Mores Ferarum

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Sus scrofa

Schon seit Einbruch der Dunkelheit hatte ich sie gehört. Eingenistet in eine zunächst als ungefährlich empfundene Ferne (die gleichwohl die Art dieser Anwesenheit wenn nicht erkennen, so doch erraten ließ), wurden die Geräusche langsam lauter, ein Schnaufen und Scharren und Knacken und Rülpsen, dessen Urheber sich im Laufe der Nachtstunden langsam, mit mancherlei Vor und Zurück, aber im Ganzen doch immer mehr näherte, sich manchmal ins Halbbewußtsein des Schläfers schob, wieder daraus zurückwich und sich noch mehrmals in Erinnerung rief, jedesmal lauter, jedesmal ein bißchen näher, bis es ihn gänzlich weckte, und ihn, der anfangs, kurz nach Sonnenuntergang, sich vielleicht über die Natur des Geräuschs noch selbst hatte täuschen können, jedes Zweifels darüber, was da draußen rülpste und schmatzte und wühlte, behob.
Und dann ging’s los, sehr schnell, wie auf ein verabredetes Zeichen, wie, daß man nun lange genug vorsichtig gewesen, lange genug nur gespielt hatte, und nun entschlossen war, ernst zu machen. Galopp zahlreicher Hufe krachte auf einmal aus sehr naher Distanz durch den Wald, Zweige knackten, Laub raschelte, Steinchen schienen wegzuspringen, während es sich anhörte, als wälze sich da ein einziger schwerer Koloß durchs Unterholz, der sich zudem rasch, sehr rasch, als wollte er es niederwalzen, dem Zelt näherte.
Mit einem Satz aufrecht, zitternden Fingers den Zeltreißverschluß aufgerissen, mit der freien Hand schon nach dem eiskalten Hammer getastet. Der Reißverschluß klemmte, das Zelt wackelte, die Walze walzte. Stockend glitt der Reißverschluß nieder und ein Schlitz aus hellem Licht öffnete sich in der Zeltwand. Mondlicht ergoß sich über die Wiese. Schemenhaft standen davor die nächsten Bäume. Ohne Brille war alles nur ein schimmerndes Durcheinander, und während ich nach meinen Augengläsern suchte, zerfiel das Geräusch wieder in einzelne Laute, gliederten sich Trippeln und Scharren und Grunzen daraus ab, langsamer jetzt, zögerlicher. Ich setzte die Brille auf, der Mond schrumpfte zum Kreis, es war fast Vollmond, wolkenloser Himmel, und die Wiese lag jenseits der schmalen Baumreihe in einer Klarheit da, daß einzelne Halme im Licht schimmerten. Und noch etwas sah ich sofort, ich mußte nicht lange suchen und das Zelt nicht verlassen, weil sich der Eingang genau dorthin öffnete: Da waren sie. Jetzt passierte es mir auch einmal. Sie standen in unmittelbarer Nähe, am Rand der Wiese und vereinzelt zwischen den Bäumen, die Borsten im Mondlicht gesträubt, die Leiber glänzend und massig, aus der Perspektive des zu ebener Erde liegenden Zeltschläfers riesige Tiere, vier, fünf, acht, zehn, eine ganze Rotte: Wildschweine.
Es war, als beachteten sie mich nicht, als käme ich, ungeachtet des früheren Eindrucks, in ihren Plänen und Absichten, falls Wildschweine so etwas haben, gar nicht vor; als ignorierten sie mich, oder, wenn das überhaupt möglich war, als hätten sie mich in ihrem unergründlichen, auf anderes gerichteten Schweineeifer noch gar nicht bemerkt.
Daß letzteres wahrscheinlich zutraf, merkte ich ein paar Augenblicke später. Ratlos, was zu tun sei, ob überhaupt etwas zu tun sei, betrachtete ich die müßig herumstehende Rotte. Unter ihnen war ein Tier, das alle anderen weit überragte, furchterregend anzuschauen, dunkel, borstig, schemenhaft-muskulös und aus der Froschperspektive, am Boden liegend, groß wie ein Pferd.
