Daß Du mir nicht mehr schreibst, zu den Anlässen nicht, dazwischen sowieso nicht: Das schlimme daran ist nicht, daß ich das schlimm finde, sondern daß ich es nicht schlimm finde. Denn:
Was verbindet uns noch, außer der bloßen archäologischen Tatsache, daß wir mal ein Paar waren? Was Dich mit mir verbindet, kann ich nicht sagen. Was mich betrifft, so verbindet mich mit Dir eine Erinnerung, eine Vergangenheit, mit der ich nicht abschließen kann, und diese Vergangenheit ist in gewisser Hinsicht lebendiger als die Gegenwart (ich bin versucht zu sagen: lebendiger als Du jetzt für mich bist). So weiß ich gar nicht mehr, an wen ich eigentlich schreibe, wenn ich mich zu einem Brief an Dich hinsetze. Der Schreibtisch ist so leer, als hätte nie jemand dort einen Brief geschrieben. Es scheint mir, ich schicke Briefe an einen Menschen aus der Vergangenheit, Briefe, die, wie ich fürchte, mehr an meine eigenen Erinnerungen als an eine echte Person gerichtet sind. Und zurück sind zuletzt immer Briefe gekommen aus einer Gegenwart, über die ich rätsele und mir den Kopf zerbreche, ich verstehe sie nicht. Es scheint diese Gegenwart nicht meine Gegenwart zu sein, auf jeden Fall ist es keine, die uns beide gleichzeitig enthalten könnte. Ich kann diese erratischen Hinweise (Job; Kinder; Haus) und Informationsschnipsel zu keinem Bild eines Lebens zusammensetzen, und sagen: Das ist also Deins, so lebst du also, das bist Du. Es bleibt das alles ein Job, Kinder, ein Haus. Beliebig. Fremd. Isoliert. Nichts, woran Deine urpersönliche Sicht auf die Welt, Deine ureigene Bemühung, Dich darin zurechtzufinden, kenntlich würde. Nichts, worin sich sich ein Dein Du zeigen würde.
Und jetzt kommen gar keine Briefe mehr, keine aus der Gegenwart, weder verständliche noch unverständliche. Ich nehme es zur Kenntnis. Es berührt mich nicht. Ich habe lange vergebens auf einen Brief aus der Vergangenheit gewartet, aus unserer Vergangenheit, von einem Menschen, der noch dieselbe Zeit mit mir teilt. Von dort habe ich nie wieder etwas gehört. Deshalb kann ich nicht sagen, daß mir irgendetwas fehlt. Wir könnten uns nur immer wieder unsere eigene Geschichte erzählen. Vielleicht ist es besser, es zu lassen, weil es sinnlos ist und nicht guttut, und weil das Ende häßlich war, und unseren Briefwechsel einzustellen. Vielleicht hast Du diesen Entschluß bereits gefaßt, denke ich, vor einem Jahr und länger, vielleicht hast Du eines Tages, schon am Schreibtisch, lange nachgedacht und nichts gefunden, und den Federhalter sinken lassen, aus dem Fenster gesehen, in bewegtes Laub oder Sonne oder Schindeln anderer Häuser, hast geseufzt und den Kopf geschüttelt und Papier, Feder und Umschlag wieder weggeräumt, bist aufgestanden und hinausgegangen, und vielleicht warst das gar nicht Du sondern ich war das. Ich stelle mir eine leere, spiegelnde Schreibtischfläche vor und eine Tür, die ins Schloß fällt, rufende Stimmen, die dahinter verhallen, ein unbehaustes Zimmer. Wann haben wir das letzte Mal wirklich miteinander gesprochen?, frage ich mich, und dann finde ich es doch noch schlimm.
von:
Strigops habroptilus - am: 6. Jul, 16:02 - in: Als wären nicht zweimal die Kräfte
Amüsant: An den Suchbegriffen, mit denen meine Seite gefunden wird, läßt sich manchmal ablesen, welcher lateinische Text gerade besonders oft als Hausaufgabe gegeben wird: Letzte Woche war es Seneca über die
Zeit (
ita fac, mi Lucili, Sie kennen das sicher noch) und eine
Passage aus der
Ars von Ovid.
Heute dagegen scheinen sich mehrere Schüler an
Martial 5,58 abzumühen.
Da kann man nur viel Erfolg wünschen.
von:
Strigops habroptilus - am: 1. Jul, 17:15 - in: Ludus Latinus
Der Himmel ist von so tiefem Blau, daß man ihm seine Farbe nicht glaubt.
Vorhänge, die am Morgen von Bäumen eingefaßt wie ein Augenfilm über den Bachtälern lagen, haben sich fortgehoben, Vögel eine Minute Irrsinn in den Schnäbeln herangetragen und aufgezogen, eine Kulisse für Erdhügel und Baugruben, eine Verschwörung der Farben, die sich erheben wie beschwipste Lanzenreiter.
Die Bauleute zeigen nichts mehr.
