Donnerstag, 29. Juli 2010

Im Supermarkt (1)

Der Blick ist der einer Kamera: automatisch, mechanisch, emotionslos, Einbahnstraße. Wie eine Kamera beobachtet er nur, was man ihm aufgetragen hat, zu beobachten. Rechts, links, Hände, eventuelle Taschen oder Tüten? Am Ende hoch in den absurden Spiegel über der Kassengasse. Aber es ist keine Kamera, es ist ein Mensch. Es ist eine Supermarktkassiererin, die sich jetzt gar noch leicht aus ihrem Drehstuhl erhebt, die Schultern seitwärts schwenkt, damit ihr ja nichts entgehe.
Wonach schielt sie so eifrig und zugleich flüchtig, wie man, weil man’s in der Fahrstunde nun einmal so gelernt hat, nach dem Blick in den Rückspiegel auch noch über die Schultern schaut?
Sie kontrolliert mich. Habe ich auch nichts in der mitgebrachten Tasche? Verberge ich auch nichts in den Händen? Steht da nicht noch ein Getränkekasten auf der Erde? Und der Blick in den eigens zu diesem Zweck über jedem Kassengang angebrachten, in seiner Wölbung Rundumkontrolle garantierenden Spiegel dient der leichteren, vom Sitz aus vorzunehmenden Überprüfung des Einkaufswagens.

Was daran so ärgerlich ist? Das Mißtrauen. Der Argwohn. Es ist zwar in diesem Moment nicht die Kassiererin als Person, die mich taxiert, nicht dieser Mensch, der – Arbeitnehmerin, vielleicht alleinerziehende Mutter, Wohngeldempfängerin – eine ungeliebte, unerfreuliche Arbeit aus Not verrichtet; es ist das forschende Auge einer anonymen Institution, der Menschen egal sind, der es nur darauf ankommt, daß die Kasse stimmt, und zu diesem Zweck dieselben Mitarbeiterinnen dazu anhält, die Milchkartons mit dem Aufdruck des Haltbarkeitsdatums zur Wand einzuräumen und die fast abgelaufene Ware nach vorne zu legen. Trotzdem schaut mich da ein Mensch an oder vielmehr an mir vorbei, und sei es auch ein vollständig funktionalisierter Mensch, schlimm genug. Dieses Kontrollritual ist ungefähr so charmant, wie jemandem die Hand zu geben und gleichzeitig auf die Uhr zu schauen. Der Blick meint mich – und meint mich gleichzeitig nicht. Er taxiert mich – und ignoriert mich zugleich. Ignoriert mich? Falsch: Ignoriert zu werden ginge ja noch an. Aber es ist schlimmer: Wer so sorgfältig an mir vorbeischaut, zur Decke, zum Spiegel, um da etwas Wichtigeres zu sehen als mich, raubt mir nichts weniger als meine Würde. Dieser Blick will mich nicht sehen, er will mich nicht zur Kenntnis nehmen, er will keine Kommunikation, keinen Kontakt herstellen. Er verwehrt mir, mich als Mensch und Seinesgleichen anzuerkennen: Er will nur etwas über mich herausfinden.
Da es an der Kasse schnell gehen muß, der Kontrollblick aber Vorschrift ist, fällt die Entscheidung der Kassenkraft zwischen einem lächelnden Gutentag und einem entwürdigend woandershin gerichteten Blick, leider stets zu Ungunsten des Lächelns aus. Vielleicht schämt man sich auch, mich nach dem Abmustern anzulächeln, als sei nix gewesen. Ich erwarte auch gar kein Lächeln von einer aus gutem Grund schlecht gelaunten Kassenkraft; aber ich erwarte, daß man mir wenigstens das Mindestmaß an Höflichkeit, das ein Mensch dem anderen noch im ärgsten Fall schenken muß, gewährt: Respekt. Dieses seitwärts Taxieren, der Blick nach oben in den Spiegel aber, respektiert mich nicht. Er prüft mich. Und schaut mir dabei nicht einmal ins Gesicht.

Entwürdigend ist das Ritual nicht allein deswegen, weil man mir den Respekt verweigert. Es ist noch schlimmer, denn jener einschätzende Blick sieht in mir nicht in erster Linie einen Kunden, sondern vielmehr einen potentiellen Dieb, einen Feind. Mit jedem dieser Blicke wird eine implizite Anklage geprüft. Jeder kann es sein, sagt der Blick, auch du. Warum sollte ich dir glauben schenken, dir vertrauen? Du bist wie jeder andere, und so lange ich nicht vom Gegenteil überzeugt bin, behalte ich mir vor, in dir einen Räuber zu sehen. Ich bin also nicht nur Nichts, ich bin noch weniger als das – bis auf Widerruf durch abschätzende Blicke gelte ich gar noch für einen Kriminellen.
Das mag von Seiten der Kaufhausleitung seine zynische Berechtigung haben; für mich als Kunden ist es vor allem eins: Eine auf dem ins Gegenteil verkehrten Grundsatz des in dubio pro reo – also in dubio in reum – basierende Beleidigung. Dieser Blick, oberflächlich und aufgezwungen wie er auch sei, ist ein Schlag ins Gesicht, nicht nur in meines, sondern in das einer jeden zivilen Gesellschaft. Ein solches Verhalten ist unzivilisiert. Es ist empörend.