Geschichten von Wanderern oder Spaziergängern, die sich unverhofft Wildschweinen gegenübergesehen und von ihnen attackiert worden seien, Meldungen von Gärtnern, die am hellichten Tag in ihrem lauschigen Schrebergärtlein ohne ersichtlichen Grund angefallen und verletzt worden seien, schossen mir durch den Kopf. Einem arglosen Wanderer hatte ein Keiler den ganzen Oberschenkel aufgeschlitzt. Von einem anderen hieß es, er habe sich in einen Müllcontainer retten können. Keine schönen Aussichten, selbst wenn es hier einen Müllcontainer gegeben hätte. Es war indes in diesen durchaus furchterregenden Geschichten immer nur die Rede von der Gefahr gewesen, die von einem Wildschwein ausgehen könne. Ich aber hatte ungefähr zwanzig Tiere vor mir, noch dazu eines, das groß wie ein Pferd war. Später las ich, Gruppen von mehr als zwanzig Tieren seien in Mitteleuropa sehr selten. Vielleicht doch nicht so selten, wie man bislang vermutet hatte. Der Umstand, daß ich mich nicht bei hellem Sonnenschein und in der Nähe menschlicher Siedlungen in einem Schrebergarten aufhielt, sondern nachts mutterseelenallein im Wald am Boden lag, mit nichts als einem Hammer und einer Packung Bio-Vollkornkekse bewaffnet, machte die Sache nicht besser.
Ich weiß nicht, was sie schließlich vertrieb, aber ihre Flucht war genauso unheimlich, wie ihr Herannahen. Ich hatte mein Feuerzeug herausgeholt, in der irrwitzigen Annahme, daß Tiere vor Feuer Angst haben müßten, hielt es ins Freie, zündete es und fragte mich, wie sich wohl der Eckzahn eines Keilers im Oberschenkel anfühlen mochte.
Es machte klick.
Und das war schon das Erschreckendste daran. Mag ja sein, daß Tiere, sogar Wildschweine, Angst vor dem Feuer haben. Vor dem Feuer, ja. Aber dieses fahle Flämmchen als Feuer zu bezeichnen, war bestenfalls leichtsinnig. Das Lichtlein war auf die Entfernung für die Schwarzkittel wahrscheinlich nicht einmal zu sehen, waren nicht Wildsauen sogar kurzsichtig? Und Furcht hätte es allenfalls einem Glühwürmchen einjagen können, und auch nur einem besonders furchtsamen. Natürlich hatte ich meine Stirnlampe vergessen. Klar. Die lag zu Hause in der Schreibtischschublade und war dort in diesem Moment nicht unbedingt von Nutzen.
Aber besser ein Feuerzeug in der Hand als eine Lampe in der Schublade, und wer weiß? Vielleicht hatten sie das Klicken der Feuerzeugmechanik doch gehört und sich von diesem ungewohnten, wenngleich sehr leisen Geräusch verwirren lassen, wer kann sagen, was in der empfindsamen Seele einer Wildsau vor sich geht? Vielleicht hatten sie auch die Bio-Vollkornkekse gewittert und Angst bekommen. Jedenfalls gab es plötzlich eine Bewegung, ausgehend von dem pferdegroßen Keiler, die im Nu auf die ganze Rotte übergriff: Die Leiber wirbelten herum und preschten im, naja, Schweinsgalopp ist hier wohl das beste Wort, davon, zurück in den Wald, panisch, ins Dickicht, wo alle zwanzig oder mehr Tiere innerhalb von Sekunden verschwunden waren.
Und ebenso schnell verstummte jedes Geräusch. Kein ersterbendes Galoppieren, kein Hufgetrappel aus den Weiten des Waldes, kein nachhallendes Grunzen irgendwo in der Ferne, kein Knacken von Zweigen, nichts. Von einem Atemzug zum nächsten war alles vorbei. Nicht einmal ein Blatt raschelte noch. Es herrschte Totenstille. Es war, als hockten sie nur wenige Schritte entfernt und warteten ab. Lauschten ihrerseits. Lauerten.
Vielleicht hockten sie da auch wirklich, aber sie haben sich die ganze spätere Nacht weder blicken lassen, noch auch nur einen kleinen Rülpser von sich gegeben. Es war, als hätten sie nie existiert. Am Morgen erstreckte sich der Wald licht und geräumig ums Zelt, Sonne spielte im Herbstlaub, der Grund schien unberührt, keine Tiere waren zu sehen, bis auf ein paar Pferde, die auf einer benachbarten Weide grasten.
„Und, hast du was Schönes erlebt?“ fragte mich K. anderntags.
„Ja“, sagte ich, „ich habe eine Rotte Wildschweine mit Bio-Vollkornkeksen in die Flucht geschlagen.“

