Mittwoch, 13. Mai 2009

Aachener Weiher

Einmal standen sie am Aachener Weiher. Weiden ließen dort vom Ufer aus die Schleppen ihrer Zweige ins Wasser schleifen. Ihre Bögen formten ein Dach, eine Höhle, über derenen fahlgrüne Wände milde Spiegelungen vom Wasser aufsteigend die silbrigen Blattunterseiten entlangglitten. Es hatte aufgehört zu regnen, doch der Himmel war trüb geblieben, und keine Sonne stieg aus dem stumpfen Wasser. Sie standen gestützt aufs Geländer und sahen den Enten zu, die zu ihren Füßen unterhalb des Brückengeländers kreisten. Das Schweigen zwischen ihnen begann sich zu einem Baum auszuwachsen, als heftiges Flügelschlagen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Draußen auf dem Wasser, inmitten davonstrebender Wellenringe, tat ein Erpel etwas sehr Merkwürdiges: Er war halb auf eine der Enten hinaufgerutscht und -gesprungen und -geflattert und versuchte nun, mit dem Schnabel ihren Kopf unterzutauchen, hack hack hack, was ihm auch mehrfach gelang. Gewalttätig und häßlich war das. Vorher hatten die zwei Vögel noch ein lustiges Spiel miteinander gespielt und mehrmals rechts, links, rechts mit Hals und Schnabel seitlich aneinander vorbeigepickt.
Neben ihm aber stand die Frau, die er begehrte, unbeweglich wie das Schweigen, das ein Baum war, und bot seiner Verlegenheit keinerlei Halt.
„He“, rief er endlich verzweifelt dem Erpel zu, nachdem der Kopf der Ente schon gänzlich unter Wasser geraten war, „he, du sollst sie doch nicht ersäufen …“
Worauf die Frau, die er begehrte, sich ungerührt zu ihm umdrehte und mit halblauter Stimme sagte:
„Was soll er sie dann?“



Freitag, 8. Mai 2009

...

Länge und Breite verwechseln und statt im Val Ferret, Bivouac Cesare Fiorio (N 45 54.308, E 7 3.260) in Äthiopien, zwischen Werder und Geladi (E 45 54.308, N 7 3.260) landen.


Anmerkungen zum Welttag des Buches

Die Bücher haben uns überholt.
Mehr Bücher zu produzieren, als man zu lesen vermag, kann dreierlei bedeuten. Erstens, schnell war es vorbei damit, daß ein einzelner Mensch, wenn er lange genug lebte und die Schwierigkeiten in der Beschaffung und Information meisterte, die gesamte literarische Produktion der bekannten (bzw. der Latein oder Griechisch sprechenden) Welt nicht nur überblicken, sondern auch lesen und begreifen konnte. Die aktuelle Produktion, sowie alles, was bislang überhaupt geschrieben worden war. Der Punkt, wo dem Leser die Menger der insgesamt vorhandenen Bücher über den Kopf wuchs, dürfte schon in der Antike selbst erreicht worden sein. Da wurde zum ersten Mal der Einzelne von den Büchern überholt, unaufholbar: Die Bücherzahl im Wachsen, die Lebenszeit im Schwinden begriffen, libri multi, vita brevis.
Heute, zweieinhalb tausend Jahre später, haben wir uns mit so vielen Büchern umgeben, daß, selbst wenn ab sofort kein weiteres Buch mehr erschiene, die Menschheit für Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, Lesestoff hätte. Und, da ja, die uns nachfolgen, den ganzen Stapel frisch nachzuarbeiten haben, müßte man eigentlich gar keine Bücher mehr schreiben. Ja, womöglich haben wir mit der Produktion von Büchern schon einen Punkt erreicht, wo sie uns zum zweiten Mal ein- und überholen, wenn es nämlich stimmt, daß wir nicht einmal mehr gemeinsam die Menge an entstehenden Büchern stemmen könnten.
Das bedeutet etwas Trauriges und Beunruhigendes: Einige bleiben ungelesen. Und zwar, weil ja ständig noch weitere Bücher nachwachsen, für immer.
Die dritte Welle der Überholung wäre dann erreicht, wenn die Menge der für immer ungelesenen Bücher die Menge der gelesenen oder noch lesbaren übersteigt. Man stelle sich mal die stumme Flut an Personen, Welten, Landschaften, Ereignissen vor, wie sie, unentdeckt, ungeschaut, verborgen hinter haus- und turmhoch gestapelten Buchdeckeln, ja, was? existieren? Latent sind? Abrufbereit warten? Liebesaffären, Verrat, Intrige, Freundschaft, verrückte Erfindungen, traurige Entdeckungen, glitzernde Waghalsigkeiten. Reisen zum Andromedanebel, sprechende Austern, Barackensiedlungen in den Slums von Köln, die Reisebeschreibungen des Pseudo-Apollodor. Wälder, Städte, Straßen. Sprechende Pudel, denkende Gartenpfosten, Zauberer, tiefste Vergangenheit und unsere eigne Zukunft. Wahres, Falsches, Geträumtes. Nacht der drei Monde, die Veilchen des letzten Sztumbanen … Verschlossen hinter Buchdeckeln, vom banalsten Liebesgestöhn bis zum Stein der Weisen, absichtlich oder unabsichtlich zu entdecken.
Angesichts einer solchen ins Unermeßliche wachsenden Geschichten- und Weltenflut darf man wohl sagen, daß sich unsere eigene, sogenannte wirkliche Welt immer kleiner ausnimmt und bedeutungsloser, marginal im Wortsinne, eine Randnotiz zu einem gigantischen Roman der Romane, eine Fußnote im 135.811.374.374ten Erzählband, eine in Parenthese geäußerte Vermutung in irgendeiner Essaysammlung, wo war sie noch gleich …? Ein Geschmier, das man zuerst für Pennälergekrakel hält, ein Anhang zum ersten Prolog des Inhaltsverzeichnisses, immer kleiner und winziger wird die sogenannte wahre Geschichte, entpuppt sich als Nebensache, gerät zwischen fremde Seiten, rutscht nach unten, bis sie irgendwo in der Flut der Publikationen verschwindet, drei Punkte, ein Auslassungszeichen …
„Hast du das gelesen?“ – „Was?“ – „Na, dieses Büchlein hier …“ –„Nee, keine Zeit, du weißt schon.“ – „libri multi …?“ – „… vita brevis…“



