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Mittwoch, 7. Juli 2010

Phonem, Phon, Allophon

Eine der griffigsten Definitionen von Phon und Phonem habe ich gleich zu Beginn des Studiums gehört, in meiner allerersten Veranstaltung überhaupt („Einführung in die synchrone Sprachwissenschaft anhand der deutschen Gegenwartssprache“). Sie lautet:
Ein Phonem ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit auf der Ebene der Langue (des Sprachsystems).

Ein Phon ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit auf der Ebene der Parole (der tatsächlich statthabenden Rede).
Alles andere, Allophon, Realisierung, Opposition und der ganze Rest, folgen logisch aus dieser Bestimmung. Das ganze Studium bin ich immer gut gefahren damit, und wahrscheinlich würde ich sie immer noch unterschreiben, wenn ich nicht eines Tages selbst mit der Aufgabe betraut worden wäre, ein Einführungsseminar zu unterrichten.

Da dämmerte mir: Irgend etwas konnte nicht richtig sein. Die Definition besagt, daß Phone echte Sprachlaute sind, wie sie in der Wirklichkeit begegnen, die gehört werden, gemessen und zerlegt werden können, und die, jeweils für sich, einen zugrundeliegenden Lautplan, eine Art Lautvorschrift befolgen oder realisieren, nämlich das der Regelebene angehörende Phonem. Das Phonem kann man weder hören noch messen noch zerlegen. Es existiert nur als (vom Linguisten erschließbare) Regel, deren Anwendungsergebnisse wiederum die Phone sind. So weit so klar.

