Die Stadt am Ende des Jahrtausends

Donnerstag, 9. Juni 2011

Noch kein Solstitium

Morgens unterwegs, ein beliebiger Werktag, das Werk hat schon begonnen, der Tag wartet noch ab. Eine Fahrt über Land, im Bus, das Fahrzeug schaukelt auf den Wellen der Hügel. Champagnerblasen jagen das Frühlicht über den Horizont. Der Morgen erwacht und stürmt voran, atemlos hängt ihm alles nach. Der Bus schaukelt. Das Buch liest sich selbst rückwärts und läßt mich nicht mitlesen. In der Tasche ermüdet ein Stück Brot. Der Bus bremst und beschleunigt. Über den Wiesen fliegen dunkle Pferde. Später, in der Stadt, sind die Pferde verschwunden, spielt der Himmel auf den Wolkenkratzern Klavier. Die Sonne exstatisch, orchestral, zarathustrisch. Wenn man jetzt nur wach wäre. Die Bäume stehen sill und verrenkt wie in eine Yogaübung vertieft. Aber dies ist keine Probe mehr, man hört es am Sonnentusch: Jetzt wird es, jetzt macht der Morgen ernst, vielleicht macht auch schon eine ganze Jahreszeit mobil, mit Rollkoffern und Aktentaschen.
Die Richtungen spielen Labyrinth und schieben die Menschen herum. Es wird ernst, überall kann man es lesen. Wenn man will, ich will nicht. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten, doch ich bin für diesen und für andere Ernstfälle nicht gewappnet. Ich hoffe, noch einmal davonzukommen, nicht mitmachen zu müssen bei Sonnenaufgang und Marsch. Ich stecke die Hand in die Tasche und finde dort eine verstaubte Kastanie vom letzten Herbst. Ich bin so müde, daß die Haut kribbelt und die steife Chlamys ein Tonnengewicht ist am Leib. Ich bin Jahrtausende alt. Mein Leib ist aus Marmor, durch Spalten schwitze ich klebrigen Schlaf aus. Die Fingerspitzen schmerzen, sie sind tagesverbrannt und lichtwund, ich sehne mich danach, sie in die strömenden Schatten eines Ahorns zu tauchen. Unauffällige Gesellschaft und Publikum den Traumtänzern, suche ich mir im Park eine Bank aus. Ein bißchen Mond wäre nicht schlecht, aber wann es wieder welchen geben wird, ist ein Geheimnis der Werwölfe. Die Zeichen stehn alle auf Tag. Schon lange habe ich keine Sternschnuppe mehr gesehen.

Donnerstag, 26. Mai 2011

Moebius

Der Himmel, der dich anblickt, mit seinen Zähnen aus Laternenpfahl und Müllcontainern. Die Pappeln unternehmen einen Reformversuch, der von den Vögeln vereitelt wird. Deine Grübeleien spiegeln sich matt im Kies. Ringsum ist alles voller Plan: Die Bikini-Models sind noch schmaler als letztes Jahr, nächstes Jahr werden sie vielleicht ganz verschwunden sein, eine Linie zwischen zwei Hälften Strand und Meer. Aber wer soll dann den Bikini tragen, grübelst du. Alles steckt voller Absichten. Postfächer schnappen nach Hochglanz. Tacker heften fleißig Lächelsalven zu Stapeln, katalogisieren die morgigen Bedürfnisse, zur schnellen Verfügung. Lichter und Schilder verfügen über deine Schritte. Überall blinkt es von Taschen, in denen der Abend fein verpackt ist. Feierabend-to-go. Über allem dreschen Helikopter auf die Wolken ein, um die Spreu vom Lichtweizen, du hast keine Ahnung. Pläne: Nur du hast keinen, schon gar nicht Wolken betreffend, ist doch die Wahl des richtigen Waschpulvers („Personalisiere dein Omo!“), ist doch die Wahl des geeigneten Vibrators (Big®, Well-Endowed® oder Maxi-Max®?), ist doch die Frage nach der Klobürste, die am besten zu dir paßt (jetzt mit scrub-o-flexTM Technologie) eine wahnsinnige Herausforderung. Die Entscheidung, Circe oder Medusa, kostet dich tausend gestaute Herzschläge. Kaum zu bemeistern: Die Ansprüche des nächsten Tages. Seine high density Flaggen. Da ist es gut, die Wolken: daß sie einfach nur sind. Und daß sie Vögel bei sich dulden, unendlich sanft.
Du suchst nach Hinweisen. Vielleicht gibt es irgendwo einen Spalt, einen Riß, den die Wurzel eines Veilchens schlug. Womöglich ist hinter der Spiegelung noch mehr. Doch wie auf die andere Seite eines Möbiusbandes gelangen? Der Horizont leidet unter Atemnot. Bleib noch ein bißchen, stürze noch nicht ein. Halt mir die Wolken fest.
Zwischen den Kapitelüberschriften, dem Auge des Fischreihers und dem Karussell der Jahreszeiger gibt es kein Entkommen.