Montag, 16. Februar 2009

Der erste (Fringilla coelebs)

Es braucht einen Moment, ehe ich begreife, was ich da eben gehört habe.
Unvermittel und unangekündigt, als wäre es nichts, hatten sie wieder eingesetzt, so heimlich, daß ich mir nicht sicher sein kann, sie nicht vielleicht schon vorgestern oder letzte Woche vernommen zu haben. Als hätten sie nicht geschwiegen so lange Zeit – wollten sie mich jetzt zum besten halten? Wann hatten sie das untereinander ausgemacht? Oder war es Bescheidenheit, die sie so ohne jedes Aufhebens und an jener unauffälligen, durch nichts aus der Menge anderer Orte herausgehobenen Stelle (ein bißchen grauweißliches Gestrüpp, eistrockenes Gras, Kiefern und Eichen im Wechsel) wieder einsetzen ließ?
Oder war es ihnen peinlich, so lange geschwiegen zu haben? – Jetzt glauben sie, es fällt keinem auf, sagt eine imaginäre Begleiterin und kickt einen Stein weg.
Ich kann mich auch getäuscht haben, und sie haben viel früher schon begonnen, so mir-nichts-dir-nichts, wie die Stimmen, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben, als sei der Winter einfach nur ein ärgerlicher Irrtum meinerseits, ihre Trillerketten genau an dem losen und versteckten Ende wieder aufnahmen, wo sie (wenn es denn überhaupt eine Pause gegeben hat) irgendwann vor ein paar Monaten (oder vielleicht auch nur Tagen, Stunden) abhanden gekommen waren. Und vielleicht war ja wirklich keine Zeit vergangen? Alles eine Verwechslung, ein wüster Traum, ein Stocken der Säfte, eine Halluzination? Wir haben hier schon immer getrillert, trillern sie, und wenn du uns nicht hörst, ist das dein Problem.
Nie eine Frostnacht, nie ein Sturm, die mürrischen Menschen nicht, die langen Nächte nicht und auch nicht die müden Nüsse und die verschrumpelten Äpfel: Alles war gestern morgen so frisch, als sei es eben ins Dasein getreten, der Frost auf den Wegen zerschimmernd wie ein Rest vorgeburtlicher Unvollkommenheit, ein Schorf, ein Überbleibsel, etwas, das sich noch glätten, aushärten, austrocknen müßte und seine vorbestimmte Form bald annähme, wie eine blitzende Libellenschwinge.
Vielleicht hatte auch nicht ich mich geirrt, sondern die Zeit selbst: Sie konnte sich ja verschluckt haben an einer Stunde oder einem schiefen Augenblick, wie es deren viele gibt; sie war gestolpert und zur Blase angeschwollen, hatte sich selbst zu labyrinthischer Vielfalt ausgetrieben … und war jetzt, in jenem Augenblick, dem nur noch Reste der Irrfahrt – Eisblumen, Baumskelette, Schneepfützen – anhafteten, und da der Buchfink wieder (genau, als wäre nichts gewesen, und es war ja auch eigentlich keine Zeit vergangen) zu trillern begann, an ihren Ausgangspunkt vor dem Mißgeschick zurückgekehrt: Ein Trillern im Baum. Und da war es wie immer.