Dann ist da aber noch die Sache mit der Allophonie. In allen Sprachen (in manchen öfter und komplizierter, in anderen weniger und einfacher) stößt man auf das Phänomen, daß manche Phoneme nicht ein, sondern gleich mehrere Phone festlegen, und zwar je nach dem, in welchem Kontext anderer Phoneme das fragliche Phonem realisiert werden soll: Sprachlaute beeinflussen einander, und zwar tun sie das in regelmäßiger Weise. Man versäumt eine wichtige Verallgemeinerung, wenn man zwei Laute, die auf regelmäßige Weise miteinander korrespondieren, als zwei unabhängige Laute auffaßt. Tatsächlich sind sie schicksalhaft so eng miteinander verknüpft, daß man sie besser als zwei Erscheinungsformen desselben zugrundeliegenden Dings ansieht. Drei Illustrationen dazu, zwei aus einem anderen Bereich als dem der Sprachwissenschaft, eines aus der deutschen Standardsprache:
Die Uniformen des Zugbegleitpersonals der Deutschen Bundesbahn hat zwei klar geschiedene Formen, eine die aus Blazer, Hose und einem schirmlosen Hütchen besteht, eine andere mit Jacket, Hose und einer Schirmmütze als Hauptzier. Es wäre nun ziemlich ungeschickt, davon zu sprechen, daß die DB einfach zwei verschiedene Uniformen hat; insbesondere könnte man mit einer solchen Beschreibung den Sinn von zwei Uniformen gegenüber einer einzigen Uniform nicht erfassen. Bei genauerem Hinsehen fällt aber eine bestimmte nichtzufällige Verteilung auf: Weibliche Angestellte tragen das Hütchen, männliche die Schirmmütze. Das heißt, welche der beiden Uniformen erscheint, hängt vom Geschlecht dessen ab, der sie trägt. (Natürlich könnte es auch andersherum sein und das Geschlecht von der verwendeten Uniform abhängen; in der Humanbiologie ist das der eher unwahrscheinliche Fall, der aber in der Linguistik sorgfältig geprüft werden muß.) Es ist nun zweckmäßig, nur von einer einzigen DB-Uniform zu sprechen, deren Erscheinungsbild in voraussagbarer Weise variiert: Das Mützchen kommt auf Frauen-, die Mütze auf Männerhäuptern vor; wo das eine vorkommt, kommt das andere nicht vor und umgekehrt. Eine solche Distribution (Verteilung) zweier Erscheinungsformen desselben „Urdingens“ nennt man komplementär.
Zweites Beispiel. Die Buchstaben des Lateinischen Standardalphabets erscheinen immer in einer von genau zwei Formen, die man Groß- bzw. Kleinbuchstaben nennt. Obwohl das so ist, spricht man immer nur von einem einzigen Buchstaben, sagt also etwa, das Alphabet habe 26 Buchstaben, nicht ihrer 52, undsoweiter. In phonologischen Termini würde man für jeden Buchstaben von einem einzigen Phonem reden, das zwei Realisierungen hat, einmal als Klein- ein andermal als Großbuchstabe. Wo welche Form des Buchstabens erscheint, ist eine Frage der jeweiligen Orthographie und (mehr oder weniger) genau geregelt. Es gibt eine Menge von Kontexten für Großbuchstaben (Anfang von Eigennamen, Satzanfang, nie außerhalb vom Wortanfang etc) und eine zweite Menge von Kontexten für Kleinbuchstaben, und wenn die DUDEN-Redaktion ordentlich gearbeitet hat, überschneiden sich die zwei Mengen nicht. Auch die Groß- und Kleinbuchstaben des Lateinischen Alphabets sind komplementär distribuiert. Wo ein Großbuchstabe steht, steht kein Kleinbuchstabe, und umgekehrt.
In natürlichen Sprachen ist es nun sehr häufig der Fall, daß bestimmte Laute sich verhalten wie DB-Uniformen und Buchstabenformen, nicht, daß sie Mützchen tragen, sondern daß sie komplementär distribuiert sind.
An dieser Stelle kommt in allen Einführungen zum Thema unweigerlich die Sprache auf den deutschen ch-Laut. Dieser Text ist keine Ausnahme.
Der Laut am Ende des deutschen Worts Bach und der Laut am Ende des deutschen Worts ich kommen jeweils in genau dem Kontext vor, in dem der andere nicht vorkommt. Der Bach-Laut kommt nur nach den Vokalen a, o und u vor; der ich-Laut in allen anderen Kontexten vor. Ebenso wie man von einer DB-Uniform und einem Buchstaben sprechen kann, kann man das ch in Bach und vom ch in ich als ein einziges Dingens auffassen, das noch kein Laut ist, das überhaupt nichts hör- oder meßbares ist, aber in Abhängigkeit von seiner Position durch die beiden Erscheinungsformen ch-in-Bach und ch-in-ich als konkreter Sprachlaut realisiert wird. Das fragliche Element ist nicht so sehr dadurch charakterisiert, was es ist oder wie es realisiert wird, sondern vor allem dadurch, was es nicht ist, und daß es sich von anderen Elementen und ihren jeweiligen Realisierungen unterscheidet. Man könnte dem Ding auch eine Nummer geben und es grün anmalen. Man könnte es natürlich auch rot anmalen. Wichtig ist nicht, welche Nummer, oder welche Farbe, sondern nur, daß es anders ist als die anderen, in linguistischer Sprechweise: Daß es zu anderen Elementen in Opposition steht.