Sie sitzen und rauchen. Sie sehen nicht müde aus. Sie haben die Bereitschaft mißtrauischer Tiere. Sie lauern und rauchen. Das Licht unter dem künstlichen Himmel ist so hell, daß es den Rauch wegbrennt. Geduckt stehen die Betonmauern in ihren Schatten herum, sind sich ihrer selbst nicht mehr sicher, sehen aus, als schmerzte sie die Sonne, als gäben sie nach unter der korrosiven Phalanx des Lichts, das alles zu glatten Flächen hobelt.
Es gibt keine Erdbeeren. Ob das mit dem Wüstenklima dieses Falschfarbenvormittags zusammenhängt, ich weiß es nicht. Wer kann sagen, was für eine Farbe sich die Erbeeren hätten einfallen lassen. Ich bemerke an mir, wie mich Unterbrechungen kleinster Routinen aus der Bahn werfen. Die Routine des Wetters etwa: So ein unverhofft blauer Sommermorgen nach Tagen trüben Regens, das bringt mich total aus der Fassung. Es setzt mich unter Druck. Es will was von mir. Daß ich den Koffer packe. Daß ich das erstbeste Mädchen am Bahnsteig anquatsche. Daß ich eine neue Vogelart entdecke. Daß ich ein Attentat verübe, bevor noch ein größeres Unglück geschieht. Daß ich mir eine Tonsur schneide und unter die Pilger gehe. Daß ich dem Licht den Morgen erkläre. Ich müßte mich verwandeln, aber wie? Ich weiß es doch auch nicht. Laß mich in Ruhe.
Den Kopf im Nacken könnte man einen Drachen sehen, Flugzeuge mit Werbefahnen, Spiegelungen unsichtbarer Schwimmbecken. Wie das alles vom Himmel aufgesogen wird, gleichgültig, und verschwindet. Es gibt kein Entkommen. Es gibt nichts als Zukunft an einem solchen Tag, und da, nein, da möchte man wirklich nicht hin.
von:
Strigops habroptilus - am: 28. Jun, 13:09 - in: Werke & Tage
von:
Strigops habroptilus - am: 21. Jun, 12:57 - in: Fasti
Die Männer im Schattenschwenk der Baggerschaufel: ständig halten sie Arm und Finger ausgestreckt, kennt das Kinn Richtungen, wächst die Nase zum Expertenriecher. Die freie Hand auf der Hüfte, Fluppe im Mundwinkel, die Schirmmütze in der Stirn, stemmen sie die Füße in den Arbeitssschuhen auf die frisch aufgeworfene Erde, halten den Arm vor sich und zeigen, zeigen und kneifen die Augen zusammen und lassen Rauch aus ihrem Mund wehen, und folgen blickweise ihrem eigenen Finger den imaginären Pfad entlang, weisen und deuten und wissen bescheid, mal lanzenstarr, mal in einer aus dem mehrmals angewinkelten und wieder gestreckten Ellenbogen gestalteten Dynamik und Lautstärke, fassen immer irgendetwas ins Auge und sondern es mittels einer gedachten Verlängerung von Hand und Finger, in einer Art von semiotischem Energiestrahl aus dem Einerlei von Hügel, Haufen, Zaun und Grube heraus, machen es sich deutend zu eigen und zwingen die anderen, es ihnen zuzugestehen, ihr Eigentum, auf das sie kraft ihrer Zeigegewalt ein Anrecht erworben haben. Kein Gegenstand, der ihrem raffenden Blick gewachsen wäre. Wer stärker, besser, intensiver zu zeigen versteht, so scheint es, dem wird bald alles gehören, dem wird alles zu Willen sein. In der Morgendämmerung schweben ihre Gesichter wie behelmte Masken von Kriegsgöttern. Da geht’s lang! Es ist, als erfänden sie ganz neue Richtungen, wohin noch niemand je gezeigt hat. Sie stehen in einem Wettstreit der Richtungen. Wer eine neue Richtung findet, der darf ihr seinen Namen geben. So stehen sie, so marschieren sie, den Kopf voller Hoffnungen und Richtungen, so stapfen sie herum, gereckten Armes, pfeilscharfen Fingers, und zeigen, stoßen und zeigen. Überbieten einander mit Richtungen und Zielen, Objekten. Später sammeln sie die gezeigten Richtungen ein, nehmen sie als Trophäen mit nach Hause und bieten sie angstvoll ihren Frauen an. Mit diesen Erwartungen im Herzen zeigen und zeigen sie, inbrünstig, als sei dies, als sei das Zeigen ihre eigentliche, ihre wahrhaftigste Berufung, und immer ein bißchen verzweifelt angesichts einer unendlichen Aufgabe und vor einem nie ganz erfüllbaren Eid.
von:
Strigops habroptilus - am: 15. Jun, 13:35 - in: Werke & Tage
6:00 Nachrichten und Kaffee laufen. Während ich Wasser nachgieße (die Nachrichten laufen von alleine), fällt mir ein, daß ich mich gestern nach dem Umweg durchs Gebüsch nicht nach Zecken abgesucht habe. Ich hole das nach. Griechenland droht der Staatsbankrott. Interessant, wo man überall Bettfusseln findet.