Freitag, 9. Mai 2008

Tipulidae

Tipulidae

Freitag, 11. April 2008

...

Rosalie-leuchtend

Mittwoch, 3. Oktober 2007

...

Spinnengruen

Freitag, 29. Juni 2007

Rosalie εν Αλσει

Rosalie



Donnerstag, 28. September 2006

Erinaceus europaeus

sechs uhr morgens. mitten auf der straße sitzt im laternenlicht ein dunkles knäuel, nein, keine katze, ein igel! und sieht mir mausgrau entgegen, mit erhobener schnauze.
ich verlangsame den schritt und trete sehr vorsichtig näher. der igel sitzt und rührt sich nicht. ich komme noch näher, bis ich genau vor ihm stehe und mein dreigeteilter laternenschatten über ihn fällt. der igel schaut mich kurzichtig an und rührt sich nicht. da stupse ich ihn behutsam, damit er von der gefährlichen straße weggkommt und in den sicheren büschen der vorgärten verschwindet, er aber, wie es igel nunmal zu tun pflegen, macht seinem namen alle ehre – er igelt sich ein.
andertalb stunden später komme ich wieder an der stelle vorbei. eine schule ist in der nähe. es ist acht uhr, und die straßen wimmeln schon von rangierenden, wendenden, startenden autos, mit denen die übervorsichtigen eltern – umweltbewußt, mit biodiesel – ihre kleinen zum unterricht gebracht haben. im geiste sehe ich schon die schleifspur aus blut, gedärm, krallen und fell – aber nein, die straße ist leer. zwei drei selbstbewußtere abc-schützen kommen mir hand in hand zu fuß entgegen. dann liegen die straßen wieder still in der morgensonne, und selbst ein igel käme nun gut hinüber. nur der geruch nach biodiesel hält sich noch lange und läßt sich von die morgenbrise nicht vertreiben.



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Mittwoch, 1. Juni 2005

Tipula sp.

Aufwachend unbebrillt verwaschenes strukturiertes Dunkeletwas über mir an der Wand, das gestern abend eindeutig noch nicht … sollte das … die treten sehr zahlreich auf dieses Jahr … gestern im Hausflur auch schon eines erlegt … die Wälder wimmeln davon … ohneinohnein.

Also vosrichtigster Bettdeckenzurückschlug (immerhin können die fliegen) und Ausdembettwalz, gefolgt von fingerndem Brillenaufsatz, Blick zur Wand, zur Decke, da … ach du grüne Neune! Was für ein Exemplar, das ist ja schauderhaft. Hinterleib mindestens zweieinhalb Zentimeter, die Farbe nicht graubraun, wie bei den erträglicheren Exemplaren, sondern fast tiefschwarz, der Kopf mit dem rüsselartigen Fortsatz deutlich zu erkennen, und die Beine … ein Graus.

Absolut widerlich.

Vorsichtigst genähert, um ja keinen Wegschweb mit anschließendem Umherschwirr und Verschwund in den Klüften meines unaufgeräumten Zimmers zu verursachen, dann handtuchbewehrte Faust darauf. Ende.

Ichweißichweiß, da mime ich den Naturheini und langahaarigen Töpferkursbesucher und dann so etwas. Ja, ist mir bekannt, die sind harmlos, beißen nicht, stechen nicht, sind ungiftig und wahrscheinlich vertilgen sie obendrein noch jede Menge Schädlinge. Und, klar, faszinierend sind sie, mit ihrem elfenhaft schlanken Leib, den großen halbdurchsichtigen Flügeln, dem schwirrend-langsamen Flug.

Aber ich find sie nun einmal höchst eklig. Ich kanns nicht ändern. Im Freien ist es in Ordnung. In Innenräumen bekomme ich Panikattacken.

Wie Heinz Sielmann es formuliert haben dürfte: Diese adbutiged Tierched sidd tatsächlich völlig harblos udd verdieded udsere Wertschätzugg, obwohl ibber doch viele Bedsched große Scheu vor ihded ebfidded.

