Mittwoch, 3. August 2011

Am morgen, später

Schon früh, gegen sechs Uhr, im Wald. Abends hat man ihn noch gehört, am Morgen bin ich mir nicht mehr sicher: Kann sein, daß eine seiner glockenhellen Kaskaden im Halbschlaf wahrnehmbar wurde. Als ich loslief, herrschte Schweigen straßauf und straßab. Losgelaufen mit dem Gefühl, zu spät dran zu sein.
Man bewegt sich zu den Rändern der Stille. Die Laternen an der Straßenbahnhaltestelle stehen wie Scheinwerfer über einem Gefängnis und tauchen die Schranken und Bahnsteige in natriumgelbes Licht. Alles, was fährt, bewegt sich wie außerhalb einer Demarkationslinie. Jeder Laut ist fern, als wäre das in dieser Stunde die einzige Möglichkeit für ein Geräusch, überhaupt zu existieren: hinter Verschachtelungen des Raums, in einer absolut gewordenen Dahintrigkeit, abseits von allem, vielleicht sogar von sich selbst.

Das Grau ihres Lockenschopfs sieht aus als hätten das Haar seine Farbe heute Nacht irgendwo abgelegt und dann vergessen. Das Grimmige in den Zügen der Frau (die Lippen ein Nein-Strich, die Nase mißmutig, wie schnüffelnd zu Boden gerichtet) scheint es zu bestätigen. Nur der Hund, der vor ihr an der Leine watschelt, ist guter Dinge und schaut mit einem Blick an mir hoch, der wohl sagen soll, ich dürfe Frauchens Schrullen nicht so ernst nehmen.

Später der Wald. Der Pfad hat die Jahreszeiten von sich geworfen. Er ist absolut gewordener Pfad, jenseits von zeiten und Abläufen, nichts geht ihm voran, nichts wird ihm je folgen. Unbestimmbar ist der Reifungs- oder Zerfallsgrad von Blattwerk, Blütenstand und Pupa. Der Himmel hängt farblos als etwas, das zwischen den Baumkronen eben auch noch da oder übrig ist, eine Ahnung von einem Zustand der Welt, in dem alle Dinge plötzlich fehlen und nur noch eine Sichtbarkeit ohne Farbe zurückbleibt. Plötzlich kommt mir der Wald begrenzt vor, seine Wege laufen in sich selbst zurück, hinter dieser Ilexreihe gibt es nur noch diesen farblosen Himmel, sonst nichts, aber die Grenze erreichst du nicht. Dein Schritt wird langsamer, du stolperst über eine Wurzel, ein morscher Zweig gibt unter dir nach, und wenn du wieder aufschaust, liegt vor dir der Weg, den du eben verlassen hattest.

Zurück, ist es Tag geworden. Die Straßen sind aufgewacht, die Scheiben blinzeln in den Himmel. Ein Automotor springt an. Unwirsch hängt Zigarettenrauch in der Hecke fest. Ein Baugerüst blitzt, Rufe gehen hin und her, Hammerschläge treiben Spalten ins Gehör. Sie sind wieder da, denkt man, die Schaffer und Häuslebauer, die Pläneschmieder und Zirkusdompteure der Langeweile, und die ganze Fauna nimmt reißaus und geht schon mal in Deckung.

Heute, Tage später, hat man endlich Gewißheit erlangt: Die Buchfinken haben ihr Jahreswerk vollbracht. Was neulich noch in den morgendünnen Schlaf ragte, war ihr letzter Ton, und vielleicht hat man auch dieses nur mehr einer Erinnerung nachhängende Zwitschern bloß geträumt. Der Sommer schaut auf die Uhr, die Sonne blickt verlegen drein. Man tritt vor die Tür zu einer Stunde, die gestern noch Sechs Uhr hieß, der Buchfink ist Geschichte und man läuft wieder los, mit dem Gefühl, zu spät dran zu sein.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Irrtum

Lieber Mitreisender und Nebensitzer, Sie glauben, ich rücke von Ihnen ab, damit Sie in die Lücke nachrutschen und das bißchen Raum zwischen uns abermals mit Ihrem Körper füllen können. Vielleicht freuen Sie sich sogar, daß Sie nun mehr Platz für diesen Körper haben, mit dem Sie mir, ich sage es ungern, auf die Pelle rücken. Sie befinden sich in einem beklagenswerten Irrtum. Ich rücke nicht von Ihnen ab, damit Sie mehr Platz haben, sondern damit mehr Platz zwischen uns sei.