Daß es auch anders geht, zeigen nicht nur andere Supermärkte, in denen andere Umgangsformen gepflegt werden, sondern auch, und zwar unter denselben Bedingungen des Funktionierenmüssens, im selben Supermarkt: die Altgedienten. Die grüßen und lächeln. Kein Blick in den Kontrollspiegel, ein Blick in die Augen. Mittlerweile suche ich mir die Kasse nicht nach Länge der Schlange sondern nach Alter der Kassiererin aus. Die Kontrolle üben immer nur die ganz Jungen, gerade Eingearbeiteten. Je jünger, desto eifriger. Eine verstieg sich kürzlich gar zu der Aufforderung, ich möge bitte meine Tasche vorzeigen. (Ich frage mich, was passieren würde, wenn man sich weigerte)
Das zeigt vor allem, und das gibt wieder zu Hoffen: Das Kontrollritual ist den Kontrollierenden selbst ein Greuel.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Morgen, vogellos

An diesem Tag würden wieder die Hubschrauber knattern, nebenan, zur Unzeit, rauschte schon die Klospülung des Nachbarn, aus den Augen rieselten Schäben, der Schlaf hatte wie Erde geschmeckt. Später die Beeren schon dunkel. Kein Regen, die Wiesen Gefäße voll Himmel. Die Wege hatten fleißig Schatten gesammelt, den spuckten sie jetzt wieder aus. Brennesseln fraßen sich über die Brachflächen. Unterm Stacheldraht Schnauzen, Hörner und Felle von Vieh. Grüfte schliefen ihren Rausch aus, verbissen nüchtern werdend. Weggedreht zuckten die Bäume die Achseln. Ein Später war über die Welt hereingebrochen, war heimlich eingetroffen, über Nacht, von keinem bemerkt außer den wachsamen Vögeln, die sich nicht hatten ergreifen lassen von der dunkleren Zukunft, die sie uns überließen.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Anwesenheiten

Die Wohnung vorzeitig verlassen, geflohen! einen Zug früher genommen, nur um nicht länger: Ich Er. Tra. Ge. dieses Geräusch nicht, ums verrecken nicht. Die Toilettenlüftung der Nachbarn. Da haben sie schon zwei Bäder, eines davon mit Fenster, aber nein, dieses müssen sie benutzen und mir mit der idiotischen Lüftung die Ohren vollheulen. Es gibt Geräusche, die sind einfach im schlimmsten Sinne des Wortes un-: Un. Er. Träg. Lich. Ich mache das Radio an, drehe am Lautstärkeregler herum, konzentriere mich auf die beruhigenden Stimmen. Zwecklos. Das Heulen ist überall, draußen, drinnen, unter dem Sofa, in allen Ecken, in den Ohren, im Schädel, im Knochenmark, eine unausweichliche, quälende Anwesenheit, daß die Nervenfasern nur so knistern. Also raus. Aus der eigenen Wohnung gejagt. Hatten wir das nicht schon einmal?
Auch verwirrend: Seit ein paar Tagen diese merkwürdigen Flecken, fettiges Dunkel mit einer weißen Stippe darin, man sieht das überall jetzt auf dem Boden, auf der Straße, auf dem Bürgersteig, was ist das? Fliegendreck? Vogelschiß? Runtergetropftes Vanilleeis? Und was hat das mit dem Toilettenlüfter …? Ist ja auch egal.
Im Zug jedenfalls wieder sehr voll, das heißt, gar nicht mal so, aber man bemißt solcherlei Ärgernisse ja immer am Erwarteten, und da jetzt Schulferien sind, mithin die Züge sich angenehmst leeren sollten, wie in vergangenen Jahren auch schon, um die sechs angenehmsten Wochen des Jahres einzuleiten – erwarte ich nunmal leere Räume, Stille, ungeatmete Luft. Vergiß es. Der beste Urlaub wäre dann, wenn vier fünftel der hiesigen Bevölkerung einfach im Urlaub verschwänden, verschollen gingen, ausstiegen, auswanderten, was weiß ich, um nie wieder hier unangenehmst, auch sie nämlich eine quälende, nervenmarternde Anwesenheit, aufzufallen.

Mittwoch, 7. Juli 2010

Phonem, Phon, Allophon

Eine der griffigsten Definitionen von Phon und Phonem habe ich gleich zu Beginn des Studiums gehört, in meiner allerersten Veranstaltung überhaupt („Einführung in die synchrone Sprachwissenschaft anhand der deutschen Gegenwartssprache“). Sie lautet:
Ein Phonem ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit auf der Ebene der Langue (des Sprachsystems).

Ein Phon ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit auf der Ebene der Parole (der tatsächlich statthabenden Rede).
Alles andere, Allophon, Realisierung, Opposition und der ganze Rest, folgen logisch aus dieser Bestimmung. Das ganze Studium bin ich immer gut gefahren damit, und wahrscheinlich würde ich sie immer noch unterschreiben, wenn ich nicht eines Tages selbst mit der Aufgabe betraut worden wäre, ein Einführungsseminar zu unterrichten.

Da dämmerte mir: Irgend etwas konnte nicht richtig sein. Die Definition besagt, daß Phone echte Sprachlaute sind, wie sie in der Wirklichkeit begegnen, die gehört werden, gemessen und zerlegt werden können, und die, jeweils für sich, einen zugrundeliegenden Lautplan, eine Art Lautvorschrift befolgen oder realisieren, nämlich das der Regelebene angehörende Phonem. Das Phonem kann man weder hören noch messen noch zerlegen. Es existiert nur als (vom Linguisten erschließbare) Regel, deren Anwendungsergebnisse wiederum die Phone sind. So weit so klar.

