Immer wieder eine lohnende Lektüre: Seneca:
In hoc enim fallimur, quod mortem prospicimus: magna pars eius iam praeterit; quidquid aetatis retro est mors tenet. Fac ergo, mi Lucili, quod facere te scribis, omnes horas complectere; sic fiet ut minus ex crastino pendeas, si hodierno manum inieceris. [3] Dum differtur vita transcurrit. Omnia, Lucili, aliena sunt, tempus tantum nostrum est; in huius rei unius fugacis ac lubricae possessionem natura nos misit, ex qua expellit quicumque vult. Et tanta stultitia mortalium est ut quae minima et vilissima sunt, certe reparabilia, imputari sibi cum impetravere patiantur, nemo se iudicet quicquam debere qui tempus accepit, cum interim hoc unum est quod ne gratus quidem potest reddere.
Darin nämlich täuschen wir uns, daß wir den Tod als vor uns liegend betrachten: Dabei ist ein großer Teil von ihm schon geschehen; alles, was an Lebenszeit hinter uns liegt, hält der Tod in Händen. Mach es also so, mein Lucilius, wie du schreibst, daß du es schon tust, und umfasse alle Stunden; so wird es geschehen, daß du weniger am Morgen hängst, wenn du nur erst das Heute in deinen Besitz genommen hast. Das Leben geht vorbei, während man es aufschiebt. Nichts, mein Lucilius, gehört uns, nur die Zeit ist unser eigen. Diese einzige flüchtige und schlüpfrige Sache gibt uns die Natur zum Besitz, und es verjagt uns daraus, wer immer will. Und so groß ist die Dummheit der Menschen, daß sie, wenn sie um wertlose oder doch sicher ersetzbare Kleinigkeiten gebeten haben, sich diese in Rechnung stellen lassen, während niemand, wenn er Zeit bekommen hat, der Ansicht ist, etwas schuldig zu sein, obwohl sie doch das einzige ist, was man nicht einmal, wenn man dankbar ist, zurückzahlen kann.
von:
Talakallea Thymon - am: 6. Feb, 12:13 - in: egregie dicta
Daß man allein sein konnte: Es war die Entdeckung der
Stimmen. Sie sagten es ihm nicht. Aber er wußte es durch ihren singenden Mund. Das Licht dort draußen, wie es sich von Stamm zu dunklem Stamm fortpflanzte, es zog eine Grenze, kühler und härter als die Scheibe aus Glas, an der er seine Nase plattdrückte. Die Welt fiel in Dort und in Hier auseinander, der Raum wurde Zwilling, wurde Flügel, ein Doppeltgleiches, das etwas (ein Schreiten; Stimmen; Lichter, die sich von Baum zu Baum fortpflanzten) enthalten und zugleich aussperren konnte.
von:
Talakallea Thymon - am: 6. Feb, 10:59 - in: orte. wege
Je länger ich mich mit dieser Geschichte beschäftige (man darf sagen: sehr lange), desto mehr wächst sie, wobei sie wahllos neue Gedanken und Möglichkeiten zu ihrer Verzwirbelung an sich saugt und zu verwerten trachtet. Jede neue Krise ihrer Bewältigung war von der Schwierigkeit ausgelöst worden, einen frischen Gedanken, eine bestimmte als magisch angesehene Atmosphäre, eine neue verrückte Konstruktion, eine weitere aberwitzige Verspinnung dem bestehenden Gerüst aufzupflanzen und im bereits ausgesponnenen Textkörper unterzubringen, bis das so aufgeblähte und überkonstruierte Geflecht unter der eigenen Spannung zusammenbrach und ich wieder ganz von vorne beginnen mußte. Tabula rasa, und dann ging alles wieder von vorne los. Ich konnte und kann mich nicht entscheiden. Jeder neue Gedanke ist so bestechend, daß er unter allen Umständen verwertet werden muß. Auch nur einen dieser Gedanken fallenzulassen hieße, in der Geologie der narrativen Räume eine wichtige Bedeutungsschicht auszuklammern, und damit, so scheint es, die Geschichte zu einem bloßen Ausschnitt eines viel größeren, eigentlich zu erzählenden Ganzen zu reduzieren, das dann immer noch zu erzählen bliebe. Wollte man dem erfolgreich vorgreifen, so erwüchse ein Erzählen von wahrhaft kosmischen Dimensionen daraus: Um zu gelingen, müßte es schlechthin alles enthalten, was je über das Scheitern der Liebe zu sagen war.