Dienstag, 19. Juli 2011

Greinstraße, Baustelle

Nur noch ein paar Tage, dann ist es aus mit dem Blick auf die Baumkronen. Schon verstellt ein Gerüst diesen grünwogenden Ernst, trampeln Arbeiter in den Laubhöhlen herum, wächst vor meinem Fenster der Plan zur Übermalung des Himmels: Ein Containergebäude, so hat es die Verwaltung beschlossen, soll dort entstehen und den Mitarbeitern eines anderen Insituts während einer Baumaßnahme als Notunterbringung dienen.
Jahre haben aber die Kronen ihren Schatten auf das Rasenstück geworfen, mir an Winternachmittagen den Himmel in Nester und Parzellen geteilt, Frühling für Frühling die unscheinbaren Schönheiten ihrer vor dem Blattaustrieb schwellenden Blütenknospen wie schlagende Glöckchen an den Himmel gesteckt, und im Herbst konnte man zusehen, wie die Winde langsam, jeden Tag größere Lücken reißend, das mürbe Laub aus den Kronen blies.
Selbst die Fußgänger, die dann, die Hand am Hut gegen den Sturm, zu den Parkülätzen streben, verfallen in solchen Schatten, überdacht von den ausladenden Zweigen des Silberahorns, in einen anderen, in einen besonnenen Schritt, obwohl die Bewegung, mit der sie sich eins der brennendroten Blätter vom Mantel wischten, gedankenlos und mürrisch ist. Der Raum unter einem Baum ist immer ein friedvollerer Raum. Die Übermacht des Himmelsgewölbes, dessen Vollkommenheit manchmal wie die Drohung eines jederzeit fälligen Schlags überm Scheitel hängt, ist zerstreut und im sorgsamen Walten des Laubs aufgehoben. Darunter und darin läßt es sich wohnen. Seine Wurzeln aber drücken selbst Betonflächen empor und lassen den Sand zwischen Pflastersteinen davonrieseln. Es ist nicht alles machbar. Auch die frischweiße Fläche, die jetzt als Fundament für die erwarteten Container sich dort erstreckt, wo vor ein paar Wochen noch eine Wiese lag, könnte sehr leicht diesen Druck aus dem feuchten Inneren der Erde an sich zu spüren bekommen.
Schon zwängt sich der Raum zwischen den Scheiben und der noch imaginären Wand unruhig in seinem zukünftigen Spalt. Gerüstrohre heulen wie Orgelpfeifen. Die Männer zeigen und messen und zeigen noch mehr. Vom künstlichen Stein kräuselt sich eine Staubfahne empor. Der Silberahorn wedelt mit Laub und Licht, bereits in einen Bilderrahmen aus Gerüsten gespannt. Bald wird nichts weiter zu sehen sein, als die Wand, an der jeder müde hinausgependelte Blick abprallen wird. Der Horizont läßt Wolkenvögel losfliegen: Auch sie wird man bald nicht mehr sehen, mit etwas Glück noch ihren Schatten, wie er zu den anderen Schatten im Spalt zwischen Mauer und Fenster hereingleitet. Das Licht auf dem beton ist stumpf geworden wie Kreide. Über den Arbeiterschultern spannen sich die Hemden. Im vorauseilenden Licht der Leuchstoffröhren sitzt man jetzt schon wie beengt.