Opposition ist das genaue Gegenteil der komplementären Verteilung. Zwei Elemente stehen in Opposition zueinander, wenn sie im selben Kontext vorkommen können und das Auftreten des einen und nicht des anderen, mit einem Wort, der Unterschied zwischen ihnen bedeutsam ist. So ist der Unterschied zwischen den im Deutschen Standardalphabet durch und repräsentierten /k/ und /t/ bedeutsam, da er Bedeutungen wie die von Kasse und Tasse unterscheidet. /k/ und /t/ kommen hier im selben Kontext /__ase/ vor. Natürlich heißt das nicht, daß sie im selben Kontext gleichzeitig vorkommen und sich auf die Füße treten, sondern daß sie dort ein Gegensatzpaar bilden: Kasse vs Tasse. Zwei Ketten von Elementen, die sich wie Kasse/Tasse nur in einer (unteilbaren) Stelle unterscheiden, nennt man übrigens ein Minimalpaar.
Elemente, die Bedeutungen unterscheiden (also im selben Kontext vorkommen, also in Opposition stehen), nennt man Phoneme. Wobei wir bei Teil eins der eingangs erwähnten Definition angekommen sind.
Wie verhält es sich nun mit dem Bach-Laut und dem ich-Laut? Sie kommen in getrennten Kontexten vor, stehen also nicht in Opposition. Ihr Auftreten ist vorhersagbar, weswegen sie nicht bedeutungsunterscheidend sein können. Mit anderen Worten, es gibt im Deutschen keine zwei Wörter unterschiedlicher Bedeutung, die sich nur durch die Differenz von ich-Laut einerseits und Bach-Laut andererseits unterschieden. Diese bilden kein Minimalpaar. Wohl aber bilden sie gemeinsam, bzw bildet das Phonem, das sie beide je nach Kontext realisieren, Minimalpaare mit anderen, quasi unbeteiligten Elementen: Nacht und nackt (Bach-Laut gegen /k/, die Schreibung ist irrelevant); nüchtern und Nüstern (ich-Laut gegen /s/). Diese Erscheinung nennt man Allophonie, die zwei (oder mehr) durch Kontext bedingten Realisierungen eines einzigen Phonems Allophone.
Und jetzt zum eigentlichen Problem. Phoneme sind abstrakte Einheiten, die nur über ihre Realisierungen in Erscheinung treten. Diese Realisierungen sind die Phone, bzw die Allophone. Wenn man diese nun als konkrete, beobachtbare, meßbare, durch Sprecher produzierte Lautereignisse auffaßt (also quasi im Sinne von Verwirklichungen platonischer Ideen), kommt man in gewisse Schwierigkeiten, die Allophonie betreffend. Denn: Keine zwei Realisierungen desselben Phonems sind jemals gleich. Nicht nur die Sprecher unterscheiden sich in winzigen anatomischen und artikulatorischen Details; auch keine zwei von einem einzigen Sprecher nacheinander produzierten Realisierten eines Phonems sind wirklich identisch. Das t in Tasse kann ein bißchen mehr oder weniger stimmhaft, ein bißchen mehr oder weniger aspiriert, ein bißchen länger odr kürzer, ein bißchen dentaler, ein bißchen alveolarer artikuliert sein. Stets gibt es winzige Abweichungen. Alle diese winzigen Unterschiede sind natürlich nicht signifikant, sie verändern nicht die Bedeutung. Aber sie ließen sich schön praktisch als Realisierungen eines einzigen Phonems /t/ zusammenfassen. Also sind es Allophone von /t/?
Dann hätte aber nicht nur /t/, sondern jedes Phonem unendlich viele Allophone; und eine regelmäßige Verteilung wie man sie beim ich-Laut und beim Bach-Laut beobachtet, ginge in einem Wust von unsystematischer, sprunghafter Varianz verloren. Das ist ein bißchen so, als müßte man jedes lose Fädchen, jeden Kekskrümel, jede Sitzfalte und jeden Dreckspritzer als eigene Ausgabe der DB-Uniform auffassen, gleichberechtigt mit den weiblichen und männlichen Formen. Oder als müßten wir jeden verrückten Einfall irgendeines Schriftgraphikers, hier ein bißchen mehr Strichstärke, hier größere Punzen, dort kleinere Serifen, neben Versalien und Kleinbuchstaben als je eigenständige Buchstabenformen ansprechen. Wir könnten dann die Generalisierung, daß es prinzipiell zwei Formen gibt, nicht mehr aufrechterhalten.
Daher können Allophone noch nicht die tatsächlichen Realisierungen ihres Phonems, noch keine wirklichen, meß- und hörbaren Schallereignisse sein. Eine zweite abstrakte Ebene muß her, zwischen Phonem und Laut, eine Ebene, auf der die systematischen Zuordnungen zwischen Allophonen und Phonemen vorgenommen werden. Die tatsächlichen Realisierungen lassen sich ja wieder den Vertretern der systematischen Varianz zuordnen, beide Uniformformen haben ihre je eigenen Realisierungen in Gestalt von individuell verschmutzten, abgetragenen oder sonstwie veränderten Kleidungsstücken, dennoch bleiben sie als männliche oder weibliche Form erkennbar; der Bach-Laut und der ich-Laut haben je für sich ihre eigenen Winzvarianzen, ohne deshalb aufzuhören, Bach- oder ich-Laut zu sein. Die Varianz der tatsächlichen Laute wimmelt um das Zentrum dessen herum, was die Allophone artikulatorisch vorgeben:
Das Phonem ist die kleinste bedetungsunterscheidende Einheit auf der Ebene des Sprachsystems. Es wird realisiert durch Allophone, in denen sich eine systematische Varianz manifestiert. Allophone schließlich werden durch Lautereignisse realisiert, die zufälligen winzigen Abweichungen unterworfen sind.

