Nimm trotzdem, wenn du magst, eine Hilfe an, mit der du dich wappnen kannst. Die Dinge, mein Lucilius, die uns Angst einjagen, sind zahlreicher als die, welche uns wirklich zusetzen, und oft quälen wir uns nicht der Tatsachen wegen, sondern aus bloßem Glauben. Ich spreche jetzt nicht zu dir mit der Stimme des Stoikers, sondern einer milderen; wir sagen ja, daß alles, was uns Stöhnen und Seufzen hervorruft, in Wahrheit leicht sei und verachtenswert. Lassen wir diese großen aber, ihr guten Götter!, wahren Worte einmal beiseite: Ich lege Dir nahe, dich nicht vor der Zeit zu grämen, da doch das, was du als bevorstehend fürchtest, vielleicht niemals eintreten wird, ganz sicher aber noch nicht eingetreten ist. Manches quält uns also mehr als nötig, manches quält uns früher als nötig, und manches quält uns ganz unnötigerweise; wir vergrößern den Schmerz oder nehmen ihn vorweg oder bilden ihn uns ein.
Tamen, si tibi videtur, accipe a me auxilia quibus munire te possis. [4] Plura sunt, Lucili, quae nos terrent quam quae premunt, et saepius opinione quam re laboramus. Non loquor tecum Stoica lingua, sed hac summissiore; nos enim dicimus omnia ista quae gemitus mugitusque exprimunt levia esse et contemnenda. Omittamus haec magna verba, sed, di boni, vera: illud tibi praecipio, ne sis miser ante tempus, cum illa quae velut imminentia expavisti fortasse numquam ventura sint, certe non venerint. [5] Quaedam ergo nos magis torquent quam debent, quaedam ante torquent quam debent, quaedam torquent cum omnino non debeant; aut augemus dolorem aut praecipimus aut fingimus.
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Talakallea Thymon - am: 26. Feb, 11:05 - in: egregie dicta
gestern wieder im wald laufen, nur noch vereinzelt liegt eis, an wegkreuzungen und lichtungen, wo wegen der fehlenden baumkronen mehr schnee gefallen ist; aber es ist nicht mehr gefährlich, das eis ist mürbe, rauh, rissig und gibt unter den tritten bereits nach, man kommt ganz gut dran vorbei und dran vorüber.
zwar ist das meiste geschmolzen; dafür sind jetzt aber alle unbefestigten wege vom vielen schnee und jetzt durch dauerregen komplett durchgeweicht und verschlammt, der mehrmals gefrorene und wieder aufgetaute boden ist durch die ausdehnung des eingedrungenen und später gefrorenen wassers schwammig aufgedunsen und weich; überall steht das wasser in breiten pfützen, tümpel säumen die wege, raupenfahrzeuge, pferde und autos haben das übrige getan, um die meisten pfade in schlammpisten zu verwandeln, mit einem wort, der wald ist ein einziger sumpf. bis das drainiert und trocken ist, können wochen vergehen. ich bemerke an mir selbst eine merkwürdige gereiztheit, wenn das, was zunächst nur ein paar schritte über matsch schien, fünf schritte später immer noch matschig ist, hundert meter weiter keine besserung eintritt, nach hundert sich nichts geändert hat, bis man endlich mit vom lehm bereits schweren schuhen begreift: so geht es jetzt kilometerlang weiter, und sich der weg übers feld bis in die nebelige weite hinein von pfützen punktiert und von raupenketten gestriemt hinzieht. in solchen augenblicken könnte ich laut schreien vor zorn, und manchmal tu ich es auch.
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Talakallea Thymon - am: 24. Feb, 21:14 - in: orte. wege
... muß man sich eigentlich langweilen, daß man sich derart hartnäckig an diesem banalen Thema abarbeitet, als wär's ein Rettungsring in einer See des ennui?
Seit zwei Wochen beschäftigt Hegemann jetzt die Feuilletons. Offensichtlich gibt es derzeit nichts Spannenderes. Möge jeder seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.
von:
Talakallea Thymon - am: 24. Feb, 07:37 - in: O tempora, o mores!