Dann ist da aber noch die Sache mit der Allophonie. In allen Sprachen (in manchen öfter und komplizierter, in anderen weniger und einfacher) stößt man auf das Phänomen, daß manche Phoneme nicht ein, sondern gleich mehrere Phone festlegen, und zwar je nach dem, in welchem Kontext anderer Phoneme das fragliche Phonem realisiert werden soll: Sprachlaute beeinflussen einander, und zwar tun sie das in regelmäßiger Weise. Man versäumt eine wichtige Verallgemeinerung, wenn man zwei Laute, die auf regelmäßige Weise miteinander korrespondieren, als zwei unabhängige Laute auffaßt. Tatsächlich sind sie schicksalhaft so eng miteinander verknüpft, daß man sie besser als zwei Erscheinungsformen desselben zugrundeliegenden Dings ansieht. Drei Illustrationen dazu, zwei aus einem anderen Bereich als dem der Sprachwissenschaft, eines aus der deutschen Standardsprache:
Die Uniformen des Zugbegleitpersonals der Deutschen Bundesbahn hat zwei klar geschiedene Formen, eine die aus Blazer, Hose und einem schirmlosen Hütchen besteht, eine andere mit Jacket, Hose und einer Schirmmütze als Hauptzier. Es wäre nun ziemlich ungeschickt, davon zu sprechen, daß die DB einfach zwei verschiedene Uniformen hat; insbesondere könnte man mit einer solchen Beschreibung den Sinn von zwei Uniformen gegenüber einer einzigen Uniform nicht erfassen. Bei genauerem Hinsehen fällt aber eine bestimmte nichtzufällige Verteilung auf: Weibliche Angestellte tragen das Hütchen, männliche die Schirmmütze. Das heißt, welche der beiden Uniformen erscheint, hängt vom Geschlecht dessen ab, der sie trägt. (Natürlich könnte es auch andersherum sein und das Geschlecht von der verwendeten Uniform abhängen; in der Humanbiologie ist das der eher unwahrscheinliche Fall, der aber in der Linguistik sorgfältig geprüft werden muß.) Es ist nun zweckmäßig, nur von einer einzigen DB-Uniform zu sprechen, deren Erscheinungsbild in voraussagbarer Weise variiert: Das Mützchen kommt auf Frauen-, die Mütze auf Männerhäuptern vor; wo das eine vorkommt, kommt das andere nicht vor und umgekehrt. Eine solche Distribution (Verteilung) zweier Erscheinungsformen desselben „Urdingens“ nennt man komplementär.
Zweites Beispiel. Die Buchstaben des Lateinischen Standardalphabets erscheinen immer in einer von genau zwei Formen, die man Groß- bzw. Kleinbuchstaben nennt. Obwohl das so ist, spricht man immer nur von einem einzigen Buchstaben, sagt also etwa, das Alphabet habe 26 Buchstaben, nicht ihrer 52, undsoweiter. In phonologischen Termini würde man für jeden Buchstaben von einem einzigen Phonem reden, das zwei Realisierungen hat, einmal als Klein- ein andermal als Großbuchstabe. Wo welche Form des Buchstabens erscheint, ist eine Frage der jeweiligen Orthographie und (mehr oder weniger) genau geregelt. Es gibt eine Menge von Kontexten für Großbuchstaben (Anfang von Eigennamen, Satzanfang, nie außerhalb vom Wortanfang etc) und eine zweite Menge von Kontexten für Kleinbuchstaben, und wenn die DUDEN-Redaktion ordentlich gearbeitet hat, überschneiden sich die zwei Mengen nicht. Auch die Groß- und Kleinbuchstaben des Lateinischen Alphabets sind komplementär distribuiert. Wo ein Großbuchstabe steht, steht kein Kleinbuchstabe, und umgekehrt.
In natürlichen Sprachen ist es nun sehr häufig der Fall, daß bestimmte Laute sich verhalten wie DB-Uniformen und Buchstabenformen, nicht, daß sie Mützchen tragen, sondern daß sie komplementär distribuiert sind.
An dieser Stelle kommt in allen Einführungen zum Thema unweigerlich die Sprache auf den deutschen ch-Laut. Dieser Text ist keine Ausnahme.
Der Laut am Ende des deutschen Worts Bach und der Laut am Ende des deutschen Worts ich kommen jeweils in genau dem Kontext vor, in dem der andere nicht vorkommt. Der Bach-Laut kommt nur nach den Vokalen a, o und u vor; der ich-Laut in allen anderen Kontexten vor. Ebenso wie man von einer DB-Uniform und einem Buchstaben sprechen kann, kann man das ch in Bach und vom ch in ich als ein einziges Dingens auffassen, das noch kein Laut ist, das überhaupt nichts hör- oder meßbares ist, aber in Abhängigkeit von seiner Position durch die beiden Erscheinungsformen ch-in-Bach und ch-in-ich als konkreter Sprachlaut realisiert wird. Das fragliche Element ist nicht so sehr dadurch charakterisiert, was es ist oder wie es realisiert wird, sondern vor allem dadurch, was es nicht ist, und daß es sich von anderen Elementen und ihren jeweiligen Realisierungen unterscheidet. Man könnte dem Ding auch eine Nummer geben und es grün anmalen. Man könnte es natürlich auch rot anmalen. Wichtig ist nicht, welche Nummer, oder welche Farbe, sondern nur, daß es anders ist als die anderen, in linguistischer Sprechweise: Daß es zu anderen Elementen in Opposition steht.
Opposition ist das genaue Gegenteil der komplementären Verteilung. Zwei Elemente stehen in Opposition zueinander, wenn sie im selben Kontext vorkommen können und das Auftreten des einen und nicht des anderen, mit einem Wort, der Unterschied zwischen ihnen bedeutsam ist. So ist der Unterschied zwischen den im Deutschen Standardalphabet durch und repräsentierten /k/ und /t/ bedeutsam, da er Bedeutungen wie die von Kasse und Tasse unterscheidet. /k/ und /t/ kommen hier im selben Kontext /__ase/ vor. Natürlich heißt das nicht, daß sie im selben Kontext gleichzeitig vorkommen und sich auf die Füße treten, sondern daß sie dort ein Gegensatzpaar bilden: Kasse vs Tasse. Zwei Ketten von Elementen, die sich wie Kasse/Tasse nur in einer (unteilbaren) Stelle unterscheiden, nennt man übrigens ein Minimalpaar.
Elemente, die Bedeutungen unterscheiden (also im selben Kontext vorkommen, also in Opposition stehen), nennt man Phoneme. Wobei wir bei Teil eins der eingangs erwähnten Definition angekommen sind.
Wie verhält es sich nun mit dem Bach-Laut und dem ich-Laut? Sie kommen in getrennten Kontexten vor, stehen also nicht in Opposition. Ihr Auftreten ist vorhersagbar, weswegen sie nicht bedeutungsunterscheidend sein können. Mit anderen Worten, es gibt im Deutschen keine zwei Wörter unterschiedlicher Bedeutung, die sich nur durch die Differenz von ich-Laut einerseits und Bach-Laut andererseits unterschieden. Diese bilden kein Minimalpaar. Wohl aber bilden sie gemeinsam, bzw bildet das Phonem, das sie beide je nach Kontext realisieren, Minimalpaare mit anderen, quasi unbeteiligten Elementen: Nacht und nackt (Bach-Laut gegen /k/, die Schreibung ist irrelevant); nüchtern und Nüstern (ich-Laut gegen /s/). Diese Erscheinung nennt man Allophonie, die zwei (oder mehr) durch Kontext bedingten Realisierungen eines einzigen Phonems Allophone.
Und jetzt zum eigentlichen Problem. Phoneme sind abstrakte Einheiten, die nur über ihre Realisierungen in Erscheinung treten. Diese Realisierungen sind die Phone, bzw die Allophone. Wenn man diese nun als konkrete, beobachtbare, meßbare, durch Sprecher produzierte Lautereignisse auffaßt (also quasi im Sinne von Verwirklichungen platonischer Ideen), kommt man in gewisse Schwierigkeiten, die Allophonie betreffend. Denn: Keine zwei Realisierungen desselben Phonems sind jemals gleich. Nicht nur die Sprecher unterscheiden sich in winzigen anatomischen und artikulatorischen Details; auch keine zwei von einem einzigen Sprecher nacheinander produzierten Realisierten eines Phonems sind wirklich identisch. Das t in Tasse kann ein bißchen mehr oder weniger stimmhaft, ein bißchen mehr oder weniger aspiriert, ein bißchen länger odr kürzer, ein bißchen dentaler, ein bißchen alveolarer artikuliert sein. Stets gibt es winzige Abweichungen. Alle diese winzigen Unterschiede sind natürlich nicht signifikant, sie verändern nicht die Bedeutung. Aber sie ließen sich schön praktisch als Realisierungen eines einzigen Phonems /t/ zusammenfassen. Also sind es Allophone von /t/?
Dann hätte aber nicht nur /t/, sondern jedes Phonem unendlich viele Allophone; und eine regelmäßige Verteilung wie man sie beim ich-Laut und beim Bach-Laut beobachtet, ginge in einem Wust von unsystematischer, sprunghafter Varianz verloren. Das ist ein bißchen so, als müßte man jedes lose Fädchen, jeden Kekskrümel, jede Sitzfalte und jeden Dreckspritzer als eigene Ausgabe der DB-Uniform auffassen, gleichberechtigt mit den weiblichen und männlichen Formen. Oder als müßten wir jeden verrückten Einfall irgendeines Schriftgraphikers, hier ein bißchen mehr Strichstärke, hier größere Punzen, dort kleinere Serifen, neben Versalien und Kleinbuchstaben als je eigenständige Buchstabenformen ansprechen. Wir könnten dann die Generalisierung, daß es prinzipiell zwei Formen gibt, nicht mehr aufrechterhalten.
Daher können Allophone noch nicht die tatsächlichen Realisierungen ihres Phonems, noch keine wirklichen, meß- und hörbaren Schallereignisse sein. Eine zweite abstrakte Ebene muß her, zwischen Phonem und Laut, eine Ebene, auf der die systematischen Zuordnungen zwischen Allophonen und Phonemen vorgenommen werden. Die tatsächlichen Realisierungen lassen sich ja wieder den Vertretern der systematischen Varianz zuordnen, beide Uniformformen haben ihre je eigenen Realisierungen in Gestalt von individuell verschmutzten, abgetragenen oder sonstwie veränderten Kleidungsstücken, dennoch bleiben sie als männliche oder weibliche Form erkennbar; der Bach-Laut und der ich-Laut haben je für sich ihre eigenen Winzvarianzen, ohne deshalb aufzuhören, Bach- oder ich-Laut zu sein. Die Varianz der tatsächlichen Laute wimmelt um das Zentrum dessen herum, was die Allophone artikulatorisch vorgeben:
Das Phonem ist die kleinste bedetungsunterscheidende Einheit auf der Ebene des Sprachsystems. Es wird realisiert durch Allophone, in denen sich eine systematische Varianz manifestiert. Allophone schließlich werden durch Lautereignisse realisiert, die zufälligen winzigen Abweichungen unterworfen sind.