6:05 Daniel Finkernagel begrüßt die Zuhörerschaft zur Sendung Mosaik. Finkernagel ist einer meiner Lieblingsmoderatoren. Keine Zecke. Kaffee fertig. Tag fängt gut an.
6:07 Erstmal E-Mails checken und Internet-Nachrichten.
6:10 Habe den Eindruck, daß die Mosaik-Sendung über die Jahre immer unruhiger geworden ist. Melancholische Gefühle streifen mich. Ich vermisse Landwirtschaft heute („die Sendung über Lebensmittel für morgen“). Man könnte eine Anfrage an Radio Eriwan machen. Natürlich wäre die Antwort klar: Im Prinzip ja. Aber sowas geht heute nicht mehr. Mir fällt auf, daß es von recht vielen Dingen heißt, sie gingen heute nicht mehr. Wahlweise heißt es auch, sowas könne man heute nicht mehr machen. In der Grundschule die Termini Substantiv, Adjektiv, Verb einführen. Kann man heute nicht mehr machen. Werbung für Zigaretten und Alkohol im Fernsehen zeigen. Kann man nicht mehr machen. Die Kinder unbeaufsichtigt auf die Straße lassen. In der vierten Klasse eine ungekürzte Ganzschrift lesen. Einfache Chemikalien wie Natronlauge oder Salzsäure in der Drogerie verkaufen. Atomkraftwerke bauen. Geht alles nicht mehr. Frische Sprossen im Salat: Kann man heute nicht mehr machen.
Die Menschen werden immer einfältiger, hat man den Eindruck. In ein paar Jahren, male ich mir aus, sagt man im Germanistikseminar immer noch „Tunwort“.
6:20 Zwei Absätze geschrieben. Gewagte Sprache, aber wer wagt, der gewinnt. Kaffee fast leer. Träume von einer zweiten Tasse.
6:30 Kulturnachrichten. Ich habe den Eindruck, daß überall nur gequasselt wird. Das Mosaik setzt sich aus immer kleineren Steinchen zusammen. Ständig wird irgendwo unterbrochen, Design im Dasein, Unfug mit Fugen, Migranten des Wortschatzes, das Radio ist zu einer Kultur der Unterbrechungen und Häppchen geworden, so eine Art akustisches Fingerfood.
6:35 Habe die zwei Absätze wieder gelöscht. Sowas kann man heute nicht mehr machen.
6:39 Jemand sagt, Regisseur A oder B habe einen Film realisiert. Ich bin beeindruckt. Realisiert hat er den Film. Nicht einfach gedreht, was hemdsärmelig, oder gar nur gemacht, was ja schon schludrig wäre, nein realisiert. Das klingt doch gleich ganz anders. Nach Idee, nach Einfall, nach Genie.
6:40 Bin in der Frage, was man heute machen kann, ratlos und realisiere einen Zweitkaffee.
6:50 Was ich schon immer geahnt habe, heute wird es offenbar: Händels Violinsonaten sind belanglos.
6:55 Ich frage mich, was die Macher von Mosaik bewogen hat, als letzte Musik vor dem Journal ein Vokalstück zu spielen. Was soll das sein, eine Erziehungsmaßnahme?
7:09 Noch unverständlicher ist mir, warum seit ein paar Tagen im Journal vor dem Wetter ein Fußballreporter in einer der frühen Stunde absolut unangemessen extatischen Tonfall Spielergebnisse des Vortages zusammenfaßt. Absurd scheinen mir in diesem Zusammenhang vor allem die Stadion-Hintergrundgeräusche. Es wird sich um sieben Uhr in der Früh wohl kaum um eine Live-Einblendung handeln. Nervensäge.
7:10 Kaffeeflash. Habe einen Absatz geschrieben, der mich nicht weiterbringt, und der das Problem, alles Vorformulierte im Plot unterzubringen, nur verschiebt. Ferner die Frage, wo die Erzählerlüge von dem, was in Echt passiert ist, abzweigt. Schwierig, Was ist überhaupt in Echt? Auch darum, fällt mir ein, wird es gehen in dem Roman.
Ein Musikstück wird angekündigt, Finkernagel gönnt sich wieder mal ein improvisiertes Rätsel. Der Komponist wird charakterisiert als ein sehr religiöser Mensch, der eins seiner Werke gar „dem lieben Gott“ gewidmet habe. Einfach! Das ist derselbe, der gegen Ende seines Lebens Buch über die täglich verrichteten Gebete geführt hat.
7:17 Nehme mir vor, über meine Kaffees Buch zu führen. Bruckners Streichquintett ist wie seine Symphonien, nur leiser.
7:30 Auch die Sätze haben ähnliche Spieldauer.
7:35 Kersten Knipp ticht uns frich die Kultur-Presse-Schau auf. Habe noch einen Absatz geschrieben, von dem ich weiß, daß ich ihn wieder löschen werde. Die Gedanken schweifen ab. Ich kann mich nicht konzentrieren. Entweder es fehlt an Koffein, oder ich habe zuviel davon im Kreislauf. Verdammte Sucht.
