Dienstag, 30. Oktober 2007
Samstag, 27. Oktober 2007
Zeitumstellung
Am schlimmsten weil lächerlichsten ist aber der Verweis auf den sogenannten Biorhythmus („Ich brauche Wochen, bis ich wieder normal schlafen kann“). Es ist wirklich erstaunlich, wozu die schiere Einbildung so in der Lage ist. Daß es so weit mit dem Biorhythmus nicht her sein kann, zeigt folgende kleine Überlegung:
Man stelle sich einmal mal vor, es käme eine Behörde und würde folgendes vorschreiben: Jede Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren bundesweit zwei stunden zurückgestellt. Jede Nacht von Sonntag auf Montag werden sie dann wieder um denselben Betrag vorgestellt. Undenkbar? Im Gegenteil, bereits jetzt freiwillige Praxis. Man nennt das „Ausschlafen“. Biorhythmus? Da werden Nächte durchgezecht oder -gearbeitet, da steht man mal zum Joggen früher auf, mal bleibt man liegen, dann hat man Gleitzeit und besucht Mittwochs morgens Tante Erna und geht dafür Donnerstags morgens zwei Stündchen eher zur Arbeit, da verlängert man sich Winters den Tag mit künstlichem Licht, da erhebt man sich für die Geschäfts- oder Urlaubsreise um vier aus den Federn, da wird geschoben und gedrückt und genmacht und getan, ohne daß irgendwen Sonnenstand oder die Jahreszeit sonderlich interessieren würde. Biorhythmus?
Und wenn jetzt einer daherkommt und oberschlau darauf verweist, daß Kühe enorm unter den verschobenen Melkzeiten zu leiden hätten, der Biorhythmus mithin eine nicht einfach wegzuwischende Realität sei, so frage ich zurück: Bin ich ein Rindvieh? Eine Kuh macht auch nicht Freitags und Samstags die Nacht zum Tage und am nächsten Morgen den Tag zu Nacht; eine Kuh schläft auch nicht Sonntags aus; eine Kuh pocht nicht auf ihren Biorhythmus, nur um dann zu behaupten, Sonntags sei es nicht so schlimm; wenn eine Kuh einen sogenannten Biorhythmus hat, dann hat sie den jeden Tag und nicht nur dann, wenn es ihr gerade in den Kram paßt. Mit dem Biorhythmus mag es sich verhalten wie es will: Wenn man ihn hier nicht ernstnimmt, wird man sich dort nicht echauffieren dürfen. Wer angesichts der Zeitumstellung über seinen gebeutelten Biorhythmus mault, muß bitteschön auf sonntägliches Ausschlafen verzichten.
Sehen wir es doch mal nüchtern. Angenommen, man steht am Sonntag der Umstellung um acht Uhr (alter Zeit) auf und geht am Abend desselben Tages um dreiundzwanzig Uhr (alter Zeit) schlafen. Egal ob vor oder zurück: Die Umstelldifferenz von einer Stunde verteilt sich also auf fünfzehn Stunden. Das macht vier Minuten pro Stunde. Machen Sie es doch das nächste Mal so: Statt die Uhr eine Stunde auf einmal vor- oder zurückzustellen, machen Sie es häppchenweise, zwischen acht Uhr morgens und elf Uhr abends jede Stunde vier Minuten.
Und zusammenaddiert: Im Winter steht man eine Stunde später auf, im Sommer eine früher. Punkt.
Und die Singvögel? Die werden sich dran gewöhnen.
Freitag, 26. Oktober 2007
Trick 17
Das ganze in strenger disziplin. Das heißt: Jeden werktag. Ein ritual. Nur so ist gewährleistet, daß ich nicht wieder den kontakt verliere zur in der erschaffung befindlichen (und erst halbgeschaffenen) welt, daß die wege offenbleiben, die ver- und abzweigungen sichtbar und zahlreich. Das ziel: die rohfassung fertigzustellen bis zu meinem geburtstag. Ein geschenk an mich selbst, könnte man sagen. Es ist jetzt zehn jahre her, daß ich begann, diese geschichte zu schreiben, wieder und wieder von neuem.