Mittwoch, 6. Juli 2011

Briefe in die Vergangenheit

Daß Du mir nicht mehr schreibst, zu den Anlässen nicht, dazwischen sowieso nicht: Das schlimme daran ist nicht, daß ich das schlimm finde, sondern daß ich es nicht schlimm finde. Denn:
Was verbindet uns noch, außer der bloßen archäologischen Tatsache, daß wir mal ein Paar waren? Was Dich mit mir verbindet, kann ich nicht sagen. Was mich betrifft, so verbindet mich mit Dir eine Erinnerung, eine Vergangenheit, mit der ich nicht abschließen kann, und diese Vergangenheit ist in gewisser Hinsicht lebendiger als die Gegenwart (ich bin versucht zu sagen: lebendiger als Du jetzt für mich bist). So weiß ich gar nicht mehr, an wen ich eigentlich schreibe, wenn ich mich zu einem Brief an Dich hinsetze. Der Schreibtisch ist so leer, als hätte nie jemand dort einen Brief geschrieben. Es scheint mir, ich schicke Briefe an einen Menschen aus der Vergangenheit, Briefe, die, wie ich fürchte, mehr an meine eigenen Erinnerungen als an eine echte Person gerichtet sind. Und zurück sind zuletzt immer Briefe gekommen aus einer Gegenwart, über die ich rätsele und mir den Kopf zerbreche, ich verstehe sie nicht. Es scheint diese Gegenwart nicht meine Gegenwart zu sein, auf jeden Fall ist es keine, die uns beide gleichzeitig enthalten könnte. Ich kann diese erratischen Hinweise (Job; Kinder; Haus) und Informationsschnipsel zu keinem Bild eines Lebens zusammensetzen, und sagen: Das ist also Deins, so lebst du also, das bist Du. Es bleibt das alles ein Job, Kinder, ein Haus. Beliebig. Fremd. Isoliert. Nichts, woran Deine urpersönliche Sicht auf die Welt, Deine ureigene Bemühung, Dich darin zurechtzufinden, kenntlich würde. Nichts, worin sich sich ein Dein Du zeigen würde.
Und jetzt kommen gar keine Briefe mehr, keine aus der Gegenwart, weder verständliche noch unverständliche. Ich nehme es zur Kenntnis. Es berührt mich nicht. Ich habe lange vergebens auf einen Brief aus der Vergangenheit gewartet, aus unserer Vergangenheit, von einem Menschen, der noch dieselbe Zeit mit mir teilt. Von dort habe ich nie wieder etwas gehört. Deshalb kann ich nicht sagen, daß mir irgendetwas fehlt. Wir könnten uns nur immer wieder unsere eigene Geschichte erzählen. Vielleicht ist es besser, es zu lassen, weil es sinnlos ist und nicht guttut, und weil das Ende häßlich war, und unseren Briefwechsel einzustellen. Vielleicht hast Du diesen Entschluß bereits gefaßt, denke ich, vor einem Jahr und länger, vielleicht hast Du eines Tages, schon am Schreibtisch, lange nachgedacht und nichts gefunden, und den Federhalter sinken lassen, aus dem Fenster gesehen, in bewegtes Laub oder Sonne oder Schindeln anderer Häuser, hast geseufzt und den Kopf geschüttelt und Papier, Feder und Umschlag wieder weggeräumt, bist aufgestanden und hinausgegangen, und vielleicht warst das gar nicht Du sondern ich war das. Ich stelle mir eine leere, spiegelnde Schreibtischfläche vor und eine Tür, die ins Schloß fällt, rufende Stimmen, die dahinter verhallen, ein unbehaustes Zimmer. Wann haben wir das letzte Mal wirklich miteinander gesprochen?, frage ich mich, und dann finde ich es doch noch schlimm.

Freitag, 1. Juli 2011

Hausaufgaben

Amüsant: An den Suchbegriffen, mit denen meine Seite gefunden wird, läßt sich manchmal ablesen, welcher lateinische Text gerade besonders oft als Hausaufgabe gegeben wird: Letzte Woche war es Seneca über die Zeit (ita fac, mi Lucili, Sie kennen das sicher noch) und eine Passage aus der Ars von Ovid. Heute dagegen scheinen sich mehrere Schüler an Martial 5,58 abzumühen.

Da kann man nur viel Erfolg wünschen.