Mittwoch, 1. April 2009

Weg

... und in diesem Moment begriff ich endlich: Ich mußte weg.
Im selben Augenblick ging, wie zur Bekräftigung meines Gedankens, die Flügeltür auf, spiegelte mich kurz mir selbst entgegen, wie ich, leicht vornübergebeugt, immer noch an der Tischkante stand, schwang gänzlich auf und entließ eine energisch mit den Absätzen klappernde Frau, die aussah wie eine Grundschullehrerin, weil sie nämlich eine war.
Sie trug einen karierten Rock, Strumpfhosen und eine graue Bluse, hielt ihr Gesicht hinter einer hand- und buntbemalten, etwas zu großen Holzmaske verborgen (im Maskenbaukurs selbstgefertigt, klar) und hatte auf dem Kopf einen strengen grauen Dutt. Ihre Augen unter der Maske blitzten, während sie mit dem Rücken die Tür aufhielt und den Arm wie ein lebender Wegweiser ins Rauminnere ausstreckte. Dabei schrie sie etwas, das ich nicht verstand, denn hinter ihr schwappte bereits ein Chor piepsender und trotz ihrer hohen Frequenzen erstaunlich voluminösen Kinderstimmen in den Raum. Nie habe ich verstanden, wie Kinderstimmen, hauchschwach bei einem einzelnen Kind, in der Summe auch schon einer kleineren Gruppe ohrenbetäubend sein können. Die Frau mit Dutt machte sich schmal, und da kamen sie auch schon. In Lustigfarben gekleidet, Ringelsöckchen in den Riemchensandalen, trugen sie ihre hellen, nackten Gesichter leuchtend und rot und begeistert vor sich her wie Laternen, die glänzenden kleinen, feuchtrunden Münder in ständig malender Bewegung, während sie einander rempelten und kleine juchzende Schreie ausstießen. Sofort schien sich der Raum zu verengen. Die Stimmen schwirrten und johlten, Füße trappelten, Rücksäcke rappelten, Stühle quietschten über das PVC. Gedränge, Geschiebe, Gestoße. Ein Stuhl fiel um. Der Dutt auf dem Kopf der Buntmaskierten wackelte.
Ob schon Kinder zurückgestuft wurden, schoß es mir durch den Kopf, wenn sie sich schlugen („Zahnersatz kostet uns alle Millionen“) oder Regenwürmer probierten („Vergiftungen gehen uns alle an.“), sich die Knie aufschürften („Ein Beinbruch kann teuer werden! Helfen auch Sie mit, Unfälle zu vermeiden!“), von Brücken sprangen oder was der Mutproben mehr sind. Vielleicht waren auch die Eltern dran.
Eigentlich wollte ich es gar nicht so genau wissen. Ich verließ den Raum. Bevor die Tür zuschwang, fiel mein Blick auf den leblosen Körper der Fliege, wie er vom Luftsog über den Boden geweht wurde. Weit war sie nicht gekommen, dachte ich, und die Verzeiflung griff wieder nach meiner Brust. Im nächsten Moment war ich draußen. Die Stimmen fluteten zurück, flackerten in einem spitzen Schrei noch einmal auf und verstummten.
Das Licht, dick und heiß und wie von Flügelschlägen belebt, blendete mich. Ein schwerer Motor lief nahebei. Die Schatten klebten auf Wagentüren, Wänden und der wüstengrell spiegelnden Fläche des Asphalts.

Ich erinnerte mich an ...

Freitag, 27. März 2009

Aber immer wieder weggedreht

Von Hunden habe ich auch schon oft geträumt, das ist was ganz Merkwürdiges, und das merkwürdigste daran ist vielleicht, daß es gar keine Hunde sind. Oder vielleicht doch. Also schon, es sind … Tiere. Es sind Tiere, die mich anschauen, oder auch nicht anschauen, aber die da sind und von mir wissen, selbst wenn sie mich ignorieren. Es sind keine Menschen oder Zauberer in Tiergestalt, sondern Tiere als Urform des Tiers, des Säugetiers wenigstens, des domestizierten Säugetiers zumal, mit Schnauze, Blick, Fell, Schnüffeln und Wedeln. Es ist etwas Verletzliches um diese Wesen, eine tiefdunkle Farbe bevorstehenden Schicksals. Sie sind gezeichnet, sind Verworfene, und doch Freie, die keines Mitleids bedürfen. Und so, ganz nah (wie das Gesicht von Hunden …), zugleich auf der anderen Seite von etwas Unüberbrückbarem, Unheilbarem, sind sie es, die bescheid wissen, und in deren Augen ein weiser Blick kommt, wenn sie Mitleid haben mit uns.