von:
Talakallea Thymon - am: 2. Feb, 12:11 - in: Tagewerke
Im übrigen bin ich der Meinung, daß man die Ladenschlußzeiten wieder auf 18:30 festlegen sollte. Damit wäre das seit einigen Jahren immer mehr anwachsende abendliche Hin und Her, die Hektik und der zur Unzeit produzierte Lärm aus der Welt, die sich allein dem Umstand verdanken dürften, daß bis in die Nacht hinein eingekauft werden kann. Beschränkte man dies auf den frühen Abend, so bestünde wieder Hoffnung auf einen friedlichen und ruhigen Tagesausklang. Man hat ja schon alles vor halb sieben erledigt und wenn nicht, ist es jetzt zu spät. Also kann man langsam machen, oder, noch besser, gleich zu Hause bleiben. Eine leere, allenfalls von vereinzelt sanfter und langsamer Bewegung durchflossene, gelassen schweigende Straße läßt den Betrachter oder Flaneur selbst ruhig werden, stimmt Geist und Körper ein auf Entspannung und Schlaf. Durch nichts unterbrochene Lichtbahnen der Laternen; Amselstimmen; Glockenläuten; Regengetröpfel; und vor allem das Schweigen der Fassaden, die anmutige Weite geleerter Straßen, eine solche Abendrast und Aufhebung der Geschäftigkeit senkt sich in den Betrachter und Zuhörer, so daß nach einem lauten Tage auch im innern der Lärm ausschwingen und es endlich still werden kann. Die stets abwertend gemeinten, sprichwörtlichen „hochgeklappten Bürgersteige“ sehe ich, wo sich diese Rarität einer gepflegten Abendkultur noch hat halten können, als etwas durchaus Angenehmes.
von:
Talakallea Thymon - am: 30. Jan, 11:47 - in: O tempora, o mores!
Der Zustand der Schmerzlosigkeit ist dem Gefühl nachlassenden Schmerzes durchaus nicht ebenbürtig.
Weswegen es sich manchmal verlohnt, die Zähne zusammenzubeißen.
von:
Talakallea Thymon - am: 18. Jan, 20:54 - in: orte. wege
Weil die
Stimmen niemandem gehören, konnten sie sich entfernen, ohne Angst zu bekommen.
Daher bedurften sie nicht des verzauberten Kindes.
Doch das Kind bedurfte ihrer.
von:
Talakallea Thymon - am: 7. Jan, 12:19 - in: post scripta
Als sammele die Zeit etwas an, so ist alles Vorbereitung, ein selbstvergessen staunendes Verharren, das diesen Ort heiligt, gelassen und still bis in die Kammern und Gänge der Minuten hinein, deren Verfließen, langsamer als sonst, den Strom der Zeit selbst farbig werden läßt. Fühlbar wird er, dieser Strom: als Zug in der Haut, als Druck hinter der Stirn, als befreiter Atemgang. Zeit, so jubelt es, endlich ist Zeit, endlich findet sie statt.
Wir machen dies noch und das noch, dann sind wir fertig. Dieses Fenster noch putzen, diese Unterschrift noch leisten, diesen Gang noch tun. Die Tür zufallen lassen. Abschließen. Dann aufatmen. Nichts hat Zeit, außer allem. Zeit, dieser knappe Stoff, ist im Überfluß vorhanden. Der Himmel wie eine Karte für Zugvögel. Immer noch finden sich Hagebutten, blaut es aus Strauchdraht heraus. Immer noch schweben Segel auf dem Meer.