Dienstag, 28. Juni 2011

Greinstraße

Der Himmel ist von so tiefem Blau, daß man ihm seine Farbe nicht glaubt.
Vorhänge, die am Morgen von Bäumen eingefaßt wie ein Augenfilm über den Bachtälern lagen, haben sich fortgehoben, Vögel eine Minute Irrsinn in den Schnäbeln herangetragen und aufgezogen, eine Kulisse für Erdhügel und Baugruben, eine Verschwörung der Farben, die sich erheben wie beschwipste Lanzenreiter.
Die Bauleute zeigen nichts mehr.
Sie sitzen und rauchen. Sie sehen nicht müde aus. Sie haben die Bereitschaft mißtrauischer Tiere. Sie lauern und rauchen. Das Licht unter dem künstlichen Himmel ist so hell, daß es den Rauch wegbrennt. Geduckt stehen die Betonmauern in ihren Schatten herum, sind sich ihrer selbst nicht mehr sicher, sehen aus, als schmerzte sie die Sonne, als gäben sie nach unter der korrosiven Phalanx des Lichts, das alles zu glatten Flächen hobelt.
Es gibt keine Erdbeeren. Ob das mit dem Wüstenklima dieses Falschfarbenvormittags zusammenhängt, ich weiß es nicht. Wer kann sagen, was für eine Farbe sich die Erbeeren hätten einfallen lassen. Ich bemerke an mir, wie mich Unterbrechungen kleinster Routinen aus der Bahn werfen. Die Routine des Wetters etwa: So ein unverhofft blauer Sommermorgen nach Tagen trüben Regens, das bringt mich total aus der Fassung. Es setzt mich unter Druck. Es will was von mir. Daß ich den Koffer packe. Daß ich das erstbeste Mädchen am Bahnsteig anquatsche. Daß ich eine neue Vogelart entdecke. Daß ich ein Attentat verübe, bevor noch ein größeres Unglück geschieht. Daß ich mir eine Tonsur schneide und unter die Pilger gehe. Daß ich dem Licht den Morgen erkläre. Ich müßte mich verwandeln, aber wie? Ich weiß es doch auch nicht. Laß mich in Ruhe.
Den Kopf im Nacken könnte man einen Drachen sehen, Flugzeuge mit Werbefahnen, Spiegelungen unsichtbarer Schwimmbecken. Wie das alles vom Himmel aufgesogen wird, gleichgültig, und verschwindet. Es gibt kein Entkommen. Es gibt nichts als Zukunft an einem solchen Tag, und da, nein, da möchte man wirklich nicht hin.

Dienstag, 21. Juni 2011

Solstitium

Schwaene

Mittwoch, 15. Juni 2011

Greinstraße: auf der Baustelle

Die Männer im Schattenschwenk der Baggerschaufel: ständig halten sie Arm und Finger ausgestreckt, kennt das Kinn Richtungen, wächst die Nase zum Expertenriecher. Die freie Hand auf der Hüfte, Fluppe im Mundwinkel, die Schirmmütze in der Stirn, stemmen sie die Füße in den Arbeitssschuhen auf die frisch aufgeworfene Erde, halten den Arm vor sich und zeigen, zeigen und kneifen die Augen zusammen und lassen Rauch aus ihrem Mund wehen, und folgen blickweise ihrem eigenen Finger den imaginären Pfad entlang, weisen und deuten und wissen bescheid, mal lanzenstarr, mal in einer aus dem mehrmals angewinkelten und wieder gestreckten Ellenbogen gestalteten Dynamik und Lautstärke, fassen immer irgendetwas ins Auge und sondern es mittels einer gedachten Verlängerung von Hand und Finger, in einer Art von semiotischem Energiestrahl aus dem Einerlei von Hügel, Haufen, Zaun und Grube heraus, machen es sich deutend zu eigen und zwingen die anderen, es ihnen zuzugestehen, ihr Eigentum, auf das sie kraft ihrer Zeigegewalt ein Anrecht erworben haben. Kein Gegenstand, der ihrem raffenden Blick gewachsen wäre. Wer stärker, besser, intensiver zu zeigen versteht, so scheint es, dem wird bald alles gehören, dem wird alles zu Willen sein. In der Morgendämmerung schweben ihre Gesichter wie behelmte Masken von Kriegsgöttern. Da geht’s lang! Es ist, als erfänden sie ganz neue Richtungen, wohin noch niemand je gezeigt hat. Sie stehen in einem Wettstreit der Richtungen. Wer eine neue Richtung findet, der darf ihr seinen Namen geben. So stehen sie, so marschieren sie, den Kopf voller Hoffnungen und Richtungen, so stapfen sie herum, gereckten Armes, pfeilscharfen Fingers, und zeigen, stoßen und zeigen. Überbieten einander mit Richtungen und Zielen, Objekten. Später sammeln sie die gezeigten Richtungen ein, nehmen sie als Trophäen mit nach Hause und bieten sie angstvoll ihren Frauen an. Mit diesen Erwartungen im Herzen zeigen und zeigen sie, inbrünstig, als sei dies, als sei das Zeigen ihre eigentliche, ihre wahrhaftigste Berufung, und immer ein bißchen verzweifelt angesichts einer unendlichen Aufgabe und vor einem nie ganz erfüllbaren Eid.

