Dienstag, 11. August 2009

Kein Abend mehr

Die Stimmen damals waren wie von der Nacht eingefärbt. Dunkel. Weich von Samt oder von Wein. Gurgelnd von Geschichten, bei denen man die Stimme senken muß.
Ich erinnere mich an die Stimmen auf dem Balkon oder vor dem Wohnwagen. An Gespräche, die man nur mit diesen Stimmen führen konnte. An die selbstauferlegte Zurückhaltung. An die Töne, die sich wie feiner Rauch aus den Nüstern und Mündern der Sprechenden lösten.
Ich erinnere mich an die Sommernächte. Auf dem Balkon sitzen, ein Abendessen in der Dämmerung, noch ein Glas Limonade, bevor man ins Bett geschickt wurde, und die Stimmen, die kleiner wurden, kleiner und schmeichelnder im Maße die Nacht zunahm. Die Stille sog an diesen Stimmen, schliff und polierte sie, bis sie eine murmelnde Weichheit bekamen. Kerzenlaternen flackerten, Falter verbrannten knisternd, die Straßen waren groß und leer, leer und von Nacht angefüllt, und niemandem wäre es eingefallen, dagegen mit Lärm und Stimmgeschärf vorzugehen. Wenn meinen Bruder und mich die Lust ankam, die Nacht auf die Probe zu stellen mit Lautstärke und Tagesstimme, wurden wir unverzüglich zurechtgewiesen, psssssssst. Schschsche, machten die Eltern und fuhren fort, ihre nächtlich belegten Kehlkopfe rollen zu lassen. Kam man nochmal raus aus dem Bett, weil etwas drückte oder man Bauchschmerzen hatte oder Durst, so flackerten die Stimmen, wenn man das Wohnzimmer betrat, von draußen herein wie der Kerzenschimmer, ließen sich von diesem Schimmer tragen und von den Vorhängen verwehen, waren fast ein Flüstern, so leise, daß die Angst plötzlich kam: Sind die Eltern überhaupt noch da? Oder reden Geisterchen? Im Urlaub, wenn man beisammensaß, Eltern und Kinder, in früh hereingebrochener Südnacht, und alles so leise sprach, daß die Stimmen nie den Lichtrand der Lampe berührten, nie hinausdrangen in Wald und Schatten.

Heute gibt es keinen Abend mehr, keine Mittagsruhe, keine Nachtsamtigkeit, überhaupt Tageszeiten nicht. Die Stimmen sind überall und allzeit, abneds, nachts, egal, es wird geschrien als füchte man, daß einem die Stimme bald ausgeht. Als hätte man zuviel zu sagen für die eigene Lebenszeit, als müsse das alles noch, Nacht oder Tag, hinaus. Irgendwo übriggeblieben und wie Geister nirgends zu Hause, kennen diese Stimmen nur noch sich selbst und hören sich immer so an, als müßten sie sich selbst beweisen, daß sie noch da sind. In diese Stimmen prägt sich nichts ein, sie lassen sich nicht inspirieren, nicht dämpfen, nicht leiser drehen, da kann die Nacht noch so mild und schön sein, es kommt ihnen gar nicht der Gedanke, daß da noch etwas anderes ist, so etwas wie Welt, wie Schönheit, wie Uraltes, wie Ewiges. Eingesponnen in ihre eigene plärrende Banalität verstärken sie sich nur selbst, genügen sich selbst und klingen auch noch um Mitternacht so wie das Geschrei auf dem Viehmarkt, anmaßend, laut, selbstverliebt, ignorant.
ww - 2. Sep, 17:38

ignorant?

ein bisschen mag das arrogant klingen, oder auch sehr:

Eine melancholische Nabelschau, die sich im Unwohlsein wohlfühlt, begrenzt wohlfühlt und sich gemischt den Ablass holt. durch Abkehr von muhender menge.

und die elegie schwillt.

irgendwie.

und dann aber dieser plinius oder vaters hinweis auf das nasse bett. kein irgendwie. epiphanie & pragmatik. epiphanie der pragmatik. Heraklits backofen. fern vom dativus incommodi. und schön.

Talakallea Thymon - 3. Sep, 11:27

Geschätzter Leser!