Was noch vor ein paar Tagen unbeholfener Versuch war, ein prüfendes, tastenden Stolpern ins Schneelicht des Morgens hinein (man konnte nicht sicher sein, ob man sich nicht verhört hatte), das ist sich, zumindest hier im Rheinland, seiner vergessen geglaubten früheren Virtuosität wieder bewußt geworden, hat den Dreh wieder raus; und so tönt es jetzt aus den Büschen und Bäumen, perlend, hell, kraftvoll und so stolz, als müßte es die Verspätung wieder wettmachen: Die ersten Buchfinken.
Ende Januar war es letztes Jahr schon soweit, in einem Waldstück voller Sonnensäulen und eiskalten Buchenrinden; in der ferne schwebte die Godesburg, angehoben von Licht, während tief unten der Sonntagnachmittagsverkehr blitzte.
Wege von und zu der alten Wohnung. Argelanderstraße. Fluchtgedanken, wirre Pläne von einem Neubeginn, vom Wohnen auf dem
Campingplatz oder im Wohnmobil, Ärger auf Nachbarn und den ermüdenden Autoverkehr vor dem Küchenfenster. Ich weiß noch daß ich in jenen Tagen Campingplätze wegen eines Dauerstellplatzes angeschrieben habe, und einmal bin ich sogar runter nach Mehlem gefahren, um mir einen anzusehen, ein trostloses Stück Wiese mit vereinzelten moosüberwachsenen Campinganhängern darauf, wie Findlinge schief und geneigt, die Fenster verrammelt oder blind vor Staub. Die Schranke an der Einfahrt war heruntergelassen und mit einem Vorhängeschloß gesichert, Verbotsschilder, hier gilt die StVO, der Name „Genienau“ krümmte sich, gestützt auf zwei Pfähle, verwittert und unleserlich über den Weg, irgendwo ein Blechschild mit der Hausordnung. Unbefugten Zutritt verboten. Ich ging trotzdem hinein, besah mir die Anschläge und Plakate vor der Rezeption, drückte die Klinke, abgeschlossen, keine Klingel, keine Öffnungszeiten, in den Fenstern undurchdringliche Vorhänge. Ich sah nur mein eigenes ratloses Gesicht in den Scheiben. Auch die Türen der Sanitären Anlagen waren alle verriegelt. Nirgendwo auf dem Platz ein Mensch, in den Hecken eine Menge Spatzen, Möwen vom Rhein, nur draußen auf dem Feld ging eine einsame Frau mit Dackel.
Viel später erfuhr ich, daß das Wohnen im Campinganhänger in Deutschland nur unter strengsten Auflagen möglich sei. Was kann man auch anderes erwarten in einem Land, in dem Wartehäuschen mit einem Spalt für Zugluft versehen und Sitzgelegenheiten auf öffentlichen Plätzen und in Bahnhöfen so unbequem wie nur möglich gestaltet werden, damit nur ja keiner auf die Idee komme, sich dort hinzulegen?
Ich drehte noch eine Runde um das Gelände, stieg den Feldweg hoch zur Straße, fand die Hänge einladend und schön, kehrte zum Fluß zurück. Drüben der Drachenfels, sehr steil, das Schloß auf seinem Gipfel massiv und bedrohlich. Der Rhein hatte wenig Wasser und war braun, spiegellos, in den trockenen Kieseln lag eine milchig abgewetzte Wodkaflasche. Ich begriff, daß ich hier niemals wohnen würde. Nicht am Rhein, nicht in einem bemoosten Wohnwagen auf einem Platz ohne Dusche oder Waschbecken, nicht im Schatten des Drachenfelsschlosses, überhaupt nirgendwo. Traurig machte ich mich auf den Weg von dort, wo ich nicht wohnen würde nach dort, wo ich nicht mehr wohnen wollte.
