O tempora, o mores!
Die Revolution fand still und leise statt. Niemand sprach darüber. Niemand protestierte. Die Nachrichtensender wußten von nichts. Keine Talksendung nahm sich des Themas an, keine Zeitung berichtete. Die Menschen schwiegen und schauten weg, wenn sie denn überhaupt bemerkten, was los war. In aller Heimlichkeit vollzog sich die Wende.
Wann genau es passierte, weiß man nicht. Aber es muß sehr schnell gegangen sein. Im Sommer 1997 war noch nichts zu bemerken gewesen, doch als ich im Herbst 1998 von einem längeren Auslandsaufenthalt wiederkam, da war schon alles vorbei und überall stillschweigend beschlossene Sache. Niemand hatte widersprochen. Alle fügten sich.
Fügten sich wem?
Es gehört zu den ungeklärten Fragen der Massenpsychologie, wieso plötzlich Millionen Menschen, die einander nicht kennen, sich nicht absprechen, ihre Meinung nicht austauschen, quasi unabhängig voneinander den selben Gedanken haben können. Wie plötzlich Millionen Frauen im Verlauf eines einzigen Jahres gemeinsam aber jede für sich beschließen: Ab sofort rasiere ich mich unter den Armen. Ab sofort sind Achselhaare bäh. Ab sofort waren Achselhaare eigentlich schon immer bäh.
Staunte man vor diesem entscheidenden Jahr über eine rasierte Achsel, während selbst der üppigste Unterarmbusch niemandes Aufmerksamkeit erregt hätte, so war es jetzt umgekehrt. Achselhaar sah man nicht mehr, und wer es dennoch trug, war eine Ausnahme und fiel auf. Nur ich hinkte meiner Zeit hinterher, weil ich nicht in Deutschland gewesen war, als sich die Verhältnisse änderten. So sprang mir umgekehrt, gleich einem Zeitreisenden, nicht das selten gewordene, für mich noch normale Haar, sondern das plötzliche Fehlen desselben sogleich ins Auge. Es war Winter, und der Anblick entblößter Achseln eher selten. Aber nachdem ich im Frühjahr die dritte, die vierte blanke Axilla erblickt hatte, wunderte ich mich; und mit steigenden Außentemperaturen begriff ich allmählich: Entscheidendes mußte sich während meiner Abwesenheit getan haben.
Gab es eine prominente Vorreiterin? Waren die deutschen Frauen sich plötzlich bewußt geworden, daß in anderen Ländern andere Sitten herrschten? War es ein Komplott der Kosmetikindustrie, die rasanten Absatz an Wachs, Klinge und Depilator erwartete? War es ein fixe Idee gelangweilter Frauenzeitschriftredakteurinnen? Hatte das Gesundheitsamt Bedenken angemeldet? Schwappte wieder mal eine Welle aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu uns über den Atlantik? Oder war es das alles zusammen?
Ich war erschrocken. Ich kann nicht sagen, was mir besser gefällt, Glätte oder Busch, beides hat etwas. Ich kann es wirklich nicht sagen. Irgendwie finde ich aber, daß Natürlichkeit die Regel, Künstlichkeit die Ausnahme sein sollte. Da ist es mit dem Rasieren weiblicher Haare, wo auch immer sie wachsen wollen, ebenso wie mit Schminken, Färben, Lackieren, oder dem Auftürmen rätselhaft-komplexer Frisuren. Doch meinetwegen: Das Unveränderte ist zwar immer noch am schönsten, aber der Abwechslung zuliebe kann auch geschmeidige Glätte an der einen oder anderen Körperstelle gefallen. Oder praktikabler sein.
Doch störte mich weniger die Tatsache der Achselhaartilgung an sich, sondern was mich so erzürnte, das war die stillschweigende Übereinkunft, mit der so plötzlich auf breitester Front gegen dieses Naturreservat vorgegangen wurde. Denn eine Vorliebe wie jene plötzlich Aufgekommene ist ja nicht voraussetzungslos, und da sie mir in engem Zusammenhang einer allgemeineren Künstlichkeitsanbetung zu stehen schien, und auch, weil so etwas kaum umkehrbar ist, machte mich diese Übereinkunft rasend. Von wem ging das jetzt wieder aus? Reichte es nicht aus, daß diese armen Geschöpfe sich förmlich zu Tode hungerten, nur weil ein paar nekrophile Modehengste das hip fanden? Da schien sich doch wieder einmal die eine Hälfte der Menschheit einem absurden, nicht lokalisier- oder auch nur benennbaren Zwang zu beugen – und glaubte auch noch, sich in Freiheit dafür entschieden zu haben! „Mir gefällt das Haar nicht“. „Nö, finde ich häßlich“. „Blank gefällt mir einfach besser“. „Man schwitzt nicht so“. „Ich brauche weniger Deo“. „Ich würde mich auch enthaaren, wenn es sonst keine täte“. „Aber … das haben wir doch schon immer so gemacht!“
Ja, Pustekuchen.
Wie sehr kann einem die Erinnerung einen Streich spielen? Kann man einen Zwang so sehr verinnerlichen, daß es unvorstellbar scheint, daß er nicht schon immer geherrscht hat? Und wenn es so vernünftige Argumente wie vermindertes Schwitzen und größere Deo-Effektivität gibt: Warum hatten die Frauen dann nicht schon von je zur Zuckerlösung gegriffen?
Aber es ist wohl zwecklos zu jammern. Ja, wenn man genau hinschaut, dann ahnt man: es kommen noch härtere Zeiten. Schon hüpfen die ersten Jungmänner blankachselig im Freibad umher. Demnächst zupfen die sich auch noch die Augenbrauen.
Und am Ende kommt es noch so weit, daß ich mir ein Deo anschaffen muß.
von:
Unke (importiert durch
Talakallea Thymon) - am: 27. Jun, 09:53 - in: O tempora, o mores!
Jeden morgen jetzt ein bis vier schulklassen am bahnsteig: seit ende der osterferien schon in vollem gange, erreicht die ausflugstätigkeit der schulen dieser tage ihren höhepunkt. ich beginne zu begreifen, warum man sich allerorten über das achtjährige gymnasium (großspurig auch schonmal mit G-8 bezeichnet) zu beklagen beliebt. wie sollen die armen schüler das auch alles schaffen, wo sie doch zwischen ostern und den sommerferien so viele ausflüge machen müssen?
von:
Unke - am: 25. Jun, 09:53 - in: O tempora, o mores!
Oft wird von den Zeitungen der Fehler begangen, Albernes, Triviales, Lächerliches oder schlichtweg Dummes als albern, trivial, lächerlich oder dumm zu bezeichnen. Damit tappen sie in die
Aufmerksamkeitsfalle. Indem nämlich etwas in den
Feuilletons besprochen wird, das dieselben Feuilletons als Unkultur zu brandmarken sich anschicken, sagen wir etwa die neuesten Ausgeburten bei RTL („
Erwachsen auf Probe“), wird es ja erst ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt, und darf sich, solcherart ernstgenommen und besprechungswürdig, in den kulturellen Diskurs aufgenommen wissen, gehört nun zu den Gegenständen-die-im-Feuilleton-stehen. Was in der Zeitung steht, ist immer geadelt. Da ist es zweitrangig, ob diesem Buch, jener Sendung, jener Ausstellung, Lob, Tadel oder sogar rundweg Ablehnung zuteil geworden: Durch die Gnade der Aufmerksamkeit wird, was man als Unkultur anprangern wollte, gerade erst zur Kultur erhoben. Damit stellt sich jede Kritik der Verdammung, und sei sie noch so berechtigt, selbst ein Bein. Aber muß ein Feuilleton alles wahrnehmen? Wer dem Dilemma entgehen will, dem bleibt doch eins: Das Ärgernis gepflegt zu ignorieren und aus dem kulturellen Diskurs auszuschließen. Nicht als Abstrafung, weit gefehlt. Sondern weil es den Feuilletonleser, der sich an dieser Stelle lieber eine Buchbesprechung oder eine Theaterkritik wünscht, einfach nicht
interessiert. Ich würde mir wünschen, die Zeitungen übten manchmal vornehme Zurückhaltung und wählten sorgfältiger, was sie überhaupt einer Erwähnung für wert erachten wollen. Damit träfen sie eine Entscheidung und zeigten Profil. Hätte nicht wenigstens
eine Zeitung zum sogenannten Jahrtausendwechsel schweigen können? Oder zur Fußballweltmeisterschaft? Manche Dinge, will mir scheinen, wären in den illustrierten Wochenzeitschriften besser aufgehoben.