Es ist wie in einem Traum, wo alles stillsteht, indes die Bewegung im Stillstehen weiterläuft und weiter, die Flächen und Kanten der Häuser, die Straße mit ihrer Staubbahn, Schattenfall der Pfähle, Flüsse unter den Leuchttürmen der Pappeln, die Verästelungen der Baumgerippe, zwischen denen die Sonnenstrahlen sich spannen, die vereisten Brunnen, die nichts zum Sprühen haben als das Licht auf den Kristallen erstarrter Bögen, endlich die eigenen Stiefelspitzen -- alles ist Bewegung, steht still, bis man wieder wegsieht. Oder anders herum? Die Sohlen hart von Geröll, die Nase müde von Staub, läßt, was kommt, schimmernde Türme aufwachsen.
von:
Talakallea Thymon - am: 31. Dez, 10:44 - in: Werke & Tage
Nein, ich werde nirgendwo anders hingehen.
Ich werde hierbleiben.
Ich werde nicht
in einen anderen Teich hüpfen. Ich werde
nicht denken, daß es anderswo schöner ist, nur
weil es anderswo ist, ich werde
hierbleiben, ich werde
mich nicht verwandeln, ich werde höchstens
älter
weiser
wütender
werden, nein, ich werde nirgendwo anders hingehen.
Ich werde hiersein,
in diesem Wald
in diesem Tümpel.
Ich werde mich nicht verwandeln. Ich bleibe
ein Faun,
ein Frosch
ein Urweltfisch, ich werde
keine andere Sprache sprechen, als die
meine Ammen mir gaben, ich werde
hierbleiben.
Hier, wo ich immer war,
wo der Tümpel tief
und das Wasser still ist.
Ich werde hiersein,
dieser Faun,
dieser Frosch
dieser Urweltfisch,
den silbernen Spinnen
Gefährte und Hüter
und den Olmen und Salamandern,
hier, wo die
Wege
beginnen, will ich bleiben und auf euch warten und,
wenn ihr zurückkommt,
euch euren ersten Namen wiedernennen
und euch eure eigenen Geschichten zurückerzählen,
die ihr vergessen habt.
Ich werde hiersein in
der längsten Nacht und
die Geheimnisse wahren,
ein greiser Faun,
ein alter Frosch
In diesem Wald,
in diesem Tümpel.
von:
Talakallea Thymon - am: 21. Dez, 13:25 - in: Werke & Tage
Wie lautet eigentlich das Präteritum von hauen?
Was ist ein Born?
Was bedeutet sich (einer Sache) verdanken?
Daß Sprache sich wandelt, ist nichts Neues mehr und scheint sogar in den Köpfen der Mitglieder der DUDEN-Redaktion begriffen worden zu sein. Daß dies ein nicht aufzuhaltender Prozeß ist, hat sich zwar noch nicht herumgesprochen, ist aber ebenso richtig. Daß Sprachwandel weder gut noch schlecht ist, diese Ansicht würden wohl wenige Sprecher des Deutschen oder irgendeiner anderen Sprache teilen. So dürften wohl nicht wenige darüber besorgt sein, daß Ausdrücke oder Flexionsformen, die doch bis eben noch, wenn auch nicht zur Umgangssprache, so doch zum normalen schriftsprachlichen Wort- und Formenschatz des Deutschen gehörten, auf einmal in der aktiven Sprachkompetenz jüngerer Menschen fehlen und zum Teil gar nicht mehr verstanden werden. Besonders erschreckend ist das, wenn der Altersunterschied gar nicht so groß ist. So wunderte sich einmal ein etwa zehn Jahre jüngerer Kommilitone über den Ausdruck streitbar („Die Sueben sind die streitbarsten unter den germanischen Stämmen“).