(Tipula sp. Tipulidae sind die größte Familie der Ordnung Diptera (Zweiflügler), zu denen Fliegen und alle Arten von Mücken gehören. Larven knabbern gern an den Wurzeln von Setzlingen. Wirtschaftlicher Schaden eher gering. Die Imago frißt gar nichts, sondern ist mit Fortpflanzung beschäftigt.)

Dienstag, 26. April 2005

De nucibus

Wo immer sich in einem eng eingegrenzten Tätigkeitsbereich, sei es in der Jagd, sei es in einer Wissenschaft, sei es in einem Handwerk, ein Spezialvokabular entwickelt, kann es zu merkwürdigen Überschneidungen mit dem Alltagsgebrauch von Begriffen kommen, deren Fachwortbedeutung und deren umgangssprachliche Bedeutung mitunter stark voneinander abweichen. So meint der Jäger kein Drüsensekret der Haut, wenn er von „Schweiß“ spricht, sondern Tierblut. Der Seemann sagt „Ende“ und meint damit ein beliebiges Stück Tauwerk. Das Ruder heißt nicht Ruder, sondern Riemen, und „Ruder“ ist wiederum etwas ganz anderes.

Ein solches Auseinanderdriften kann verschiedene Gründe haben. In der Jagdsprache liegt so etwas wie eine Tabusprache vor (das Gemeinte darf nicht mit dem gewöhnlichen Wort bezeichnet werden, weil das zu jagende Tier es hören und gewarnt werden könnte); in vielen Fällen trägt die Fachsprache wohl auch dem unbewußten Wunsch der Fachleute nach Abgrenzung und Geheimhaltung Rechnung („Medizinerlatein“). In der Hauptsache entwickelt sich eine Fachsprache jedoch aus dem Bedürfnis heraus, feine Unterschiede, die der Umgangssprache gleich sind, benennen zu können („Rispe“ im Unterschied zu „Dolde“); auch bezeichnen Fachsprachen oft Gegenstände und Erscheinungen, die im Alltag nicht vorkommen („Quarks“, „Protonen“); dann wieder geht Alltagsgebrauch und fachsprachlicher Gebrauch auseinender, weil Volksklassifizierung und wissenschaftliche Klassifizierung zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, die unterschiedliche Benennung nach sich ziehen („Rot-“ und „Weißtanne“ gegenüber „Fichte“ und „Tanne“).

Ein solcher Fall liegt auch im vielzitierten Nußproblem vor. Spätestens seit Herrn Jauch läßt sich auch der Nichtbotaniker gern verblüffen, welche Früchtchen Nüsse oder Beeren sind und welche nicht. Mittlerweile hat es sich ja schon herumgesprochen, und jeder Hobbykoch, der was auf sich hält, weiß und verkündet: Erdnüsse sind keine Nüsse!

(Walnüsse, Paranüsse, Kokosnüsse übrigens auch nicht)

Warum aber nicht?

Das schöne an botanischen Klassifikationen ist, daß sie erstens exakt und zweitens erschöpfend sind (das heißt, es bleibt keine Restkategorie übrig, in die all das fällt, was unter keiner anderen Kategorie einsortiert werden konnte). Botaniker klassifizieren Fruchtformen zunächst nach zwei Grundtypen: Einzelfrüchte und Sammelfrüchte. Innerhalb der Sammelfrüchte geht die Einteilung weiter mit Schließfrüchten (die Frucht löst sich als ganzes von der Pflanze), Zerfallfrüchten (Frucht zerfällt in zwei oder mehrere Teilfrüchte) und Springfrüchte (Frucht öffnet sich zur Reife noch an der Pflanze und gibt die Samen frei). Nüsse gehören nun (wenn es sich um Einzelfrüchte handelt) zu den Schließfrüchten. Für deren weitere Einteilung ist nun die Form der Fruchtwand (das sogenannte Perikarp) entscheidend. Ist diese durchgehend fleischig, spricht man von einer Beere. Beeren im botanischen Sinn sind etwa Heidelbeere, Tomate, Gurke, Melone. Differenziert sich das Perikarp in einen inneren Steinkern und einen äußeren fleischigen oder faserigen Teil, spricht man von einer Steinfrucht. (Um eine Scheinfrucht hingegen handelt es sich etwa beim Apfel, weil beim Fruchtaufbau nicht nur der Fruchtknoten, sondern noch andere Pflanzenteile beteiligt sind.)