Dienstag, 16. Oktober 2007
Taste the Future
Ist es Zynismus, Boshaftigkeit, Unbeholfenheit, Zufall, Planungszwang oder ganz einfach schiere Gleichgültigkeit, daß die Veranstaltungszeit der Schlemmermesse Anuga diesen Gedenktag einschließt?
Ein Vorschlag: Alle am heutigen Tage erwirtschafteten Gewinne auf der Messe werden gemeinschaftlich der Welthungerhilfe oder einem vergleichbaren Verein gespendet. Na, wär das was?
Das Motto der Messe lautet übrigens: "Taste the future". Da kann man nur anfügen, wohl dem, der eine hat.
Dienstag, 9. Oktober 2007
Entgeistert
Wie, denke ich, zu Fuß kommt man nicht rauf?
Verwirrend
Montag, 8. Oktober 2007
Random Acts of Viciousness
Einmal nur unter Ausnutzung des Überraschungseffekts einem dieser Blechschepperer die Ohrstöpsel vom Kopf reißen, dann im selben Schwung das daran angeschlossene Telephon, den Eipott, den MP3-Spieler oder wasweißich mit raschen Griff entwenden, mit der anderen, freien Hand das Zugfenster herunterreißen und das ganze hassenswerte Ensemble, Ohrstöpsel, Kabel, Kiste, alles in hohem Bogen hinauswerfen.
Und dann in das starre Schweigen der Schrecksekunde und das entgeisterte Gesicht des Schepperers hineinsprechen und leise, ganz leise feststellen:Schluß jetzt!

Mittwoch, 3. Oktober 2007
Dienstag, 2. Oktober 2007
...
Nur in einer solchen Stunde der Wachheit ist es je gelungen, einen Ort zu betreten, den ich mit einer Geschichte, wo sie als zitternde Spiegelung an die Oberfläche der Welt trat, gemeinsam hatte für die Dauer einer Betrachtung; einen Ort, an dem sie sich mir entgegenbog, so daß ich sie berühren konnte, ohne wirklich in sie einzudringen, bis ich schon wieder weg war, und das Fahrzeug, der Alte, das Kind, das aus dem Fenster sprang und zwischen den Spalierobstbäumen davonhuschte, wieder abgetaucht waren in den Raum ihrer Verzweigungen, still und unbekannt, an denen ich nicht mehr teilhatte.
Montag, 1. Oktober 2007
Ein Reh
Auch ich blieb still und probierte, ob es mir nicht ebenso gelänge, mit dem Holunder und den Brombeeren neben und über mir zu verwachsen. Eine Fliege kitzelte mich an der Nase. Ein Tropfen schlug mir auf die Stirn. Ich blieb ganz still, die Augen unverwandt auf die Stelle gerichtet, aus der heraus mich das Reh zweifellos scharf beobachtete, beroch, belauschte; zwar sah ich es nicht; doch spürte ich seine gesammelte Aufmerksamkeit auf mich gerichtet wie einen hellen Strom. Meine Fingerspitzen wurden taub. Ich fragte mich, ob es mich atmen höre, wie es in meiner Nase röchelte, die Jacke knisterte, wie selbst das Blut in den Adern noch zu lärmen schien. Ich kam mir sehr laut vor.
Dann, ohne daß ich mich erkennbar geregt hätte, knackte plötzlich etwas, die Farne und die Weißbuchenzweige wippten. Schatten und Lichtwirrung gerieten in Bewegung und verdichteten sich zu einem staksigen Sprung, mit dem das Tier ausbrach, aufflog, ins Dickicht stürzte und hinter zurückschlagenden Zweigen im nu verschwunden war.
Wer weiß, was es plötzlich erschreckt haben mochte, den Aufschlag von Sternenstaub, das Rascheln einer Spinne im Netz, oder einen meiner finsterlauten Gedanken.
Mittwoch, 26. September 2007
...
Sonntag, 23. September 2007
Ende des Sommers (Aequinox, ein Epigramm)
während ein Morgen entschwand unter dem schwingenden Blau.
Noch einmal schenkt uns die Zeit einen säumigen Aufschub, als wärealles ein froher Beginn, was ihren Händen entfällt.