Es ist schlimm genug, daß man als Glieder unterschiedlicher Generationen in verschiedenen Welten zuhause ist. Schlimm genug, daß heute kulturelle Phänomene, die eine lange und reiche Tradition haben, wie etwa die abendländische Oper, nicht nur nicht mehr vermittelt, sondern, wen wundert’s, von den Jugendlichen ignoriert werden. Am Schlimmsten aber ist der beginnende Verlust einer gemeinsamen Sprache. Als Linguist weiß ich, daß diese Formulierung übertrieben und am Sprachwandel nichts zu bedauern ist (weil es nämlich keine objektiven Kriterien für „Verlust“ oder „Gewinn“ gibt). Bestimmte Erscheinungen sterben ab, andere wachsen nach. Nur weil die ersten alt sind, sind sie nicht besser, ebensowenig wie die neuen schlecht oder Zeichen eines „Verfalls“ sind, nur weil es sie erst seit gestern gibt.
Als Muttersprachler aber und jemand, der in seiner Sprache zuhause ist, der seine Sprache aufgrund ihrer Möglichkeiten schätzt, sie um ihrer ihrer Schönheiten aber auch ihrer Widerstände und Unzulänglichkeiten und erst recht um der in ihr verfaßten Literatur willen, jawohl: liebt – beunruhigt mich ein solcher Wandel, bedaure ich ihn, empfinde ich ihn als Verlust.
Zwei, die nicht dieselbe Welt bewohnen, können sich, ist nur die Sprache noch gemeinsam, über die Unterschiede ihrer Welten verständigen. Zwei die nicht mehr dieselbe Sprache sprechen, nehmen einander womöglich nur noch als Kuriosität wahr. Schwerer als das aus gegenseitigem Vorbeisehen stammende Auseinanderdriften der kulturellen Welten ist das Auseinanderdriften der Sprachen.
Was uns trennen wird, ist dann nicht mehr, daß ich bei „Homer“ an den „ersten Dichter des Abendlandes“ (Latacz) denke, jüngere Menschen aber an eine Witzfigur mit dem Nachnamen Simpson; die Trennung reicht tiefer also nur die unterschiedlichen Assoziationen zum Stichwort „Hannibal“ (Elephanten hier, Lämmer da): Was uns dann trennt, ist die Sprache, und was beunruhigt, ist der Gedanke, wir könnten einander bald nicht mehr verstehen. Keine Fremdheit fühlt sich so vollkommen an, wie die sprachliche. Man muß nicht erst unter Menschen geraten, die eine ganz andere Sprache sprechen als man selbst; muß nicht erst in die Zwangslage kommen, ein ernstes und obendrein kompliziertes Anliegen mit Händen und Füßen verständlich machen zu müssen. Es genügt, in einem Gespräch ein Wort zu gebrauchen, das der andere nicht versteht – oder über das er womöglich in Heiterkeit ausbricht. Manchmal reicht eine Aussprache, die anderen auffällt, um sich verunsichert und höchst unbehaglich zu fühlen. Ich erinnere mich, daß ich einmal wegen meiner Aussprache des Wortes Walnuß (mit langem a) und über meine Zitierform des Fragepronomens was (ebenfalls langes a) regelrecht ausgelacht wurde. Dialektsprecher in einer Hochdeutschen oder Hochdeutschsprecher in einer Dialektregion dürften dieses Unbehagen ständig spüren. Eine vermeintlich falsche oder abweichende Aussprache kann manchmal sogar zur Stigmatisierung führen oder wird zum entlarvendes Zeichen (Shibboleth). Um wieviel mehr beunruhigt es, wenn sich herausstellt, daß man gar nicht verstanden worden ist, wo doch vermeintlich ich und der andere dieselbe Sprache sprechen. Es kommt manchmal vor, daß ich gegenüber Nachhilfeschülern Übersetzungsvorschläge gebrauche, die im Wortschatz des Schülers nicht vorkommen. Das Verb trachten war ein solcher Fall.
