[>>]

stundenbuch

Sonntag, 30. August 2009

Nach Hause

Das Nachhausekommen gelingt nicht mehr. Du steigst aus dem Zug, gehst die stillen Straßen hinunter, schließt die Tür auf. Zuhause bist du nicht, lange nicht, lange nicht mehr gewesen. Trauer, wieder Trauer. Worüber? Über einen unnennbaren Verlust. Ohne Wortweiser. Die Gedichte rühren zu Tränen, aber du betrachtest sie von einer anderen Welt aus, von deiner Warte des Verlorenseins, und drüben, die Worte, die von je du kennst, sie haben sich aus dem Wirklichen gelöst, in das du auch eingebettet sein durftest, einmal, jetzt aber nicht mehr. Jahre und Jahre und Licht, den Duft der Tannen in der Nase, die Krähen, die Felder, an deren Stoppeln sich das Licht bricht, in die Ferne hinein, die dich immer auch enthielt, ein Stück weit, deine Ferne war, aber erst jetzt, wo du das kennst, bedeutet es etwas. Und auch dieses hast du verloren, wie die Heimat der Gedichte, an irgend einer Wegkreuzung hast du dich aufgemacht, aber wann das war, das bekommst du einfach nicht mehr zusammen, oder wo, fassungslos blätterst du die Tagebücher auf, da steht sie, die Jahreszahl, das Datum, aber wann das war? Nicht einmal deine eigene Schrift ist das doch noch, so krakelig, so steil und stolz, das sollst du geschrieben haben? Woher denn dieser Stolz? Nein. Das ist weg. Weg wie die Pfade, wie die Abenddämmerung, die Heimkehr, ja, die Heimkehr, dieser langsame Schritt in ein warmes Licht von Stube und Sorglosigkeit, Duft und Lernendürfen und Ruhe, dieses Nachhausekommen, das dir, egal, wo du wohnst, gleich wie die Laternen, die Fenster, die Eulen oder die Bahnen der Fledermäuse beschaffen sind, gleichwie, nicht mehr gelingen will, einfach nicht mehr gelingt.

Donnerstag, 17. April 2008

...

aus den geschichten entlassen, befällt einen wieder die traurigkeit der echten rosen




Mittwoch, 19. Dezember 2007

...

Selten geworden: Die laut sprechbaren Wörter. Was noch an Wörtern da ist, bedarf des Flüsterns, des Im-Innern-Seins. Es sträubt sich. Es zerbricht so leicht so laut. Es ist nicht mehr so leicht wie es früher einen ankam, ein Du hineinzusprechen in Gewölk und Nacht und ihm nachzulauschen, während das Atemwasser über den Laternen verdampft. Man jubelt es nicht mehr, das Du. Man erträgt sein zitterndes Echo, wie ein Vogel die Luft aushält.

Freitag, 16. November 2007

so einer

Jemand, der mich wirklich versteht – wer wäre das? Da sitze ich, abends, nachts, nach dem wein, leicht berauscht, höre Mozart, lausche den Ovidischen versen nach, die ich gerade übersetzt habe, und denke: Wer könnte mich denn finden und meinen platz aufsuchen, denselben blick auf all das einnehmen, was mich umgibt, dieses netz aus bezügen, symbolen, verstrickungen, verweisen, diese knoten aus gefühltem, gewußtem, erahntem, wer? Wer wäre imstande, den standpunkt einzunehmen und den blickwinkel, um diese luft zu atmen, diesen akkord zu hören so wie ich ihn höre, genauso, auf die gleiche art, mit demselben gefühl dabei, und mir zu sagen, endlich, dieses langersehnte wort: So einer bist du also!

So einer. Der wunsch, erkannt, begriffen, in all meiner kompliziertheit erfaßt und lebensklug gedeutet und mir selbst aus dem andern wiedergeschenkt zu werden, eine sehnsucht.