Mittwoch, 28. April 2010

Starke Verben im Französischen

Kürzlich beim Stöbern auf der Internetseite der Gesellschaft zur Stärkung der Verben fiel mir wieder ein, wie mein Banknachbar und ich in der Oberstufe im Mathematikunterricht ein neues französisches Verb erfanden. Ausgangspunkt war, daß wir uns angesichts der phantastischen Ereignisse an der Tafel des öfteren ratlos ansahen; irgendwann sagte einer von uns bei einer solchen Gelegenheit Moi, je raffe rien., womit auf Pseudofranzösisch gemeint war, daß die analytische Geometrie in vektorieller Darstellung momentan vor allem eines darstellte, nämlich eine Überforderung unserer intellektuellen Kapazitäten. Als Sprachenerfinder, Grammatikliebhaber und Wörternarr nahm ich das Spiel natürlich begeistert auf. (Vielleicht, denke ich in diesem Moment, wäre es an der Zeit, mal etwas über diese Dinge, über das Spracherfinden nämlich, zu schreiben. Schließlich verdankte ich dieser Liebhaberei mein späteres Studienfach, meinen Studienort und damit alles andere, was an solchen Entscheidungen als Folge noch dranhängt. Ich weiß nicht, warum ich mich hier noch nie damit beschäftigt habe; vielleicht, weil die Folgen wichtiger sind als die Ursache, zumal ich heute an meinen Erfindungen nicht mehr arbeite, seit Jahren schon nicht mehr. Aber zurück zum Thema.) Aus dem Ausdruck Je ne raffe rien ließ sich natürlich sofort ein vollständiges Paradigma zum Stamm raff- herleiten, das wir uns zunächst als das eines regelmäßigen Verbs auf -er, nämlich raffer dachten

je raffe
tu raffes
il/elle raffe
nous raffons
vous raffez
ils/elles raffent

Mit dem Passé Composé: j’ai raffé

Doch dann entdeckten wir (lange, bevor von einer Gesellschaft zur Stärkung der Verben die Rede sein sollte), die Freude an der Verbstärkung, was im vorliegenden Fall bedeutete, daß wir den Stamm raff- nun in eine andere Konjugationsklasse verschoben. Aus raffer wurde so ein raffir, das wie finir gebeugt wurde:

je raffis
tu raffis
il/elle raffit
nous raffissons
vous raffissez
ils/elles raffisse

PC: j’ai raffi

Damit war dann ein hübscher Subjonctif möglich, der sich fast in allen Formen vom Indicatif unterschied:

que je raffisse
que tu raffisses
qu’il/elle raffisse
que nous raffissions
que vous raffissiez
qu’ils/elles raffissent

So war das also damals. Natürlich hätte man noch einen Schritt weiter gehen und sich für den Stamm raff- eine Konjugation ausdenken können, die der von sortir ähnelt:

je rafs [ra]
tu rafs [ra]
il/elle raf [raf]
nous raffons
vous raffez
ils/elles raffent

PC: j’ai raffi

Ein stummes auslautendes -fs ist zwar orthographisch-phonetisch ein bißchen abenteuerlich, aber nicht ohne Vorbild, cf. oefs „Eier“. Jedenfalls wäre dieses Verb a) schön unregelmäßig und b) hätte man dann je rafs (Indicatif) von que je raffe (Subjonctif) abgegrenzt. Voilà.
An diese Dinge mußte ich also denken, als ich neulich auf der Seite der GSV Stärkungen im Englischen (apply, applought, applought) und Lateinischen (laudo, lausi, laustum) entdeckte. So lange es auch her ist, das Verb raffer/raffir hat sich mir unvergeßlich eingeprägt. Konfrontiert mit der analytischen Geometrie indessen müßte ich auch heute noch die Schultern heben und zugeben: Je regrette que je ne raffe rien!