„Trachten“?? fragt meine Schülerin zurück, und ich kann deutlich die beiden Fragzeichen hören. „Trachten!“ entgegne ich, „hast du noch nie das Wort trachten gehört?“
Kopfschütteln.
„Wie in jemandem nach dem Leben trachten“
Kopfschütteln.
Während das unbehagliche Gefühl, das mich bei derartigen sprachlichen Differenzen beschleicht, noch eher persönlicher Natur ist, finde ich die Vorstellung in größerem Maß beunruhigend, daß, wenn die Umwandlung von Wortschatz und Flexion in dieser Geschwindigkeit fortschreitet und nicht auf Einzelfälle beschränkt bleibt, bestimmte Kulturgüter nicht mehr rezipiert und ihre Kenntnis, Präsenz und Verfügbarkeit für den täglichen Diskurs nicht mehr vorausgesetzt werden kann.
Ein paar Wochen später sagt mir meine Schülerin entrüstet, sie formuliere ihre Aufgabe doch nicht aus, vor allem, wenn sie die Primärtexte selbst nicht verstanden habe.
Warum habe sie es denn nicht verstanden?
Na ja, wenn das so komisch geschrieben sei …
Aha, denke ich. Wahrscheinlich kamen so merkwürdige Wörter wie nach etwas trachten vor. Übrigens sagte sie nicht „Primärtext“.
Man muß sicher nicht zu Kleist oder gar Luther hinabsteigen, um Texte zu finden, die merkwürdig geschrieben sind. Wahrscheinlich ist bereits Thomas Mann merkwürdig im Sinne meiner Schülerin. Wenn aber gewisse Texte, die ein klassisch gewordenes Kulturgut befördern, nicht mehr gelesen werden, weil die Sprache darin unverständlich ist, dann greift dieses Unverständnis auch wieder zurück auf die Trennung der kulturellen Welten. Irgendwann haben wir dann vielleicht die groteske Situation, wie sie John Updike in Toward the End of Time in einer Nebenszene schildert, wo er in einer etwa hundertjährigen Zukunft ein junges Mädchen eine gekürzte und mit erläuternden Anmerkungen versehene Ausgabe eines „Klassikers des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts“ lesen läßt. Gemeint ist Noah Gordon. Weit hergeholt ist das nicht: Heute liest man an deutschen Gymnasien Das Parfum.
Ob meine Schülerin Das Parfum gelesen hat, weiß ich nicht. Der Name Christoph Willibald Gluck sagt ihr jedenfalls nichts. Der Name Jaques Offenbach auch nicht. Aber ich soll ihr ja auch Latein beibiegen, nicht die Musikgeschichte.
Vielleicht bin ich ja zu streng. Man kann nicht alles lernen, der Wissenszuwachs der Menschheit ist enorm, Selektion unabdingbar, die Konzentrations aufs Wesentliche wichtig. Schließlich muß man heute wissen, wie ein Textverarbeitungsprogramm funktioniert, wie man ein Mobiltelephon programmiert oder ein Filmchen bei Deineröhre hochlädt – das mußten wir zu meiner Zeit nicht. (Leider hat es den Anschein, daß die Fähigkeit, im Internet Relevantes von Unsinn zu unterscheiden, nicht zu diesen neuen Kernkompetenzen gehört. Jedenfalls ist die Herangehensweise derer, die mit diesem Medium aufgewachsen sind, von bemerkenswerter Blauäugigkeit.)