Mittwoch, 1. April 2009

Weg

... und in diesem Moment begriff ich endlich: Ich mußte weg.
Im selben Augenblick ging, wie zur Bekräftigung meines Gedankens, die Flügeltür auf, spiegelte mich kurz mir selbst entgegen, wie ich, leicht vornübergebeugt, immer noch an der Tischkante stand, schwang gänzlich auf und entließ eine energisch mit den Absätzen klappernde Frau, die aussah wie eine Grundschullehrerin, weil sie nämlich eine war.
Sie trug einen karierten Rock, Strumpfhosen und eine graue Bluse, hielt ihr Gesicht hinter einer hand- und buntbemalten, etwas zu großen Holzmaske verborgen (im Maskenbaukurs selbstgefertigt, klar) und hatte auf dem Kopf einen strengen grauen Dutt. Ihre Augen unter der Maske blitzten, während sie mit dem Rücken die Tür aufhielt und den Arm wie ein lebender Wegweiser ins Rauminnere ausstreckte. Dabei schrie sie etwas, das ich nicht verstand, denn hinter ihr schwappte bereits ein Chor piepsender und trotz ihrer hohen Frequenzen erstaunlich voluminösen Kinderstimmen in den Raum. Nie habe ich verstanden, wie Kinderstimmen, hauchschwach bei einem einzelnen Kind, in der Summe auch schon einer kleineren Gruppe ohrenbetäubend sein können. Die Frau mit Dutt machte sich schmal, und da kamen sie auch schon. In Lustigfarben gekleidet, Ringelsöckchen in den Riemchensandalen, trugen sie ihre hellen, nackten Gesichter leuchtend und rot und begeistert vor sich her wie Laternen, die glänzenden kleinen, feuchtrunden Münder in ständig malender Bewegung, während sie einander rempelten und kleine juchzende Schreie ausstießen. Sofort schien sich der Raum zu verengen. Die Stimmen schwirrten und johlten, Füße trappelten, Rücksäcke rappelten, Stühle quietschten über das PVC. Gedränge, Geschiebe, Gestoße. Ein Stuhl fiel um. Der Dutt auf dem Kopf der Buntmaskierten wackelte.
Ob schon Kinder zurückgestuft wurden, schoß es mir durch den Kopf, wenn sie sich schlugen („Zahnersatz kostet uns alle Millionen“) oder Regenwürmer probierten („Vergiftungen gehen uns alle an.“), sich die Knie aufschürften („Ein Beinbruch kann teuer werden! Helfen auch Sie mit, Unfälle zu vermeiden!“), von Brücken sprangen oder was der Mutproben mehr sind. Vielleicht waren auch die Eltern dran.
Eigentlich wollte ich es gar nicht so genau wissen. Ich verließ den Raum. Bevor die Tür zuschwang, fiel mein Blick auf den leblosen Körper der Fliege, wie er vom Luftsog über den Boden geweht wurde. Weit war sie nicht gekommen, dachte ich, und die Verzeiflung griff wieder nach meiner Brust. Im nächsten Moment war ich draußen. Die Stimmen fluteten zurück, flackerten in einem spitzen Schrei noch einmal auf und verstummten.
Das Licht, dick und heiß und wie von Flügelschlägen belebt, blendete mich. Ein schwerer Motor lief nahebei. Die Schatten klebten auf Wagentüren, Wänden und der wüstengrell spiegelnden Fläche des Asphalts.