Donnerstag, 1. Juli 2010

(ohne Titel)

Man müßte alles noch einmal von vorne erzählen. Es fällt schwer zu glauben, daß es nur eine einzige Geschichte geben soll. Der Raum hinter dem Rücken ist dämmrig. Jemand spricht gegen den Hinterkopf, lächelt einen Energiestrahl hinüber, und das Gewebe von Schatten und Raum erfährt eine winzige Erschütterung, die sich auf die Nackenhaare überträgt und sie in feine Schwingung versetzt. Es ist Sommer, noch einmal wäre Sommer. Eine Taube stürzt sich von der Dachrinne ins Sonnennetz, wo sie flügelklatschend im Nachmittag verschwindet. Stop.
Hier anhalten, in diesem Moment.
Das Lächeln
Die Schatten
Die Taube
Und von hier aus. Die Taube ist verschwunden, das Licht hat sich hinter ihrem Flügelschlag wieder geschlossen. Von hier aus einen anderen Atem nehmen und das, was jetzt normalerweise folgen würde, links liegen lassen. Stimmt alles nicht, es war anders. Ich beweise es dir. Du lächelst. Die Taube, in Ordnung, das stimmte noch, aber dann? Ich habe ganz anders geatmet, die Luft, sie schmeckte ein bißchen anders, ein Herzschlag folgte eine Mikrosekunde später oder früher, ein Blick rutschte nicht weg, blieb haften, ein winziger Riß läuft durchs Licht, entlang einer Sollbruchstelle in der Textur der Zeit. Eine Mikrosekunde früher oder später, das ist der ganze Unterschied. Und jetzt, von hier aus …
Man wird das alles noch einmal erzählen müssen.