Sollte andererseits, was in diesem Fall nicht abwegig scheint, der Unsinn ein gefährlicher sein, dann muß wohl die Stimme erhoben und kritisch kommentiert werden; das ist in diesem Fall aber eher Aufgabe des Kinderschutzbundes, nicht der Feuilletons.
von:
Unke - am: 5. Jun, 20:01 - in: O tempora, o mores!
Vor einigen Tagen wieder ein Gespräch über das
Achselhaarproblem, und wie schon bei früheren Gesprächen fand O., und hier gebrauchte sie die STANDARDFORMULIERUNG, nein, das hätte sie immer schon so gemacht. Seit der erste Flaum in ihrer Axilla sichtbar und kenntlich geworden sei, habe sie ihn sofort entfernt. Ich entgegnete, daß vielleicht ihre Generation die erste gewesen sei, die mit der Ausmerzung haariger Stellen angefangen hätte; die Älteren (Frauen meiner eigenen Generation und Ältere) hätten sich dann angesichts der jugendlich glänzenden Achsel der viel Jüngeren sich plötzlich barbarisch und unschön empfunden und unter Attraktivitätsdruck, der immer von den Jüngeren ausgeht, zum Nachahmen aufgefordert gefühlt, so daß sich die Unsitte von den gerade pubertierenden Mädchen allmählich über die jungen Erwaschsenen schließlich auf alle Frauen durchgesetzt habe. Die Jüngsten seien, so meine Idee, Vorbild für die Älteren gewesen. Nein, widersprach O. vehement, umgekehrt sei es gewesen, sie selbst habe es ja auch nur den anderen abgeschaut, beispielsweise bei ihrer eigenen Mutter (eine Generation vor mir), die es ihrerseits auch schon immer so gemacht habe.
Jetzt frage ich mich, ob meine Wahrnehmung oder ihre schräg ist. Ich glaube ja, daß es einen allgemeinen Künstlichkeitstrend gegeben hat, irgendwann auf dem Weg von den 90ern zur Jahrtausendwende. Es gehen ja auch heute Frauen nicht mehr ohne Büstenhalter aus dem Haus, derweil es noch nicht so lange her ist, daß manch eine ihn auch mal nicht trug, wenn sie ihn störend oder unbequem fand oder sie zu faul war, ihn anzuziehen. Oder bin ich einfach nur merkwürdigen Frauen begegnet? Das mit der Behaarung indes konnte man ja auch an wildfremden Frauen beobachten, ohne entschuldigen Sie ... darf ich mal … zumindest im Sommer.
Merkwürdig, das alles. Andererseits auch nur eins von vielen Phänomenen derselben Gruppe. Das verweist auf das Modephänomen, auf das Phänomen der Stilgemeinschaft, der Kunstepoche. Warum finden auf einmal Scharen von Menschen Plateauschuhe geil? Oder weiße Slipper? (bäh) Wie konstituiert sich das gemeinsame Empfinden, daß nun Albertibässe schick seien, oder doppelpunktierte Rhythmen? Es kann ja keine Eigenschaft der Dinge selbst sein, weil ein und derselbe Gegenstand, je nachdem, in welcher Zeit man ihn betrachtet, schick oder schnöde sein kann.
Bleibt noch das Phänomen des Vorbilds. Aber das bringt neue Erklärungsschwierigkeiten mit sich.
von:
Unke - am: 29. Mai, 11:45 - in: O tempora, o mores!
Was mir zunehmend auf die Keimdrüsen geht, das ist dieses ständige Gerede von irgendwelchen neuen Gesellschaften, in der wir jetzt angeblich leben, der Informations-, der Wissens-, der Global-, der Blablagesellschaft … Nerven kann auch, daß aus diesem Umstand immer verschiedene Forderungen und Folgerungen gemacht und gezogen werden, die alle darauf hinauslaufen, daß ja in der modernen globalen Blablagesellschaft die Dinge fürderhin soundso … niemand mehr sich berufen … nicht mehr ausruhen auf … ständige Flexibilität … und was der Dinge mehr sind. Besonders in Rage bringt mich der Begriff Wissensgesellschaft. Reizwort, rotes Tuch. Bringt mich in Rage wie Lebensqualität und Globalisierung. Gott ja, Wissen, sicher. Was aber , bitteschön, soll es damit jetzt wieder auf sich haben oder was ist daran neu? Liebe Vorhutintellektuelle, verschont mich mit diesem Scheiß. Was sich ändert, sind immer nur Oberflächen und Eisbergspitzen. Oder was glaubt ihr? Wissen kann man nicht essen. Das ganze Wissensgedöns kann man gut und gerne in die Tonne kloppen, das ist spaßig, klar, aber macht nicht satt. Das Wissenswirtschaftsgedöns und globale Netzwerkblabla nützt uns gar nichts, wenn der Bildschirm hell, der Magen aber leer ist. Was glaubt ihr eigentlich, wovon wir leben? Von Wissen und vom Webzwonull? Luft und Liebe, wie? Sind das die Spintisierereien einer Generation, die als Kind geglaubt hat, Kühe seien lila und gäben Kakao?
Da können wir noch so wichtige Dinge zu erledigen haben zwischen Dax und Dow-Jones, da können wir noch so fiebrige Aktivität an den Tag legen an Wallstreet und auf der Datenautobahn, und ob wir jetzt mobil vom Strand aus eine furchtbar wichtige Konferenz übers Händie abhalten oder unser Geld mit Mouseklicks verdienen, es gilt weiterhin, was schon den Alten klar war. Drei Dinge. Non esurire, non sitire, non algere. „Nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren.“ (Seneca, Epistel 4) An unseren Grundbedürfen ändert sich vorläufig nichts, dürfen wir annehmen. Und es sind Grundbedürfnisse, eben weil sie das wichtigste sind, die Basis. Der Rest kommt irgendwo dahinter, weit dahinter. Das Wissen aber, das diesen ganzen aufgebrachten Stimmen zufolge schon so wichtig ist, daß sich unsere Gesellschaft danach benennen darf, was ist daran so besonderes? Wie man Wolle spinnt, wie man ein Feld bestellt, wie man Brot backt, wie man ein Haus baut, ist überall und seit Jahrhunderten bekannt, das Wissen darüber verfügbar. Brot wird man auch in hundert Jahren noch essen, Häuser wird man immer brauchen und im Winter ist man froh um einen Pullover. Ich sage nicht, daß das schon alles ist. Nein, das wahre Leben geht los, wenn für all das gesorgt ist. Aber eben erst dann, und insofern man von den Grundlagen spricht, sind wir immer noch eine Bauerngesellschaft und werden es auch immer sein. Falls wir nicht eines Tages es dahin bringen, vom Dudelknopf im Ohr satt zu werden.
von:
Talakallea Thymon - am: 29. Mai, 11:11 - in: O tempora, o mores!