Ich erinnerte mich an ...

Dienstag, 15. Juli 2008

Die Stadt: Dachschicht

„Dämmerung glitt über die Dächer. Auf den Schindeln lag gegen Westen noch ein wäßrigtrüber Schimmer, der die Dächer zu transparentem Glänzen brachte, die Flächen milchig emporhob und verdünnte, und bis an den Ostrand dieser Steinflächenlandschaft das Relief Ziegel für Ziegel schuppiger und deutlicher hervortreten ließ, ehe er abriß und gegen den dunklen Nachthimmel fortbrach. Ziegelsteine und Schornsteinrohre verklammerten sich mit dem Himmel, ihr Kupfer ermattet und schwarz und drauf und dran, in die Silhouetten der Dächer zurückzuschrumpeln. Ein leichter Wind kam auf. Gerüche von vergangenen Sommern stiegen herauf, Duft ohne Blüte, Wasser ohne Tiefe, süßer Moder. Plötzlich ein Tapsen, ein Scharren, das Fiepen eines Vogels: Eine Katze, ein zuckendes Federbündel im Maul, erschien im Ausschnitt des Fensters. Sie verhielt kurz, und Vogel wie Raubtier starrten R. einen langen Augenblick an, Räuber und Opfer gleichermaßen wie erschrocken über das Unerwartete, das da in ihr uraltes Drama hereinkam. Die Katze wartete lange Sekunden, während derer der Vogel völlig stillhielt; sah mit jenem gelassenen Schrecken, wie nur Katzen ihn hinkriegen zum Fenster, und huschte dann übers Dach davon. Erst bei der letzten Bewegung begann auch der Vogel wieder zu zucken. Aus der Straße tönten hallende Stimmen herauf, die Laternen hatten da einen Milchsee ausgebreitet, der die Backsteinmauern der gegenüberliegenden Gebäude mit weißlichem Schein anhauchte. Der Rand eines beleuchteten Werbeplakats ragte ein kleines Stück aus der Tiefe. Von dort, gedämpft und in der Luft hin- und hergerissen, drang Marschmusik von Blechbläsern, ein schleppendes Ostinato, spitze Flötenschreie, darin das Gejammer einer Klarinette, ein quitschtrauriger Lärm, der sich langsam entfernte, noch einmal aufheulte, erstarb. Eine Autotür schlug zu. Ein Motor sprang an.
Da fühlte R. plötzlich eine tiefe Sehnsucht in sich aufwachsen, wie nach einer vergessenen Melodie, die ihm in diesem Augenblick, während eine Stimme unten mit anderen lachte, aus dem Vergessen heraus unerkannt zugeblinzelt hatte. Eine Stimme rief. Ein Tuch wogte aus dem Fenster gegenüber. Die Silben eines Traumes wirbelten auseinander, eine Katze trug einen Vogel im Maul, und ein aufgeflackertes, gerade wieder entschwundenes Wort ließ eine dürre Wehmut zurück. Drüben, in einem anderen Fenster, bauschte sich ein Vorhang.
Er zog die Gardine wieder vor.
Als er später im Bett lag, kam es zurück. Es war plötzlich wieder da, wie die Silben eines Wortes, das sich aus einem Traum herausschälen will; ein Flackern der Ränder des Bewußtseins; warm und aufmerksam und verheißungsvoll, wie der Blick einer Frau mit einer wundervollen, den Mund freilassenden Maske, die, quer durch einen Raum voller belangloser Menschen, dich und nur dich trifft und treffen wollte. Und so wie der Blick sich, kaum erwidert, abwendet um nicht mehr oder vielleicht doch noch einmal zurückzukehren, so floh diese Sehnsucht vor ihm.“
Ich sah auf. „Hast du etwas gesagt? Ich habe doch etwas gehört. Aber gelacht, gelacht hast du doch! Oder geweint wenigstens?“
Nichts. Die Gardine bauscht sich. Aus den Fenstern, schwer von Nacht, trat mir mein Spiegelbild entgegen.