Mittwoch, 25. März 2009

Tierträume

Ein Zoo. Dunkle Giraffen, die mit gespreizten Beinen trinken und sich dann mühevoll wieder aufrichten. Manchmal stoßen sie ein wunderliches Gebrüll aus, als störe oder beunruhige sie etwas Dieses Gebrüll ist ein langer, dröhnender Schrei, ein Geröhre und Grollen, das sie mit gesenktem Hals ausstoßen. Auf ihrem Rücken sitzen kleine Affen. Später sind die Giraffen aber Kamele; und aus den Affen auf ihrem Rücken sind hohe, verfaltete, eingeknickte und mit langen Fellbüscheln gekrönte, schlanke Wülste geworden, ihre Höcker, so hoch und sperrig, daß man sich fragt, wo denn auf diesem Rücken ein Reiter Platz finden soll.

Giraffa camelopardalis (im Kölner Zoo)

Gestern bei Strabo folgendes gelesen (Geographica, 7.4.8):

ἔστι δὲ τῶν τετραπόδων ὁ καλούμενος κόλος, μεταξὺ ἐλάφου καὶ κριοῦ τὸ μέγεθος, λευκός, ὀξύτερος τούτων τῷ δρόμῳ, πίνων τοῖς ῥώθωσιν εἰς τὴν κεφαλήν, εἶτ’ ἐντεῦθεν εἰς ἡμέρας ταμιεύων πλείους ὥστ’ ἐν τῇ ἀνύδρῳ νέμεσθαι ῥᾳδίως.

„An Vierbeinern gibt es den sogenannten Kólos, der Größe nach zwischen Hirsch und Widder, von weißer Farbe und im Laufe schneller als diese. Er kann mit den Nüstern Wasser in den Kopf aufnehmen, auf das er dann als Vorrat über mehrere Tage hinweg zugreift. So vermag er leicht auch in Trockengebieten zu weiden.“

Freitag, 20. März 2009

Liegen, wo man

Liegen, wo man der Sonne
beim Geschichtenerzählen zusehen
kann und wie
sie Zeile für Blütenzeile in
die Bäume schreibt.
Blüten am Himmel einsammeln, wo der Wind
Knospen treibt aus dem Zenith und
Adern senkt ins Wasserblau, indes die Vögel,
entlassene Gedankenkörper,
dahinschweben im Strom der Blicke.

Verrueckt

Verrueckt

Mittwoch, 18. März 2009

Kampf um Ruhe (2)

Mit der Suche nach einer Wohnalternative bin ein gutes Stück schlauer, deswegen aber noch lange nicht weiter. Die Schwierigkeiten, die ein Leben im Wohnmobil, schon ohne das Bücherproblem zu berücksichtigen, mit sich bringt, nämlich: Strom, Wasser, Abwasser, Wäschewaschen, Vorratshaltung, Stellplatz, diese Schwierigkeiten also schienen darin überwunden, und das mit einem Schlag, daß man statt des Wohnmobils einen Wohnwagen wählt, ein Vorzelt dazustellt und sich auf einem Campingplatz mit Dauerstellplätzen einrichtet. Eine kurze Suche im Internet ergab Kosten von etwa € 900 im Jahr für eine Stellfläche von 100 qm. Größere Wohnwagen bringen es durchaus auf 10–12 qm Wohnfläche, die sich mittels Vorzeltes auf gut das Doppelte erweitern ließe. Ein Vorzelt hat außerdem den Vorteil, daß man Erde, Sand, Nässe, Gras nicht gleich in den Wagen trägt. Auf einem Campingplatz hätte man einen eigenen Stromanschluß, Dusche und Toilette stünden zur Verfügung, bei guter Ausstattung gäbe es sogar Waschmaschinen und einen Trockenraum.

Bei Hochwasser überflutet: der Campingplatz "Genienau" bei Bonn-Mehlem. Im Hintergrund der Rhein.
Bei Hochwasser überflutet: Der Campingplatz "Genienau" bei Bonn-Mehlem

Alles bestens, dachte ich, das ist die Lösung. Und begann, Campingplätze in der Umgebung anzuschreiben.
Das ernüchternde Ergebnis: Von den wenigen Plätzen, die so stadtnah liegen, daß ich noch in vertretbarer Reisezeit zur Arbeitsstelle gelangen könnte, haben die einen nur Saisonbetrieb, liegen die anderen im Hochwasserbereich des Rheins („in dieser Zeit müßten Sie den Wagen dann wegstellen“), sind dritte hoffnungslos überteuert (über € 200 pro Monat!) oder alles drei kommt zusammen.
Haha! Meine Wohnung wegstellen. Prima Idee.
Ferner versichern mir Freunde und Verwandte mit Campingerfahrung übereinstimmend, daß ich meine Ruhe gewiß nur in den Wintermonaten haben würde, während die Plätze im Sommer vor allem an den Wochenenden überfüllt seien und es dementsprechend laut hergehe. Hölle, murmele ich, und meine Freunde und Verwandten mit Campingerfahrung nicken bekräftigend mit dem Kopf. Die sei dann da los, richtig. So etwas habe ich mir natürlich auch schon gedacht. Einer der von mir inspizierten Plätze hatte gar eine eigene Bühne, und wozu so etwas dient, weiß man ja. Auch läuft mir ein Schauder über den Rücken bei der Vorstellung, während der Sommermonate morgens vor den Duschkabinen im Kot-plus-Zahnpasta-plus-Rasierwasser-Mief Schlange stehen zu müssen und mich nachts schlaflos zu wälzen, während nebenan bis in die Puppen gefeiert? ach was: einfach nur gequatscht wird. Nur trennen mich dann eben nicht mehr dreißig Zentimeter schlecht gedämmten Mauerwerks von der Quelle des Übels, sondern nur noch zwei Zentimeter gar nicht gedämmten Kunststoffs.
Im Augenblick sieht es so aus, als würden alle Bestrebungen wohnungslosen Wohnens darauf hinauslaufen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Dienstag, 17. März 2009