Immer wieder das gleiche Argument. Fange ich an, über die Unsitte des mobilen Telephonats zu wettern, bekommen ich mit schöner Regelmäßigkeit vorgehalten, das Händie sei „schon praktisch“. Dann folgt meistens eine lange Liste von Situationen, in denen das Händie Unfälle vermieden, Lebensbünde gefördert, Menschen gerettet, Karrieren erst ermöglicht habe, undsoweiter undsoweiter, ein unentbehrliches Ding. Wie aufregend das Leben geworden sein muß,denke ich dann jedesmal. Früher gab es nicht so viele Katastrophen oder auch nur Mißgeschicke, wie heute durch das Händie tagtäglich vermieden werden. Haben wir besser aufgepaßt? Sind die Fälle im voice recorder einfach besser dokumentiert? Irgend etwas ist da doch faul im Staate Nokia.
„Ja, hallo ich komme fünf Minuten später“. Der Tagesablauf mancher Menschen ist offensichtlich derart straff organisiert, daß eine Ungenauigkeit von fünf Minuten schon ein Telephonat erfordert. Mußte man früher dringend von unterwegs telephonieren, weil man sich wirklich verspätet hatte, so ging man in eine Telephonzelle, und man ging dort nur hin, wenn es wirklich sein mußte. Fünf Minuten später? Dafür wäre früher niemand in die Telephonzelle gegangen. Fünf Minuten hätte jeder als durchaus zumutbare Wartezeit empfunden. Heute muß man ja schon telephonieren, scheint es, um mitzuteilen, daß man pünktlich ist. Würden heute sämtliche Gespräche, an denen ein Mobiltelephon beteiligt ist, in Telephonzellen geführt, reichten die Warteschlangen davor um ganze Häuserblocks. Ist unser Leben so viel komplizierter geworden, daß wir einfach mehr zu sagen haben? Wohl kaum, wenn man mal darauf achtet, was die Gesprächspartner einander so mitzuteilen haben:
Die mobile Telephongemeinde, so der Augenschein, besteht nämlich in der Mehrzahl aus verirrten Individuen, die einander ständig mitteilen müssen, wo sie gerade sind. Man achte mal darauf, wie hoch der Anteil der Gespräche ist, die mit "Ich bin jetzt in" anfangen. „Ich bin jetzt im Zug.“ "Ich bin jetzt in Sprockhövel." "Ich bin noch in der Mathestunde.". Ich frage mich, wen das interessiert. Habe ich sonst noch was mitzuteilen? Leider ja: „Ich liebe dich Schatzi.“ Wie schön für Schatzi. "Ich hab gerade mit Hansjörg Schluß gemacht." Tja, schade für Hansjörg. Das beste auf dem Gebiet des Scham- und Schmerzfreien Telephonierens in der Öffentlichkeit trug sich in einem bis unters Dach überfüllten Nahverkehrszug zu: "Ich sachet dir jetzt unter vier Augen: Der Detlev macht die Arbeit schwarz, ne. Aber hasse gezz nich gehört, ne."
Unter vier Augen, aha.
Aus der Tatsache, daß die eine Hälfte der mobil geführten Gespräche entweder aufschiebbar oder so intimer Natur ist, daß sie besser zu Hause geführt würden (oder beides); und daraus, daß die andere Hälfte nur dazu dient, einander den Standort mitzuteilen, verschluderte Vereinbarungen nachzuholen oder nur durchzugeben, was man am anderen Ende sowieso bald selbst merken wird, („Ich bin grad beim Henker, ich fürchte wir sehen uns dann doch nicht mehr.“) darf man den Schluß ziehen, daß 99 % aller derartiger Gespräche schlichtweg überflüssig sind, und, gäbe es so etwas wie eine Ästhetik des telephonischen Schweigens, unbedingt vermieden werden müßten.
Diese Ästhetik gibt es wohl, aber sie scheint nur rückwirkend gültig zu sein. Alle telephonieren, aber keiner will es später gewesen sein. Jeder quatscht, was Atem, Stimmbänder und Akku nur hergeben, aber auf die Nerven fallen immer nur die anderen. Verblüffend jedenfalls, was die Leute so alles mit ihrem Telephon machen. Man könnte meinen, das Telephon sei zum Telephonieren da. Aber nein, weit gefehlt. Telephonieren? Ich doch nicht: „Ich hab zwar ein Händie, aber ich brauche es fast nie.“ Aha. Wozu hast du es dir dann angeschafft? Auch war ich immer der Ansicht, das ach so Praktische beim Mobiltelephon sei, nun ja, die Mobilität. Irrtum: „Ich hab zwar auch ein Händie, aber ich lasse es immer zu Hause.“ Erstaunlich, wo doch zu Hause auch noch ein Festnetztelephon vorhanden sein dürfte. Man fragt sich, wozu diese Leute zwei Telephone haben. Zum Stereoquatschen? Nicht auszudenken! „Also, ich habe zwar ein Händie, aber ich verwende es nur als Wecker.“ Donnerwetter! Ein richtiger Wecker war wahrscheinlich zu teuer. Und auf die Anmerkung, das Ziffernblatt dieser Uhr sei ja so klein, da könne man ja die Zeit kaum ablesen, entgegnete der Uhrmacher seelenruhig, um die Uhrzeit abzufragen, brauche man keine Uhr, dafür habe man ja das Händie.
Ach so, ja, natürlich.
Verblüffend auch der aberwitzige Zufall, daß mein Bekanntenkreis genau aus der verschwindenden Minderheit derer besteht, die nicht in der Öffentlichkeit telephonieren. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß die Telephonierer immer die anderen sind?
Womöglich hätte ich gar nichts gegen diese strippenlosen Quasselstrippen einzuwenden, wenn sich seit ihrem Aufkommen so etwas wie eine Mobiltelephonkultur etabliert hätte, so etwas wie die Tischsitten gepflegten Telephonierens aufgekommen wären, in der so einleuchtende Regeln Geltung hätten, wie die, sich kurz zu fassen und zum Gespräch nach draußen zu gehen. Und überhaupt nur in solchen Fällen zu telephonieren, wo man früher einen öffentlichen Fernsprecher in Gebrauch genommen hätte – dann nämlich, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht. Ich wäre sehr viel gelassener (ich möchte nicht behaupten, ich hätte vielleicht selbst eines), wenn den Benutzern von Funktelephonen das ganze ein bißchen peinlich wäre. So wie eben mal auf Toilette. Dafür sucht man ja auch ein stilles Örtchen auf. Es gäbe weder eine Tinnitomanie noch könnten 200 g Blech und Kunststoff jemals Statussymbol werden. Niemand würde damit herumfuchteln, bis jeder der Umstehenden es gesehen, niemand würde es solange klingeln lassen, bis jeder den originellen (von geschätzten 50 % der Bevölkerung benutzten) Klingelton bewundert hätte. Man fuchtelt ja auch nicht mit der Klopapierrolle herum, und wenn die noch so bunt bedruckt ist. Indes sind wir, Ach! von einer Ästhetik der sparsamen Nutzung, einer Ästhetik des telephonischen Schweigens, jedenfalls weit entfernt.