Freitag, 29. Februar 2008

Die Stadt: Briefe. An C.

„Diese Durchschaubarkeit“, schrieb ich damals aus der Stadt an C. (und wie so vieles, was ich damals schrieb, ohne es je abzuschicken, war es genausogut an mich selbst gerichtet), „Diese Durchsichtigkeit. Das erschreckt mich. Ich will auf keinen Fall selbst– im Grunde geht es darum, mich so zu unterscheiden, daß kein Angriff mehr auf mich möglich ist. Ich bin ständig bemüht, keine Angriffsfläche für eine mögliche Karikatur zu bieten. Womit erreicht man das? Durch Einzigartigkeit. Wer sich in eine Schublade einordnen läßt, ist karikaturfähig. Und ich sehe im Grunde nur Karikaturfähige um mich herum. Selbst die, die es – unter verschiedenen Blickwinkeln gesehen – nach ganz oben geschafft haben: Professoren, Top-Manager, erfolgreiche Wissenschaftler, erfolgreiche Künstler. Noch viel mehr erfolglose. Selbst Dein Literat mit Lederjacke, der nicht wußte, was ein Schein ist, ist eine Karikatur, wenn man mit dem entsprechend geneigten Auge auf ihn blickt. Oder, und Du spottetest ja selbst, die Frau M. A., die schrieb, „ein Honorar könne man leider nicht gewähren“.

Ist das schon paranoid? Oder sind das die biergetränkten Nachtgedanken eines alternden Junggesellen, der sein Scheitern als philosophisches Dilemma verkauft? Aber zurück zur Frage.

Wofür sind wir aufgebrochen? Denn ein Aufbruch war es. Für mich jedenfalls. Lange habe ich darüber nachgedacht, was uns (nicht nur Dich und mich, sondern all die anderen, Frank, Philipp, Ruth, Kristina, …) damals angetrieben hat, wovon wir nicht nur geträumt, sondern was wir in die Hand hatten nehmen wollen, als unser. Ich wollte darüber ein Buch schreiben, eine lange Erzählung, eine Richtigstellung, ein Schlag ins Gesicht all derer, die behaupten die „Generation der heute 35jährigen“, so war die Formulierung, die mich einmal maßlos in Rage versetzt hat, uns also, schon verstanden zu haben. (Nichts haben sie verstanden!) Bis ich darauf kam, daß ich diese Frage nur für mich beantworten kann. Ich weiß nicht, was die anderen wollten. Ich weiß ja kaum, was ich selbst wollte. (Übrigens war Frank einer, den ich bewunderte. Seine Intelligenz. Seinen Stil. Seinen Überblick. Das Unbeirrbare. Seine Hingabe. In der Nacht vor der ZP noch einmal Wittgensteins Tractatus durchlesen! Sogar seine Ausweisung aus den USA habe ich bewundert. Einer der ganz wenigen. Es war eben seine Sache nicht, den Brocken, den man ihm großzügig hinwarf, zu schlucken, jedenfalls nicht unter jeder Bedingung, und dann auch noch dankbar zu schwänzeln. Aber das nur nebenbei.)