An jenem Tag also der erste Buchfink. Vor ein paar Tagen bin ich dort auf einem Lauf von Rolandseck nach Hause wieder vorbeigekommen. Das Schloß noch höher, wackelig balancierte es knapp unter den Wolken, die Brombeeren ebenso braun wie vor einem Jahr, von den Wohnwagen fehlten die meisten. Aber die Sonne kam durch, viele Spaziergänger hatten die Hoffnung auf Frühling noch nicht aufgegeben, machten einen weiteren Versuch, und die Buchfinken hatten den Dreh endlich auch wieder raus.
von:
Talakallea Thymon - am: 23. Feb, 11:36 - in: Werke & Tage
Und wie die jubelnde Erlösung, die endlich blitzartig die Spannung einer monatelang aufgefluteten, unerträglich gewordenen Stille und Starre löst und in Klang verwandelt, der, in der Dämmerstunde süß aus der Dunkelheit hervorquellend, den letzten, mürbe gewordenen Schlaf durchströmt, die Fensterferne heranholt, nah und näher, innig, ein Fordern, farbig und schalmeienklar, und wie aus dem feuchten Inneren einer hartschaligen Frucht ins Erwachen hinein: die erste Amsel.
von:
Talakallea Thymon - am: 19. Feb, 12:17 - in: Werke & Tage
... es so langsam nicht mehr hören, wie sämtliche rezensenten oder solche, die sich dafür halten, auf Helene Hegemann rumhacken. als gäbe es kein fruchtbareres thema, wird blogauf blogab das ganze waffenarsenal von parodie bis polemik aufgefahren. man wünschte sich, die damen und herren würden so viel einfallsreichtum ihren hausaufgaben zukommen lassen. sucht euch endlich einen anderen wetzstein für eure stilistikübungen. wenn jetzt jeder rechtschaffene blogger nach allem, was schon gesagt und geschrieben worden ist, sich berufen fühlt, frau Hegemann auch noch in eigenem namen abzuurteilen, ist das so wie damals, als ein B. Kerner frau Eva Hermann eigens zu sich in die sendung lud, nur um sie höchst wirksam wieder rauswerfen und sich selbst zum moralischen retter der nation aufspielen zu können.
eure bissigkeit ist wohlfeil und kindisch.
ihr langweilt mich.
von:
Talakallea Thymon - am: 17. Feb, 10:24 - in: O tempora, o mores!
Wie der Hase in die blitzblanke Ebene hineinläuft, Halt sucht, wo kein Halten ist in der Leere, die als ein weißes Nichts allseits auf ihn zuschwimmt, wie er da hineinstürzt ins Kristallvielfache, panisch, kopflos, und stetig hineingesogen wird in eine kreiselnde Stille, wo kein Baum kein Strauch, nur weiß und weiß, und wie der Hase Haken schlagend dieser Masse an schierem Raum zu entkommen sucht, wie er vor der Wucht des Freiseins davonprescht, und wie er, während ihn die Ausdehnung erst langsam einkreist, ihm stets, wohin er sich auch wendet, zuvorkommt; sich dann um ihn legt, schon da ist, ihn niederzwingt; wie er da nach einem Ende sucht und sich aufbäumend vergebens in Raserei gerät, weil die Fläche für jede eingeschlagene Richtung unzählige weitere bereithält, während die Ferne, die langsam (denn sie hat Zeit) ihm entgegenstrebt, seine Flucht hemmt und mit ihm spielt, ihn hierhin und dorthin treibt, bis er ermattet einhält, wie er sich verzweifelt auf die Hinterläufe stellt, nichts zu sehen bekommt als weiße und aberweiße Strecken, so daß er, geschlagen fast, noch ein bißchen gegen den Strom weiterhumpelt, bis das Glitzern schließlich die letzte Bewegung des Tiers, nur mehr ein schwarzes Splitterchen, dessen punktförmiges Springen kaum noch auszumachen ist gegen die Helligkeit (ein Licht, das aus allen Richtungen zugleich kommt und jeden Schatten fortbrennt), wie das Glitzern das einfriert, und wie dann endlich weit draußen, im Davonstreben aller Linien, wo Wolken und Grund einswerden, das Feld einmal kurz blinzelt und den Splitter in sich verschwinden läßt –
von:
Talakallea Thymon - am: 10. Feb, 10:39 - in: orte. wege
agitiert (engl.