Dürr steht der Sommer am Feld, in azurene Winde gekleidet.Morgen gibt er das Jahr, müde vom Licht, uns zurück.
Von Heiligen und Märtyrern
Das Problem
Wenn die Proposition „Einige Heilige waren Märtyrer“ wahr ist, was läßt sich daraus hinsichtlich der Wahrheit, Falschheit oder Unbestimmtheit der folgenden Propositionen ableiten:
1) Alle Heiligen waren Märtyrer
2) Einige Nicht-Märtyrer waren nicht Nicht-Heilige
3) Kein Nicht-Heiliger war ein Märtyrer
4) Einige Nicht-Märtyrer waren Heilige
5) Einige Märtyrer waren nicht Nicht-Heilige
Die Lösung (Vorschlag)
Zunächst: Was heißt „wahr“, „falsch“ und „unbestimmt“? Man darf hier nicht vom Alltagsgebrauch dieser Begriffe ausgehen, sondern sie sind streng logisch aufzufassen. „Wahr“ hinsichtlich der prämisse („Einige heilige waren märtyrer“) ist einer der Sätze 1–5 gdw er logisch aus der prämisse folgt, oder anders gewendet, wenn seine negation in widerspruch zur prämisse steht. „Wahr“ bedeutet nicht „möglich“ oder „widerspruchsfrei denkbar“. Ist letzteres der fall, aber die folge nicht zwingend, dann ist der satz hinsichtlich der prämisse unbestimmt. „Falsch“ ist einer der sätze 1–5 gdw seine negation aus der prämisse folgt. Und noch eine begriffsbestimmung, die vieles erleichtert: „Einige“ ist im logischen sinn verschärft zu lesen als „mindestens einer“.
Sehen wir uns jetzt die sätze im einzelnen an:
„Alle heiligen waren märtyrer“. Das ist vielleicht der einfachste fall und illustriert einen klassischen fehlschluß (und gleichzeitig das – logisch unzulässige – verfahren empirischer hypothesenbildung, aber das ist ein anderes thema). Aus „einige“ folgt niemals „alle“. Nun besteht die schwierigkeit hier zu trennen zwischen dem befund „folgt nicht“ und der feststellung „ist falsch“. Denn: angenommen 1) ist wahr: entsteht ein widerspruch zur prämisse? Nein. Also folgt 1) weder aus der prämisse, noch widerspricht 1) der prämisse, also ist 1) unbestimmt. Umgekehrt folgt die prämisse zwar aus 1), aber der umkehrschluß gilt eben nicht.
„Einige nicht-märtyrer waren nicht-heilige“. Auch dieser fall läßt sich rasch abhandeln: Da er nur von im sinne der prämisse nicht-relevanten Mengen handelt, ist er für die prämisse belanglos. Es ist schlichtweg egal, was nicht-heilige und nicht-märtyrer waren oder nicht waren. Nehmen wir an, 2) ist wahr: dann gibt es mindestens eine Person, die kein heiliger und kein märtyrer ist. Wir wollen diese person Peter nennen. Widerspricht Peters existenz der prämisse „Einige heilige waren märtyrer“? Nein, denn die aussage ist ja über heilige und märtyrer, und Peter ist weder das eine noch das andere. Folgt Peters existenz aus der prämisse? Auch nicht, denn daß es heilige gab, die märtyrer waren, läßt keinen schluß auf eventuelle nicht-heilige und ihre eigenschaften zu.
„Kein nicht-heiliger war ein märtyrer“. Hier hilft eine kleine umformulierung: 3) ist äquivalent mit dem leichter zu erfassenden „Nur heilige waren märtyrer“. Der satz folgt nicht aus der prämisse, noch steht er in widerspruch zu ihr. Denn in der prämisse wird lediglich behauptet, daß es mindestens einen heiligen gibt, der auch märtyrer war, das heißt, man kann die negation von 3) „Einige nicht-heilige waren märtyrer“ widerspruchsfrei zur prämisse denken, die nur aussagen über heilige macht. Etwas theologischer formuliert: Was einige nicht-heilige waren, ist für die heiligen nicht von belang. Ebensowenig folgt 3) aus der prämisse. Aus „einige“ folgt nicht „einige und nur diese“.
Also ist 3) hinsichtlich der prämisse unbestimmt.