Dienstag, 29. Juni 2010

Martial III, 87

Narrat te rumor, Chione, numquam esse fututam
    atque nihil cunno purius esse tuo.
Tecta tamen non hac, qua debes, parte lauaris:
    si pudor est, transfer subligar in faciem.

Chione, man sagt, es habe gefickt dich noch keiner,
    und nichts Reineres gäb’s, als deine Möse, weithin.
Trotzdem wäschst du dich nicht an der Stelle, wo du es müßtest:
    Wenn du Schamgefühl hast, häng dir den Rock
vor’s Gesicht.

Montag, 28. Juni 2010

Wettrüsten

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Mittwoch, 23. Juni 2010

Sehr geehrte Frau Schäfer-Wagner,

bitte entschuldigen Sie, wenn ich mich in einer ernsten Angelegenheit an Sie wende. Mir ist bewußt, daß mein Anliegen kaum auf Verständnis stoßen wird, aber erstens ist es nicht länger erträglich zu schweigen, und zweitens dürfte es Ihnen leichtfallen, meinem weiter unten genannten Wunsche nachzukommen, auch ohne Verständnis zu haben.
Seit einigen Wochen höre ich – verzeihen Sie meine Offenheit – das Geräusch, das die Belüftungsanlage ihrer Toilette hervorruft; zumindest ist das die plausibelste Vermutung, die mir zu diesem sehr unangenehmen heulenden Summen einfällt. Besonders lästig ist es, wenn es – wie heute – geschlagene zwei Stunden anhält. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Schreibens ist es immer noch zu hören, und Sie dürfen sicher sein, daß es ein sehr unangenehmer Zustand ist, zwei Stunden und länger auf das Verstummen eines verhaßten Geräusches zu warten.
Sie könnten mich für übertrieben geräuschempfindlich halten, doch erstens ändert die Zuschreibung irgendeiner Empfindlichkeit an meine Person nichts an meiner mißlichen Lage und dem damit verbundenen Ärger und Verdruß; zweitens ist es egal, wie empfindlich oder unempfindlich ich bin, wenn es Ihnen gegeben ist, ohne großen Aufwand meine Erlösung herbeizuführen. Drittens aber trifft der Vorwurf nicht. Ich würde mich nie über das morgendliche Gekrächze, Geräusper und, nun ja, Gespucke Ihres Herrn Gatten beschweren, und ich sage auch nichts über das vernehmliche Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaakoooooooooooooooooob, mit dem Ihr im Stimmbruch befindlicher Erstgeborener seinen Bruder morgens um sieben zum Aufstehen zu bewegen bemüht ist, und obendrein schweige ich über die donnernden Schimpfkanonaden, mit denen Ihr Ehemann seine Söhne zusammenstaucht. Noch viel weniger würde ich jemals erwähnen, wie irritierend es ist, wenn Sie oder Ihr Mann vor meinem Fenster geräuschvolle Gespräche mit den Nachbarn führen, nein, sage ich, dazu schweige ich und will ich weiter schweigen. Von einer besonderen Empfindlichkeit kann also keine Rede sein, selbst das allabendliche Einlaufen- und Ablaufenlassen des Badewannenwassers in der Wohnung im ersten Stock stört mich nicht weiter.
Allein, es gibt Geräusche, die nicht durch ihre Lautstärke, sondern bloß durch ihre Eigenart den, der ihnen ausgesetzt ist, in den Wahnsinn treiben können, und ich ersuche Sie dringend, dieses Lüftergeräusch, das bedauerlicherweise zu jenen unerträglichen Schallarten gehört, zu eliminieren. Mir will auch nicht in den Kopf, warum es erst seit wenigen Wochen zu hören ist. Irgend etwas müssen Sie daran geändert haben. Vielleicht war die Anlage defekt, und Sie haben ein halbes Jahr gebraucht, sie zu reparieren? Angesichts der Geschwindigkeit, mit der Sie Ihr Gerümpel aus dem Flur entsorgen, halte ich das für durchaus plausibel. Oder Sie haben vorher nur Ihr zweites Bad benutzt? Oder einen Nachttopf?
Was immer es ist, ich bitte Sie inständig, zum früheren Zustand, was immer er gewesen sein mag, zurückzukehren.
Bedenken Sie bitte, daß ich dem Geräusch nicht entgehen kann, da mein kombiniertes Eß-, Schlaf- und Wohnzimmer eine Wand mit Ihrer Toilette teilt.

Hochachtungsvoll,
T. Th.

B., den 23.6.2010

Dienstag, 22. Juni 2010

Solstitium

Atemholen der Zeit am Halbpunkt des Schwungs, nach dem Anstieg

gegen die Wucht des Lichts, träger, je
steiler das Jahr.

Sonntag, 13. Juni 2010

Vuvu

Seit Tagen schon dringen merkwürdige Geräusche über die Straße und durchs gekippte Fenster an mein Ohr. Zum Teufel, was ist das jetzt? Reichten nicht die albernen Wimpel, die dreifarbigen Girlanden, die Kriegsbemalung auf den Wangen? Reicht nicht das Geheul, das plötzlich allüberall die schon als angenehmst begrüßte Totenstille in den Straße jäh durchbricht? Muß es jetzt auch noch das sein, und neben den Augen auch noch mein empfindlichsten Sinnesorgan, das Ohr, ansprechen? Noch bevor der allvierjährliche Zirkus richtig angefangen hat, habe ich schon die Nase voll von dem Gefurze.
Man könnte ja, und dem Flötenspieler ist es sozusagen zweite Natur, man könnte ja einen Tip geben, ordentlich Stütze und Lippenspannung, dann kommt auch ein Ton heraus. Aber will man das? Was diese merkwürdigen Hörner wohl produzieren könnten, wenn ein geschultes Lippenpaar hineinbliese, man möchte es vielleicht gar nicht so genau wissen, und hören, denke ich mir, möchte man es erst recht nicht. Wer weiß, was für ein höllischer Lärm losbräche, wenn jemand vom Schlage Hermann Baumanns … nicht auszudenken! Also doch besser die Furzgeräusche. Aber auch die sind schon schwer erträglich.
„Ruhe!“ möchte man hinausbrüllen, „wir sind hier nicht in der Serengeti!“
Ich habe dazu zwei Assoziationen. Die erste: Ich muß geradezu zwanghaft an ein Bild aus einer Erzählung von Edgar Allan Poe denken. Im Cask of Amontillado wird, wie jeder weiß, aus nicht enthüllten Rachegründen ein unglücklicher Sherryliebhaber in einem salpeterverkrusteten Gewölbe lebendig eingemauert. Das Bild dazu: Die klingelnden Glöckchen an der Narrenkappe des ahnungslosen Opfers.
Die zweite Assoziation ist ein Satz aus einer Parabel von Kafka, die sich nicht nur hier wie von selbst einstellt, sondern, ach!, in unzähligen weiteren Situationen des Alltags auch. Ich flüstere ihn mir praktisch täglich vor. Er lautet: „Was ist das für Volk! Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?“