Dienstag, 27. April 2010

sprachkritikastereien

Vor einigen Jahren konnte man in der taz einen Artikel der Kategorie "Sprachkritikastereien" lesen. Nun sind solche Artikel ohnehin zum Zähneziehen; dieser aber hat es besonders in sich, weil der Ärger des Autors sich aus einer etwas anderen Quelle speist als bei, sagen wir, Raddatz und verwandten Geistern, die die von ihnen festgelegte Unterscheidung zwischen "gutem" und "richtigem" Sprachgebrauch und "falschem" oder "schlechtem" als soziales Abgrenzungs- und Identifikationskriterium mißbrauchen. Anders unser Autor, der, wies scheint, seiner Angst, nicht dazuzugehören und überrollt zu werden, Ausdruck gibt. So beklagt der Verfasser unter anderem, daß der Ausdruck "Selters" für "Mineralwasser" nicht mehr gebraucht wird, daß man seit einiger Zeit "KITA" sagt statt "Kindergarten", daß der "Sonnabend" dem "Samstag" weichen mußte und manches mehr.

Aber Sprache verändert sich nunmal. Fortwährend. Alte Ausdrücke verschwinden, neue Ausdrücke tauchen auf, werden entlehnt, neu gebildet, erfunden. Endungen schleifen sich ab, an ihre Stelle treten periphrastische Formen, die wiederum verkürzen sich zu neuen Endungen, und so weiter. Laute verändern sich in bestimmten Kontexten. Redewendungen wandeln sich. Höfliches wird unhöflich, Unhöfliches höflich, Distanziertes vertraut, Freundschaftliches formell. Dieser Sprachwandel ist aus wissenschaftlicher Sicht völlig neutral und wertfrei. Wenn Sprache sich verändert, hat das nichts mit Verfall, Niedergang oder Zersetzung zu tun, und ebensowenig ist irgendeine Sprache „besser“, „reicher“, „vollkommener“ als eine andere. Jede Sprache befriedigt exakt die kommunikativen Bedürfnisse ihrer Sprecher. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und diese Bedürfnisse sind nicht nur von Sprecher zu Sprecher, sondern auch bei demselben Sprecher in verschiedenen Situationen verschieden. Viele landläufige Mißverständnisse die Sprache betreffend verdanken sich einer Auffassung, die Sprache als ein von ihren Sprechern losgelöstes, ein Eigenleben führendes Etwas betrachtet. Eine Sprache konstituiert sich aber ständig aus den Äußerungen ihrer Sprecher und den darin sich manifestierenden Regelmäßigkeiten neu. Deswegen können auch Anglizismen nicht „in die deutsche Sprache eindringen“, weil sie keine Wesen sind, die irgendwie zu handeln, keine Körper, die einen anderen Körper zu befallen oder in ihn einzudringen in der Lage wären. Sprachen handeln nicht, Menschen handeln, unter anderem, indem sie sprechen. Die Verwendung von Anglizismen ist heute weiter verbreitet als vor 20 Jahren, aber es sind Sprecher, die sie verwenden und auch verwenden wollen. Sich gegen den Sprachwandel wehren zu wollen mit dem Ziel, diesen Vorgang aufzuhalten, ist töricht. Warum Sprache sich wandelt, ist nicht so leicht einzusehen. Aber die Beobachtung mag aufschlußreich sein, daß Ausdrücke „ausbleichen“. Wenn wir begeistert sind oder angewidert, uns freuen oder todtraurig sind, reicht es eben nicht mehr, „traurig“ oder „froh“ zu sagen. Wir fühlen mehr als diese abgeschliffenen Wörter hergeben wollen. Also sind wir „happy“ und „depri“ und hoffen, damit sprachlich der Stärke unseres Gefühls nähergekommen zu sein. Durch den häufigen Gebrauch verblaßt aber auch die Wirkung dieser frischen Wörter, und abermals müssen neue her. Und so weiter: In diesem Sinne ist der Sprachwandel nicht unähnlich dem Wandel in der Mode. Es gibt kein „richtig“ und „falsch“ in der Sprache, ebensowenig wie in der Mode. Das, was die Menschen sagen, ist „richtig“, und nicht, was irgendeine Akademie, oder der Rundfunk, oder ein Regime als „richtig“ deklariert. Heißt es „wegen dir“ oder „deinetwegen“? Wenn man feststellt, daß „wegen dir“ gesagt wird, dann muß es wohl richtig sein, weil es offenbar zur praktizierten Sprachwirklichkeit gehört. Eine Form wie „dirwegen“ ist dagegen „falsch“ (besser: ungrammatisch), einfach deshalb, weil es niemand sagt.