Mittwoch, 31. Oktober 2007

De ira

Merke: Gegen alles kannst du anschreiben, gegen Trauer, Angst, Leichtsinn, Schwermut, Verzweiflung, Langeweile, Überdruß, Verzagen, Schmerz. All das kannst du bannen, wegtun, durchleuchten, zerstrahlen, wegblasen, niederdeuten, überwinden.
Nur die Wut geht nicht weg beim Schreiben. Eher, daß sie noch zunimmt, mit jedem Wort, daß du ihr widmest. Du kommst nicht gegen sie an. Immer kleiner und fester und knotiger wird sie und löst sich nicht auf. Bis schließlich jeder deiner Atemzüge sie wiederholt, wieder und wieder. So ist die Wut. Du wirst sie nicht los, nie.



Dienstag, 16. Oktober 2007

Taste the Future

Der Welternährungstag findet jedes Jahr am 16. Oktober statt und soll die Menschen daran erinnern, dass noch immer eine große Anzahl Menschen Hunger leiden müssen.

Ist es Zynismus, Boshaftigkeit, Unbeholfenheit, Zufall, Planungszwang oder ganz einfach schiere Gleichgültigkeit, daß die Veranstaltungszeit der Schlemmermesse Anuga diesen Gedenktag einschließt?

Ein Vorschlag: Alle am heutigen Tage erwirtschafteten Gewinne auf der Messe werden gemeinschaftlich der Welthungerhilfe oder einem vergleichbaren Verein gespendet. Na, wär das was?

Das Motto der Messe lautet übrigens: "Taste the future". Da kann man nur anfügen, wohl dem, der eine hat.

Mittwoch, 26. September 2007

...

Froh werden an einer Busfahrt. Nicht, daß es regnet, nicht, daß die Sonne scheint, nicht, daß ein Blatt klebenbleibt auf der feuchten Scheibe, unruhig zittert, wieder abfällt und wirbelnd in die Straße zurückgesaugt wird; auch nicht die wetterfeuchten Hecken über dem Dunkel eines Bachs, die glühenden Spitzen des Grases, wie es ins Gewölk überm Feld hinüberleuchtet; oder der traurige Mund eines Jungen, vertieft in eine kiloschwere Lektüre. Froh werden, an etwas, das ein Rätsel ist, und in seiner Rätselhaftigkeit alle Vordergründe überwindet, die minutenlang anhaltende, unumstößliche Gewißheit, am Leben zu sein und in der Welt.

Montag, 9. Juli 2007

...

Regen. Zu Hause die Brüche und Nässen der mauernden Zeichen:

mittags fällt Wolke und Licht über die Trauernden her.






Mittwoch, 30. Mai 2007

nachts, das fenster wieder auf kipp

ich glaube, ich bin zu allen möglichen verrücktheiten fähig (die meist gar nicht zu mir passen wollen), nur um zu beweisen, daß ein anderes leben möglich ist.




Dienstag, 15. Mai 2007

Später

wimper einer gazelle, ein augenblick. gräser der sanftheit, viele schlachten später, im später. da ist es wie zuhause im fremden, im zuhause. hier warst du schon einmal, hier warst du wieder und wieder. im später. im wieder. hier. danach, gestreift von der wimper eines tiers.

Im Kottenforst

dieser sanftheit voller blick. du sammelst sie wieder auf, diese stundenperlen, hebst auf dieses verstummte geblök, betrachtest die bocksfüßigen schrecken der zeit, so wie man den fußmarsch aus dem holpernden fahrzeug noch einmal begreift. so weit war das. du denkst, und jetzt, du denkst, es müßte sich etwas ändern. du denkst in großen zügen und wegen, und alles, was sich ändert: es verstummt.



Alsos Threpsoneires

... for we have some flax-golden tales to spin. come in! come in!

Kommt herein, hier sind auch Götter ...

Spurensucher

 

Epistulae

gpunct "ad" gmail "punctum" com

lecta et legenda

Martin Böhler's  book recommendations, reviews, favorite quotes, book clubs, book trivia, book lists

Web Counter-Modul


Tou kosmou polites

Pflichtnennung

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB

mindestenshaltbar