Dienstag, 14. Juni 2011

Arbeitsprotokoll

6:00 Nachrichten und Kaffee laufen. Während ich Wasser nachgieße (die Nachrichten laufen von alleine), fällt mir ein, daß ich mich gestern nach dem Umweg durchs Gebüsch nicht nach Zecken abgesucht habe. Ich hole das nach. Griechenland droht der Staatsbankrott. Interessant, wo man überall Bettfusseln findet.

6:05 Daniel Finkernagel begrüßt die Zuhörerschaft zur Sendung Mosaik. Finkernagel ist einer meiner Lieblingsmoderatoren. Keine Zecke. Kaffee fertig. Tag fängt gut an.

6:07 Erstmal E-Mails checken und Internet-Nachrichten.

6:10 Habe den Eindruck, daß die Mosaik-Sendung über die Jahre immer unruhiger geworden ist. Melancholische Gefühle streifen mich. Ich vermisse Landwirtschaft heute („die Sendung über Lebensmittel für morgen“). Man könnte eine Anfrage an Radio Eriwan machen. Natürlich wäre die Antwort klar: Im Prinzip ja. Aber sowas geht heute nicht mehr. Mir fällt auf, daß es von recht vielen Dingen heißt, sie gingen heute nicht mehr. Wahlweise heißt es auch, sowas könne man heute nicht mehr machen. In der Grundschule die Termini Substantiv, Adjektiv, Verb einführen. Kann man heute nicht mehr machen. Werbung für Zigaretten und Alkohol im Fernsehen zeigen. Kann man nicht mehr machen. Die Kinder unbeaufsichtigt auf die Straße lassen. In der vierten Klasse eine ungekürzte Ganzschrift lesen. Einfache Chemikalien wie Natronlauge oder Salzsäure in der Drogerie verkaufen. Atomkraftwerke bauen. Geht alles nicht mehr. Frische Sprossen im Salat: Kann man heute nicht mehr machen.
Die Menschen werden immer einfältiger, hat man den Eindruck. In ein paar Jahren, male ich mir aus, sagt man im Germanistikseminar immer noch „Tunwort“.

6:20 Zwei Absätze geschrieben. Gewagte Sprache, aber wer wagt, der gewinnt. Kaffee fast leer. Träume von einer zweiten Tasse.

6:30 Kulturnachrichten. Ich habe den Eindruck, daß überall nur gequasselt wird. Das Mosaik setzt sich aus immer kleineren Steinchen zusammen. Ständig wird irgendwo unterbrochen, Design im Dasein, Unfug mit Fugen, Migranten des Wortschatzes, das Radio ist zu einer Kultur der Unterbrechungen und Häppchen geworden, so eine Art akustisches Fingerfood.

6:35 Habe die zwei Absätze wieder gelöscht. Sowas kann man heute nicht mehr machen.