Das ist das eine. Das zweite betrifft die ganz persönliche Wahl, Vorliebe oder auch die Ablehnung eines bestimmten Ausdrucks. Wenn jemand „deinetwegen“ statt „wegen dir“ verwendet, dann ist das eine Entscheidung, zu der eine ganze Reihe von Gründen führen können: Der Sprecher kann sich mit einer Form, die dabei ist, sich endgültig aus dem Sprachgebrauch zu verabschieden, zu einer bestimmten Generation von Sprechern bekennen; er kann darauf hoffen, sich mit „deinetwegen“ gegen eine Mehrheit abzusetzen und sich damit überlegen zu fühlen; er kann, umgekehrt, davon gehört haben, daß es „besser“ sei, die Genitivkonstruktion zu wählen, und hoffen, nacheifernd zu einer „besseren“ Welt zu gehören; er kann schließlich ästhetische Gründe haben, die rein persönlicher Natur sind; oder er hat es immer schon so gesagt, weil er die Sprache in einem Umfeld erworben hat, in dem nie etwas anderes zu hören war. Alle diese Gründe aber sind keine objektiven Gründe, die erklären, wieso „deinetwegen“ vorzuziehen sei. Mit anderen Worten, man kann nicht sagen, „deinetwegen“ sei EIGENTLICH richtig, ebensowenig wie man sagen kann, Schweinebraten sei EIGENTLICH mit Knödeln, nur weil es einem zufällig so schmeckt. Wie aber in der Mode, so gibt es auch in der Sprache subtile Regeln, die darüber entscheiden, wer in welcher Situation „dazugehört“ und wer nicht, Konventionen, die festlegen, was „gehoben“, „formell“, „freundschaftlich“ und „verpönt“ ist. Aber auch in der Mode gibt es kein objektivierbar Richtiges. Und wie in der Mode muß man nicht jeden Mist mitmachen. Man kann aber, wenn es so gefällt. Natürlich haben die Konventionen eine soziale Kraft, und ihre Einhaltung oder Übertretung zieht bestimmte soziale Konsequenzen nach sich; meist aber richten sie nichts weiter an, als daß sie Geschmack, Alter, Geschlecht und Herkunft des Sprechers bestimmen lassen. Wer sich darüber echauffiert, weil jemand Samstag statt Sonnabend sagt oder umgekehrt, oder gar das eine als „hochsprachlich“, das andere als „dialektal“ betitelt, ist einfach nur albern.

Und ein letztes zu den Anglizismen: Ich glaube, die Mehrzahl derer, die sich über Anglizismen aufregen, verwechselt Ärger über die fremden Ausdrücke (die man ja nicht zu benutzen braucht) mit Ärger über die –- vermeintliche oder tatsächliche -– kulturelle Hegemonie des englischen Sprachraums, und besonders der vereinigten Staaten von Amerika. Das ist aber etwas, das mit Sprache nur insofern etwas zu tun hat, als sich in ihr kulturelle Entwicklungen widerspiegeln. Dasselbe ist beim immer noch heftig ausgetragenen innerdeutschen Ost-West-Kulturstreit zu beobachten. Auch hier gilt: Wenn die Menschen Ausdrücke, die nur im Westen verwendet wurden, plötzlich toll finden, weil alles, was aus dem Westen kommt, toll sei, dann kann man mit Sprachpflege überhaupt nichts gegen das Faktum ausrichten, daß die Menschen so reden, WEIL sie den Westen toll finden, und nicht umgekehrt. Auch unser taz-Autor verwechselt da etwas. Sprache ist nur das Symptom. Was ihn ärgert, ist etwas ganz anderes.

Übrigens: „Kindergarten“ sagt man natürlich immer noch, genau dann nämlich, wenn man auch „Kindergarten“ meint. „KITA“ ist eine Kindertagesstätte (Ganztagsbetreuung mit Essen und so), und das ist nun mal was anderes. Daß immer mehr Familien so wenig Zeit für ihre Kinder aufzubringen bereit sind, daß die Kindertagesstätte und nicht der Kindergarten zum Normalfall wird, ist ebenfalls durch Sprachgebrauch nicht zu verhindern. Wie überhaupt durch Sprachpflege oder Korrektur der Sprachgewohnheiten die Mißstände nicht aus der Welt geschafft werden können, die der Sprachgebrauch lediglich abbildet. Es werden nicht mehr Frauen Professor, indem man überall und ständig Professor/in sagt und schreibt, und die Probleme von Ausländern lassen sich nicht lösen, indem man sie "Mitbürger mit Migrationshintergrund" nennt. Aber das ist ein anderes Thema.