Montag, 25. Februar 2008

Die Stadt: Die Stadt

Der Fluß zog mich an. Immer wieder nahm ich den tropfnassen Pfad und stieg ans Ufer hinunter. Ich beugte mich über den Hauch, um abermals nichts zu sehen, als die drahtigen Verzweigungen der Bäume, die wie Wurfnetze unsichtbarer Spinnen über den Fluß gespannt hingen. Es gab da eine Bank, die, über den Dunst geheftete schwarze Fläche, fast in die Böschung hinunterzukippen schien, und so war auch die Sitzfläche geneigt, nach vorne zu, sehnsuchtsvoll zu den Nebeln über dem unsichtbaren Fluß, man konnte nur unbequem darauf sitzen. Die Bank sperrte sich gegen die Berührung, daß es sich anfühlte, als wolle sie den Ausruhenden von sich ab und in den Fluß hinunterwerfen, oder, kaum daß der Ermüdete eingeschlafen wäre, ihn langsam hinuntergleiten lassen. Manchmal stieg ein Vogel, ein Wirbel, eine Strömung im Nebel empor, Flügel klatschten, und ein kaum erahnter dunkler Leib streckte den Hals, gewann Höhe und verschwand im Dunst.
Es gab eine Stelle stromab, wo eine milchige Helligkeit jenseits des Wassers anzeigte, daß dort die Bäume fehlten und der Blick frei sein mußte auf die Felder der anderen Seite. Zu sehen war freilich nichts. Nur ahnen konnte man es, nur die Vorstellung kam von selbst. Manchmal ein Glockenton, manchmal ein Heranwehen von Geläut, das verschwebte, lauter wurde, leiser wurde, dem man nachlauschte, und das man noch zu hören glaubte, wenn längst nur noch Blätterflüstern, Gurgeln, Windsäuseln zu hören war. Wenn jenseits der Nebel die Sonne schien und das Läuten aus der Weite aufklang, war es, als könne man eine schimmerne Stadt sehen, die über nebelweißen Feldern schwebte, herbeigerufen von Glocken, oder den Klang selbst verströmend, hell glänzende Zinnen, Türme, Dächer und Giebel, flimmernd und gleißend in der Sonne eines fernen Mittags, eine Stadt der Träume, der Sagen, ein Vineta der Felder, so durchsichtig und fein, als wäre sie aus einem Himmelsstoff herausgemeißelt, aus dem Licht selbst geronnen und zu feinstem Gewebe gewirkt. Die Stadt schwebte, aber es war nicht zu sagen, in welcher Höhe: Oben lag eine Strahlenkranz um die Giebel und Turmspitzen, die Dächer schienen transparent zu leuchten, den Himmel in sich aufzunehmen und das neblige Blau in Mauerwerk und Holz und Ziegel zu verwandeln; darunter aber strömten Schatten hinab; das von oben her verfestigte, verstofflichte Licht erstarrte, wurde Gasse und Straße, wechselte mit Schatten und dunklem Torbogen, bis ganz unten, in den Gewölben und Hallen, den Wurzeln, dem Fels, die Strukturen ins Dunkel fortbrachen, in ein Dunkel, das nicht wirklich dunkel, sondern nur die gewöhnliche Helligkeit der sonnenbeschienenen Felder war. Sah ich von dort, wo Acker, Weg, Obstbaum und Rebhuhn waren, wieder hinauf zum Licht – so war die Stadt, oder was immer ich zu sehen geglaubt hatte, verschwunden, und nur der Himmel strahlte und blinkte einen Augenblick, ehe ihn die Nebel wieder einholten und erlöschen ließen.