Gut wäre für die Lügenversion des Erzählers eine ménage à trois, oder die Ankündigung einer solchen. Ein Ereignis, das sich später, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, als heimlicher Wunschtraum erweist.
7:43 Dreißig Seiten an der ménage-à-trois-Szee geschrieben. Kurzes Writer’s High. Muß aufpassen, daß die Phantasie nicht mit mir durchgeht.
7:44 Kirche in WDR 3. Zur Einstimmung singt der Troisdorfer Kinderchor den Choral zu vier Stimmen, „Herr Jesus will mich decken“ von Johann Gottlieb Sauertopf. Dieses Salbadern um kurz vor acht könnten sie mal wirklich abschaffen. Und dafür wieder Landwirtschaft heute senden.
7:54 Der Radiowecker schaltet sich zum Glück aus, bevor zum ersten Mal das Wort Gott fällt. Überlege mir, wie es wäre, einen Worterkenner zu haben, der automatisch die Lautstärke dimmt, sobald das Wort Kirche oder Jesus oder Kürzlich erzählte mir ein Freund fällt. So eine Art Kirchenscanner. Das wär mal was.
7:15 Die Phantasie ist mit mir durchgegangen. Habe die 30 Seiten ménage-à-trois-Szene wieder gelöscht.
7:20 Könnte die ménage-à-trois-Szene ja auf dem Blog posten. Haha.
7:25 Kaffee ist aus. Radio ist stumm.
7:30 Cursor blinkt erwartungsvoll.
7:31 Cursor blinkt erwartungsvoll.
7:32 Cursor blinkt erwartungsvoll.
von:
Strigops habroptilus - am: 14. Jun, 13:10 - in: Tagewerke
Morgens unterwegs, ein beliebiger Werktag, das Werk hat schon begonnen, der Tag wartet noch ab. Eine Fahrt über Land, im Bus, das Fahrzeug schaukelt auf den Wellen der Hügel. Champagnerblasen jagen das Frühlicht über den Horizont. Der Morgen erwacht und stürmt voran, atemlos hängt ihm alles nach. Der Bus schaukelt. Das Buch liest sich selbst rückwärts und läßt mich nicht mitlesen. In der Tasche ermüdet ein Stück Brot. Der Bus bremst und beschleunigt. Über den Wiesen fliegen dunkle Pferde. Später, in der Stadt, sind die Pferde verschwunden, spielt der Himmel auf den Wolkenkratzern Klavier. Die Sonne exstatisch, orchestral, zarathustrisch. Wenn man jetzt nur wach wäre. Die Bäume stehen sill und verrenkt wie in eine Yogaübung vertieft. Aber dies ist keine Probe mehr, man hört es am Sonnentusch: Jetzt wird es, jetzt macht der Morgen ernst, vielleicht macht auch schon eine ganze Jahreszeit mobil, mit Rollkoffern und Aktentaschen.
Die Richtungen spielen Labyrinth und schieben die Menschen herum. Es wird ernst, überall kann man es lesen. Wenn man will, ich will nicht. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten, doch ich bin für diesen und für andere Ernstfälle nicht gewappnet. Ich hoffe, noch einmal davonzukommen, nicht mitmachen zu müssen bei Sonnenaufgang und Marsch. Ich stecke die Hand in die Tasche und finde dort eine verstaubte Kastanie vom letzten Herbst. Ich bin so müde, daß die Haut kribbelt und die steife Chlamys ein Tonnengewicht ist am Leib. Ich bin Jahrtausende alt. Mein Leib ist aus Marmor, durch Spalten schwitze ich klebrigen Schlaf aus. Die Fingerspitzen schmerzen, sie sind tagesverbrannt und lichtwund, ich sehne mich danach, sie in die strömenden Schatten eines Ahorns zu tauchen. Unauffällige Gesellschaft und Publikum den Traumtänzern, suche ich mir im Park eine Bank aus. Ein bißchen Mond wäre nicht schlecht, aber wann es wieder welchen geben wird, ist ein Geheimnis der Werwölfe. Die Zeichen stehn alle auf Tag. Schon lange habe ich keine Sternschnuppe mehr gesehen.
von:
Strigops habroptilus - am: 9. Jun, 10:37 - in: Die Stadt am Ende des Jahrtausends
Nicht aus Berlin zu sein, ist wohl nur für
Berliner eine relevante Information.
von:
Strigops habroptilus - am: 8. Jun, 13:54 - in: O tempora, o mores!