„Einige nicht-märtyrer waren heilige“. Also gibt es mindestens eine person, die kein märtyrer war, aber dennoch ein heiliger. Steht diese aussage mit der beobachtung, daß einige heilige märtyrer waren, in widerspruch? Nein. Steht die negation von 4), also „kein nicht-märtyrer war ein heiliger“ in widerspruch zur prämisse? Umformulieren hilft auch hier: „Nur märtyrer waren heilige“. Das ist mit „Einige heilige waren märtyrer“ voll und ganz vereinbar. Die negation von 4) ist sogar die stärkere behauptung.
Also ist 4) hinsichtlich der prämisse unbestimmt.
„Einige märtyrer waren nicht nicht-heilige“. Dieser satz ist hinsichtlich der prämisse tatsächlich wahr, das heißt, es ist nicht möglich, daß die prämisse wahr, 5) aber falsch ist. Was heißt es nämlich, nicht ein nicht-heiliger zu sein? Es bedeutet, kein nicht-heiliger zu sein, was, zumindest in der theologisch einfacheren welt der logik, wo man immer eindeutig heilig ist oder nicht, darauf hinausläuft, ein heiliger zu sein. Also: „Einige märtyrer waren heilige“. Diese feststellung aber folgt aus „Einige heilige waren märtyrer“, denn ihrzufolge gibt es mindesten eine person, die beides war, heiliger und märtyrer. Nennen wir diese person Cecilia. Aus der existenz Ceciliens folgt nun, daß sowohl gilt, daß mindestens ein heiliger ein märtyrer war (nämlich Cecilia), als auch, daß mindestens ein märtyrer ein heiliger war (nämlich Cecilia). Wir haben also von der prämisse auf einen einzelfall geschlossen (Cecilia), und aus diesem einzelfall auf die proposition von 5). Da man immer aus einem existenzsatz einen einzelfall annehmen kann, folgt also 5) aus der prämisse.
Man kann auch den umgekehrten weg beschreiten und zeigen, daß die negation von 5) einen widerspruch zur prämisse generiert: „Nicht einige märtyrer waren nicht nicht-heilige“, was sich übersetzen läßt als „Alle (nicht einige nicht, also keine nicht, also alle) märtyrer waren nicht-heilige“. Aber es gibt doch Cecilia, heilige und märtyrerin! Also ist die negation von 5) hinsichtlich der prämisse falsch. Also ist 5) hinsichtlich der prämisse wahr.
Donnerstag, 20. September 2007
Seife essen!
Ähnliche Blüten treibt zur Zeit der sich dem Schlagwort der „political correctness“ verschriebene Massenwahn. Ich habe mal erlebt, wie in einer Mensa einer größeren deutschen Universität eine Frau sich erhob, zum Nebentisch ging und von einem der dort plaudernden jungen Männer verlangte, er solle nicht ständig „Titten“ sagen, das sei diskrimierend, sie fühle sich als Frau in ihrer Würde verletzt. Der Betroffene tat das meiner Meinung nach einzig Richtige: Eines erfolgreichen englischen Films eingedenk rief er mehrmals laut: „Titten, Titten!“. (Die Beschwerdeführerin ließ ihn durch die Aufsicht aus dem Lokal entfernen.)
Als könne man gesellschaftliche Mißstände aus der Welt schaffen, indem man bestimmte Wörter dämonisiert! Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis „Afroamerikaner“ ähnlich unfein klingen wird wie „Neger“ – oder ist es vielleicht schon so weit? Vielleicht ist es an der Zeit, nüchtern zu werden, nachzudenken, und den Schritt von der totemistischen zur aufgeklärten Gesellschaft zu wagen. Vielleicht würde man feststellen, daß es eben mehr bedarf als ein paar Sprachtabus (die sehr leicht zu erklären und einzuhalten sind, geradezu wohlfeil), eine Ungerechtigeit aus der Welt zu schaffen. Oder eine mahnende Erinnerung lebendig zu halten. Jedenfalls trägt ein Vermeiden gewisser Vokabeln herzlich wenig zu einer gerechteren Welt bei. Wie befreiend wäre es aber doch, Wörter wie das von Meisner leichtfertig gebrauchte, endlich zu entdämonisieren – sie so lange und so pervasiv zu verwenden, bis ihre schlechten Konnotationen verblaßt sind. Aber das wäre natürlich nicht im Sinne der Gralshüter des schlechten Gewissens.