Ursache und Wirkung lassen sich aber auch umdrehen: Denn woher sollen bestimmte, heute auf das Schriftliche beschränkte Formen wie das Präteritum von hauen (für die jüngeren Leser: hieb) oder Vokabeln wie streitbar denn gelernt werden, wenn nicht aus den Texten, die aufgrund ihrer vermeintlichen Schwierigkeit gemieden werden? Daß diese Präteritalformen, daß diese Ausdrücke nicht mehr Teil des Sprachschatzes sind, beweist nichts anderes, als daß die Texte, in denen sie überhaupt erst begegnen, nicht mehr Teil der Lektüre derer sind, die heute in die deutsche Sprache hineinwachsen oder lernen sollen, sich mit mehr als nur dem allergröbsten Werkzeug in ihr auszudrücken: Sie sind dann nicht mehr Figuren im Sprachspiel, und insofern machen sie dieses Spiel ärmer.
Kultur und Sprache sind in diesem Sinne aufs engste miteinander verwoben. Es gibt keine lebendige Tradition ohne Kenntnis auch aus der Mode gekommener sprachlicher Form; und die Kenntnis dieser Sprachstufen wiederum versetzt erst in die Lage, literarische Traditionen zu rezipieren und weiterzutragen, daran mitzuwirken, daß der Faden nicht abreißt. Dazu scheint mir aber auch die Bemühungen von Schule und Elternhaus nicht ganz unwichtig zu sein. Irgendwo muß es eine erste Berührung, ein Hinführen geben. Als Kind haben wir noch selbstverständlich die Grimmschen Märchen im Urtext gehört. Ich bin sicher, daß das "komisch geschrieben ist". Gestört hat es uns nicht. Hauptsache, es wurde uns vorgelesen. Selbstverständlich ist aber heute gar nichts mehr.
Daß ich nicht weiß, was ein Mudda-Spruch ist, mag noch dahingehen. Daß meine Schüler den Namen Gluck nicht mit Musik sondern mit einem Huhn verbinden – das läßt sich richten. Wir leben bereits in zwei entfernten Welten, die sich nur im Trivialen noch überlappen. Ich weiß ja auch von einem Menschen namens Bushido nur den Namen und schließe messerscharf, dies müsse ein Japaner sein. Uninformiert bin ich also ebenso wie meine Schüler. Und aus der Sicht dieser Schüler ist mein eigenes Wissen ebenso belanglos wie Bushido für mich belanglos ist. Wichtig ist wohl, daß man sich trotzdem nicht aus den Augen verliert – und daß man sich verständigt, und es einem nicht gleich die Sprache verschlägt, weil man ausgelacht wird.
Immerhin habe ich nicht erklären müssen, was eine Oper ist. Es gibt also noch so etwas wie eine gemeinsame Basis, die nicht gänzlich trivial ist. Inzwischen weiß ich auch ungefähr, wer Bushido ist.
„Dann wollen wir mal weiterlesen“, sage ich zu meiner Schülerin und beende meine Ausführungen über Christoph Willibald.
Sie aber sieht mich an mit großen Augen und fragt:
„Was ist denn eine Owertühre?“
von:
Talakallea Thymon - am: 12. Dez, 12:11 - in: O tempora, o mores!
... zweitausenundacht ist -- "Finanzkrise".
Wie originell. (Als ob das Jahr 2008 nur aus den Monaten November und Dezember bestanden hätte!)
von:
Talakallea Thymon - am: 12. Dez, 10:53 - in: O tempora, o mores!
Das Bild zeigt den Weihnachtsbaum auf dem Athener Syntagma-Platz in Flammen. Der Griechische Text lautet:
Die Polizei zeigt sich nicht. Land ohne Regierung und
In der Gewalt der Vermummten.