agitated) aufgeregt, aufgebracht
(Quelle:
hier)
von:
Talakallea Thymon - am: 9. Feb, 12:07 - in: O tempora, o mores!
bei uns ist es gerade so glatt, daß ich kaum heil über den supermarktparkplatz gelangt bin. vorhin hat es stark geschneit, und obwohl es über null grad sind, hat sich auf dem boden so eine interessante halbgefrorene schmiere gebildet. faszinierend. flocken, firn, flaum. schlunz, schmodder, matsch. weißer matsch, grauer matsch, schwarzer matsch, halbgefrorener matsch. schneewehen, schneeränder, schneekrusten. was für eine vielfalt an erscheinungen. besonders schön: braune pfützen, die gegen alle regeln der physik von unten und oben gleichzeitig zufrieren und eistümpel von geschätzt einem halben meter tiefe bilden. kein mensch würde da freiwillig reintreten. entzückend auch dieser hauchfeiner flaum frisch gefallene flöckchen, der tückisch sicherheit heischend panzerartig-festgebackenes, spiegelblankes, schlittschuhtaugliches eis verhüllt. auch nicht zu verachten: die keramikartig-harte masse, die sich bildet, wenn hunderte von stiefeln den abwechselnd tags auftauenden, nachts wieder festfrierenden schnee feststampfen, polieren und schließlich zu einer art volksbobbahn werden lassen. oder die erstaunlich gefährlichen eisplacken, die, mit salziger schlunze vermischt, ausgerechnet auf treppenstufen zu hause sind. von einem auto, das in eine pfütze brettert, auf dem gehweg mit einer sorbetartigen, graumelierten masse vollgespritzt zu werden, ist auch eine bemerkenswerte erfahrung. abschüssige feldwege, die tatsächlich als rodelbahn in gebrauch genommen werden, taugen gut für den einen oder anderen bein- oder knöchelbruch. da eiert man dann halt so rum auf feldwegen, die den namen "weg" nicht verdienen, über halbgefrorenes, angetautes, im schatten auch noch gletscherartig-hartes eis, und wo kein eis, da ist so ein halbgefrorenes gegriesel, ähnlich diesem grünen oder rosa zeug, das, in malautomaten emsig zerkleinert, in manchen erfrischungseinrichtungen angeboten wird. nur halt in graubraun und ohne zucker, und man kann herrlich reintreten und ohne weiteres bis zum knöchel versinken. schön auch ist schmelzwasser, das, gefangen zwischen zwei schichten eis, sich nicht entscheiden kann, ob es den rest auftauen oder selbst wieder zufrieren soll, und bis zur entscheidungsfindung den feldweg in einem bis weit ins feld ausbuchenden Tümpel komplett abriegelt. wenn man ausweicht, hat man natürlich sofort hübschen riesenklumpen lehm an den schuhen. alles ist naß, trieft, tropft, trauft, schmiert und schlabbert, taut auf, friert wieder, taut wieder auf. dort, wo man gerade noch gehen kann, ist natürlich die abflußschneise für all das wasser, so daß man dann wählen darf zwischen eismatsch und eiswasser. nicht zu vergessen die glasigen und unscheinbaren gletscherchen, die in irgendeiner schattigen ecke lauern, und einen ganz zuletzt, wenn man schon glaubt, den winter überstanden zu haben, doch noch zu fall bringen.
ich finde, wir haben jetzt allmählich alle arten und unarten von wasser in seinen festen und halbfesten aggregatszuständen durch.
es reicht.