„Wo treffen wir uns jetzt? Am Barbarossaplatz oder am Südbahnhof?“ Kann man das nicht vorher abmachen, Herrgott? Aber schon praktisch, das Händie. Wirklich? Um noch in letzter Minute die Frage zu klären, für die offensichtlich bislang keine Zeit war, nämlich, ob man sich nun am Barbarossaplatz oder am Südbahnhof verabredet habe, braucht es ja zunächst überhaupt so ein Dings, so ein Mobilfunkteil, so ein Händie. Ich muß in einen Laden gehen, unter Hunderten von Typen eine Entscheidung treffen, mich mit einem blasierten Jüngelchen auseinandersetzen, der mir eine Flut von englischen Fachausdrücken an den Kopf wirft; muß Verträge und Anbieter miteinander vergleichen, Sonderkonditionen und Vergünstigungen ausfindig machen, und schließlich die jeweils neuesten Gadgets und Extras durchschauen. Ich gerate in Entscheidungsstreß, muß viel Kleingedrucktes lesen, eine Menge Werbung über mich ergehen lassen, und ganz so billig, wie es einem die Anbieter alle weismachen wollen, ist der Spaß ja nun auch wieder nicht. Dann brauche ich einen Vertrag oder ein Telephonguthaben, muß mir die Zeit nehmen, herauszufinden, wie das Ding überhaupt funktioniert und mir eine Menge aberwitzig langer Nummern merken oder sie abspeichern. Schließlich darf ich es nicht zu Hause liegenlassen, sondern muß (zusätzlich zu allen anderen Dingen, die das moderne Leben für unerläßlich hält, Schlüssel, Portemonnaie, Fahrausweise, Kundenkarten etc) daran denken, es mitzunehmen, darf meinen Zugangscode nicht vergessen und außerdem muß der Akku betriebsbereit sein. Und dann, endlich, kann ich mich an Barbarossaplatz oder Südbahnhof verabreden. Praktisch, wie? Aber noch bevor es soweit ist und ich das Gerät endlich betriebsbereit in Händen halte, haben zahlreiche schlaue Köpfe jahrelang ihre Geisteskräfte in Erfindung und Entwicklung stecken müssen, sind Millionen und Abermillionen an Investitionen geflossen, mußten Sendemasten aufgebaut, Funknetze eingerichtet, Satelliten ins All geschossen, internationale Vereinbarungen getroffen und eine Menge Gesetze erlassen werden. Und das alles nur, weil man es nicht schafft, vorher zu klären, wo man sich treffen soll. Praktisch, wie? Eine einfache Verabredung wäre wahrscheinlich zu schwierig gewesen.
Das mobile Telephon erhöht unsere Verfügbarkeit, flexibilisiert unsere Terminplanung und beschleunigt den Tagesablauf. Verloren gehen dabei die Pausen, die Sammlung, das Nachwirken. „Wieso können wir uns nicht sehen, Gerlinde hat doch abgesagt?“ Verloren geht so etwas wie Überschaubarkeit. Hier fällt etwas aus, da wird ein neuer Termin rasch eingeschoben. Nur keine Zeit verlieren! Paula sagt ab, weil sie gerade einen Anruf von Gert … Sabine will doch lieber erst morgen … Hansjörg fragt an, ob ich nicht … klar, sind ja zwei Termine freigeworden, muß nur noch schnell Max bescheid geben, daß es etwas später …
Die Hölle. Wohl dem, der unerwartete Pausen als willkommene Ruheinseln wahrnehmen und daraus Kraft schöpfen kann. Wie drückte es Max Goldt einmal aus, als er über rote Ampeln philosophierte? Er nehme „den Zeitsnack gern.“
Verloren gehen Verbindlichkeiten und die Fähigkeit, zu planen. Verloren geht aber auch die Unerreichbarkeit. Wer unerreichbar ist, der hat es heutzutage ja so gewollt, und das kann fluchs in einen Vorwurf münden: „Du hattest dein Händie ja nicht an!“ Empörung, Entrüstung! Du bist deiner Pflicht, erreichbar zu sein, nicht nachgekommen! Mit der Freiheit mobiler Erreichbarkeit geht paradoxerweise ein Stück Freiheit verloren: Wer früher unerreichbar war aus Gründen, die jenseits seiner Einflußnahme lagen, der ist es jetzt freiwillig – und muß sich dafür verantworten. Die Freiheit, sich für oder gegen Kommunikation entscheiden zu können, ist eben keine, da die anderen Kommunikation erwarten und pikiert sind, wenn man etwas tut, das von der anderen Seite als brüsk und abweisend empfunden werden muß: Wenn man sich verweigert. Den nächsten Schritt in dieser unheilvollen Entwicklung kann man sich leicht vorstellen: Die Dauererreichbarkeit. Wir telephonieren dann nicht mehr, sondern sind onwave so wie wir jetzt online sind. Jeder kann jeden jederzeit orten und telephonisch ansprechen, jeder weiß von jedem, wo er ist und wer er ist, und wehe dem, der da sein Telephon ausschaltet und sich entzieht. Das wäre dann so, wie sich heute eine Maske aufzusetzen, bestenfalls unhöflich, wahrscheinlich aber vor allem eines: verdächtig.
Wie den Computer oder das Auto, so nutzen wir auch das Mobiltelephon nicht klug. Wir schreiben Briefe mit dem Computer, deren Layout jeden professionellen Setzer vor Neid erblassen ließe (wofür wir aber auch zehnmal so lange brauchen wie früher für einen sauberen, aber einfach gestalteten Brief mit der Schreibmaschine), bekommen aber eine Sehnenscheidenentzündung, wenn man uns zumutet, mal eine kurze Notiz mit der Hand zu verfassen; wir scannen Bilder, um sie später wieder auszudrucken; wir kommen mit dem Auto überallhin und wundern uns, ist es mal kaputt, daß man ja nirgends mehr hinkommt: alles autogerecht draußen vor der Stadt; wir sparen Zeit und immer noch mehr Zeit, weil wir mit dem Computer oder dem Fahrzeug schneller sind, aber die Zeit nutzen wir, so scheint es, nur, um noch mehr Zeit zu sparen, bis wir gar keine mehr haben: sind wir mit der Rechnung schneller fertig, lehnen wir uns nicht zurück, sondern schreiben noch eine; da unsere Städte infolge des Verkehrs als Lebensräume ruiniert sind, brauchen wir die Ursache eben dieser Zerstörung, das Auto, um in die Naherholungsgebiete auszuweichen; später fahren wir dann, da man uns zu mehr Bewegung rät, ins Fitneßstudio, statt einfach öfter mal zu Fuß zu gehen. Und nicht zufrieden damit, mit dem Mobiltelephon gerade nur diejenigen Notfälle aufzufangen bei denen wir uns vor seiner Erfindung ein solches gewünscht hätten, weiten wir seinen Einsatz auf Situationen aus, in denen wir früher nicht im Traum das Bedürfnis nach Kommunikation gehabt hätten. An welche Einsatzmöglichkeiten hätte man denn vor 20 Jahren gedacht, wenn man sich so einen Kommunikator vorgestellt hätte? Doch wohl an Raumschiff Enterprise, an die Wirklichkeit gewordene Science Fiction, Hilfe holen nach dem Verkehrsunfall, Knöchel gebrochen beim Wandern, Reifenpanne, Raubüberfall, aus der Wohnung ausgeschlossen, mit Fieberattacke ans Bett gefesselt. Aber die Realität, die uns jetzt eingeholt hat, sieht ja ganz anders aus. Klar ist so ein Ding in Notfällen nützlich. Nur wird es kaum in Notfällen gebraucht, weil Notfälle glücklicherweise selten sind; und trotzdem sieht man mehr Leute auf einer 10-minütigen Busfahrt in ihren Kommunikator sprechen oder schreiben als die Enterprise-Helden in einem ganzen Kinofilm. Und bei denen kann es bekanntlich wirklich mal eng werden. Ach, denken wir, wo es doch schon mal da ist, da könnte ich doch – und schon sitzt man in der Falle, und das Telephon beherrscht uns, statt wir unseren Terminkalender.