von:
Strigops habroptilus - am: 6. Jun, 09:48 - in: Nicht mit gar zu fauler Zungen
Menschen interessieren mich nicht. Geschichten interessieren mich. Rätsel. Das Unheimliche. Nicht was Menschen tun, sondern was geschieht. Und Orte. Vielleicht ist es deshalb so schwer für mich, beim Schreiben Personen zu formen. Vom Handelnlassen ganz zu schweigen. Motive sind mir selten klar. Trotzdem fesseln mich Geschichten. Obwohl Geschichten ohne Personen, keine Geschichten wären. Spannend finde ich nicht die Menschen mit ihren Ticks, absonderlichen Bedürfnissen, Antrieben oder Ängsten; der Auslöser für den Wunsch zu schreiben, ist meistens der Ort, nicht der Mensch, ist ein Geheimnis, das in einem Ort verborgen liegt, ist eine Atmosphäre, ist eine Erinnerung, die aus einem Ensemble von Begrenzungen, die einen Ort definieren, aufsteigt, eine Erinnerung, die sich anfühlt, als wäre es gar nicht meine eigene. Aber wessen Erinnerung ist es dann? Vielleicht die des Ortes selbst. Das kann ein ganz trivialer, langweiliger Ort sein. Ein Hof. Eine Straßenkreuzung in einem Vorort. Ein öder Kinderspielplatz mit zusammengestürzter Schaukel. Ein Wellblechverschlag. Seine Besonderheit erlangt er durch die Beziehung, die er zu anderen Orten hat, die ihm gleichen, ihn ergänzen, ihm in der Erinnerung vorausgegangen sind, die ähnliche Ereignisse mit ihm teilen, oder die, obwohl ganz anders gestaltet, die gleiche Stimmung ausstrahlen, und ihn damit als Verwandten erweisen. Oft lösen Orte den starken Impuls aus, über sie zu schreiben zu müssen. Es ist etwas an ihnen, das mir keine Ruhe läßt. Sie wollen etwas von mir. Oder sie zeigen mir, daß ich etwas von ihnen wollen muß. Nur warum, das zeigen sie nicht, das muß ich herausfinden. Sie geben mir ein Rätsel auf, das ich nur lösen müßte, um glücklich zu sein.
Noch nie hat mich ein Mensch auf diese Weise in Bann geschlagen. Menschen sind notwendig, man braucht sie und interagiert notgedrungen mit ihnen, doch lieber käme man ohne sie aus. Man müßte also von Orten schreiben wie man von Personen schreibt. Man müßte nicht die Geschichte an einem Ort, sondern den Ort in einer Geschichte spielen lassen. Mit Menschen als quasi statistenhaften Bedingungen und Umständen: als eine Art dynamisches Setting für den wahren Protagonisten, den Ort.
von:
Talakallea Thymon - am: 1. Jun, 12:15 - in: orte. wege
Der Himmel, der dich anblickt, mit seinen Zähnen aus Laternenpfahl und Müllcontainern. Die Pappeln unternehmen einen Reformversuch, der von den Vögeln vereitelt wird. Deine Grübeleien spiegeln sich matt im Kies. Ringsum ist alles voller Plan: Die Bikini-Models sind noch schmaler als letztes Jahr, nächstes Jahr werden sie vielleicht ganz verschwunden sein, eine Linie zwischen zwei Hälften Strand und Meer. Aber wer soll dann den Bikini tragen, grübelst du. Alles steckt voller Absichten. Postfächer schnappen nach Hochglanz. Tacker heften fleißig Lächelsalven zu Stapeln, katalogisieren die morgigen Bedürfnisse, zur schnellen Verfügung. Lichter und Schilder verfügen über deine Schritte. Überall blinkt es von Taschen, in denen der Abend fein verpackt ist. Feierabend-to-go. Über allem dreschen Helikopter auf die Wolken ein, um die Spreu vom Lichtweizen, du hast keine Ahnung. Pläne: Nur du hast keinen, schon gar nicht Wolken betreffend, ist doch die Wahl des richtigen Waschpulvers („Personalisiere dein Omo!“), ist doch die Wahl des geeigneten Vibrators (Big®, Well-Endowed® oder Maxi-Max®?), ist doch die Frage nach der Klobürste, die am besten zu dir paßt (jetzt mit scrub-o-flexTM Technologie) eine wahnsinnige Herausforderung. Die Entscheidung, Circe oder Medusa, kostet dich tausend gestaute Herzschläge. Kaum zu bemeistern: Die Ansprüche des nächsten Tages. Seine high density Flaggen. Da ist es gut, die Wolken: daß sie einfach nur sind. Und daß sie Vögel bei sich dulden, unendlich sanft.
Du suchst nach Hinweisen. Vielleicht gibt es irgendwo einen Spalt, einen Riß, den die Wurzel eines Veilchens schlug. Womöglich ist hinter der Spiegelung noch mehr. Doch wie auf die andere Seite eines Möbiusbandes gelangen? Der Horizont leidet unter Atemnot. Bleib noch ein bißchen, stürze noch nicht ein. Halt mir die Wolken fest.