Was bedeutet nun die geächtete Vokabel? Entartet adj./part. (von Art „aus der Art geschlagen; deformiert bis zu einem Punkt, da die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Genus nicht mehr erkennbar ist; typischer Genusmerkmale verlustig gegangen“ Auf Kultur angewendet also so viel wie: „einer Kultur nicht mehr hinreichend ähnlich, um noch als solche bezeichnet werden zu können.“ (Kleine Selbstanwendungskapriole: Ein Unwort wäre dann so etwas wie ein entartetes Wort.) Wenn nun jemand der Ansicht ist, etwas sei entartet oder drohe zu entarten, dann muß er das, bitteschön, auch mit dieser Vokabel sagen dürfen. (Es gibt schließlich auch entartete Materie, darüber regt sich indes niemand auf) Daran kann sich dann eine sachliche und inhaltsbezogene Diskussion des Gesagten anschließen. Was aber passiert stattdessen? Man wirft Meisner nicht vor, daß seine Äußerung Unsinn ist, sondern prangert seine Wortwahl an.
Was? Der kleine Kevin hat einen Ausdruck gebraucht? Uiuiui. Das wollen wir nicht noch einmal hören! Dat Chantal hat geflucht? Huhu, böse, böse, Seife essen! Herr Meisner hat „entartet“ gesagt? Oh oh oh, zur Strafe hundertmal schreiben: „Ich soll keine Tabuwörter benutzen.“
Mein Gott, was für ein Theater! À propos: Wie war das noch in diesem Film? Jehova, Jehova!
Da möchte man doch glatt einstimmen: Entartet, entartet!
Mittwoch, 19. September 2007
...
Hier war er zuhause, ganz: wo der regen gleichmütig fallend jedes geräusch zudeckt. Über den kaffee gebeugt lauschte er auf die kleinen abweichungen und details in der großen strömenden eintönigkeit vor dem fenster. Je länger man hinaushörte ins scheinbar gleichförmige, desto mehr einzelheiten erwuchsen dem ohr: metallisches ticken, rhythmisches klatschen, manchmal klirren wie von ketten, darunter, dazwischen, ein plätschern von bächen und rinnsalen auf asphalt oder stein, dann wieder das blubbern der regentonne, das knallen wuchtiger aufschläge auf autodächern oder wellblech, wie es scharf aus dem umgebenden klanggewoge herausbrach; ein mülltonnendeckel klickte leise, und glockenhell trafen tropfen in schneller folge aus einem überlaufrohr fallend auf ein balkongeländer.
Das alles bildete ein geflecht von wechselwirkenden stimmen, die in einem gleichgewicht zusammenkamen, dessen schwerpunkt sich immer wieder in feinsten abmessungen verschob und so mal die eine, mal die andere stimme herausstellte. Eine topographie des regens entstand im ohr, das platschen, klirren prasseln, brausen und rauschen erzeugte dem zuhörenden landschaften aus unterschiedlich nassen flächen und klangkörpern, rinnen, fließgeschwindigkeiten, wellenmustern und -linien, blasen und schaum. Ein baum wuchs da auf, vor dem fenster, aus in verschränkung einander begegnenden, in verästelungen ausgreifenden, fortstrebenden und wieder ineinander gemengten klängen, die den raum heranholten, und alles überflüssig machten, was weite, was entfernung bedeutete. Alles spielte sich hier ab, ein drama, das allein aus dem laut und leise, dem fächer und den schichtungen des klangs seine spannung und kraft bezog.
Bis die stimmen einander ablösend nacheinander verstummten, die blätter, der asphalt, später auch das ticken der regenrinne. Auf dem kopfsteinpflaster dröhnten mittlerweile wieder die reifen, Schritte hämmerten, eine Wagentür schlug. Es blieb noch das hallende gurgeln, mit dem der gully das zusammenströmende wasser aufnahm, während die wand gegenüber im hof jäh aufflammte im sonnenschein.