So schafft sich, ebenso wie das Auto und der Computer, das Mobiltelephon seine eigene Notwendigkeit selber. Wenn keiner mehr glaubt, Verabredungen einhalten zu müssen, weil man ja jederzeit sein Zuspätkommen ankündigen und den anderen von der Last vergeblichen Wartens befreien kann, bekommt derjenige, der sich der mobilen Kommunikation entziehen möchte, angesichts dieser Unverbindlichkeit fluchs den schwarzen Peter zugeschoben. Ist ein Termin geplatzt, so heißt es: „Selber schuld, du hast ja kein Händie, sonst hätt ich dich angerufen.“ Daß der, der so spricht, nicht zur vereinbarten Zeit erschienen ist, wird großzügig übersehen. Ich war nicht erreichbar, also bin ich selber schuld, egal, ob ich pünktlich gekommen bin und mich an die Vereinbarung gehalten habe. Am Ende muß ich mich noch auslachen lassen dafür, daß ich brav wie ein Wachhund eine halbe Stunde gewartet habe. Andere warten wahrscheinlich nicht einmal fünf Minuten. Deswegen geben die Leute ja auch ständig durch, daß sie fünf Minuten später kommen. Will ich diese Situation vermeiden, muß ich eben erreichbar sein. Praktisch? Nein. Es ist nicht praktisch, ein Mobiltelephon zu haben. Es ist unpraktisch, keines zu besitzen. In einer Welt ohne Dauererreichbarkeit würde man Termine so planen, daß man sie einhalten kann. Oder besser: So ist es Tausende von Jahren tatsächlich gewesen. Kaum zu glauben. Eigentlich schon immer, bis etwa Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Klar ist das Händie unabdingbar, wenn sich niemand mehr an Termine hält. Und es hält sich niemand daran, weil es ja Händies gibt. Also sind Händies notwendig, weil es sie gibt.
Eins aber ist das Mobiltelephon bestimmt nicht: Schön. Das Händie ist häßlich, laut, blöde, vorwitzig, arrogant, banal, nervtötend, aufschneiderisch, schrill, dummdreist, stressend, quengelig, anmaßend, unausstehlich, nachtragend, stur, plärrend, egoistisch. Es ist eine Zumutung. Man braucht es, ja. Aber es ist nicht da, weil man es braucht.
Man braucht es, weil es da ist.
von:
Talakallea Thymon - am: 14. Mai, 13:39 - in: O tempora, o mores!
Draußen standen zwei Herren auf der Schwelle, den Fuß schon fast im Zimmer, so nah, als hätten sie, während Überweg sich vom Boden aufgerappelt hatte, draußen ihre Nasen an die Tür gedrückt; ihre echten Nasen, muß man sagen, denn unverschämterweise trugen sie keine Masken, sondern starrten ihm mit bloßen Gesichtern entgegen. Diese waren rund und voll und auf obszöne Weise rotwangig, und hatten etwas aufreizend Gesundes an sich, wie aus einer Werbung für Orangensaft oder die Ortskrankenkasse. Und der Eindruck täuschte nicht.
„Gesundheit“, fiepte der eine und schwieg dann einen Moment, als wolle er dem Kunstwerk ihres Erscheinens damit einen Titel verleihen, „Gesundheit, Herr Überweg, ist ein teures Gut.“ Der andere nickte beifällig. Überweg bemerkte, daß sie beide ein Namensschildchen am Revers trugen, konnte aber die Aufschrift nicht erkennen. In Ermangelung einer anderen onomasiologischen Lösung, und da die beiden es offensichtlich für überflüssig hielten, sich vorzustellen, beschloß er, sie Hinz, respektive Kunz zu nennen.
„Ein sehr teures Gut“, fuhr Hinz fort und machte eine Bewegung, als wolle er sich ins Zimmer zwängen. Der andere warf schon mehr oder weniger verstohlene Blicke an Überweg vorbei, wie ein Kind, das die Bescherung nicht erwarten kann.
„Krank werden wir alle mal. Das läßt sich bedauerlicherweise noch nicht ganz verhindern. Doch wie oft und wie schwer jemand erkrankt, das liegt mehr in seiner eigenen Hand, als so mancher glaubt. Die einen achten ein wenig auf sich – und ersparen sich und anderen immense Kosten, indem sie seltener krank werden und die Kassen weniger belasten. Die anderen …“
„Die anderen“, übernahm Kunz wieder, „die anderen machen durch unsachgemäße Lebensführung ein ohnehin kaum bezahlbares Gut gänzlich unbezahlbar. Für uns alle unbezahlbar, Herr Überweg. Dabei muß das alles nicht sein. Es ist Ihnen vielleicht nicht klar, welche Summen vermeidbar wären, wenn die Menschen mehr auf sich achtgäben. Risikobereitschaft und Unachtsamkeit führen zu Unfällen; Genußmittel, Drogen und andere Gifte, bewußt oder unbewußt aufgenommen, haben schleichende Vergiftung, Abhängigkeit, Nachlassen der Leistungsfähigkeit zur Folge; falsche Ernährung, zuwenig Bewegung, leichtsinnige Lebensweise machen akut und chronisch krank, und Krankheit gleich welcher Form oder Schwere schwächt die Moral, den Arbeitswillen und die Leistungsbereitschaft. Besonders aber …“
„Besonders aber“, fuhr Hinz fort, „erfordern Krankheiten kostspielige Behandlungen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wer den Herzschrittmacher von Herrn Müller gegenüber“ – Hinz zeigte tatsächlich hinter sich in den Flur – „oder das Insulin von Fräulein Mechernich im ersten Stock“ – der Finger ging nach unten – „zahlt? Nein? Kein anderer als Sie, Herr Überweg. Eine hohe Belastung des Gesundheitswesens trifft uns alle, Sie, mich, Ihre Nachbarn, Ihre Mitbürger, Freunde, Kollegen. Dabei ist es manchmal lediglich Unkenntnis, die die Menschen ihrer Gesundheit beraubt – und damit uns alle unseres sauer verdienten Geldes. Wissen Sie, wieviel die Schmerzmittel Herrn Mittelspechts vom zweiten Stock monatlich kosten? Mo. Nat. Lich! Sehen Sie. Aus diesem Grund …“
„Aus diesem Grund“, fiel ihm Kunz ins Wort, „haben wir Ihnen vor einigen Wochen einen Fragebogen zugesandt …“
„… den Sie leider versäumten, zurückzusenden“, übernahm wieder Hinz und schüttelte kummervoll den Kopf. „Sie sind sicher auch der Ansicht, daß eine Kontrolle jedes Einzelnen im Interesse Aller ist, nicht war? Also hat der Gesetzgeber beschlossen, dem Druck der Krankenkassen wie der Öfentlichkeit nachzugeben und in regelmäßigen Abständen Kontrollbesuche bei den Bürgern durchzuführen …“
„… um festzustellen, ob die Regeln zur größtmöglichen Gesunderhaltung eingehalten werden“, fuhr der zweite fort, „andernfalls nämlich …“
„Andernfalls nämlich“, Hinz hob ein wenig die Stimme, „Sie zurückgestuft werden, also höhere Beiträge zu zahlen haben, und zwar saftig. Wer sich schadet und andere zwingt, diesen Schaden wieder gutzumachen, handelt asozial. Sie gestatten …“
Und er machte Anstalten, sich an Überweg vorbei und durch die Tür ins Zimmer zu drängen. Ein Kampherartig-herber Geruch strömte ihm voraus. Der andere zückte ein Notizbuch und setzte eine ernste Miene auf, wobei ihm die Zunge in den Mundwinkel rutschte.