Dienstag, 8. August 2006

Orthographisches

Wannimmer im deutschsprachigen Raum über das leidige Thema der Orthographie verhandelt wird, geschieht dies mit ebensoviel emotionalem Engagement wie völliger Unkenntnis der einfachsten linguistischen Zusammenhänge und unter Vorbringung derselben und aberderselben von ebendieser Unkenntnis zeugenden Argumente; dies will ich zum Anlaß nehmen, mich einmal in aller Ausführlichkeit dazu zu äußern.
Es empfiehlt sich vielleicht, zunächst die Hauptirrtümer zur besseren Übersicht aufzulisten:
  1. Verwechslung von Sprache mit Orthographie sowie Unkenntnis der Eigenarten des Sprachwandels und Unkenntnis des Wesens von Orthographieregeln. Vielleicht das meistgehörte Argument gegen die Rechtschreibreform bzw. gegen eine Regulierung überhaupt ist die Vorstellung, unsere Sprache könne auf alle möglichen Arten „Schaden“ nehmen. Die neuen Regeln „verhunzen“ unsere Sprache. Die Reform „schade“ der Sprache. Sprache sei „ein Kulturgut“, das man nicht „kastrieren“ dürfe. Und so weiter.
  2. Unkenntnis der Phonologie des Deutschen. Wie sich besonders in der Diskussion um das „ß“ beobachten läßt, kennt kaum jemand derer, die hier eine ganz entschiedene Meinung geharnischt vortragen, die zugrundeliegenden phonologischen und darauf bezugnehmenden orthographischen Regeln.
  3. Der dritte Irrtum betrifft die angebliche bessere Lernbarkeit oder Schwierigkeit der alten oder neuen Schreibung. Ein Teilaspekt dieses Irrtums besteht darin, zu glauben, wir seien uns beim Schreiben der Regeln ständig bewußt. Dieser Irrtum verkennt die Mechanismen des Lernens, wie beispielsweise, daß am einfachsten zu lernen ist, was am häufigsten angewandt werden muß.
  4. Ein vierter Irrtum verkennt die Beweggründe der Befürworter und Ablehner einer vereinfachten Rechtschreibung.
Bevor ich mich dem ersten Punkt widme, noch eine Anmerkung. Die folgenden Ausführungen beziehen sich natürlich nur auf Alphabetschriften. Das sind Schriften, die sich den Umstand zunutze machen, daß jede Sprache nur eine begrenzte Zahl von Lauten aufweist (das sogenannte Phoneminventar), die in immer anderen Kombinationen eine (prinzipiell) unbegrenzte Zahl von Wörtern bilden können. Eine Sonderform, und vielleicht die Idealform der Alphabetschriften ist die phonemische Schrift: Ihr Vorzug besteht darin, daß sie ein Zeichen für jeden Laut der Sprache hat, und jeder Laut genau ein Zeichen, das ihn abbildet. Einfacher ausgedrückt: Man weiß immer, wie man etwas Geschriebenes auszusprechen oder etwas Gehörtes zu schreiben hat.

Rechtschreibregeln sind, wie überhaupt die ganze Fixierung von Sprache mittels Schriftzeichen, etwas Künstliches und Gemachtes. Schreibregeln sind von ihrer Natur her immer explizit. Ihre Formulierung und Erlernung erfordert ein Nachdenken und ein Sich-bewußt-Werden, wie überhaupt die Erfindung der Schrift eine intellektuelle Leistung war. Schrift ist sekundär, der Sprache nachgeordnet. Deshalb verändern sich Schreibregeln auch nicht (jedenfalls nicht, solange es eine amtliche oder ähnlich für alle verbindliche Regelung gibt), es sei denn, jemand beschließt eine Änderung. Weil aber einerseits Schreibregeln ersonnene und starre Konstrukte, Sprachen andererseits sich fortwährend wandelnde Regelsysteme sind, folgt daraus, daß jede Orthographie irgendwann entweder historisch einen älteren Sprachzustand abbildet oder bewußt geändert werden muß, wenn sie dem aktuellen Sprachzustand folgen soll. Bestes Beispiel für eine historische Schreibung: die englische Rechtschreibung. Warum schreibt man „enough“ und „laugh“ statt, sagen wir, „inaf“ und „laf“? Weil die Aussprache früher anders gewesen ist, die diese Aussprache abbildende Schreibung sich aber nicht geändert hat: Früher wurde laugh etwa „lach“ gesprochen (vgl. dt. lachen), und der Velarlaut noch plausibel mit „gh“ wiedergegeben. Die Veränderung des Velarlauts zum Labial hat die Schrift nicht mitgemacht, daher klaffen jetzt Schreibung und Aussprache auseinander. Historische Schreibungen haben nun Vorteile und Nachteile. Vorteile haben sie besonders für historische Sprachwissenschaftler; für die übrigen Benutzer des Alphabets ist es unerheblich, ob sie wissen, daß laugh früher „lach“ gesprochen wurde, oder daß Ziegel ein lateinisches Lehnwort ist (eigentlich müßte man es „tiegel“, oder gleich „tegula“ schreiben). Die Nachteile liegen auf der Hand.