Zwischen den Kapitelüberschriften, dem Auge des Fischreihers und dem Karussell der Jahreszeiger gibt es kein Entkommen.
von:
Strigops habroptilus - am: 26. Mai, 10:54 - in: Die Stadt am Ende des Jahrtausends
Von Fagotten habe ich schon einmal
geträumt, diesmal aber war ich selbst der Fagottist. Merkwürdig genug, war es auch noch ein sehr seltsames Instrument, hatte es doch keine Grifflöcher bzw. Klappen, sondern einen Trompetenzug aus Metall, den man wie den Kolben einer Fahrradpumpe ziehen mußte, um die Tonhöhe zu verändern. Diese originelle Abwandlung eines Fagotts hatte ich in einem Korb gefunden, in dem noch mehr Instrumente (alles Fagotte verschiedener Bauart) standen, nicht ungleich Spazierstöcken in einem Souvenirladen. Auf diesem seltsamen Instrument spielte ich im Traum eine Melodie, von der ich noch beim Erwachen wußte, oder zu wissen glaubte, woher sie stammte. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich nicht wieder Musik träumend phantasiert habe – diesmal nicht mehr nur als Zuhörer, sondern Instrumentalist selbst. Ich weiß nur noch, daß es eine Motivsequenz war, in der sich eine Tonfolge höher oder tiefer, vielleicht auch nach Moll gewendet, wiederholt; und wie beglückend es war, auf Anhieb die richtige Position des Kolbens zu finden.
Hummelgebrumm, Großvätergemurmel, tolpatschiges Bärengetorkel – manche meinen ja, das Fagott eigne sich besonders für humoristische Effekte. Das ist ein Irrtum, der daraus herrührt, daß das arme Rohrblattinstrument
de facto oft für musikalische Scherze eingesetzt wurde. Aber dafür kann es nichts. Es hat jedenfalls nichts mit seiner Natur zu tun, die
a priori nichts Komisches an sich hat. Und umgekehrt eignen sich andere Instrumente genauso gut für musikalische Späße. Die Klarinette quakt, die Posaune röhrt, das Cello pupst, und brummeln kann ein Horn mindestens genauso gut wie ein Fagott.
Dem Fagott haftet der Ruf des Marginalen an. Wer lernt schon Fagott spielen? Saxophon, Schlagzeug, Querflöte, oder, wenn es denn E-Musik sein soll, Violine oder Klavier, na gut. Aber Fagott? In einer US-Kinderserie aus den 70ern kam einmal ein etwas unbeholfener und unsportlicher Junge vor, der ausgerechnet Fagottunterricht bekam. Fagott, das ist wie CB-Funk oder Makramé, das hat irgendwie etwas Nerdiges.
Nicht nerdig: Edgar Degas, L’Orchestre de l’Opéra
Das war natürlich nicht immer so, und zum Glück haben viele Komponisten die lyrischen-elegischen Möglichkeiten klar erkannt, die der warme und sanftdunkle Klang des Fagotts bietet. Nur in den tiefen Lagen hat die Klangfarbe nämlich etwas Brummeliges, und auch dann nur bei geeigneter Spielweise. Weich und voll wie eine Tenorstimme in der Mittellage, gewinnt der Ton des Fagotts in der Höhe eine federnde, energische Härte, die im Piano auch schmeichelnd und zärtlich klingen kann, wie eine Oboe, nur daß ihm das Schneidende fehlt. Der Klang mischt sich sehr gut mit dem anderer Instrumente, ist aber auch für Solopassagen geeignet. Und so ist das Fagott im klassisch-romantischen Orchster seit gut 250 Jahren fest etabliert. Es gibt aber auch manch dankbares Stück in der Sololiteratur. Abgesehen von seinem unermüdlichen Einsatz als Continuo-Instrument haben sich namhafte Barockkomponisten des Fagotts auch als eines virtuos spielbaren Soloinstruments angenommen: Von Telemann gibt es neben einer Sonate für Fagott und BC ein viersätziges Konzert für Fagott, Altblockflöte, Streicher und BC, eine eigentümliche Mischung, könnte man meinen, aber Telemann hat es ausgezeichnet verstanden, die so gegensätzlichen Klangfarben von Blockflöte und Fagott als Solointrumente in einem Konzert unterzubringen, und so nicht nur die Fagott-, sondern auch gleich die Blockflötenliteratur um eine Perle bereichert. Geradezu vernarrt in das Instrument scheint Vivaldi gewesen zu sein: Nicht weniger als 39 Solokonzerte (mehr als für jedes andere Instrument) hat er dem Fagott gewidmet. Mozart, Weber, Hummel, Danzi, sie alle haben Werke für Fagott und Orchester zur Konzertliteratur beigesteuert. Und natürlich darf im klassichen Bläserquartett das Fagott als Bassinstrument nicht fehlen. Die Romantik behandelte das Instrument eher stiefmütterlich, während Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts wieder mehr für das Fagott komponiert wird. Saint-Saënts’ Sonate für Fagott und Klavier, deren einziges Manko ist, daß sie nicht länger dauert, ist ein frühes Beispiel für das wiedererwachte Interesse. In der Moderne haben unter anderen Jean Françaix, Heinz Holliger, Karl-Heinz Stockhausen und Peter Maxwell Davies Solowerke für das Fagott komponiert, und sogar Tom Waits hat die dunkleren Register dieses unterbewerteten Instruments zu schätzen gewußt.