Unwillkürlich war Überweg einen Schritt zurückgetreten. Das genügte Hinz, um in einer flinken Bewegung ins Zimmer zu gleiten. Ehe Überweg protestieren konnte, hatte sich der andere schon umgesehen und stieß einen verzückten Schrei aus.
„Aaaaaa-ha“, machte er fröhlich und schnalzte mit der Zunge. „Sie trinken Alkohol. Drei Punkte.“ nickte er Kunz zu, der es eifrig notierte.
„Es ist in ihrem eigenen Interesse, damit aufzuhören“, wandte er sich an Überweg. „Alkohol macht süchtig, schlaff, dumm, aggressiv, hat zuviele Kalorien, fördert unguten Appetit, raubt den Schlaf, vermindert Konzentration und Leistungsbereitschaft, und in schlimmen Fällen führt es gar zu Leberversagen.“
Überweg fühlte einen leichten Unwillen in sich aufsteigen. Während der Eingangsrede hatte er kaum richtig zugehört; daß diese Orangensaftwerbungsfritzen aber seine Wohnung inspizierten, ging ja noch. Seit er hier alleine wohnte, war es ohnehin nur seine halbe Wohnung. Aber daß es jetzt dahin kam, daß seine Trinkgewohnheiten kritisiert wurden, das ging nun doch etwas weit.
„Meine Leber gehört mir“, brummte er.
„Das glauben Sie“, entgegnete Hinz, „nach der neuesten Gesetzgebung haben Sie sich ihre Leber nur geliehen. Sie sind ausdrücklich verpflichtet, sorgsam damit umzugehen, damit sie im Falle Ihres Ablebens noch gebraucht werden kann. Die Entnahme von Organen im Falle ihres Gehirntodes ist ab dem ersten ersten kommenden Jahres in jedem Fall rechtmäßig. Auch gegen Ihren Willen. Wo kämen wir denn hin, wenn man dem Egoismus auch noch posthum zu seinem Recht verhelfen wollte? Wissen Sie, wie eng es derzeit auf dem Gebrauchtlebermarkt aussieht? Sie machen sich keine Vorstellung davon, wieviele Lebern jetzt in diesem Augenblick dringend benötigt werden. Übrigens sollten Sie nicht mit einem nassen Handtuch auf den Schultern herumlaufen, Sie glauben ja nicht, was Erkältungen das Gesundheitssystem kosten. Was ist den das?“
Plötzlich war es still. Kunz hatte im Schreiben innegehalten. Hinz war ein wenig blaß um die Nase geworden. „Oh mein Gott“, lispelte Kunz. Beide starrten mit einer Mischung von Abscheu und Faszination in den prallen Versicherungswerbungsgesichtern auf den Gegenstand, den Hinz mit spitzen Fingern hochhob und am ausgestreckten Arm in die Höhe hielt. Eine Zeitlang sagte niemand etwas. Überweg tastete verstohlen nach seiner Leber.
Kunz fand als erster die Sprache wieder. „Das gibt’s doch nicht“, wisperte er mit vor Entsetzen geweiteten Augen. Hinz räusperte sich. Dann bedachte er Überweg mit einem Blick, wie sie Fernsehkommissare haben, wenn sie zur Verhaftung des Mörders schreiten, und sagte:
„Sie haben … getötet.“
Jedenfalls klang es so. Tatsächlich sagte er, und seine Stimme wurde brüchig: „Sie … rauchen“
„Er … raucht …“, hauchte Kunz und vergaß vor lauter Schreck, es aufzuschreiben. Hinz stellte den Aschenbecher vorsichtig ab und betrachtete einen Moment lang seine Finger, als überlege er, ob Wasser und Seife zur Reinigung ausreichen würden oder man die Gefährdung der Gesundheit durch Pflanzenasche doch besser mit Alkohol oder Parachlorbenzol ausmerzen müsse.
„Wissen Sie eigentlich …“, begann er dann.
Überweg hatte die Untersuchung seiner Leber abgeschlossen. „Ja, weiß ich“, fiel er Hinz ins Wort.
„Warum tun Sie es dann?“
„Das interessiert Sie doch gar nicht.“
„Mich interessiert Ihre Gesundheit.“
„Da bin ich aber gerührt. Der Kühlschrank bleibt zu!“
Denn Kunz hatte die Inspektion auf die Küche ausgeweitet und nach der Kühlschranktür gegriffen.
„Wie sollen wir Sie denn versicherungsmäßig einstufen, wenn wir nicht wissen, wovon Sie sich ernähren?“
„Gar nicht.“
Einen Augenblick schien Hinz aus der Fassung. „Sie ernähren sich gar nicht?“ blinzelte er.
„Sie sollen mich nicht einstufen, meinte ich.“
„Seien Sie doch nicht so stur. Damit kommen Sie nicht weiter. Also, vernünftig. Wovon ernähren Sie sich?“
„Von Gin und Zigaretten.“
„Das kann doch nicht sein.“
„Stimmt auch nicht.“
„Also?“ Hinz zog an der Tür. Überweg hielt dagegen.
„Ein bißchen Vermuth, ab und an.“
Hinz blinzelte. Der Kühlschrank wackelte.
„Und wozu haben Sie dann einen Kühlschrank?“
„Für die Eiswürfel.“
„Hören Sie“, keuchte Hinz und zerrte an der Tür, die Überweg weiterhin entschlossen zugedrückt hielt, „hören Sie. Es steht schlecht genug um Sie. Sie rauchen. Sie trinken. Sie sitzen mit einem nassen Handtuch um die Schultern in der Zugluft. Ihre Matratze ist durchgelegen. Treiben Sie Sport? Hab ich mir doch gedacht. Sie machen alles noch schlimmer. Zeigen Sie uns wenigstens, daß sie da drin ein Vitaminpräparat von Strahlemann & Mausi haben, oder wenigstens einen Apfel® oder eine Tomate™, und wir vergessen die Matratze, ja? Mensch, so hilf mir doch mal, Kunz!“
Apfel® ? Tomate™? In diesem Augenblick riß Überweg der Geduldsfaden.
„Raus!“
„Erst wird der Kühlschrank inspiziert.“
„Raus sage ich. Und zwar raus™. Von Strahlemann & Mausi. Alle beide. Und zwar sofort®.
„Erst der Kühlschr-…“
„Nix da. Schluß jetzt mit dem Auftritt. Übrigens ernähren Sie sich offensichtlich von Hustenbonbons. Verpesten Sie nicht länger meine Wohnung mit ihrem Pfefferminzatem. Sonst werde ich wirklich krank. Bedenken Sie, was das die Gesundheitssysteme kostet.“
„Un-ver- schämt- heit“, keuchte Hinz und zog im Verein mit dem erstaunlich kräftigen Kunz bei jeder Silbe an der Tür. Der Kühlschrank schwankte bedenklich. Die Tür klappte kurz auf und knallte wieder zu, als Überweg sich dagegenwarf. Die Lage wurde kritisch.