Freitag, 29. Juni 2007

Noch später

Doch dann kam das Licht. Es war Tag, so plötzlich, als sei immer schon Tag gewesen, und eine helle Wintersonne schien ins Zimmer. Der Schnee war zu gleißenden Pfützen zusammengeschmolzen. Wärmeschlieren waberten über den erleuchteten Teppich. Ioanna war schon wach, als ich die Augen aufschlug. Sie lag auf dem Rücken und hielt in den erhobenen Armen ein Stofftier, das sie eingehend betrachtete, als habe sie es erst heute morgen in ihrem Bett gefunden. Ich raschelte mit dem Schlafsack, aber sie sah mich nicht an. An ihrem Handgelenk klingelte ein Kettchen, und ich erschrak, daß ich es gestern nicht bemerkt hatte. Sie begann, das Stofftier zu drehen, um und um und um. Ihr Blick weinte, ohne daß eine Träne fiel. Ich weiß nicht, was ich mir für diesen Morgen vorgestellt hatte, doch was immer es war, es ging in diesem Augenblick in Trümmer. Ioanna? Mit einem Rauschen glitt ein Schneebrett vom Dach und zerspellte auf dem Kies vor dem Fenster. Ioanna? Das Kettchen klingelte. In den Armen drehte sich das Stofftier wie ein Tanzbär um und um und um.



Donnerstag, 28. Juni 2007

Später

Ioanna murmelte leise, wie man ein aufgebrachtes Kind beschwichtigt. Ich habe mich naß gemacht, sagte ich. Das bin ich gewöhnt, sagte sie. Das tat beinahe weh. Ich wollte es nicht wissen. Es erinnerte daran, daß sie dies mit einem anderen zu teilen pflegte, woher dieses Gewohntsein ja rührte – und es erinnerte mich schmerzlich daran, daß dieser andere der rechte war, und ich –
Was war ich?



Dienstag, 26. Juni 2007

Ioanna (Die Stadt am Ende des ...)

