harte Münze unter der Zunge, seit unsrer Geburt. Und wir tun so, als wüßten wirs nicht. Nicht war? Schön wars auf der Erde. Nur daß wir nicht einmal diese Erinnerung behalten dürfen. Und über der Tonne aus kohlefaserverstärktem Kunststoff liegen die Blumen. Und über den kleinen, eingefaßten Gärtchen kreist der Kerzenschein. Als ginge es immer so weiter stellt man den Mantelkragen auf, fröstelt behaglich, riecht das eigene Leben in den Achseln, und mit diesem Gedanken ist man fort über Straße und Feld. Ein Blatt kreist in müdblauen Tonnen. Und am Horizont dröhnen die Türme. Und dröhnen und dröhnen.
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Talakallea Thymon - am: 1. Nov, 08:39 - in: Fasti
Wieder einmal gehe ich hinauf zu dem kleinen Friedhof in Ippendorf, oberhalb des Melbbachs; zum Grab der unbekannten Achtjährigen, Jennifer Heid, die diesen Juni 17 geworden wäre.
Erst, als ich über die Straße bin und mir die kleinen roten Flämmchen über die Mauer hinweg entgegenleuchten, geht mir auf, daß es der richtige Tag ist für einen solchen Besuch. Allerheiligen. Was für ein schöner Brauch: Nie ist der Friedhof sonst so festlich, so voll von heimlichem Licht, so voll stillen Trostes. Befangen nähere ich mich Jennifers Grab am Ende des Weges.
Es ist bei weitem das hellste Grab des kleinen Friedhofes. Die Flamme einer Schalenkerze flackert still und mutig über der dunklen Erde. Zwei Grablichter strahlen ein ruhiges Rot über die dämmervoll erloschenen Farben der vielen vielen frischen Blumen. Eine Kerzenlaterne steht an der Ecke. Menschen haben an sie gedacht, nicht nur heute, aber heute besonders, und ich möchte gerne denken, auch wenn ich nicht daran glaube, daß sie es spürt und sich dort, wo sie jetzt ist, nicht so einsam fühlt. Der Gedanke ist zu tröstlich um ihn nicht denken zu wollen. Ich trete näher heran, suche kurz die sorgsam geharkte Erde ab, und da, verborgen unter dem hellen Schimmer der Schalenkerze, da sind sie: die kleinen Marienkäferchen aus Holz, in einem Kreise eng zusammengerückt, die größeren äußeren den kleinen inneren Schutz spendend.
Wie trostlos aber sind die Dunkelheiten: Hier und dort ein Grab, dessen Inschrift langsam im Dunkel zerfällt, das schnell hereinbricht, schwarze, einsame Löcher in all dem festlichen Glanz der anderen Gräber. Tote liegen dort, die niemand mehr kennt, an die keiner mehr denkt, die niemanden mehr haben in der Welt der Lebenden. Kein Licht flackert auf ihrer Erde. Keine Blume süßt das Bittere der Winterluft. Ich blicke noch einmal zurück zum Grab der Achtjährigen. Die kleine große Flamme zuckt und flimmert, aber sie geht nicht aus. Wie wenig doch genügt, damit alles gut wird, denke ich, und wie wenig auch, um alles niederzureißen, und in diesem Augenblick möchte ich nichts ertragen müssen und wünsche ich mir, daß am Ende alles gut wird.
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Talakallea Thymon - am: 1. Nov, 11:49 - in: Fasti