von:
Talakallea Thymon - am: 1. Feb, 21:15 - in: Werke & Tage
„Tereeza meinte, du seist manchmal so griesgrämig.“
So, bin ich das, denke ich mit jenem grimmigen Entzücken, das man empfindet, wenn Beobachtungen an der eigenen Person einem über Dritte hinterbracht werden. Zum einen erfährt man, wie es in den Augen der anderen wirklich um einen bestellt ist; zum anderen vermittelt es ein klitzekleines Machtgefühl: Ich weiß, wie du über mich denkst. Selbstredend bin ich überhaupt nicht griesgrämig, jedenfalls nicht nach meinen eigenen Maßstäben, und wenn ich doch mal einen muffeligen Eindruck mache, so hat das immer gute Gründe, die bestimmt nicht in meinem launischen Charakter liegen, sondern im Draußen, das mir nicht wohlgesonnen ist, jedenfalls mir nicht entspricht, kurz: Die anderen sind natürlich schuld. Wahrscheinlich war ich gerade wieder genervt über irgendein Zuviel, als Tereeza mich traf, zuviel Menschen, zuviel Geräusche, zuviel Bewegung, das übliche halt. Oder ich hatte mich, auf dem Weg zur Mensa, wo Tereeza und ich verabredet waren, wieder in eins meiner Streitgespräche mit meinen Lieblingsfeinden verspinstert. Ich erinnere mich, daß ich mich über den niedergetrampelten, zu einer harten, rutschigen Panzerung festgestampften Schnee ärgerte, das heißt, nicht über den Schnee, sondern über das Zuviel an Menschenbeinen, die geglaubt hatten, zahlreich darüber lustwandeln zu müssen, und Tereeza fragte, ja, wo sollen sie denn sonst gehen. Ich verbiß mir die in solchen Fällen einzig richtige Antwort, gar nicht, sie sollen einfach zu Hause bleiben, ich blickte nur finster aus der Wäsche und Tereeza fragte mich, geht’s dir gut? Das meinte sie ernst. Und gestern abend also Krysztof, ob es mir gut gehe, Tereeza habe gesagt …
Insgeheim freue ich mich natürlich über die Aufmerksamkeit, denn nichts anderes will ja meine Verstocktheit, genauer, sie will ebenso sehr in Ruhe gelassen werden wie sie Aufmerksamkeit heischt. Paradox halt. Eine Abwärtsspirale, an einem bestimmten Punkt geht es nicht mehr zurück. Dann bin ich Heathcliff und Rumpelstilzchen in einem. Dann ist alles streitsüchtige Abwehr. Dann möchte ich mich für ein Lächeln hassen.
Ich erinnere mich, wie Tereeza bei anderer Gelegenheit ausrief, wie bist du denn drauf? Es ging um die gemeinsame Bekannte O. O. lebt seit einigen Jahren in Übersee, und obwohl wir vor ihrer Auswanderung befreundet, ich möchte sagen, eng befreundet waren, brach der Kontakt kurze Zeit später ab, was ich nicht allein auf die Auswanderung, sondern auch auf das Kind zurückführe, von dem sie gerade genas, als das Schweigen begann. Keine Zeit, sagte mir später ein anderer Freund, der es verstand, aber das machte es nur noch schlimmer, ich verstehe es nämlich nicht. Jedenfalls erzählte Tereeza, das war auch wieder in der Mensa, freimütig, O. sei im Sommer in Köln gewesen, an der Uni, im Institut, und habe ihr Kind dabeigehabt. Wie man das halt so macht, platzte ich ziemlich unwirsch heraus. Im stillen dachte ich, aha, O. reist nach Europa, nach Deutschland, ja sogar nach Köln, findet tatsächlich Zeit, im Institut vorbeizukommen und ihr Kind zu präsentieren, keine 500 m von meiner Arbeitsstelle entfernt, aber mich davon in Kenntnis zu setzen, nein dazu hat sie keine Zeit. Hauptsache, dachte ich, das Kind wird vorgeführt. Das Kind war mir egal, ich finde, Kinder sind Privatvergnügen, und der Anspruch frisch entbundener Mütter, alle Welt müsse ihren Säugling ebenso aufregend finden wie sie selbst, finde ich gelinde gesagt, unbesonnen. Ich wollte nicht das Kind sehen, aber O., die am anderen Ende der Welt wohnt, mit der ich eng befreundet bin oder war, ja, die hätte ich nach gut zwei Jahren Trennung sehr gerne wiedergesehen. Dachte ich und sagte nur, wie man das halt so macht mit Kindern. Weil mich das wahnsinnig aufregte.
Wie bist du denn drauf? rief Tereeza.