Mittwoch, 28. April 2010

Starke Verben im Französischen

Kürzlich beim Stöbern auf der Internetseite der Gesellschaft zur Stärkung der Verben fiel mir wieder ein, wie mein Banknachbar und ich in der Oberstufe im Mathematikunterricht ein neues französisches Verb erfanden. Ausgangspunkt war, daß wir uns angesichts der phantastischen Ereignisse an der Tafel des öfteren ratlos ansahen; irgendwann sagte einer von uns bei einer solchen Gelegenheit Moi, je raffe rien., womit auf Pseudofranzösisch gemeint war, daß die analytische Geometrie in vektorieller Darstellung momentan vor allem eines darstellte, nämlich eine Überforderung unserer intellektuellen Kapazitäten. Als Sprachenerfinder, Grammatikliebhaber und Wörternarr nahm ich das Spiel natürlich begeistert auf. (Vielleicht, denke ich in diesem Moment, wäre es an der Zeit, mal etwas über diese Dinge, über das Spracherfinden nämlich, zu schreiben. Schließlich verdankte ich dieser Liebhaberei mein späteres Studienfach, meinen Studienort und damit alles andere, was an solchen Entscheidungen als Folge noch dranhängt. Ich weiß nicht, warum ich mich hier noch nie damit beschäftigt habe; vielleicht, weil die Folgen wichtiger sind als die Ursache, zumal ich heute an meinen Erfindungen nicht mehr arbeite, seit Jahren schon nicht mehr. Aber zurück zum Thema.) Aus dem Ausdruck Je ne raffe rien ließ sich natürlich sofort ein vollständiges Paradigma zum Stamm raff- herleiten, das wir uns zunächst als das eines regelmäßigen Verbs auf -er, nämlich raffer dachten

je raffe
tu raffes
il/elle raffe
nous raffons
vous raffez
ils/elles raffent

Mit dem Passé Composé: j’ai raffé

Doch dann entdeckten wir (lange, bevor von einer Gesellschaft zur Stärkung der Verben die Rede sein sollte), die Freude an der Verbstärkung, was im vorliegenden Fall bedeutete, daß wir den Stamm raff- nun in eine andere Konjugationsklasse verschoben. Aus raffer wurde so ein raffir, das wie finir gebeugt wurde:

je raffis
tu raffis
il/elle raffit
nous raffissons
vous raffissez
ils/elles raffisse

PC: j’ai raffi

Damit war dann ein hübscher Subjonctif möglich, der sich fast in allen Formen vom Indicatif unterschied:

que je raffisse
que tu raffisses
qu’il/elle raffisse
que nous raffissions
que vous raffissiez
qu’ils/elles raffissent

So war das also damals. Natürlich hätte man noch einen Schritt weiter gehen und sich für den Stamm raff- eine Konjugation ausdenken können, die der von sortir ähnelt:

je rafs [ra]
tu rafs [ra]
il/elle raf [raf]
nous raffons
vous raffez
ils/elles raffent

PC: j’ai raffi

Ein stummes auslautendes -fs ist zwar orthographisch-phonetisch ein bißchen abenteuerlich, aber nicht ohne Vorbild, cf. oefs „Eier“. Jedenfalls wäre dieses Verb a) schön unregelmäßig und b) hätte man dann je rafs (Indicatif) von que je raffe (Subjonctif) abgegrenzt. Voilà.
An diese Dinge mußte ich also denken, als ich neulich auf der Seite der GSV Stärkungen im Englischen (apply, applought, applought) und Lateinischen (laudo, lausi, laustum) entdeckte. So lange es auch her ist, das Verb raffer/raffir hat sich mir unvergeßlich eingeprägt. Konfrontiert mit der analytischen Geometrie indessen müßte ich auch heute noch die Schultern heben und zugeben: Je regrette que je ne raffe rien!

Dienstag, 27. April 2010

sprachkritikastereien

Vor einigen Jahren konnte man in der taz einen Artikel der Kategorie "Sprachkritikastereien" lesen. Nun sind solche Artikel ohnehin zum Zähneziehen; dieser aber hat es besonders in sich, weil der Ärger des Autors sich aus einer etwas anderen Quelle speist als bei, sagen wir, Raddatz und verwandten Geistern, die die von ihnen festgelegte Unterscheidung zwischen "gutem" und "richtigem" Sprachgebrauch und "falschem" oder "schlechtem" als soziales Abgrenzungs- und Identifikationskriterium mißbrauchen. Anders unser Autor, der, wies scheint, seiner Angst, nicht dazuzugehören und überrollt zu werden, Ausdruck gibt. So beklagt der Verfasser unter anderem, daß der Ausdruck "Selters" für "Mineralwasser" nicht mehr gebraucht wird, daß man seit einiger Zeit "KITA" sagt statt "Kindergarten", daß der "Sonnabend" dem "Samstag" weichen mußte und manches mehr.