Frühlingsfieber

Sich fühlen, als hätte man einen Fieberanfall hinter sich, nicht nur unendlich müde, sondern auch wackelig auf den Beinen, Watte im Kopf und die Augen geblendet von eigentlich keinem Licht, oder als käme es aus dem Inneren, aus dem eigenen Schädel. Vorhin durch den Wald gezittert und eine Stunde später immer noch einen Puls von 80. Die Vogelstimmen hallen leicht nach wie aus einem Traum. Oder eine Illusion, ein Imitat ihrer selbst.

Endlich The Time Traveller’s Wife durch und froh, daß dieser Albtraum zu Ende ist. Zuletzt fürchterlich überreizt. Statt es in einem hinter mich zu bringen, hab ich den Schrecken nur verlängert, weil ich mehr als ein paar Seiten täglich nicht ertragen habe – und auch die nur morgens und mittags im Zug, weil man da mehr Abstand hat.

Samstag, 14. März 2009

Ceterum censeo

Ich werde mich ganz bestimmt niemals einem Intelligenztest unterziehen. Das fehlte noch, daß ich mir meine eigene Beschränktheit in Zahlen vorführen lasse.

Seite 440

Ich weiß nicht, ob ich den Mut aufbringe, The Time Traveller's Wife weiterzulesen. Das passiert mir immer öfter, daß ich es nicht schaffe, weil mich eine geradezu animistische Angst befällt, als erschüfe ich das Schicksal der Figuren der Geschichte, indem ich sie lese. Schrecklich. Gleichzeitig schiebe ich ihr Schicksal, das ja feststeht (-- oder?) nur auf, indem ich das Buch nicht mehr anrühre. Ihr Schicksal erscheint mir umso trauriger, weil es ja wahr ist; auf jene entsetzliche, unausweichliche Weise wahr, wie es nur Geschichten sein können.