Von einer Nuß spricht man nun, wenn das Perikarp durchgängig verholzt ist. Dies ist der Fall bei der Haselnuß, die wirklich eine waschechte Nuß ist. Auch Bucheckern, Kastanien und Eicheln sind Nüsse im botanischen Sinn.

Die Walnuß dagegen ist der Samen einer Steinfrucht. Desgleichen die Mandel, die Paranuß und die Kokosnuß.

Und die Erdnuß? Ist eine Hülsenfrucht wie die Erbse, die Bohne, die Frucht von Lupine oder Ginster. Übrigens: Erbsen liegen nicht in einer Schote, sondern in einer Hülse.

Aber das führt jetzt zu weit.

Dienstag, 18. Januar 2005

Tränenkiefer

Beim Hinausgehen fällt der Blick ins Leere. Ein Platz spannt sich, ein großer Schwung Himmels tut sich auf, wo vorher … ja, was war denn vorher hier? Hier war doch nie so viel Weite, so viel Sturzferne, hier war doch etwas, das begrenzte, dunkel war, Schatten warf. Etwas, das den Blick kleinräumig auffing. Gewächs, Blatt?fficeffice" >

Die Weidenbäume. Jemand hat sie übernacht, so scheint es, heimlich, diebisch, verstohlen, merken solls keiner, abgehauen.

Jetzt die lächerlichen Spiegelungen des Blechs auf dem Parkplatz plötzlich so blank: ein Grinsen von lackblitzender Selbstgefälligkeit. Unbeschattet baumlos bleckt und bellt es hämisch zum Himmel empor.

Am Montag auf dem Weg zum Bahnhof drängt sich etwas zaghaft in meinen Augenwinkel, während ich an der Ampel warte, und nachdem ich den Kopf gewendet habe, will ich es erst gar nicht bemerken und brauche Augenblicke, um zu sehen: Ein Fehlen auch hier. Was fehlt, begreife ich indes sofort, vor kurzem erst hab ich ihn bewundert und mich gefragt, ob das jetzt wirklich so einer sei, dessen Name mir zwar sofort auf die Zunge springt, aber sicher bin ich mir nicht, Pinus wallichiana, und bewundert habe ich ihn, weil Nadelbäume in der Stadt oft so kränklich aussehen, so zerzaust von Rauchgas und kastriert vom Klammergriff des Asphalts an den Wurzeln. Dieser hier nicht. Voll und langnadelig glänzt sein Laub (Immer zwei Nadeln aus einem Ansatz, was ihn zu einem Vertreter der Gattung Pinus macht) und fällt wie Strähnen silbriggrünen Haars büschelweis über die Zweige. Glänzte, fiel, denn da, wo er noch vor wenigen Tagen stand, ist jetzt nur blanke Häuserfront hinter schaukelnder Straßenlaterne, nicht einmal den Stumpf haben sie gelassen, eine braunzerwühlte Erdwunde krümmt sich im jetzt leeren Vorgarten, als hätten sie, wer immer es war, die ihn umgehauen, ihn mit Stumpf und Stiel beseitigen, vernichten, ausmerzen wollen. Als wäre es nicht genug gewesen, ihn abzusägen. Als hätte er die Gabe, wiederzukommen, auszuschlagen noch einmal grün und stark und frisch aus der harzblutigen Stumpf.

Wie immer bei solchen Gelegenheiten, bei solchen Vorfällen setzt sich in mir das Gefühl fest, bis es zur Überzeugung wächst, daß alles immer weniger wird.

VOCES INTIMAE

... for we have some flax-golden tales to spin. come in! come in!

Kommt herein, hier sind auch Götter ...

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