6:39 Jemand sagt, Regisseur A oder B habe einen Film realisiert. Ich bin beeindruckt. Realisiert hat er den Film. Nicht einfach gedreht, was hemdsärmelig, oder gar nur gemacht, was ja schon schludrig wäre, nein realisiert. Das klingt doch gleich ganz anders. Nach Idee, nach Einfall, nach Genie.

6:40 Bin in der Frage, was man heute machen kann, ratlos und realisiere einen Zweitkaffee.

6:50 Was ich schon immer geahnt habe, heute wird es offenbar: Händels Violinsonaten sind belanglos.

6:55 Ich frage mich, was die Macher von Mosaik bewogen hat, als letzte Musik vor dem Journal ein Vokalstück zu spielen. Was soll das sein, eine Erziehungsmaßnahme?

7:09 Noch unverständlicher ist mir, warum seit ein paar Tagen im Journal vor dem Wetter ein Fußballreporter in einer der frühen Stunde absolut unangemessen extatischen Tonfall Spielergebnisse des Vortages zusammenfaßt. Absurd scheinen mir in diesem Zusammenhang vor allem die Stadion-Hintergrundgeräusche. Es wird sich um sieben Uhr in der Früh wohl kaum um eine Live-Einblendung handeln. Nervensäge.

7:10 Kaffeeflash. Habe einen Absatz geschrieben, der mich nicht weiterbringt, und der das Problem, alles Vorformulierte im Plot unterzubringen, nur verschiebt. Ferner die Frage, wo die Erzählerlüge von dem, was in Echt passiert ist, abzweigt. Schwierig, Was ist überhaupt in Echt? Auch darum, fällt mir ein, wird es gehen in dem Roman.
Ein Musikstück wird angekündigt, Finkernagel gönnt sich wieder mal ein improvisiertes Rätsel. Der Komponist wird charakterisiert als ein sehr religiöser Mensch, der eins seiner Werke gar „dem lieben Gott“ gewidmet habe. Einfach! Das ist derselbe, der gegen Ende seines Lebens Buch über die täglich verrichteten Gebete geführt hat.

7:17 Nehme mir vor, über meine Kaffees Buch zu führen. Bruckners Streichquintett ist wie seine Symphonien, nur leiser.

7:30 Auch die Sätze haben ähnliche Spieldauer.

7:35 Kersten Knipp ticht uns frich die Kultur-Presse-Schau auf. Habe noch einen Absatz geschrieben, von dem ich weiß, daß ich ihn wieder löschen werde. Die Gedanken schweifen ab. Ich kann mich nicht konzentrieren. Entweder es fehlt an Koffein, oder ich habe zuviel davon im Kreislauf. Verdammte Sucht.
Gut wäre für die Lügenversion des Erzählers eine ménage à trois, oder die Ankündigung einer solchen. Ein Ereignis, das sich später, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, als heimlicher Wunschtraum erweist.

7:43 Dreißig Seiten an der ménage-à-trois-Szee geschrieben. Kurzes Writer’s High. Muß aufpassen, daß die Phantasie nicht mit mir durchgeht.

7:44 Kirche in WDR 3. Zur Einstimmung singt der Troisdorfer Kinderchor den Choral zu vier Stimmen, „Herr Jesus will mich decken“ von Johann Gottlieb Sauertopf. Dieses Salbadern um kurz vor acht könnten sie mal wirklich abschaffen. Und dafür wieder Landwirtschaft heute senden.

7:54 Der Radiowecker schaltet sich zum Glück aus, bevor zum ersten Mal das Wort Gott fällt. Überlege mir, wie es wäre, einen Worterkenner zu haben, der automatisch die Lautstärke dimmt, sobald das Wort Kirche oder Jesus oder Kürzlich erzählte mir ein Freund fällt. So eine Art Kirchenscanner. Das wär mal was.

7:15 Die Phantasie ist mit mir durchgegangen. Habe die 30 Seiten ménage-à-trois-Szene wieder gelöscht.

7:20 Könnte die ménage-à-trois-Szene ja auf dem Blog posten. Haha.

7:25 Kaffee ist aus. Radio ist stumm.