Freitag, 6. März 2009

Gesundheitsinspektion

Draußen standen zwei Herren auf der Schwelle, den Fuß schon fast im Zimmer, so nah, als hätten sie, während Überweg sich vom Boden aufgerappelt hatte, draußen ihre Nasen an die Tür gedrückt; ihre echten Nasen, muß man sagen, denn unverschämterweise trugen sie keine Masken, sondern starrten ihm mit bloßen Gesichtern entgegen. Diese waren rund und voll und auf obszöne Weise rotwangig, und hatten etwas aufreizend Gesundes an sich, wie aus einer Werbung für Orangensaft oder die Ortskrankenkasse. Und der Eindruck täuschte nicht.
„Gesundheit“, fiepte der eine und schwieg dann einen Moment, als wolle er dem Kunstwerk ihres Erscheinens damit einen Titel verleihen, „Gesundheit, Herr Überweg, ist ein teures Gut.“ Der andere nickte beifällig. Überweg bemerkte, daß sie beide ein Namensschildchen am Revers trugen, konnte aber die Aufschrift nicht erkennen. In Ermangelung einer anderen onomasiologischen Lösung, und da die beiden es offensichtlich für überflüssig hielten, sich vorzustellen, beschloß er, sie Hinz, respektive Kunz zu nennen.
„Ein sehr teures Gut“, fuhr Hinz fort und machte eine Bewegung, als wolle er sich ins Zimmer zwängen. Der andere warf schon mehr oder weniger verstohlene Blicke an Überweg vorbei, wie ein Kind, das die Bescherung nicht erwarten kann.
„Krank werden wir alle mal. Das läßt sich bedauerlicherweise noch nicht ganz verhindern. Doch wie oft und wie schwer jemand erkrankt, das liegt mehr in seiner eigenen Hand, als so mancher glaubt. Die einen achten ein wenig auf sich – und ersparen sich und anderen immense Kosten, indem sie seltener krank werden und die Kassen weniger belasten. Die anderen …“
„Die anderen“, übernahm Kunz wieder, „die anderen machen durch unsachgemäße Lebensführung ein ohnehin kaum bezahlbares Gut gänzlich unbezahlbar. Für uns alle unbezahlbar, Herr Überweg. Dabei muß das alles nicht sein. Es ist Ihnen vielleicht nicht klar, welche Summen vermeidbar wären, wenn die Menschen mehr auf sich achtgäben. Risikobereitschaft und Unachtsamkeit führen zu Unfällen; Genußmittel, Drogen und andere Gifte, bewußt oder unbewußt aufgenommen, haben schleichende Vergiftung, Abhängigkeit, Nachlassen der Leistungsfähigkeit zur Folge; falsche Ernährung, zuwenig Bewegung, leichtsinnige Lebensweise machen akut und chronisch krank, und Krankheit gleich welcher Form oder Schwere schwächt die Moral, den Arbeitswillen und die Leistungsbereitschaft. Besonders aber …“
„Besonders aber“, fuhr Hinz fort, „erfordern Krankheiten kostspielige Behandlungen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wer den Herzschrittmacher von Herrn Müller gegenüber“ – Hinz zeigte tatsächlich hinter sich in den Flur – „oder das Insulin von Fräulein Mechernich im ersten Stock“ – der Finger ging nach unten – „zahlt? Nein? Kein anderer als Sie, Herr Überweg. Eine hohe Belastung des Gesundheitswesens trifft uns alle, Sie, mich, Ihre Nachbarn, Ihre Mitbürger, Freunde, Kollegen. Dabei ist es manchmal lediglich Unkenntnis, die die Menschen ihrer Gesundheit beraubt – und damit uns alle unseres sauer verdienten Geldes. Wissen Sie, wieviel die Schmerzmittel Herrn Mittelspechts vom zweiten Stock monatlich kosten? Mo. Nat. Lich! Sehen Sie. Aus diesem Grund …“
„Aus diesem Grund“, fiel ihm Kunz ins Wort, „haben wir Ihnen vor einigen Wochen einen Fragebogen zugesandt …“
„… den Sie leider versäumten, zurückzusenden“, übernahm wieder Hinz und schüttelte kummervoll den Kopf. „Sie sind sicher auch der Ansicht, daß eine Kontrolle jedes Einzelnen im Interesse Aller ist, nicht war? Also hat der Gesetzgeber beschlossen, dem Druck der Krankenkassen wie der Öfentlichkeit nachzugeben und in regelmäßigen Abständen Kontrollbesuche bei den Bürgern durchzuführen …“
„… um festzustellen, ob die Regeln zur größtmöglichen Gesunderhaltung eingehalten werden“, fuhr der zweite fort, „andernfalls nämlich …“
„Andernfalls nämlich“, Hinz hob ein wenig die Stimme, „Sie zurückgestuft werden, also höhere Beiträge zu zahlen haben, und zwar saftig. Wer sich schadet und andere zwingt, diesen Schaden wieder gutzumachen, handelt asozial. Sie gestatten …“
Und er machte Anstalten, sich an Überweg vorbei und durch die Tür ins Zimmer zu drängen. Ein Kampherartig-herber Geruch strömte ihm voraus. Der andere zückte ein Notizbuch und setzte eine ernste Miene auf, wobei ihm die Zunge in den Mundwinkel rutschte.
Unwillkürlich war Überweg einen Schritt zurückgetreten. Das genügte Hinz, um in einer flinken Bewegung ins Zimmer zu gleiten. Ehe Überweg protestieren konnte, hatte sich der andere schon umgesehen und stieß einen verzückten Schrei aus.
„Aaaaaa-ha“, machte er fröhlich und schnalzte mit der Zunge. „Sie trinken Alkohol. Drei Punkte.“ nickte er Kunz zu, der es eifrig notierte.
„Es ist in ihrem eigenen Interesse, damit aufzuhören“, wandte er sich an Überweg. „Alkohol macht süchtig, schlaff, dumm, aggressiv, hat zuviele Kalorien, fördert unguten Appetit, raubt den Schlaf, vermindert Konzentration und Leistungsbereitschaft, und in schlimmen Fällen führt es gar zu Leberversagen.“