In diesem Moment kam ihm der rettende Einfall.
„Das ist Körperverletzung!“ schrie Hinz unter Husten.
„Wir werden zurückgestuft!“ wimmerte Kunz und hustete noch heftiger .
„Das wird Sie teuer …“, hob Hinz an und wackelte mit dem ausgestreckten Zeigefinger, aber Überweg hatte, während der erste vor dem Rauch der Zigarette das Weite suchte, den zweiten schon am Kragen gepackt und begonnen, ihn zur Tür zu schleifen.
„Aua, nicht wehtun“ fing der an zu flehen, „bitte nicht verletzen, bei einem Arbeitsunfall werde ich zurückgestuft …“
„Idiot, sei doch still“, rief der andere von draußen. Ein Stoß, ein Griff, ein Zug. Die Tür schloß sich über den roten Wangen, Namensschildchen und Geschrei. Überweg schloß ab und lehnte schnaufend an der Tür. Die kämen wieder, so viel war klar.
Erstmal einen Schnaps, dachte Überweg, und dann machen wir einen Plan©.
von:
Talakallea Thymon - am: 6. Mär, 11:23 - in: O tempora, o mores!
Im übrigen bin ich der Meinung, daß man die Ladenschlußzeiten wieder auf 18:30 festlegen sollte. Damit wäre das seit einigen Jahren immer mehr anwachsende abendliche Hin und Her, die Hektik und der zur Unzeit produzierte Lärm aus der Welt, die sich allein dem Umstand verdanken dürften, daß bis in die Nacht hinein eingekauft werden kann. Beschränkte man dies auf den frühen Abend, so bestünde wieder Hoffnung auf einen friedlichen und ruhigen Tagesausklang. Man hat ja schon alles vor halb sieben erledigt und wenn nicht, ist es jetzt zu spät. Also kann man langsam machen, oder, noch besser, gleich zu Hause bleiben. Eine leere, allenfalls von vereinzelt sanfter und langsamer Bewegung durchflossene, gelassen schweigende Straße läßt den Betrachter oder Flaneur selbst ruhig werden, stimmt Geist und Körper ein auf Entspannung und Schlaf. Durch nichts unterbrochene Lichtbahnen der Laternen; Amselstimmen; Glockenläuten; Regengetröpfel; und vor allem das Schweigen der Fassaden, die anmutige Weite geleerter Straßen, eine solche Abendrast und Aufhebung der Geschäftigkeit senkt sich in den Betrachter und Zuhörer, so daß nach einem lauten Tage auch im innern der Lärm ausschwingen und es endlich still werden kann. Die stets abwertend gemeinten, sprichwörtlichen „hochgeklappten Bürgersteige“ sehe ich, wo sich diese Rarität einer gepflegten Abendkultur noch hat halten können, als etwas durchaus Angenehmes.
von:
Talakallea Thymon - am: 30. Jan, 11:47 - in: O tempora, o mores!
Wie lautet eigentlich das Präteritum von hauen?
Was ist ein Born?
Was bedeutet sich (einer Sache) verdanken?
Daß Sprache sich wandelt, ist nichts Neues mehr und scheint sogar in den Köpfen der Mitglieder der DUDEN-Redaktion begriffen worden zu sein. Daß dies ein nicht aufzuhaltender Prozeß ist, hat sich zwar noch nicht herumgesprochen, ist aber ebenso richtig. Daß Sprachwandel weder gut noch schlecht ist, diese Ansicht würden wohl wenige Sprecher des Deutschen oder irgendeiner anderen Sprache teilen. So dürften wohl nicht wenige darüber besorgt sein, daß Ausdrücke oder Flexionsformen, die doch bis eben noch, wenn auch nicht zur Umgangssprache, so doch zum normalen schriftsprachlichen Wort- und Formenschatz des Deutschen gehörten, auf einmal in der aktiven Sprachkompetenz jüngerer Menschen fehlen und zum Teil gar nicht mehr verstanden werden. Besonders erschreckend ist das, wenn der Altersunterschied gar nicht so groß ist. So wunderte sich einmal ein etwa zehn Jahre jüngerer Kommilitone über den Ausdruck streitbar („Die Sueben sind die streitbarsten unter den germanischen Stämmen“).
Es ist schlimm genug, daß man als Glieder unterschiedlicher Generationen in verschiedenen Welten zuhause ist. Schlimm genug, daß heute kulturelle Phänomene, die eine lange und reiche Tradition haben, wie etwa die abendländische Oper, nicht nur nicht mehr vermittelt, sondern, wen wundert’s, von den Jugendlichen ignoriert werden. Am Schlimmsten aber ist der beginnende Verlust einer gemeinsamen Sprache. Als Linguist weiß ich, daß diese Formulierung übertrieben und am Sprachwandel nichts zu bedauern ist (weil es nämlich keine objektiven Kriterien für „Verlust“ oder „Gewinn“ gibt). Bestimmte Erscheinungen sterben ab, andere wachsen nach. Nur weil die ersten alt sind, sind sie nicht besser, ebensowenig wie die neuen schlecht oder Zeichen eines „Verfalls“ sind, nur weil es sie erst seit gestern gibt.
Als Muttersprachler aber und jemand, der in seiner Sprache zuhause ist, der seine Sprache aufgrund ihrer Möglichkeiten schätzt, sie um ihrer ihrer Schönheiten aber auch ihrer Widerstände und Unzulänglichkeiten und erst recht um der in ihr verfaßten Literatur willen, jawohl: liebt – beunruhigt mich ein solcher Wandel, bedaure ich ihn, empfinde ich ihn als Verlust.
Zwei, die nicht dieselbe Welt bewohnen, können sich, ist nur die Sprache noch gemeinsam, über die Unterschiede ihrer Welten verständigen. Zwei die nicht mehr dieselbe Sprache sprechen, nehmen einander womöglich nur noch als Kuriosität wahr. Schwerer als das aus gegenseitigem Vorbeisehen stammende Auseinanderdriften der kulturellen Welten ist das Auseinanderdriften der Sprachen.
Was uns trennen wird, ist dann nicht mehr, daß ich bei „Homer“ an den „ersten Dichter des Abendlandes“ (Latacz) denke, jüngere Menschen aber an eine Witzfigur mit dem Nachnamen Simpson; die Trennung reicht tiefer also nur die unterschiedlichen Assoziationen zum Stichwort „Hannibal“ (Elephanten hier, Lämmer da): Was uns dann trennt, ist die Sprache, und was beunruhigt, ist der Gedanke, wir könnten einander bald nicht mehr verstehen. Keine Fremdheit fühlt sich so vollkommen an, wie die sprachliche. Man muß nicht erst unter Menschen geraten, die eine ganz andere Sprache sprechen als man selbst; muß nicht erst in die Zwangslage kommen, ein ernstes und obendrein kompliziertes Anliegen mit Händen und Füßen verständlich machen zu müssen. Es genügt, in einem Gespräch ein Wort zu gebrauchen, das der andere nicht versteht – oder über das er womöglich in Heiterkeit ausbricht. Manchmal reicht eine Aussprache, die anderen auffällt, um sich verunsichert und höchst unbehaglich zu fühlen. Ich erinnere mich, daß ich einmal wegen meiner Aussprache des Wortes Walnuß (mit langem a) und über meine Zitierform des Fragepronomens was (ebenfalls langes a) regelrecht ausgelacht wurde. Dialektsprecher in einer Hochdeutschen oder Hochdeutschsprecher in einer Dialektregion dürften dieses Unbehagen ständig spüren. Eine vermeintlich falsche oder abweichende Aussprache kann manchmal sogar zur Stigmatisierung führen oder wird zum entlarvendes Zeichen (Shibboleth). Um wieviel mehr beunruhigt es, wenn sich herausstellt, daß man gar nicht verstanden worden ist, wo doch vermeintlich ich und der andere dieselbe Sprache sprechen. Es kommt manchmal vor, daß ich gegenüber Nachhilfeschülern Übersetzungsvorschläge gebrauche, die im Wortschatz des Schülers nicht vorkommen. Das Verb trachten war ein solcher Fall.