Rechts darunter ist zu lesen:
In Panik hebt die Regierung die Hände (= ergibt sich)
(Quelle: Tageszeitung
Ta Nea)
von:
Talakallea Thymon - am: 9. Dez, 11:03 - in: Werke & Tage
Damals, vor 35 Jahren standen die Räder still: Jogger liefen über die Landstraßen, die Rasenflächen an den Auffahrten dienten dem Familienausflug, und über die Autobahn fuhren Rollschuhläufer. Es war der 25. November und der erste autofreie Sonntag. Das Gefühl der Bedrohung durch eine Energiekrise infolge des durch die OPEC zugedrehten Ölhahns war so groß, daß sich die Bundesregierung zu einer drastische Maßnahme entschlossen hatte, die im großen und ganzen von der Bevölkerung mit Gelassenheit und Erfindungsreichtum mitgetragen wurde. Man genoß die Ruhe, ersetzte Lastwagen durch Brauereikutschen und holte das Fahrrad aus dem Keller. Und im übrigen war es ja auch mal ein interessanter Anblick, so eine Autobahn ohne Fahrzeuge.
Was ich dabei nicht verstehe: Warum wäre eine solche Maßnahme heute nicht mehr möglich, wo doch die Bedrohung ungleich größer und durch Diplomatie nicht mehr abzuwenden ist?
Und: Laut einem Rückblick im WDR-Radio habe man damals "begriffen, daß das Öl eine endliche Ressource" sei.
Nun, dieses Wissen scheint den Menschen hierzulande zwischenzeitlich wieder abhanden gekommen zu sein.
von:
Talakallea Thymon - am: 25. Nov, 18:01 - in: O tempora, o mores!
Beim Laufen an manchen Samstagvormittagen, in der bewegten Stille des Lichts, im Wald: Ein solcher Geruch, es ist, als hätte es ihn seit fernsten Kindertagen nicht mehr gegeben. Eingekapselt in den Duft von Sonnenwärme in der Kiefernborke ist da plötzlich etwas wie Schwingende Drähte. Warmer Sandstein. Sonne wie Staub vor den Fichten wirbelnd. Trocken leuchtende Fäden der Spinnen. Die Luft, deren Kühle bis ins eigene Blut vordringt. Wassergurgeln in Gräben. Es ist ein Anhauch, der intensiv nach Wiedergefundenem riecht, und jenes seltsame Erschrecken auslöst, das jedem unerwarteten Wiedererkennen immer um einen Herzschlag voran geht. So nah ist plötzlich alles, so greifbar, so transparent alle Geheimnisse, keine zwei Gedanken mehr entfernt, daß man schon jubelt, jetzt nur aufpassen, jetzt nur nichts versäumen, hellwach jetzt! Man bräuchte nur die Hand ausstrecken. Nur noch einen Schritt tun, einmal Luft holen, den Gedanken zu Ende denken.
Doch dann, noch ehe man richtig mitbekommen hat, was geschieht, schreit ein Häher; das Laub knistert, die Wasserflächen ziehen sich kräuselnd zusammen, und schon haben sich alle Zeichen des inaussichtgestellten Glücks schon wieder aufgelöst und sind so unwiderruflich verschwunden, daß nicht einmal die Inaussichtstellung selbst, sondern nur das Gefühl eines nunmehr endgültigen Verlustes zurückbleibt.
von:
Talakallea Thymon - am: 11. Nov, 12:43 - in: orte. wege
bei uns in der straße ist gerade Martinsumzug.
das ist sehr schön anzusehen, und macht mir umso mehr freude, als es mein namenspatron ist, der da gefeiert wird -- aber, so gerne ich die auf und ab wippenden lampione, laternen, lämpchen sehe, so sehr es mich auch freut, mit wieviel ernst die kleinen dabei sind, so sehr ich es mag, wie sie alle mit ihren lichtlein stolz vor sich in der hand dahertrippeln: lieber wärs mir, es würde auch am 11. stattfinden und nicht irgendwann ungefähr dann. ich meine, heiligabend ist auch am 24. und die fronleichnamsprozession ist an fronleichnam und nicht irgendwann um die drehe. ich weiß ja auch, daß man dem rheinländer am 11. november mit st. martin nicht kommen kann. nur finde ich, da stimmt der vorrang nicht.
aber nun gut. schön anzusehen war es. und gepfiffen und gepaukt und posaunt wurde auch schön laut und
schräg.
von:
Talakallea Thymon - am: 5. Nov, 18:31 - in: Werke & Tage
Als dürfte die Zeit nun endlich ausruhen, so still, selbst
die Blätter, sie fallen nicht mehr, sie schweben, wenn
eine frühe Sonne sie anstößt.