Überweg fühlte einen leichten Unwillen in sich aufsteigen. Während der Eingangsrede hatte er kaum richtig zugehört; daß diese Orangensaftwerbungsfritzen aber seine Wohnung inspizierten, ging ja noch. Seit er hier alleine wohnte, war es ohnehin nur seine halbe Wohnung. Aber daß es jetzt dahin kam, daß seine Trinkgewohnheiten kritisiert wurden, das ging nun doch etwas weit.
„Meine Leber gehört mir“, brummte er.
„Das glauben Sie“, entgegnete Hinz, „nach der neuesten Gesetzgebung haben Sie sich ihre Leber nur geliehen. Sie sind ausdrücklich verpflichtet, sorgsam damit umzugehen, damit sie im Falle Ihres Ablebens noch gebraucht werden kann. Die Entnahme von Organen im Falle ihres Gehirntodes ist ab dem ersten ersten kommenden Jahres in jedem Fall rechtmäßig. Auch gegen Ihren Willen. Wo kämen wir denn hin, wenn man dem Egoismus auch noch posthum zu seinem Recht verhelfen wollte? Wissen Sie, wie eng es derzeit auf dem Gebrauchtlebermarkt aussieht? Sie machen sich keine Vorstellung davon, wieviele Lebern jetzt in diesem Augenblick dringend benötigt werden. Übrigens sollten Sie nicht mit einem nassen Handtuch auf den Schultern herumlaufen, Sie glauben ja nicht, was Erkältungen das Gesundheitssystem kosten. Was ist den das?“
Plötzlich war es still. Kunz hatte im Schreiben innegehalten. Hinz war ein wenig blaß um die Nase geworden. „Oh mein Gott“, lispelte Kunz. Beide starrten mit einer Mischung von Abscheu und Faszination in den prallen Versicherungswerbungsgesichtern auf den Gegenstand, den Hinz mit spitzen Fingern hochhob und am ausgestreckten Arm in die Höhe hielt. Eine Zeitlang sagte niemand etwas. Überweg tastete verstohlen nach seiner Leber.
Kunz fand als erster die Sprache wieder. „Das gibt’s doch nicht“, wisperte er mit vor Entsetzen geweiteten Augen. Hinz räusperte sich. Dann bedachte er Überweg mit einem Blick, wie sie Fernsehkommissare haben, wenn sie zur Verhaftung des Mörders schreiten, und sagte:
„Sie haben … getötet.“
Jedenfalls klang es so. Tatsächlich sagte er, und seine Stimme wurde brüchig: „Sie … rauchen“
„Er … raucht …“, hauchte Kunz und vergaß vor lauter Schreck, es aufzuschreiben. Hinz stellte den Aschenbecher vorsichtig ab und betrachtete einen Moment lang seine Finger, als überlege er, ob Wasser und Seife zur Reinigung ausreichen würden oder man die Gefährdung der Gesundheit durch Pflanzenasche doch besser mit Alkohol oder Parachlorbenzol ausmerzen müsse.
„Wissen Sie eigentlich …“, begann er dann.
Überweg hatte die Untersuchung seiner Leber abgeschlossen. „Ja, weiß ich“, fiel er Hinz ins Wort.
„Warum tun Sie es dann?“
„Das interessiert Sie doch gar nicht.“
„Mich interessiert Ihre Gesundheit.“
„Da bin ich aber gerührt. Der Kühlschrank bleibt zu!“
Denn Kunz hatte die Inspektion auf die Küche ausgeweitet und nach der Kühlschranktür gegriffen.
„Wie sollen wir Sie denn versicherungsmäßig einstufen, wenn wir nicht wissen, wovon Sie sich ernähren?“
„Gar nicht.“
Einen Augenblick schien Hinz aus der Fassung. „Sie ernähren sich gar nicht?“ blinzelte er.
„Sie sollen mich nicht einstufen, meinte ich.“
„Seien Sie doch nicht so stur. Damit kommen Sie nicht weiter. Also, vernünftig. Wovon ernähren Sie sich?“
„Von Gin und Zigaretten.“
„Das kann doch nicht sein.“
„Stimmt auch nicht.“
„Also?“ Hinz zog an der Tür. Überweg hielt dagegen.
„Ein bißchen Vermuth, ab und an.“
Hinz blinzelte. Der Kühlschrank wackelte.
„Und wozu haben Sie dann einen Kühlschrank?“
„Für die Eiswürfel.“
„Hören Sie“, keuchte Hinz und zerrte an der Tür, die Überweg weiterhin entschlossen zugedrückt hielt, „hören Sie. Es steht schlecht genug um Sie. Sie rauchen. Sie trinken. Sie sitzen mit einem nassen Handtuch um die Schultern in der Zugluft. Ihre Matratze ist durchgelegen. Treiben Sie Sport? Hab ich mir doch gedacht. Sie machen alles noch schlimmer. Zeigen Sie uns wenigstens, daß sie da drin ein Vitaminpräparat von Strahlemann & Mausi haben, oder wenigstens einen Apfel® oder eine Tomate™, und wir vergessen die Matratze, ja? Mensch, so hilf mir doch mal, Kunz!“
Apfel® ? Tomate™? In diesem Augenblick riß Überweg der Geduldsfaden.
„Raus!“
„Erst wird der Kühlschrank inspiziert.“
„Raus sage ich. Und zwar raus™. Von Strahlemann & Mausi. Alle beide. Und zwar sofort®.
„Erst der Kühlschr-…“
„Nix da. Schluß jetzt mit dem Auftritt. Übrigens ernähren Sie sich offensichtlich von Hustenbonbons. Verpesten Sie nicht länger meine Wohnung mit ihrem Pfefferminzatem. Sonst werde ich wirklich krank. Bedenken Sie, was das die Gesundheitssysteme kostet.“
„Un-ver- schämt- heit“, keuchte Hinz und zog im Verein mit dem erstaunlich kräftigen Kunz bei jeder Silbe an der Tür. Der Kühlschrank schwankte bedenklich. Die Tür klappte kurz auf und knallte wieder zu, als Überweg sich dagegenwarf. Die Lage wurde kritisch.
In diesem Moment kam ihm der rettende Einfall.