Natürlich wird das Fagott nicht mit einem Posaunenzug gespielt, sondern auf Grifflöchern, bei modernen Instrumenten mit chromatischer Bohrung, deren Handhabung durch ein kompliziertes Klappensystem (der Mensch hat nun einmal nur 10 Finger) ermöglicht wird. Eine Art von Posaunenzug wäre schon deshalb gar nicht möglich, weil das Rohr des Fagotts nicht gerade verläuft, sondern wie ein Siphon u-förmig gebogen ist, worauf schon die Position des Mundstücks an der Seite hindeutet. Das Fagott ist sozusagen eine zusammengeklappte Röhre. Daher hat es vermutlich auch seinen Namen.
Fagotto bedeutet schlicht „Bündel“.
von:
Talakallea Thymon - am: 12. Mai, 12:42 - in: Daß alles für Freuden erwacht
Vor ein paar Tagen ein verwirrendes Geräusch. Gegen Abend, beim Essen: Durch das gekippte Fenster anhaltendes Wassergluckern, verspieltes Geplätscher, als ströme hinterm Haus ein echter Bach. Da füllt jemand eine Gieskanne, dachte ich. Es würde gleich aufhören. Aber es hörte nicht auf. Ich schloß das Fenster, beendete das Mal, öffnete das Fenster wieder: Der Bach floß immer noch munter dahin. Ich schloß das Fenster, machte den Abwasch, öffnete wieder: Geplätscher, nach wie vor.
Wie bei allen Geräuschen, muß ich dem auf den Grund gehen, ruhe nicht, bevor ich die Geräuschquelle gefunden habe und werde leicht wahnsinnig, wenn mir das nicht gelingt. Ich gehöre zu den Menschen, die dem geheimnisvollen Fiepen so lange durch die Wohnung folgen, bis sie die undichte Thermoskanne als Ursache identifiziert haben. Oder alles auf den Kopf stellen, bis sie das feine Blubbern unter der in einem Wasserfilm stehenden heißen Tasse geortet haben. Ohnehin schon geräuschempfindlich bis zur Psychose, bedeutet für mich die unbekannte Herkunft eines neuartigen Schallefekkts eine dramatische Steigerung der bei Geräuschexposition auftretenden Symptome: Herzrasen, Atembeschwerden, Sehstörungen, Bluthochdruck, Halluzinationen. Geräusche sind schrecklich. Aber Geräusche, deren Ursprung man nicht bestimmen kann, sind das reine Grauen.
Das Paranoide dabei (man könnte denken, das sei schon paranoid genug, aber weit gefehlt), das wirklich Paranoide dabei ist, daß mir Geräusche, die ich eigentlich mag, sofort ein Dorn im Ohr sind, wenn sie von Menschen verursacht und mir ungebeten zugemutet, aufgezwungen werden: Ein echter Bach hat keine Absichten und Wünsche, er kann mir sein Plätschern nicht aufzwingen. Der Buchfink vorm Fenster, er tut nur, was er tun muß, und um diese Jahreszeit kann er nicht anders als zu trällern. Bach wie Buchfink empfinde ich nicht nur nicht als störend, sondern im Gegenteil als wohltuende Bereicherungen des Klangkosmos um mich herum. Aber ein Plätschergeräusch, das der Nachbar aus Absicht oder einfach nur aus Unachtsamkeit oder als Nebeneffekt einer anderen Intention erzeugt, geht mir sofort auf die Nerven; und ein Buchfinkengeträller von einer Vogelstimmen-CD, das derselbe Nachbar stundenlang laufen ließe, würde Mordgedanken in mir reifen lassen. Wohlgemerkt, das Geräusch kann ununterscheidbar „echt“ sein. Ob es mich stört oder nicht, darüber entscheidet nur das Bewußtsein, ob es auf Menschenwitz und Menschenlist zurückzuführen, oder die absichtslose Natur selbst am Werk ist.
Es ist ein bißchen so wie mit der Fälschung in der Kunst. Eben noch hat uns das siebte Brandenburgische Konzert in Verzückung versetzt, da erreicht uns die Nachricht, es sei eine moderne Fälschung aus dem 20. Jahrhundert – und mögen es fortan nicht mehr hören. Nur das Bewußtsein, daß nicht der Meister selbst es geschaffen hat, verleidet uns den Genuß von Klängen, die auch nach der Erkenntnis dieselben bleiben.
Genauso stört mich ein Geräusch oft erst dann, wenn ich weiß, woher es kommt. Dem verleideten Genuß entspricht dann der Zorn auf den Urheber. Ein rhythmisches Klappern und Scheppern in einem Zug wird ab dem Moment unerträglich, wo ich begreife, daß es nicht den Fahrtgegebenheiten, dem Gegenwind oder den Gleisen verschuldet ist, sondern aus den Ohrstöpseln des Nachbarn herausschallt.