Sprachregeln dagegen sind nicht gemacht, sind nicht explizit und werden spontan erworben. Ihre Kenntnis ist unbewußt, und ihre explizite Formulierung ist so schwierig, daß sich dafür eine eigene Wissenschaft entwickelt hat: die Linguistik. Mit anderen Worten: jeder Mensch ohne spezielle Beeinträchtigung kann sprechen, ohne die Regeln der Grammatik bewußt zu kennen. In dieser Hinsicht gleicht das Erlernen der Rechtschreibung ein bißchen dem Erlernen einer Fremdsprache, deren Regeln meistens auch bewußt gelernt werden. Schreibregeln sind also der Sprache nachgeordnete, künstliche, explizit formulierte Abbildungsregeln, die durchaus mit Verkehrsregeln vergleichbar sind. Es ist nun leicht einzusehen, daß eine Änderung der Schreibregeln die Sprache völlig unangetastet läßt. Eine Sprache ist prinzipiell von jedem sie abbildenden Schriftsystem zu trennen. Befürworter der alten Rechtschreibung können sich daher schwerlich auf „die deutsche Sprache als gewachsenes Kulturgut“ berufen, in das man nicht eingreifen dürfe. Natürlich ist die deutsche Sprache ein gewachsenes Kulturgut; als solche ist sie aber von den zufälligen Gegebenheiten ihrer schriftlichen Fixierung unabhängig. Es schert die Sprecher des Deutschen wenig, ob sie „so genannt“ oder „sogenannt“ schreiben. Es hat keinerlei Einfluß darauf, wie die Sprecher sprechen, und also keinerlei Einfluß auf die Sprache. Auch die deutsche Rechtschreibung ist in gewissem Sinne ein gewachsenes Kulturgut; das sind aber auch die Verkehrszeichen und das DIN-A4-Format und fünfstellige Postleitzahlen. Ich kenne nur wenige, die sich beispielsweise über die neuen Bahnübergangsschilder und die Adaption des Eisenbahn-Ikons an moderne Verhältnisse beschweren würden. Zwar hat die Schriftlichkeit als solche durchaus einen Einfluß auf die Sprache, da sie, sofern es eine Alphabetschrift ist, lautliche Aspekte der Sprache den Sprechern bewußt machen kann, und weil sie auch die mündliche Rede beeinflußt, wenn nämlich Schriftsprache im mündlichen Bereich Vorbildfunktion übernimmt. Dieser Einfluß gilt aber für jede Form der Schriftlichkeit; es ist nachgerade albern zu meinen, die Schreibung von ss oder von ß habe irgendeinen Einfluß auf Deutsch als Sprache. An der Abschaffung des leidigen th in Wörtern wie Thor, Thür, That ist die deutsche Kultur auch nicht zugrundegegangen (obwohl der Kaiser darauf bestand, daß weiterhin Thron geschrieben werde). Ob und inwiefern nun das gewachsene Regelsystem einer Orthographie ein schützenswertes Kulturgut ist, das genau ist die Frage. Franzosen und Engländer würden hier sicher zugunsten des Schutzes plädieren. Dies ist aber kein Streit, der mit Argumenten des Nützlichen entschieden werden kann: Das müssen die Verfechter der alten Orthographie einsehen.



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