„Das ist Körperverletzung!“ schrie Hinz unter Husten.
„Wir werden zurückgestuft!“ wimmerte Kunz und hustete noch heftiger .
„Das wird Sie teuer …“, hob Hinz an und wackelte mit dem ausgestreckten Zeigefinger, aber Überweg hatte, während der erste vor dem Rauch der Zigarette das Weite suchte, den zweiten schon am Kragen gepackt und begonnen, ihn zur Tür zu schleifen.
„Aua, nicht wehtun“ fing der an zu flehen, „bitte nicht verletzen, bei einem Arbeitsunfall werde ich zurückgestuft …“
„Idiot, sei doch still“, rief der andere von draußen. Ein Stoß, ein Griff, ein Zug. Die Tür schloß sich über den roten Wangen, Namensschildchen und Geschrei. Überweg schloß ab und lehnte schnaufend an der Tür. Die kämen wieder, so viel war klar.
Erstmal einen Schnaps, dachte Überweg, und dann machen wir einen Plan©.




Donnerstag, 26. Februar 2009

Amseln

Sie sind früher als alles, was ist.
Sie waren schon immer vorher, ganz gleich, was als erstes kam. Sie waren.
Leuchtspuren in einem Sinnenraum, der weder dem Auge noch dem Ohr, noch irgendeinem Organ, das aus der schlafenden Mitte ins Dunkel hinauswächst, gehören. Sie waren vor allen Organen, vor jedem Blut. Tönernes Leuchten. Leuchtende Töne. Ertastbare Stimmen. Klang wie eine Zeichnung in Sand, Gesänge in Braille-Schrift.
Sie gehören zu einer anderen Zeit, die jedem Beginn vorausläuft. Langsam dem Anfang überlagert, werden sie irgendwann eins mit dem Hier, dem Jetzt, jedem denkbaren Später, wenn es erst denkbar ist. Unterm Fokus werden zwei Wege einer, ein Traum fällt in sich zusammen, ein Tuch zerreißt im Spiegel, und indem sich die Zeit entscheidet und in Vorher und Nachher zerfällt, erinnerst du dich, und die Stimmen nehmen sich selbst einen Namen.
Sie sind vor jedem Denken. Sie sind Erinnerung, die im Früheren von Späterem handelt, ihre eigene Zukunft. Wenn du sie hörst, zum erstenmal hörst, hast du sie schön gehört. Du hast sie gehört, bevor du sie hörtest. Wie lange? Seit du denken kannst.
Ein Klangbaum. Wie eine Eigenschaft des Dunkels selbst, Faltungen im Raum, ein knisternder Schleier, den eine Brise zu immer neuen, doch einander ähnlichen Klangkaskaden verreibt, bis jäher Augenaufschlag das Dunkel dem Dunkel zuschlägt und den Klang dem Klang, und die Stimmen sich aus der Weite der Straße heranschwingen müssen, nun fern und an ihrem Platz, wie alles.
Liegenbleiben, denkst du, liegenbleiben, bis der Eifer des Tages sie an sich nimmt und sie in den Bäumen verstummen.

Freitag, 20. Februar 2009

Carneval

Es ist wieder soweit: Am Bahnsteig stehen Männer mit heruntergelassener Hose und urinieren in die Grünrabatten, andere stehen nicht mehr so gerade und schwanken, Bierflasche in der Hand, über die Treppen, aus den Straßen unten dröhnt es, Kyffhäuserstraße und Zülpicher Straße sind eine einzige klebrige Pfütze aus Bier und Feigenlikör, und am Brühler Bahnhof beugt sich jemand über eine Sitzbank und kotzt. Im Vorbeifahren sehe ich durchs Zugfenster den schimmerden Schleimfaden aus seinem Mund stürzen und auf der Sitzfläche zerplatzen.
Das alles ist Jahr für Jahr nervig und anstrengend. Aber das ist noch nicht, was mich wirklich erschüttert.
Es ist etwas, das augenscheinlich nur ich sehe, es ist diese verzerrte Ausgelassenheit, die doch nichts weiter ist als maskierte Verzweiflung, ein Ablenkungsmanöver; das Toben der Menge, ihre Fröhlichkeit, nichts als ein empfindlicher Balanceakt, der jederzeit kippen, eine Larve, hinter der jederzeit die Fratze der Zerstörung und heillosen Verwirrung herausspringen kann.
Und es auch tut.
Kurz vor Bonn nämlich plötzlich Geschrei, Zorn und Schmerz, wüste Beschimpfungen, „Laß mich!“, „Nenn mich nicht …!“, Geheul und viel Unartikuliertes, dazwischen zaghafte Beruhigungsversuche, schließlich setzt sich ein Frau in Katzenkostüm neben ihre Freundin auf der anderen Seite des Ganges, schwer atmend, aufgebracht, „Der soll nicht zu mir reinkommen, ich war auf Toilette …“, und die Freundin: „Schrei mich nicht an …“, während aus dem hinteren Zugteil die Stimme eines Mannes zu hören ist, „und das, nachdem ich vier Jahre mit ihr zusammen war … vier Jahre …“, das Gebrüll ist schrill, die Stimme überkippend, von Schluchzern durchsetzt.
So etwas macht mich völlig fertig. Ich denke an Gustav Mahler, der genau dieses Pendeln zwischen grellbuntem Frohsinn und fratzenhafter Agonie in Töne zu fassen verstand. Ach du lieber Augustin, alles ist hin. Ich könnte mich hinsetzen und heulen, wenn ich in die glasigen Augen unter der Pippi-Langstrumpf-Perücke blicke, in diesen Abgrund. Ihr werdet alle einmal auf dem Totenbett liegen, denke ich. Es ist zum Heulen.

2 Stunden

Beruhigend: Der Verleger und Autor Michael Krüger schreibt auch nicht mehr als zwei Stunden am Tag.

Montag, 16. Februar 2009

...