7:30 Cursor blinkt erwartungsvoll.

7:31 Cursor blinkt erwartungsvoll.

7:32 Cursor blinkt erwartungsvoll.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Noch kein Solstitium

Morgens unterwegs, ein beliebiger Werktag, das Werk hat schon begonnen, der Tag wartet noch ab. Eine Fahrt über Land, im Bus, das Fahrzeug schaukelt auf den Wellen der Hügel. Champagnerblasen jagen das Frühlicht über den Horizont. Der Morgen erwacht und stürmt voran, atemlos hängt ihm alles nach. Der Bus schaukelt. Das Buch liest sich selbst rückwärts und läßt mich nicht mitlesen. In der Tasche ermüdet ein Stück Brot. Der Bus bremst und beschleunigt. Über den Wiesen fliegen dunkle Pferde. Später, in der Stadt, sind die Pferde verschwunden, spielt der Himmel auf den Wolkenkratzern Klavier. Die Sonne exstatisch, orchestral, zarathustrisch. Wenn man jetzt nur wach wäre. Die Bäume stehen sill und verrenkt wie in eine Yogaübung vertieft. Aber dies ist keine Probe mehr, man hört es am Sonnentusch: Jetzt wird es, jetzt macht der Morgen ernst, vielleicht macht auch schon eine ganze Jahreszeit mobil, mit Rollkoffern und Aktentaschen.
Die Richtungen spielen Labyrinth und schieben die Menschen herum. Es wird ernst, überall kann man es lesen. Wenn man will, ich will nicht. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten, doch ich bin für diesen und für andere Ernstfälle nicht gewappnet. Ich hoffe, noch einmal davonzukommen, nicht mitmachen zu müssen bei Sonnenaufgang und Marsch. Ich stecke die Hand in die Tasche und finde dort eine verstaubte Kastanie vom letzten Herbst. Ich bin so müde, daß die Haut kribbelt und die steife Chlamys ein Tonnengewicht ist am Leib. Ich bin Jahrtausende alt. Mein Leib ist aus Marmor, durch Spalten schwitze ich klebrigen Schlaf aus. Die Fingerspitzen schmerzen, sie sind tagesverbrannt und lichtwund, ich sehne mich danach, sie in die strömenden Schatten eines Ahorns zu tauchen. Unauffällige Gesellschaft und Publikum den Traumtänzern, suche ich mir im Park eine Bank aus. Ein bißchen Mond wäre nicht schlecht, aber wann es wieder welchen geben wird, ist ein Geheimnis der Werwölfe. Die Zeichen stehn alle auf Tag. Schon lange habe ich keine Sternschnuppe mehr gesehen.

Mittwoch, 8. Juni 2011

(ohne Titel)

Nicht aus Berlin zu sein, ist wohl nur für Berliner eine relevante Information.

Montag, 6. Juni 2011

...