Aber Sprache verändert sich nunmal. Fortwährend. Alte Ausdrücke verschwinden, neue Ausdrücke tauchen auf, werden entlehnt, neu gebildet, erfunden. Endungen schleifen sich ab, an ihre Stelle treten periphrastische Formen, die wiederum verkürzen sich zu neuen Endungen, und so weiter. Laute verändern sich in bestimmten Kontexten. Redewendungen wandeln sich. Höfliches wird unhöflich, Unhöfliches höflich, Distanziertes vertraut, Freundschaftliches formell. Dieser Sprachwandel ist aus wissenschaftlicher Sicht völlig neutral und wertfrei. Wenn Sprache sich verändert, hat das nichts mit Verfall, Niedergang oder Zersetzung zu tun, und ebensowenig ist irgendeine Sprache „besser“, „reicher“, „vollkommener“ als eine andere. Jede Sprache befriedigt exakt die kommunikativen Bedürfnisse ihrer Sprecher. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und diese Bedürfnisse sind nicht nur von Sprecher zu Sprecher, sondern auch bei demselben Sprecher in verschiedenen Situationen verschieden. Viele landläufige Mißverständnisse die Sprache betreffend verdanken sich einer Auffassung, die Sprache als ein von ihren Sprechern losgelöstes, ein Eigenleben führendes Etwas betrachtet. Eine Sprache konstituiert sich aber ständig aus den Äußerungen ihrer Sprecher und den darin sich manifestierenden Regelmäßigkeiten neu. Deswegen können auch Anglizismen nicht „in die deutsche Sprache eindringen“, weil sie keine Wesen sind, die irgendwie zu handeln, keine Körper, die einen anderen Körper zu befallen oder in ihn einzudringen in der Lage wären. Sprachen handeln nicht, Menschen handeln, unter anderem, indem sie sprechen. Die Verwendung von Anglizismen ist heute weiter verbreitet als vor 20 Jahren, aber es sind Sprecher, die sie verwenden und auch verwenden wollen. Sich gegen den Sprachwandel wehren zu wollen mit dem Ziel, diesen Vorgang aufzuhalten, ist töricht. Warum Sprache sich wandelt, ist nicht so leicht einzusehen. Aber die Beobachtung mag aufschlußreich sein, daß Ausdrücke „ausbleichen“. Wenn wir begeistert sind oder angewidert, uns freuen oder todtraurig sind, reicht es eben nicht mehr, „traurig“ oder „froh“ zu sagen. Wir fühlen mehr als diese abgeschliffenen Wörter hergeben wollen. Also sind wir „happy“ und „depri“ und hoffen, damit sprachlich der Stärke unseres Gefühls nähergekommen zu sein. Durch den häufigen Gebrauch verblaßt aber auch die Wirkung dieser frischen Wörter, und abermals müssen neue her. Und so weiter: In diesem Sinne ist der Sprachwandel nicht unähnlich dem Wandel in der Mode. Es gibt kein „richtig“ und „falsch“ in der Sprache, ebensowenig wie in der Mode. Das, was die Menschen sagen, ist „richtig“, und nicht, was irgendeine Akademie, oder der Rundfunk, oder ein Regime als „richtig“ deklariert. Heißt es „wegen dir“ oder „deinetwegen“? Wenn man feststellt, daß „wegen dir“ gesagt wird, dann muß es wohl richtig sein, weil es offenbar zur praktizierten Sprachwirklichkeit gehört. Eine Form wie „dirwegen“ ist dagegen „falsch“ (besser: ungrammatisch), einfach deshalb, weil es niemand sagt.

Das ist das eine. Das zweite betrifft die ganz persönliche Wahl, Vorliebe oder auch die Ablehnung eines bestimmten Ausdrucks. Wenn jemand „deinetwegen“ statt „wegen dir“ verwendet, dann ist das eine Entscheidung, zu der eine ganze Reihe von Gründen führen können: Der Sprecher kann sich mit einer Form, die dabei ist, sich endgültig aus dem Sprachgebrauch zu verabschieden, zu einer bestimmten Generation von Sprechern bekennen; er kann darauf hoffen, sich mit „deinetwegen“ gegen eine Mehrheit abzusetzen und sich damit überlegen zu fühlen; er kann, umgekehrt, davon gehört haben, daß es „besser“ sei, die Genitivkonstruktion zu wählen, und hoffen, nacheifernd zu einer „besseren“ Welt zu gehören; er kann schließlich ästhetische Gründe haben, die rein persönlicher Natur sind; oder er hat es immer schon so gesagt, weil er die Sprache in einem Umfeld erworben hat, in dem nie etwas anderes zu hören war. Alle diese Gründe aber sind keine objektiven Gründe, die erklären, wieso „deinetwegen“ vorzuziehen sei. Mit anderen Worten, man kann nicht sagen, „deinetwegen“ sei EIGENTLICH richtig, ebensowenig wie man sagen kann, Schweinebraten sei EIGENTLICH mit Knödeln, nur weil es einem zufällig so schmeckt. Wie aber in der Mode, so gibt es auch in der Sprache subtile Regeln, die darüber entscheiden, wer in welcher Situation „dazugehört“ und wer nicht, Konventionen, die festlegen, was „gehoben“, „formell“, „freundschaftlich“ und „verpönt“ ist. Aber auch in der Mode gibt es kein objektivierbar Richtiges. Und wie in der Mode muß man nicht jeden Mist mitmachen. Man kann aber, wenn es so gefällt. Natürlich haben die Konventionen eine soziale Kraft, und ihre Einhaltung oder Übertretung zieht bestimmte soziale Konsequenzen nach sich; meist aber richten sie nichts weiter an, als daß sie Geschmack, Alter, Geschlecht und Herkunft des Sprechers bestimmen lassen. Wer sich darüber echauffiert, weil jemand Samstag statt Sonnabend sagt oder umgekehrt, oder gar das eine als „hochsprachlich“, das andere als „dialektal“ betitelt, ist einfach nur albern.