Ich bin neulich dann aber doch über meinen Schatten gesprungen und habe beim Einschlafen mich bemüht, das Wassergeräusch als solches zu nehmen wie es ist: Eine im Grunde angenehme Anwesenheit, ein willkommenes, beruhigendes Geplätscher, das unbedingt an eine sylvestrische Idylle erinnert. Ich versuchte, mir einen echten Bach dazu vorzustellen. Ich dachte noch an Forellen, die mit sanft ondulierenden Bewegungen im Strom stehen, dann schlief ich ein.
Ich hoffe, der Buchfink ist echt.
von:
Talakallea Thymon - am: 6. Mai, 19:14 - in: Werke & Tage
Auf der Terrasse gegenüber, umzingelt von Rosen: Eine junge Frau im grasgrünen Bikini, so knapp, daß es einer vollständigen Nacktheit gleichkommt, einer Nacktheit, die insofern ungewohnt und atemberaubend ist, schockierend fast, da sie in schüchternem und zugleich selbstverständlichen Gegensatz steht zu der gewöhnlichen, ubuquitären Nacktheit als Institution, eine Korrektur all der stumpfsinnig perfekten und puppenhaft-einförmigen Nackten oder Bikininackten, denen man ständig im öffentlichen Raum begegnet, auf Plakaten, in Zeitschriften, in der Werbung, ein Widerpsurch gegen diese gebräunten, einheitsschlanken Reiseprospekthotelstrandnackten, deren Makellosigkeit etwas ernüchternd Unwirkliches hat und daher auch keinerlei Assoziationsräume aufreißt, nichts Bezauberndes an sich hat, etwas Verlockendes schon gar nicht. Wie anders dagegen diese Bikininackte auf der Terrasse, in einem gnadenlos ehrlichen Licht stehend, das jeden Quadratzentimeter Haut preisgibt, wie sie, eben noch mit dem Zusammenlegen einer Decke beschäftigt, sich umdreht, ihre Rückseite zeigt, und, für einen Augenblick, während die offene Tür ihre Frontseite schräg einspiegelt, doppelt sichtbar, unter den Schatten der Terrassentür verschwindet. Atemberaubend ist diese Nacktheit, weil sie in ihrer Hinfälligkeit, Verletzbarkeit und ihren kleinen Fehlern so viel echter ist als jede photographisch inszenierte Haut es auf Hochglanz je sein könnte, ja, überhaupt erst echt durch das schwellende Fleisch, die leisen Einschnürungen von Höschen und Oberteil, das Wackeln der Muskulatur beim Ausschütteln der Decke, das Ausladende von Hüfte und Po und die feinen Faltungen und Striche der zarten Orangenhaut, das alles sind Zeichen der Echtheit, und erst darum ist diese Frau schön, im Sinne von: begehrenswert schön, erst durch diese Fehler (aber wieso sollte man Orangenhaut und Speck Fehler nennen, wodurch sind das Fehler, und wäre es nicht richtiger, sie Perfektionen, Perfektionierungen zu nennen?) löst ihr Anblick eine Lawine von Assoziationen, einen Strauß sehr konkreter, lebendiger und, in ihrem Verweis auf ein Nicht-Statthaben von Realität, schmerzlicher, verlustaufzeigender Phantasien aus:
Ich finde diese Verdichtung und Schwere des Leiblichen wieder in bestimmten Photographien, die, quasi absichtslos geschossen, etwas von der faszinierenden Alltäglichkeit eines normalen Körpers einfangen; wo die dort Abgebildeten so sehr und so deutlich Körper sind wie jene Hochglanzfigurinen bloße Abbilder, bloße Symbole-von und Verweise-auf sind, die Abstraktion nur von etwas Körperlichem, eine Idee; Gestalt, aber ohne echten Leib, ohne Fußabdruck im Sand, über den sie so sportlich dahinjagen (so abstrakt, daß auch der Sand und das Meer nicht ganz echt sein wollen unter dieser bloßen Idee von Füßen). Echte Pornographie wird denn in meinen Augen auch erst dort möglich, wo ein Anhauch des Echten gelingt, wo das wie zufällig gefundene Dargestellte den Eindruck von Ausdünstung, von Gewicht und taktilem Reiz zu vermitteln, nahezulegen, zu beschwören vermag; beim Amateur; bei der zufälligen, unprofessionellen Nacktheit, bei der nicht zur Schau gestellten, absichtslosen und ihrer selbst womöglich gar nicht bewußten Nacktheit, so wie sie nur der Voyeur je zu sehen bekommt. Solcherart aufgezeichnete und betrachtete Frauen sind aus Fleisch und Blut, müssen duschen und ihre Wäsche wechseln, sie sind müde, fühlen sich stark, waren heute morgen auf der Toilette, haben Stuhlgang, Gänsehaut und Hunger: Sie sind echt. Sie stehen, wie alles Lebendige, immer auf der Kippe zum Verfall, zum Gestank, zum Tod. Sie sind empfindliche Wesen, leicht verderblich, in metastabilen Gleichgewichten geborgen. Sie sind sterblich und voller Leben, sterblich und kostbar; und schön.
von:
Talakallea Thymon - am: 28. Apr, 18:00 - in: Nicht mit gar zu fauler Zungen