Rubi

Mittwoch, 1. Juni 2011

Handelnde Orte

Menschen interessieren mich nicht. Geschichten interessieren mich. Rätsel. Das Unheimliche. Nicht was Menschen tun, sondern was geschieht. Und Orte. Vielleicht ist es deshalb so schwer für mich, beim Schreiben Personen zu formen. Vom Handelnlassen ganz zu schweigen. Motive sind mir selten klar. Trotzdem fesseln mich Geschichten. Obwohl Geschichten ohne Personen, keine Geschichten wären. Spannend finde ich nicht die Menschen mit ihren Ticks, absonderlichen Bedürfnissen, Antrieben oder Ängsten; der Auslöser für den Wunsch zu schreiben, ist meistens der Ort, nicht der Mensch, ist ein Geheimnis, das in einem Ort verborgen liegt, ist eine Atmosphäre, ist eine Erinnerung, die aus einem Ensemble von Begrenzungen, die einen Ort definieren, aufsteigt, eine Erinnerung, die sich anfühlt, als wäre es gar nicht meine eigene. Aber wessen Erinnerung ist es dann? Vielleicht die des Ortes selbst. Das kann ein ganz trivialer, langweiliger Ort sein. Ein Hof. Eine Straßenkreuzung in einem Vorort. Ein öder Kinderspielplatz mit zusammengestürzter Schaukel. Ein Wellblechverschlag. Seine Besonderheit erlangt er durch die Beziehung, die er zu anderen Orten hat, die ihm gleichen, ihn ergänzen, ihm in der Erinnerung vorausgegangen sind, die ähnliche Ereignisse mit ihm teilen, oder die, obwohl ganz anders gestaltet, die gleiche Stimmung ausstrahlen, und ihn damit als Verwandten erweisen. Oft lösen Orte den starken Impuls aus, über sie zu schreiben zu müssen. Es ist etwas an ihnen, das mir keine Ruhe läßt. Sie wollen etwas von mir. Oder sie zeigen mir, daß ich etwas von ihnen wollen muß. Nur warum, das zeigen sie nicht, das muß ich herausfinden. Sie geben mir ein Rätsel auf, das ich nur lösen müßte, um glücklich zu sein.
Noch nie hat mich ein Mensch auf diese Weise in Bann geschlagen. Menschen sind notwendig, man braucht sie und interagiert notgedrungen mit ihnen, doch lieber käme man ohne sie aus. Man müßte also von Orten schreiben wie man von Personen schreibt. Man müßte nicht die Geschichte an einem Ort, sondern den Ort in einer Geschichte spielen lassen. Mit Menschen als quasi statistenhaften Bedingungen und Umständen: als eine Art dynamisches Setting für den wahren Protagonisten, den Ort.

Donnerstag, 26. Mai 2011

Moebius

Der Himmel, der dich anblickt, mit seinen Zähnen aus Laternenpfahl und Müllcontainern. Die Pappeln unternehmen einen Reformversuch, der von den Vögeln vereitelt wird. Deine Grübeleien spiegeln sich matt im Kies. Ringsum ist alles voller Plan: Die Bikini-Models sind noch schmaler als letztes Jahr, nächstes Jahr werden sie vielleicht ganz verschwunden sein, eine Linie zwischen zwei Hälften Strand und Meer. Aber wer soll dann den Bikini tragen, grübelst du. Alles steckt voller Absichten. Postfächer schnappen nach Hochglanz. Tacker heften fleißig Lächelsalven zu Stapeln, katalogisieren die morgigen Bedürfnisse, zur schnellen Verfügung. Lichter und Schilder verfügen über deine Schritte. Überall blinkt es von Taschen, in denen der Abend fein verpackt ist. Feierabend-to-go. Über allem dreschen Helikopter auf die Wolken ein, um die Spreu vom Lichtweizen, du hast keine Ahnung. Pläne: Nur du hast keinen, schon gar nicht Wolken betreffend, ist doch die Wahl des richtigen Waschpulvers („Personalisiere dein Omo!“), ist doch die Wahl des geeigneten Vibrators (Big®, Well-Endowed® oder Maxi-Max®?), ist doch die Frage nach der Klobürste, die am besten zu dir paßt (jetzt mit scrub-o-flexTM Technologie) eine wahnsinnige Herausforderung. Die Entscheidung, Circe oder Medusa, kostet dich tausend gestaute Herzschläge. Kaum zu bemeistern: Die Ansprüche des nächsten Tages. Seine high density Flaggen. Da ist es gut, die Wolken: daß sie einfach nur sind. Und daß sie Vögel bei sich dulden, unendlich sanft.
Du suchst nach Hinweisen. Vielleicht gibt es irgendwo einen Spalt, einen Riß, den die Wurzel eines Veilchens schlug. Womöglich ist hinter der Spiegelung noch mehr. Doch wie auf die andere Seite eines Möbiusbandes gelangen? Der Horizont leidet unter Atemnot. Bleib noch ein bißchen, stürze noch nicht ein. Halt mir die Wolken fest.
Zwischen den Kapitelüberschriften, dem Auge des Fischreihers und dem Karussell der Jahreszeiger gibt es kein Entkommen.

VOCES INTIMAE

... for we have some flax-golden tales to spin. come in! come in!

Kommt herein, hier sind auch Götter ...

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