Ioanna hatte zuviel getrunken. Ihr war übel gewesen. Sie war aus dem Bett gesprungen und hatte sich im Bad erleichtert. Besorgt hatte ich oben im Dunkel der Wände eingeschlossen gewartet, allein mit der Tatsache, daß lange Zeit nichts geschah und alles still blieb. Ich wollte schon nach ihr sehen, da kam sie zurück, glitt stöhnend ins Bett, nahm meine Hand. Ich rückte heran, wie ich es so viele Nächte getan hatte, während derer ihre Hand in meiner war und ich gewartet hatte, bis sie einschlief. Ioanna wälzte sich unruhig und in stiller Aufruhr. Ich streckte den Oberkörper ganz nahe ans Bett heran. Ein Geruch wie von einem Säugling ging von ihr aus. Nach Sauerrahm. Mir schwindelte. Es ist gut, flüsterte ich, alles ist gut. Ioanna wandt sich und wimmerte. Meine freie Hand berührte ihren Arm, und auch das war ja schon vertraut, streichelte ihre Armbeuge, tastete sich bis zum Saum des Ärmels vor. Ioannas Lippen bewegten sich. Das Wimmern hielt an. Ich setzte mich auf die Bettkante. Meine Hände strichen Ioanna das verschwitzte Haar aus der Stirn. Ihre Wange war ganz kühl. alles ist gut, flüsterte ich wieder, alles ist gut. Ioanna bewegte den Kopf und murmelte etwas, das ich nicht verstand. Unter dem Hemd fühlte sich ihre Schulter sehr rund an. Bei jedem Atemzug kam ein Klagelaut aus ihrer Kehle. Eine Weile ruhte meine Hand auf ihrem Arm. Wieder murmelte sie etwas und drehte dabei den Kopf von mir weg. Im schrägen Licht der Straßenlaterne sah ich ihren halboffenen Mund. Als ich ihr Ohr berührte, schloß sie die Augen und schien etwas in ihrer Sprache zu sagen, aber ich ließ sie nicht zu Wort kommen, sondern fuhr meinerseits fort, auf sie einzureden, gut, alles ist gut … Ihre Lippen bewegten sich. Ich neigte mich noch näher herab und hörte, wie sie in einem fort dasselbe murmelte, etwas, das sich anhörte wie kialo … kealo … kiallo …
Auf der Bettdecke lag schräg der Schein der Straßenlaterne. Es schneite; über dem Laternenlicht wirbelten frische Flocken, fielen aus dem Schatten oben heraus, strömten ins Licht, das sie einen Moment in sich aufnahmen und glitzernd streuten, ehe sie träge wirbelnd auf dem matten Weiß der Straße erloschen. Stoff raschelte. ke állo. Das Bett knarzte, als ich mich zu ihr legte. ke állo
Auf der Bettdecke lag schräg der Schein der Straßenlaterne. Es schneite; über dem Laternenlicht wirbelten frische Flocken, fielen aus dem Schatten oben heraus, strömten ins Licht, das sie einen Moment in sich aufnahmen und glitzernd streuten, ehe sie träge wirbelnd auf dem matten Weiß der Straße erloschen. Stoff raschelte. ke állo. Das Bett knarzte, als ich mich zu ihr legte. ke állo
Ich hatte keinen Augenblick aufgehört zu reden. Schwiege ich, so würde in der Stille zwischen uns das, was ich tat, einen Namen bekommen. Also mußte ich reden, alles ist gut, alles ist gut … Und während ich weiter auf Ioanna einsprach, sowohl, um sie, als auch um mich selbst von dem abzulenken, was geschah, begannen meine Hände ein Eigenleben zu führen. Verstohlen kitzelten sie Ioannas Handflächen, liefen über die Innenflächen ihrer Arme, kicherten über die Gänsehaut, die das hervorrief, strichen über den Ärmelsaum, fühlten warme Baumwolle über nackter Haut und dann nackte Haut unter warmer Baumwolle und setzten sich so über ewig geglaubte Grenzen von Nähten, Stoff und Säumen einfach hinweg. Und während Ioanna zu seufzen begann und immer wieder ke állo murmelte, verstummte ich; doch jetzt waren meine Finger mutig geworden, umrundeten, ke állo, Ioannas Schulter, wagten sich weiter, schlüpften unter den Kragen des Nachthemds, ertasteten, ke állo, ihr Schlüsselbein, drängten sich bereits, ke állo, in ihre leicht geöffnete Achsel, zupften, ke állo, an dem drahtigen Flaum, waren noch nicht zufrieden, nahmen allen Mut zusammen, zögerten einen Moment, taten es dann und streiften endlich, ke állo, ke állo!, Ioannas Brust.