„Trachten“?? fragt meine Schülerin zurück, und ich kann deutlich die beiden Fragzeichen hören. „Trachten!“ entgegne ich, „hast du noch nie das Wort trachten gehört?“
Kopfschütteln.
„Wie in jemandem nach dem Leben trachten“
Kopfschütteln.
Während das unbehagliche Gefühl, das mich bei derartigen sprachlichen Differenzen beschleicht, noch eher persönlicher Natur ist, finde ich die Vorstellung in größerem Maß beunruhigend, daß, wenn die Umwandlung von Wortschatz und Flexion in dieser Geschwindigkeit fortschreitet und nicht auf Einzelfälle beschränkt bleibt, bestimmte Kulturgüter nicht mehr rezipiert und ihre Kenntnis, Präsenz und Verfügbarkeit für den täglichen Diskurs nicht mehr vorausgesetzt werden kann.
Ein paar Wochen später sagt mir meine Schülerin entrüstet, sie formuliere ihre Aufgabe doch nicht aus, vor allem, wenn sie die Primärtexte selbst nicht verstanden habe.
Warum habe sie es denn nicht verstanden?
Na ja, wenn das so komisch geschrieben sei …
Aha, denke ich. Wahrscheinlich kamen so merkwürdige Wörter wie nach etwas trachten vor. Übrigens sagte sie nicht „Primärtext“.
Man muß sicher nicht zu Kleist oder gar Luther hinabsteigen, um Texte zu finden, die merkwürdig geschrieben sind. Wahrscheinlich ist bereits Thomas Mann merkwürdig im Sinne meiner Schülerin. Wenn aber gewisse Texte, die ein klassisch gewordenes Kulturgut befördern, nicht mehr gelesen werden, weil die Sprache darin unverständlich ist, dann greift dieses Unverständnis auch wieder zurück auf die Trennung der kulturellen Welten. Irgendwann haben wir dann vielleicht die groteske Situation, wie sie John Updike in Toward the End of Time in einer Nebenszene schildert, wo er in einer etwa hundertjährigen Zukunft ein junges Mädchen eine gekürzte und mit erläuternden Anmerkungen versehene Ausgabe eines „Klassikers des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts“ lesen läßt. Gemeint ist Noah Gordon. Weit hergeholt ist das nicht: Heute liest man an deutschen Gymnasien Das Parfum.
Ob meine Schülerin Das Parfum gelesen hat, weiß ich nicht. Der Name Christoph Willibald Gluck sagt ihr jedenfalls nichts. Der Name Jaques Offenbach auch nicht. Aber ich soll ihr ja auch Latein beibiegen, nicht die Musikgeschichte.
Vielleicht bin ich ja zu streng. Man kann nicht alles lernen, der Wissenszuwachs der Menschheit ist enorm, Selektion unabdingbar, die Konzentrations aufs Wesentliche wichtig. Schließlich muß man heute wissen, wie ein Textverarbeitungsprogramm funktioniert, wie man ein Mobiltelephon programmiert oder ein Filmchen bei Deineröhre hochlädt – das mußten wir zu meiner Zeit nicht. (Leider hat es den Anschein, daß die Fähigkeit, im Internet Relevantes von Unsinn zu unterscheiden, nicht zu diesen neuen Kernkompetenzen gehört. Jedenfalls ist die Herangehensweise derer, die mit diesem Medium aufgewachsen sind, von bemerkenswerter Blauäugigkeit.)
Ursache und Wirkung lassen sich aber auch umdrehen: Denn woher sollen bestimmte, heute auf das Schriftliche beschränkte Formen wie das Präteritum von hauen (für die jüngeren Leser: hieb) oder Vokabeln wie streitbar denn gelernt werden, wenn nicht aus den Texten, die aufgrund ihrer vermeintlichen Schwierigkeit gemieden werden? Daß diese Präteritalformen, daß diese Ausdrücke nicht mehr Teil des Sprachschatzes sind, beweist nichts anderes, als daß die Texte, in denen sie überhaupt erst begegnen, nicht mehr Teil der Lektüre derer sind, die heute in die deutsche Sprache hineinwachsen oder lernen sollen, sich mit mehr als nur dem allergröbsten Werkzeug in ihr auszudrücken: Sie sind dann nicht mehr Figuren im Sprachspiel, und insofern machen sie dieses Spiel ärmer.
Kultur und Sprache sind in diesem Sinne aufs engste miteinander verwoben. Es gibt keine lebendige Tradition ohne Kenntnis auch aus der Mode gekommener sprachlicher Form; und die Kenntnis dieser Sprachstufen wiederum versetzt erst in die Lage, literarische Traditionen zu rezipieren und weiterzutragen, daran mitzuwirken, daß der Faden nicht abreißt. Dazu scheint mir aber auch die Bemühungen von Schule und Elternhaus nicht ganz unwichtig zu sein. Irgendwo muß es eine erste Berührung, ein Hinführen geben. Als Kind haben wir noch selbstverständlich die Grimmschen Märchen im Urtext gehört. Ich bin sicher, daß das "komisch geschrieben ist". Gestört hat es uns nicht. Hauptsache, es wurde uns vorgelesen. Selbstverständlich ist aber heute gar nichts mehr.
Daß ich nicht weiß, was ein Mudda-Spruch ist, mag noch dahingehen. Daß meine Schüler den Namen Gluck nicht mit Musik sondern mit einem Huhn verbinden – das läßt sich richten. Wir leben bereits in zwei entfernten Welten, die sich nur im Trivialen noch überlappen. Ich weiß ja auch von einem Menschen namens Bushido nur den Namen und schließe messerscharf, dies müsse ein Japaner sein. Uninformiert bin ich also ebenso wie meine Schüler. Und aus der Sicht dieser Schüler ist mein eigenes Wissen ebenso belanglos wie Bushido für mich belanglos ist. Wichtig ist wohl, daß man sich trotzdem nicht aus den Augen verliert – und daß man sich verständigt, und es einem nicht gleich die Sprache verschlägt, weil man ausgelacht wird.
Immerhin habe ich nicht erklären müssen, was eine Oper ist. Es gibt also noch so etwas wie eine gemeinsame Basis, die nicht gänzlich trivial ist. Inzwischen weiß ich auch ungefähr, wer Bushido ist.
„Dann wollen wir mal weiterlesen“, sage ich zu meiner Schülerin und beende meine Ausführungen über Christoph Willibald.
Sie aber sieht mich an mit großen Augen und fragt:
„Was ist denn eine Owertühre?“
von:
Talakallea Thymon - am: 12. Dez, 12:11 - in: O tempora, o mores!
... zweitausenundacht ist -- "Finanzkrise".
Wie originell. (Als ob das Jahr 2008 nur aus den Monaten November und Dezember bestanden hätte!)
von:
Talakallea Thymon - am: 12. Dez, 10:53 - in: O tempora, o mores!