Mit den Adern ziehen sie den Glanz
aus der Luft, alles Luftige an ihr ziehen sie heraus, bis alles an Farbe verstummt und
an den Felsenfinsternissen zugrundegeht.
Meterhoch steht die Dunkelheit
zwischen Pfahl und Pfahl der Laternen, Mehlbeeren hängen in ihrem Flor aus Schatten, der Weg vom einen
zum anderen Ende der Hecke so lang wie
ein Nachmittag still wird, den die Glocken erfanden, jedes Geräusch brächte die Beeren
zum Platzen, das Gleichgewicht der Schwäne
zum Sturz. Sprühlicht, unter den Zweigen schwimmt schon der Himmel
davon, die Ferne schlägt an die Scheiben,
drüben, am Park atmen die Fenster ihr Innen aus.
von:
Talakallea Thymon - am: 1. Nov, 10:41 - in: Werke & Tage
Sehr geehrte Damen und Herren,
nein, ich will nicht in den (fraglos vielstimmigen) Chor derer einstimmen, die den Verlust einer so originellen, informativen, anregenden, labyrinthisch-verzweigten, herrlich langsamen Sendung wie "wdr3.pm" es war, beklagen wollen. Schlimm genug, daß die Sendung gestrichen wurde; aber die Wege der Programmdirektion sind (zwar nicht wunderbar aber) rätselhaft, und ein Hörerkommentar wird daran nichts ändern, viele Hörerkommentare vermutlich auch nicht. Sei's drum. Daß aber nun auch die Internet-Dokumentation dieser Sendung sang- und klanglos verschwunden ist, so daß man nicht nicht einmal mehr erinnern darf, oder, wichtiger, recherchieren kann, das ist nicht nur bedauerlich, sondern wirklich schlimm. An vieles erinnert man sich vielleicht dunkel, das man noch einmal aufspüren möchte, um es als Tonträger oder in gedruckter Form zu beschaffen, sei es ein Gedicht, einen Prosatext, einen Verweis auf Film, Bild oder Theater, der neugierig gemacht hat. Es wäre nun ein großer Verlust, dem nicht früher nachgegangen zu sein. Ich möchte Sie also bitten, die Ankündigungen und vor allem die Laufpläne der wdr3.pm-Sendungen wieder einzustellen. Sollte dies aus irgendwelchen (von mir ohnehin und schon a priori nicht einzusehenden) Gründen nicht möglich oder unerwünscht sein (als wollten Sie mit diesem alten Ballast nichts mehr zu tun haben, sich von dieser Ära ein für allemal lösen wie von einem Makel), bitte ich Sie um die Zusendung (als pdf-Datei) der Laufpläne dreier Ausstrahlungen, deren Titel oder Datum ich leider nicht mehr erinnerlich bin. Die erste Ausstrahlung handelte von Tieren; die zweite von Drogen (irgendetwas von "siebtem (oder achtem?) Sinn" im Titel); die dritte von Wirklichkeit und Unwirklichkeit (Titel: "Nicht wirklich. ..."). Soweit ich mich erinnere, stammten alle drei Produktionen aus der Feder des wunderbaren Mario Angelo, dem Sie gerne meine bewundernden Glückwünsche ausrichten dürfen.
Hochachtungsvoll,
T. Th.
von:
Talakallea Thymon - am: 16. Okt, 10:59 - in: Flaschenpost