Die aufseufzte. Und da verstand ich auch, was ke állo bedeutete. Plötzlich las ich von Ioannas Lippen alles ab, was zu wissen war, und wußte es so genau und sicher, wie ich niemals etwas verstanden hatte. ke állo …Mehr … weiter … Gleichzeitig verstand ich gar nichts. Doch nichts zu verstehen, das war herrlich. Ioannas Brust war so voll und rund wie ein Mond. Haut umspannte Weiches, Weiches schimmerte warm, Wärme wogte und das Gewoge wölbte sich, gab Anlaß zu allerlei wilden Alliterationen und wuchs zu einem glattem, elastischen Widerstand, so rund und so prall, als strebe alles hin zu einer harten gestreckten Beere, um dort Ausgang und Erlösung zu finden. Daß Haut so sein konnte. Daß Wärme so sein konnte. Daß eine Frau so war. Unglaublich war das. Voll waren meine Hände mit dieser Haut und dieser Wärme, und hielten die Zeit in ihrem Strom fest. Begreifen – nein, begreifen konnte ich nichts von dem, was meinen Händen da zufiel: Ich wußte ja nicht, wie eine Brust war, deshalb konnte ich auch nicht wissen, daß diese Brust so war. Ich wußte nur, daß es Ioannas Brust war, die ich streichelte, daß es Ioannas rauhe Stimme war, die schluckte, daß es Ioannas Atem war, der meine Wange streifte, daß es Ioanna war, die immer noch ke állo murmelte, sprach und schließlich laut rief. Ich wußte ja nicht, wie diese Brust hätte anders sein können. Es war Ioannas Brust, und das war schon unerhört genug. Ja, das war, wie wenn man ein Heiligtum betrat, etwas Verbotenes erblickte, und eine Grenze für immer übertrat.
Und so war es ja auch. Ich verließ etwas. Ich ging für immer. Ich käme nicht mehr zurück. In dem Augenblick, wo ich alles gewann, hatte ich es auch schon verloren. Nie wieder hat sich eine weibliche Brust noch einmal so angefühlt.
Ich sah nicht hin. Fühlen wollte ich, nur fühlen. Plötzlich waren meine Hände überall auf ihrem Körper, wanderten und lernten die Wörter für Hals, für Schulter, für Bauch, für Nabel neu.
Ich hatte es nicht darauf abgesehen. Nicht einmal, als ich auf der Bettkante saß und alles ist gut murmelte, während Ioanna stöhnte und den Kopf hin und her wandte, nicht einmal da, nicht einmal, als ich verstand, was sie wohl meinte, nicht einmal, als meine Hand unter ihr Hemd glitt, gab es irgendein Ziel, außer dem, es nicht mehr, nie wieder, aufhören zu lassen. Sie zupfte an meinem T-Shirt, kannst du das ausziehen, bat sie flehentlich, als klage sie immer noch, und wirklich war es ja eine sanfte Klage, daß noch immer Stoff zwischen uns sei, und als ich meinen Kopf aus dem Gewebe befreit hatte, öffnete ich die Augen: Ioanna lag nackt bis zur Hüfte im halben Licht der Straßenlaterne, Schaum und Marmor und Haar und Mond wie die kyprische Geburt. Wir preßten uns aneinander. Unsere Hände ein Wald, ein Wind, ein Rudel sanfter Tiere. Im Wechsel strömte der Atem zwischen uns her und hin. Ich roch sie. Ich atmete durch ihren Mund. Eine Ewigkeit verging, während der Schnee fiel und fiel, bis er ein Mäuerchen vor das Fenster gehäuft hatte. Irgendwann klirrte ein Gürtel, Stoff strömte beiseite und fiel zu Boden, und dann, als wir wieder nebeneinander lagen und ich ihre Hand mich fordern fühlte, sprach ich mein erstes Wort in Ioannas Sprache. Ich stützte mich auf den Ellbogen. Meine Hand berührte wieder einen Saum.
Perímene, flüsterte ich, warte …



Dienstag, 29. Mai 2007

Lichtwochen und ein Blick (7)

Jeder Schlaf war ein halber Schlaf, ein Schlaf des Mangels, der nach einem zweiten Schlaf rief, die Träume nach ihrem Gegenstück. Seine Brust nach E.s Rücken. Ein halber Schlaf bei brennendem Licht. Eine rohe Bewußtlosigkeit, während der Mond die Gardinen einschiente. Oft kam ihm ein Kitzeln in die Nase, so daß es ihn hochriß aus dem feuchten Kissen (hatte er sie nicht hereinkommen hören?) und er angestrengt starrte, unfähig, die Hand auszustrecken (ihr Haar in seiner Nase), aus Angst (aber war da nicht ihr Duft vernehmbar?), nur Bettzeug und Wand zu ertasten und schwitzende Leere. Duftlos. Es dauerte Stunden, ehe er erwachte. Zuviele Stunden blieben. An Schlaf nicht mehr zu denken. Manchmal war es so heiß im Zimmer, daß das Bett ihn auszuspeien schien. Dann stand er auf, trat in das Becken des Mondlichts und rauchte.




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Kommt herein, hier sind auch Götter ...

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