Alles in bester Ordnung, erwiderte ich.
von:
Talakallea Thymon - am: 28. Jan, 18:06 - in: Werke & Tage
Kahl: der Himmel. Risse im Grund. Ein Taumeln im Geäst. Die Büsche sehen aus, als hätten sie sich eine Kapuze übergezogen. Zornige Vögel zerren an den Wolken, bis nach einer endlosen Zeit erst flimmernde Ränder erscheinen, die Farbloses von Farblosem abtrennen, dann Flecken und Dunstzeiger sichtbar werden, und schließlich zuckt es im Schnee von Sonnenlicht. Wie auf ein Rufen hin klappern Autotüren. Etwas rutscht, die Dächer gleißen. An den Bäumen blühen Warzen. Die Vögel sind auf und davon.
von:
Talakallea Thymon - am: 28. Jan, 13:11 - in: orte. wege
Noch ein Versuch, abermaliges Umdeuten. Nicht die Erkenntnis über das
Wesen der Frau, sondern das abermalige und letzte Scheitern an dieser Erkenntnis bringt die Geschichte zum Abschluß. Auch bei diesem neuerlichen Weiterdenken war alles schon da, Schlußbild, Handlung, Entwicklung, nur, daß es jetzt eine andere Deutung bekommt. Die Frage ist, wieviel Überraschung verträgt so ein Text? Dabei ist es nicht so wichtig, daß der Leser am Ende nicht mehr weiß, was er eigentlich glauben soll. Die Hauptperson weiß es ja auch nicht. Herrgott,
ich weiß es nicht! Vielleicht hätte er (und ich) es
wissen können, aber das ist ein konjunktivisches Vielleicht. Und deutet eben wieder auf das große
Versäumnis: Die augen nicht aufgehabt zu haben in dem Moment, wo das Sehen notgetan hätte.
von:
Talakallea Thymon - am: 27. Jan, 11:53 - in: Tagewerke
Beim Verlassen der Wohnung fiel es sofort auf. Die Luft.
Sie war grün.
Grün mit einem lebendigen Hauch Gelb darin, aderweise. Sie roch nach Weiden und nach Wald, nach Chlorophyll und ein bißchen nach Fels, nach staubigem, trockenem Fels.
Nicht nur die Farbe und der Geruch der Luft waren anders; der Raum selbst, der sie enthielt, hatte sich verändert, seine innere Struktur und mit ihr die Geräusche, die er trug: Sie hatten eine weitere Strecke hinter sich als sonst, wie ein Ruf aus klarer Ferne, zugleich waren sie schärfer, heller und deutlicher geworden. Der Raum hatte sich von Verwerfungen freigemacht, sämtliche tauben Knoten geglättet und noch ein paar Richtungen hinzugewonnen, in denen jetzt die Klänge hockten: Klopfen einer Fußmatte gegen einen Laternenpfahl; eine Autotür, die ins Schloß fiel; Hundegebell, Schlüsselgeklapper. Alles von weit weg und zugleich klirrend, nah, es war, als habe sich die Luft aus einer staubigen Verpackung herausgeschält.
Die Haustür lachte ein quietschendes Lachen, und während sie wie von selbst aufsprang, schmeckte auch sie die Farbe; und zum ersten Mal seit langer, wirklich sehr langer Zeit ließ sie das Draußen wieder herein, mit offenen Angeln, bis es sich im Flur ausgebreitet hatte, grün, natürlich und mit soviel Raum, daß die Wände es kaum hielten.
Die Haustür, satt und glücklich von soviel Draußen, fiel mit einem hellen Klirren ins Schloß.
Selbst die Klänge schienen heute eine andere Farbe zu haben.