Bei Hirschberg

Der erste (Fringilla coelebs)

Es braucht einen Moment, ehe ich begreife, was ich da eben gehört habe.
Unvermittel und unangekündigt, als wäre es nichts, hatten sie wieder eingesetzt, so heimlich, daß ich mir nicht sicher sein kann, sie nicht vielleicht schon vorgestern oder letzte Woche vernommen zu haben. Als hätten sie nicht geschwiegen so lange Zeit – wollten sie mich jetzt zum besten halten? Wann hatten sie das untereinander ausgemacht? Oder war es Bescheidenheit, die sie so ohne jedes Aufhebens und an jener unauffälligen, durch nichts aus der Menge anderer Orte herausgehobenen Stelle (ein bißchen grauweißliches Gestrüpp, eistrockenes Gras, Kiefern und Eichen im Wechsel) wieder einsetzen ließ?
Oder war es ihnen peinlich, so lange geschwiegen zu haben? – Jetzt glauben sie, es fällt keinem auf, sagt eine imaginäre Begleiterin und kickt einen Stein weg.
Ich kann mich auch getäuscht haben, und sie haben viel früher schon begonnen, so mir-nichts-dir-nichts, wie die Stimmen, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben, als sei der Winter einfach nur ein ärgerlicher Irrtum meinerseits, ihre Trillerketten genau an dem losen und versteckten Ende wieder aufnahmen, wo sie (wenn es denn überhaupt eine Pause gegeben hat) irgendwann vor ein paar Monaten (oder vielleicht auch nur Tagen, Stunden) abhanden gekommen waren. Und vielleicht war ja wirklich keine Zeit vergangen? Alles eine Verwechslung, ein wüster Traum, ein Stocken der Säfte, eine Halluzination? Wir haben hier schon immer getrillert, trillern sie, und wenn du uns nicht hörst, ist das dein Problem.
Nie eine Frostnacht, nie ein Sturm, die mürrischen Menschen nicht, die langen Nächte nicht und auch nicht die müden Nüsse und die verschrumpelten Äpfel: Alles war gestern morgen so frisch, als sei es eben ins Dasein getreten, der Frost auf den Wegen zerschimmernd wie ein Rest vorgeburtlicher Unvollkommenheit, ein Schorf, ein Überbleibsel, etwas, das sich noch glätten, aushärten, austrocknen müßte und seine vorbestimmte Form bald annähme, wie eine blitzende Libellenschwinge.
Vielleicht hatte auch nicht ich mich geirrt, sondern die Zeit selbst: Sie konnte sich ja verschluckt haben an einer Stunde oder einem schiefen Augenblick, wie es deren viele gibt; sie war gestolpert und zur Blase angeschwollen, hatte sich selbst zu labyrinthischer Vielfalt ausgetrieben … und war jetzt, in jenem Augenblick, dem nur noch Reste der Irrfahrt – Eisblumen, Baumskelette, Schneepfützen – anhafteten, und da der Buchfink wieder (genau, als wäre nichts gewesen, und es war ja auch eigentlich keine Zeit vergangen) zu trillern begann, an ihren Ausgangspunkt vor dem Mißgeschick zurückgekehrt: Ein Trillern im Baum. Und da war es wie immer.

Freitag, 13. Februar 2009

Der Kampf um Ruhe (1)

Der Kampf um die Ruhe läßt mich manchmal Zuflucht zu seltsamen Hoffnungen und Ideen nehmen. Beispielsweise: Alle Bücher bis auf eine Handvoll verschenken, die Möbel auf den Sperrmüll geben, Wohnung kündigen und umziehen in ein Wohnmobil. Postalisch und behördlich gemeldet (in diesem Land muß ja alles seine Ordnung haben) wäre ich bei Freunden, während man mich immer gerade dort besuchen könnte, wo Licht oder Schatten angenehm fallen, der Blick aus den Fenstern erfreulich ist und wo vor allem eines vorherrscht: Ruhe.

Das einzige stehlenswerte Utensil wäre mein Laptop, das ich immer, wenn ich mein Heim verließe, mitnähme oder es, wenn ich beabsichtigte, eine Wanderung oder eine Reise zu machen oder mich sportlich zu betätigen, an meiner Arbeitsstelle ließe. Morgens führe ich mit dem Fahrrad und dem Zug zur Arbeit wie jetzt auch; mit dem Wohnmobil größere Strecken als nur von einer Oase der Stille bis zur nächsten zu fahren, käme mir nicht in den Sinn.

Bauwagen bei Bad Münstereifel

Nicht, wie man naiverweise vielleicht denken könnte, das Frisch- oder Abwasser, nicht die Stromversorgung oder die Heizung ist dabei das größte Problem. Nein, derlei hemdsärmelige Schwierigkeiten gelten mir als überwindlich, vieles von dem, was der zivilisierte Mensch angeblich haben muß, entbehrlich. Wenn Eskimos sich bei 0 °C wohlfühlen können, schaffe ich das sicher bei +4. Duschen kann man auch im Schwimmbad. Einmal die Woche reicht sowieso und ist besser für die Haut. Außerdem gibt es bei mir auf der Arbeit eine schöne Dusche. Für die Kommunikation gibt es ein Internetcafé und der piratöse drahtlose Internetempfang. Abfall wird man überall los, und Abfall zu vermeiden hätte dann plötzlich einen ganz anderen, neuen Sinn. Für das Abwasser wird sich auch was finden. Heute habe ich in der Beilage der „Süddeutschen“ gelesen, daß Miniwindanlagen schon ab 1000 Euro zu haben sind.

Nein, das größte Problem ist ein anderes, ein feineres, man ahnt es schon, es sind: die Bücher. Von denen mich zu trennen scheint mir (im Augenblick? Noch?) völlig unmöglich. Man könnte diese Situation als die praktische Instantiierung eines bekannten Fragebogenelements ansehen: Welches Buch würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen? Die berühmte Antwort Umberto Ecos, das Telephonbuch (denn mit all den Namen könnte man sich so viele Geschichten ausdenken), scheint mir etwas radikal und – bei allem Respekt für eine reiche Innenwelt – ein bißchen solipsistisch. Andererseits: Da würde sogar das Laptop ausreichen.



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