Und ein letztes zu den Anglizismen: Ich glaube, die Mehrzahl derer, die sich über Anglizismen aufregen, verwechselt Ärger über die fremden Ausdrücke (die man ja nicht zu benutzen braucht) mit Ärger über die –- vermeintliche oder tatsächliche -– kulturelle Hegemonie des englischen Sprachraums, und besonders der vereinigten Staaten von Amerika. Das ist aber etwas, das mit Sprache nur insofern etwas zu tun hat, als sich in ihr kulturelle Entwicklungen widerspiegeln. Dasselbe ist beim immer noch heftig ausgetragenen innerdeutschen Ost-West-Kulturstreit zu beobachten. Auch hier gilt: Wenn die Menschen Ausdrücke, die nur im Westen verwendet wurden, plötzlich toll finden, weil alles, was aus dem Westen kommt, toll sei, dann kann man mit Sprachpflege überhaupt nichts gegen das Faktum ausrichten, daß die Menschen so reden, WEIL sie den Westen toll finden, und nicht umgekehrt. Auch unser taz-Autor verwechselt da etwas. Sprache ist nur das Symptom. Was ihn ärgert, ist etwas ganz anderes.

Übrigens: „Kindergarten“ sagt man natürlich immer noch, genau dann nämlich, wenn man auch „Kindergarten“ meint. „KITA“ ist eine Kindertagesstätte (Ganztagsbetreuung mit Essen und so), und das ist nun mal was anderes. Daß immer mehr Familien so wenig Zeit für ihre Kinder aufzubringen bereit sind, daß die Kindertagesstätte und nicht der Kindergarten zum Normalfall wird, ist ebenfalls durch Sprachgebrauch nicht zu verhindern. Wie überhaupt durch Sprachpflege oder Korrektur der Sprachgewohnheiten die Mißstände nicht aus der Welt geschafft werden können, die der Sprachgebrauch lediglich abbildet. Es werden nicht mehr Frauen Professor, indem man überall und ständig Professor/in sagt und schreibt, und die Probleme von Ausländern lassen sich nicht lösen, indem man sie "Mitbürger mit Migrationshintergrund" nennt. Aber das ist ein anderes Thema.

Mittwoch, 21. April 2010

Ein Sommernachmittag


Mittags war sanfterer Stein, und die Mauern aus schwalbenden Lüften
zogen an Blicken. Im Glas stürzte der Himmel zu Tal.

Dies wär Geschichte, vom Nebentisch hingen die lächelnden Augen
dir noch am Heimwege nach. Du aber wüßtest nicht, wie.

Kuchenkrümel und Gras. In den Socken steckt müde der Tag fest,
heißt nicht mehr Sonntag, im Flur riecht es nach Tinte und Tier.

Später kam doch noch der Abend, unverhofft, kehrte in milden
Flügen zum Garten zurück. Kraniche brachten die Nacht.

Blaues Streunen im Blick, ans Gestirn ein Traum fällt, der Abend
spaltet die Stunde in zwei. Wie zu dir kommen? Kein Weg …

Trauer wurde zu Stein. Ein Jammer verkieselte. Müde
wirbt nun das Moos um den Leib. Flügel sind Jahre aus Gips.


Dienstag, 20. April 2010

Zu dicht

Was mich tagtäglich nervt, ist auch in Zahlen darstellbar: Der Rhein-Sieg-Kreis steht in einer nach Bevölkerungsdichte geordneten Liste der deutschen Landkreise mit 519 Einwohnern je Quadratkilometer an neunzehnter Stelle (von 301 Kreisen), und gehört damit zu den oberen 6,3 %. Die einwohnerreichste Region ist der Kreis Mettmann mit 1226 Einwohner/Quadratkilometer. 499193 Menschen teilen sich hier eine Fläche von 407 Quadratkilometern, das sind gerade mal 815 Quadratmeter für jeden Einwohner. Am unteren Ende der Skala befinden sich die Kreise Mecklenburg-Strelitz und Müritz in Mecklenburg-Vorpommern. In beiden wohnen jeweils 38 Menschen je Quadratkilometer (das macht im Schnitt 2,6 Hektar oder 26000 Quadratmeter für jeden Einwohner). Der Kreis Vulkaneifel, der in meiner Lieblingslandschaft liegt und, wenn Arbeitsnöte nicht dagegen sprächen, seit langem meine Wohnstatt wäre, hat 68 Einwohner je Quadratkilometer.

In der Vulkaneifel müssen sich 68 Menschen einen qkm teilen.
In der Vulkaneifel müssen sich 68 Menschen einen qkm teilen

In Städten sieht es natürlich ganz anders aus. Die Liste der deutschen Gemeinden wird von München angeführt: Hier drängeln sich 1,3 Mio Menschen auf knappen 310,40 Quadratkilometern; auf jeden Quadratkilometer kommen somit 4275 Menschen. Wenn man sich vor Augen hält, daß ein qkm der Fläche eines Quadrates mit 1000 m Seitenlänge entspricht, und daß es selbst in einer Großstadt wie München auch relativ leere Flächen gibt, kann man sich das Gewühl vorstellen. Leere Flächen beeinträchtigen natürlich die Aussagekraft solcher Zahlen: So liegt die nach Einwohnerzahl zweitgrößte Stadt Deutschlands, Hamburg, nach Bevölkerungsdichte weit abgeschlagen irgendwo in der Mitte: Hafen, Elbe und ländliche Gebiete sind praktisch unbewohnte Fläche, die die Zahlen nach unten drückt.
Ein Gewimmel wie München ist übrigens gar nichts im internationalen Vergleich. Mehr als dreieinhalb mal so hoch ist die Bevölkerungsdichte in Monaco, dem dichtesbesiedelten Land der Erde: 16620 Menschen müssen sich einen Quadratkilometer teilen (das sind 60 qm pro Person). Schön ruhig ist es dagegen in der Mongolei: Jeder Einwohner hat dort im Durchschnitt einen halben Quadratkilometer für sich.

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