Sie irren, wenn Sie das Wort vom Wohlfühlen im Unwohlsein auf mich anwenden. Auch mit Nabelschau hat meine Reflexion nichts zu tun. Nur in einem haben Sie recht: Es ist eine melancholische Reflexion, die Verluste zum Gegenstand hat, im vorliegenden Fall den Verlust von Stille und Ehrfurcht. Ginge es nur darum, mich zu unterscheiden, müßte ich Ihnen recht geben, denn es hat etwas Jubelndes, sich von Unwissenden zu unterscheiden und sich von ihnen abheben zu können. Hier aber ging es nicht um solcherlei selbstverliebte Superbia. Die ignoranten Plärrer und Schreier könnten mir nämlich, würden sie ihr Geplärr und Geschrei nicht in meiner Nähe abhalten, schnurz sein, um es mal drastisch auszudrücken. In meiner Lage aber ist mir eine solche Gleichgültigkeit nicht möglich: Weil ich nämlich unter den Mißtönern -- und die mit der Nacht nichts Besseres anzufangen wissen, als sie totzuschreien, sind nur eine Sorte davon -- leide. Da mag es durchaus sein, daß mir die Arroganz in diesem Schmerz ein bißchen Linderung verschafft ... eine Linderung, die ich nicht brauchte, könnte ich mich des Lärms ein für alle Mal entledigen. Und Frieden haben.

Warum und wovon sollte ich mir den Ablaß und vom wem geben lassen?

Ich lese aus Ihren letzten Bemerkungen so etwas wie Verblüffung heraus darüber, wie Verschiedenes oder gar Gegensätzliches hier versammelt ist. Man könnte sagen, dieser Hain spiegele die schillernde und undurchschaubare Komplexität und das Labyrinthische des Geistes derer wider, die ihn pflegen -- wenn dieser Geist nicht noch labyrinthischer und undurchschaubarer wäre als der Hain es jemals wird abbilden können.
ww - 6. Sep, 16:21

Geschätzter TT

Der Text lässt sich lesen als eine Klage über alte, verlorene Feinfühligkeit und Rücksichtnahme, wie sie in der Vergangenheit und im engeren Umfeld des reflektierenden Ichs noch galt. Kontrastiert wird das mit einer dummdrögen Auftrumpfmentalität der lauten , sensibilitätsfernen Zeitgenossenschaft.

Eine mehr oder weniger unausweichliche Wohnsituation (Arbeitssituation?), ein tagebuchartige Hier-Jetzt-Ich-Situation - auf sie weist der Komamentar hin - ist vielleicht zu ahnen, aber kaum im Text zu finden.

Solche "Abstraktion", solche situationsenthobene "Klage" - "Hadern" verlangt wohl konkreteren Kontext - bedingt dann über den poetisch-elegischen Ton die Abgehobenheit des Diskurses. So spreizt sich die Klage eben ein wenig pretiös, erzeugt ein bisschen schlechtes Gewissen und resigniert kunstvoll vor der "plärrenden Banalität".

Und das erzeugt den - zugegeben wenig wasserdichten - Verdacht, dass sich da jemand in seinem Leid abhebt und - das Selbstbedauern verklärend - das Leiden ein bisschen genießt und sich für selbstverliebtes Leiden den Ablass holt, mittels elegischer Leistung. und unter Anrufung der Wissenden und Gleichgesinnten fern von der Ignoranz quakender Frösche.

So jedenfalls mein erster, sicher zu revidierender eindruck. Ein wenig bestärkt durch einen Kommentar von köppnick/kwaku und die entsprechene Replik von TT am anderen Ort.

Vielleicht das Gemeinte verdeutlichend: Der Plinius Ihres Blogs setzt seine Reflexionen recht oft in eine konkrete Situation, sei es die des Alltags, sei es die des besonderen Ereignisses.

Die anekdotische, lakonische Textur wirkt da griffiger, wohl auch weniger "gesucht".

Ich muss nicht betonen, dass solche Überlegungen erst dann fixiert werden, wenn Texte so gut sind wie die Ihrigen. Und wenn man immer versucht nahe am Wald zu wohnen. Möge ein locus amoenus Freude spenden:


Prataque sint iuxta, quae purior abluat unda,
Herbas et flores quae tibi progenerent.

VOCES INTIMAE

... for we have some flax-golden tales to spin. come in! come in!

Kommt herein, hier sind auch Götter ...

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