Donnerstag, 4. August 2011

Arbeitsprotokoll

Hätte ich auch nicht gedacht, daß mir das mal passieren würde, daß ich mich zwischen zwei Frauen entscheiden muß. Und sei es auch nur zwischen zwei Frauenfiguren: Leichter ist es nicht. Will ich Frauke mit den panzerartigen Ringen, dem Haarhelm, dem an der Endloslinie der Nase in zwei Hälften zerfallenden ungleichen Gesicht? Oder will ich die sommerlich grün-rote Henriette mit den Sommersprossen, der Stupsnase, dem Flaum auf den Ohren, den blassen Brauen, den Krähenfüßchen um die blauen Augen? Will ich ihr üppiges Schwelgen, das Stampfen ihrer Füße, oder lieber die strenge Aura der unvergeßlich häßlichen Frauke? Lockt mich mehr Henriettes reife Schönheit oder fasziniert mich mehr Fraukes anziehende Häßlichkeit, an der man sich nicht sattsehen kann? Habe ich die mit der Stirn eine Linie bildende Riesennase Fraukes lieber, ihre über den eingefallenen Wangen schwebenden, vorquellenden Froschaugen und den Mund mit den Pferdezähnen? Solche Augen hat auch Henriette, aber lasse ich mich auch lieber von den muskulösen Rundungen der letzteren verführen? Wie fühlt es sich an, mich von ihr angrisen zu lassen, so breit, daß sich Unter- und Oberlippe in der Mitte des offenen Mundes wieder berühren? Und finde ich Fraukes Patchouliduft anziehender, oder betört mich eher der Kamilleodem Henriettes? Das Schweigen Fraukes oder Henriettes platter Witz? Welcher von beiden stehen die Narben an den Schenkeln besser? Welche von beiden steht dem Tod näher? Welche weiß besser über den Mond bescheid? Welche kann besser zaubern?

Sonntag

Das Verächtliche an diesen Tassen, ihre blanke Gleichgültigkeit, mit der sie ihren Inhalt verteilen. So wie das Licht auf Tischen und Tellern herumliegt, wie es beiläufig auf billigem Messerstahl blitzt, wie es absolut nicht wählerisch sein will mit dem, worin es sich spiegelt; wie dann die Wanderschuhe unterm Tisch noch den Kellerstaub vom Winter zeigen und oben die Sonnenbrillen ins Leere starren; wie dann die Münder mit jener unergründlichen Zufriedenheit, wie sie nur Sonnenbrillenträger hinkriegen, in die vogelstimmensatte Luft hineinplappern; und das billige Parfum, und die Omapelze; und wie die Kellnerin in Strumpfhosen, Handschuhen, Mütze und Schal neuen Kaffee bringt; und wie die Spatzen herumhüpfen nach Kekskrümeln; Feiertagslippenstift und Wanderkarten; und wie die Ebene unter der Burg daliegt wie ein schamloses langes Gähnen; und wie dann alles kein Ende haben wird, einfach kein Ende finden kann, die geschminkten Lippen nicht und die lauernden Blicke hinter der Sonnenbrille, die Meisen nicht und der Kaffee nicht, und man schon am Sonntag die Erschöpfung des Montagmorgens in alles Knochen spürt, die allumfassende Erschöpfung aller jemals durchlittenen Montagmorgen, und wie alles unvermeidlich nur darauf zulaufen wird, auf den nächsten Tag, als sei das unser aller Schicksal, einem nächsten Tag entgegenzuschweigen, für immer diesem nächsten Tag; genauso, einen Kaffee herunterwürgen, der schon nach Später schmeckt und doch jetzt bereits unsäglich bitter ist; die Fahnen klirren hören, im Tiefkühlobstkuchen stochern, den Kindern zusehen, wie sie verzweifelt zwischen den Tischen umherspringen, um jede Stunde dieses Sonntags ringen und nicht wissen, was besser ist: die Stunden zu verlängern oder sie besser schon im Abbau zu vergessen? Und wie man schon weiß, daß die Wohnung sich nach so viel erstem Frühjahrslicht später anders zeigen, das Treppenhaus schon anders riechen wird, nach Drinnen und Wänden, nach Verschalung und dumpfem Staub; wie man dann auf dem Absatz kehrtmachen möchte; wie man nicht kehrtmacht; wie die Uhr über den Küchentisch tickt; und wie die Kirchenglocken gedämpft über die Ebene heraufgeschwungen sind, Kindertage heruntergezählt haben, und die Müdigkeit abgeschnüffelter Teppiche, Nasen am eiskalten Fensterglas, und die Glocken, schwingen und schwingen, die Kellnerin dampft vor Atem, draußen gibt es nur Kännchen, und die Stühle sind angekettet, fugenlos und vernünftig stehen die Mauern, die Schleifen an den Wanderschuhen sind mit Doppelknoten gesichtert, am Nachbarstuhl lehnen die Turbokrücken, es knistert von himalayatauglichen Geweben; dieser Sonntag ist eine einstweilige Verfügung, Geldstücke klimpern wie eine Losung, aber wer kann sich schon freikaufen? Und wie dann der Gedanke an eine Flasche Wein samtig aufschimmert, und wie dann, trink nicht so viel, sagt jemand, morgen ist Montag da mußt du früh raus.

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