Grün. Der Morgen war grün, grasgrün, mit einer Spur lebendigen Gelbs darin.
von:
Talakallea Thymon - am: 22. Jan, 12:23 - in: Werke & Tage
Er stand seit Tagen im Schnee. Tag für Tag, Nach für Nacht. Die Füße in den Grund gestemmt, die Nase zum Licht gestreckt, bis in den Himmel hinein. So kohlschwarze Augen. So eine gelbe, krumme Nase. Erst mutlos, dann immer trauriger, hat er erst sein Reisigbündel abgeworfen, nicht mehr auf den Hut geachtet und schließlich die Arme hängengelassen. Seine Knie haben ein wenig nachgegeben, aber noch steht er aufrecht, sein Kopf, trotz des Lochs in der Wange, ist hoch erhoben. Er grinst mit einem lachenden Mund, aber seine Augen strafen diese Sorglosigkeit Lügen. Manchmal, wenn man nahe an ihm vorübergeht, hört man ihn keuchen. Er will sein Bündel aufheben, aber es gelingt ihm nicht. Sein Herz pocht. Seine Augen brennen sich in ihre Höhlen ein. Und er schwitzt. Er schwitzt trotz der eisigen Kälte, schwitzt und schillert in der zunehmenden Sonne, schwitzt sich die Knöpfe vom Wams, schwitzt Nässe aus der hohen Stirn, bis die kohligen Augen zu schwimmen beginnen. Um ihn tropft es schon von Schweiß. Oder vielleicht sind es auch Tränen, die sein Wachsgesicht von Innen zerfressen, während alles um ihn zu leuchten beginnt. Man glaubt nicht, daß er Kinder erschreckt, die Kinder aber haben sich am Anfang nur vorsichtig genähert und sind davongerannt, wenn sie seiner Rute angesichtig wurden. Eine prächtige Rute war es auch, schwarz und stachelig und steil aus ihrer Eiswurzel emporgereckt. Dann aber kam die Traurigkeit und das Licht, und jetzt liegt die Rute neben ihm im Matsch. Die Kinder beachten ihn nicht mehr. Auf seiner Stirn sammeln sich, eine helle Unruhe, die Vögel, ein Schwarm Stare. Rechts und links durchstechen Pfähle den Himmel.
Jetzt stehen die Glockenschläge Schlange unter dem bepelzten Himmel. Ein Netz dunkler Straßen gräbt sich ins Weiß, das Licht hat sich selbst vergessen, ein Reisigbündel fault im Schlamm. Als der Vogelschwarm aufflog, blieb ein Kreis aus Schnee im Grund. Dazwischen schimmert es wie von Kränzen und dunklen Sternen.
Vielleicht erinnert sein Geist sich an das Mondlicht, das auf seinen Schultern lag wie ein Panzer, tief nachts, wenn die Straße ihren Namen vergaß, drüben das Gebäude schlief und die Kohleaugen sich in den riesigen Fensterflächen spiegelten.
von:
Talakallea Thymon - am: 19. Jan, 11:27 - in: orte. wege
von:
Talakallea Thymon - am: 14. Jan, 10:12 - in: O tempora, o mores!
Kaum überwunden, mühsam überwunden an einem Wochenende zu zweit, hat mich, kaum bin ich zurück, diese Verlassenheit und mit der Verlassenheit die Verstocktheit wieder im Griff. So eine Verstocktheit, daß nicht darüber zu reden ist. Ich fühle, wie sich mir die Lippen von selbst aufeinanderpressen, wie bei einem störrischen Kind, wenn jemand versucht, in mich zu dringen, was hast du? Du bist so still … Und tatsächlich ist es ein Gefühl, so will es scheinen, das seine Urprägung in der Kindheit hat. Dieser Wunsch, zu fliehen, zurückzuweisen, Grenzen zu setzen; und zugleich das scharfe Verlangen, Gegenstand von Sorge und Aufmerksamkeit zu sein, eine Aufmerksamkeit und Sorge, deren Inswerkgesetztsein wiederum Ablehnung hevorruft, ein begrifflicher Widerspruch eines unwidersprüchlichen Gefühls. Ich kann es nicht sagen. Ich habe dabei die Sehnsucht nach einem Menschen, dessen Züge im Dunkel bleiben. Ich kenne ich ihn nicht, und ich kann mir nicht denken, wer er sein könnte. Jemand müßte da sein und mir sagen, es ist gut, komm, ich erkläre es dir.
Ich erkläre dich dir selbst.
von:
Talakallea Thymon - am: 21. Dez, 20:09 - in: Sei dennoch unverzagt